Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 31 (30.7.1926)
- Date
- 1926-07-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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dringend einer gründlichen Reparatur bedürfen. In dieser prekären Lage hat ein Philantrop, Mr. Bernhard Baron, der Waisenanstalt mit reichen Mitteln geholfen, er hat im letzten Jahre allein über 220000 Mark beigetragen, und er unterstützt nicht nur diese Anstalt, sondern viele andere jüdische Institute mit groben Beträgen. Bon Zeit zu Zeit wurde der Festversammlung kundgegeben, wieviel die Sammlungen erbracht haben. Als 800000 Mark zusammen waren, stiegen die Beträge schnell auf 000 000 Mark, und als 940 000 Mark erreicht waren, erhob sich der eben erwähnte Mr. Bernhard Baron und erklärte, daß er erfreut wäre über Lord Readings Anwesenheit und daß er die felilenden 60 000 Mark gern zulegen wird, um die von dem Vorsitzenden verlangte Summe von 1000 000 Mark vollzumachen. Der Marquis von Reading erklärte zum Schluß deS Wohltätigkeitsdiners, daß sehr viele und schöne Reden gehalten worden sind, die bet weitem schönste sei aber die kurze Ansprache des Herrn Baron gewesen, denn seine Wohltätigkeit und großzügige Unterstützung aller jüdischen Institute überstrahle alle schönen Reden. Das ist wahre Frömmigkeit und schönste Religiosität, wie sie nur ein braver Mann mit einem guten jüdischen Herzen beweisen kann. Den Namen des englischen Philantropen Bernhard Baron werden mir uns merken und wir fügen den Wunsch hinzu, daß auch aus den Reihen der deutschen Judcnheit gleiche hochherzige Männer entstehen mögen. Der tote Jude. (Forts.) Von Doris Wittner. Kadulruck verboten. — Copyright by Grethlein k Co., G. m. b. H., Leipzig. Die Herbergsmutter aber ging mit gleichsam unhörbaren Schritten ab und zu, schloß in die Wände eingelassene, für den Uneingeweihten unsichtbare Türen auf und entnahm den dahinter verwirrend gleißenden, heimlichen Schatzkammern ähnelnden Laden fürwahr Bettzeug aus feinstem holländischen Linnen. Und als sie die riesenhafte Bettlade endgültig gerichtet hatte, nahm sie Judith beiseite, entkleidete sie mit sanfter, Hülle für Hülle abstreifender und doch die Schamhaftigkeit Judiths nicht einen Augenblick verletzender Vorsicht. Dann trug die riesige Frau das zierliche Geschöpf, dessen heimliche Schönheit sie ebensö heimlich mit inbrünstiger Ehrfurcht bewundert hatte, in die Kissen, deckte es zu, gab ihm noch einen Schluck des schweren Weines zu trinken, den sie ihm vordem kredenzt hatte, und entnahm einem anderen verborgenen Behältnis köstliche Leckereien, wie sie wohl aus den fernsten Kolonien der batavischen Republik auf die Tische der Reichen und Vornehmen gelangen mochten. Judith Pereira sah alles und nichts, und ließ widerspruchslos alles mit sich geschehen, das heißt, sie schlürfte die ungewohnte Labe des Trankes. Und die weiße Tochter weißer Eltern lernte von dem farbigen Mulattenweibe Weisheiten und Wesenheiten, wie sie ihr bislang in dem Patrizierheim ihres Vaters und während der gelehrten Studien, die man mit ihr getrieben hatte, Tabu gewesen waren. Ja, zum ersten Male in ihrem bis dahin so wohlbehüteten Dasein lag sie Arm in Arm mit dem Leben, dem großen, grausen, spürte sie sich Brust an Brust mit dem schrecklichen, menschenfressenden Moloch selbst. Aber diese Nacht, die sie unter der Obhut der gewaltsamen, von der anderen Seite des Schicksals herkommenden Frau verbrachte, war sicherlich keine der schlechtesten, die der künftigen verwöhnten Dame der großen Welt harren würde. Im Gegenteil, vielleicht war es sogar die letzte wahrhaft gute und gütige, die die künftige Herrscherin von Salons und Boudoirs sollte genießen dürfen. Am nächsten Morgen fand sich Sonnino, — ein zweiter ..Narciss“ — an dem Lager der noch von süßen Träumen Umspielten ein und fragte heuchlerisch und selbstbespiegclnd nach ihrem Befinden, als sei den Abend zuvor nicht das Geringste vorgefallen, und als sei die gemeinsame Weiterreise ebenso wie die entflohene Nacht in dem Fahrtprogramm der flüchtigen Hochzeitsreisenden schlechthin einbegriffen gewesen. Die Wirtin zur „Goldenen Kugel", so sehr sie sich auch spreizte und sträubte, konnte sich jedoch dessen nicht erwehren, daß die prinzessinhafte Judith Pereira, ehe denn sie das obskure Wirtshaus verließ, um ihre steinige Straße weiterzuziehen, sich einen Augenblick tief und demütig über die großen und ausgearbeiteten Hände der Frau von der „Goldenen Kugel" beugte, um mit zarten, süßen, wohlduftenden Lippen einen Kuß auf die mangelhaft gewaschenen Finger zu pressen, an denen mehr noch kleben mochte als Schmutz und die Zeichen zerarbeiteter Stunden. Längst, als der Reisewagen das merkwürdige Paar vonhinnen getragen, stand die Frau aus dem Volk und starrte ihre Finger an, als sei ihnen durch diesen Kuß Heil und Heiligung sondergleichen widerfahren. Und dann, nachdem es tiefer und tiefer in moralischen und physischen Schlamm gegangen war, Judiths Lippen sich aber nie mehr ein Wort, geschweige denn eine Klage entrang, schlugen die geschäftigen Wogen der batavischen Handelsstadt Amsterdam — Judiths Heimat, die sie im Herzen verloren hatte — über den fremden Kommlingen zusammen. Ja, auch hier galt es, ein von dem Venezianer schlau ersonnenes Manöver gehorsam durchzuführen. Judith mußte ihre armselige Tracht — wohl schon als Zeichen äußerer Schmach — (wie der Venezianer deutete: aus angemessener Bescheidenheit,) anbehalten, während er selbst das üppige Fürstenwams seines hohen Herrn und Gönners, des Kurfürsten von Hessen, anlegte. Er, der Freiwerber, der der Gefallenen die Gnade erwies, sic in allen Ehren zu sich zu erheben, mußte in Pomp und Prunk seiner Stellung erscheinen. Also vermeinte er, oder gab er wenigstens Judith zu vermeinen. Und dann hielten die beiden ihren Einzug in das palastartige Gebäude auf der Amstelgade, das Benjamin Cerf Pereira sein Erb und Eigen nannte. Sie irrten sich, wenn sie vermeinten, als überraschende Gäste in dieses Patrizierhaus einzudringen. Nicht umsonst hatte Mardochai Israel Sontheimer seine schnellsten Stafetten gen Amsterdam geschickt, um den Freund, dem sein Haus so bittere Kränkung zugefügt, eiligst von allem Vorgefallenen zu unterrichten. Vielleicht waren eben darum die schweren eichenen Pforten und die blinkenden Fenster gar so fest geschlossen, just wie bei ihrem Auszuge aus dem Hause zu Worms. Kein Pförtner schickte sich an, das haushohe Portal mit seinen kostbaren, schmiedeeisernen Beschlägen auch nur einen Spalt zu öffnen, und es war, als läge der ganze Palast — denn von dem Hause Benjamin Cerf Pereiras konnte man füglich nur als von einem Palaste reden — in düsterer Ruhe da, als wäre er von jeglichen Bewohnern verlassen. Einen Augenblick schoß der allgemach schreckhaft gewordenen Judith die furchterregende Vorstellung durch Hirn und Herz, als hätten die Ihren — ihr ehrwürdiger Vater, ihre seit undenkbaren Zeiten in treuer Demut neben ihr wandelnde Erzieherin, Beschützerin und Gefährtin, Duena Philomea (ein Vermächtnis ihrer marannischen Mutter), nebst allem Gesinde, ihr Vaterhaus tatsächlich vor der Ankunft der geschändeten Tochter verlassen haben. Aber nein! Das nicht. Es gab Dinge, die nicht möglich waren, dieweil kein Gott im Himmel sie jemals hätte zulassen können. Immerhin: es ließ sich nicht leugnen, daß auch dem seit der Ankunft in Amsterdam wieder recht hochgemuten und in seinem fürstlichen Glanze sich pfauenartig spreizenden Stutzer David Danielo ben Sonnino ein fröstelndes Unbehagen über die Haut gekrochen war, dieweil er sich nunmehr mit seiner schönen Braut vor dem steinern stummen Gebäude befand. Aber dieses unwürdige Gefühl währte nur kurze Frist, dann besann er sich auf das, was er sich und seinem fürnehmen Vorhaben schuldig schien; und also griff er beherzt nach dem wuchtigen, in Stein gemeißelten Türklopfer, um Einlaß in das trotzig schweigende Haus zu begehren. Einmal tat er es, ein zweites Mal, ein drittes Mal und immer vergebens. Angstschweiß begann auf seiner gepflegten Höflingsstirne zu perlen, während Judith, obzwar sotanes Schweigen ihre letzten Hoffnungen zuschanden zu machen schien, dennoch in ihr ehemaliges Selbstbewußtsein und in den Hochmut der batavischen Patrizicrin zurückzufallen schien. Je mehr sich die Mienen Sonninos verfinsterten, desto lichter schienen die Züge Judiths sich aufzuhellen. Als der Venezianer, von tödlicher Verlegenheit befallen, kaum mehr wissend, wo aus noch ein, und binnen Sekundenschnelle tausenderlei Pläne in seinem projektereichen Kopfe wälzend, schon nahezu die Hoffnung aufgegeben hatte, dem Hause Pereira seine Bedingungen zu diktieren, öffneten sich plötzlich mit der stolzen Langsamkeit derer, die keine Eile haben (dieweil ihnen niemals sichtbare oder unsichtbare Verfolger auf den Versen zu sein vermöchten), die beiden Flügel des gewaltigen Haustores, und in dunkle, aber reiche Livree gekleidet, fragte ein würdevoller Haushofmeister nach dem frühzeitigen Begehr des Fremden. Judith schien er weder zu sehen, noch ihrer acht zu haben. Und wenn das gehetzte Mädchen sich auch am liebsten an die Brust des alten, ihr ebenfalls von Kindheit auf vertrauten Bedienten geworfen hätte, so wagte sie es doch nicht, denn sie erkannte aus solchem Tun und Lassen die bestimmten Befehle Benjamin Cerf Pereiras, ihres Vaters, die für alle Mitglieder des Palastes an der Amstelgade unverbrüchliches Gesetz waren. Dem Venezianer indessen, obwohl ihm innerlich nicht eben sicher und fröhlich zumute war, schwoll doch alsbald wieder der Kamm des Eitlen und Ehrsüchtigen, als die befremdende Angst, das „Feinsliebchen" umsonst auf verbrecherischem Wege an sich gerissen zu haben, langsam seine Spieler- und Gauklernatur wieder verließ. „Euern Gebieter, den angesehenen und in der batavischen Republik ja sogar wohl hochachtbar beamteten Handelsherrn Benjamin Cerf Pereira wünsche ich in dringender und unaufschiebbarer Angelegenheit zu sprechen. Meldet Eurem Herrn, David Danielo ben Sonnino, Hoffaktor und Finanzagenten Seiner kurfürstlichen Durchlaucht von Hessen." Dünkelhaft, seines herrenhaften Eindruckes gewiß, hatte Sonnino gesprochen. Und auch er hatte getan, als ob sein Anliegen mit der neben ihm stehenden, in unscheinbare Gewänder gehüllten Tochter des Hauses Pereira nicht eben das mindeste gemein hätten. „Ich weiß nicht, vielmehr ich bezweifle, daß mein Herr und Gebieter für unerwünschte Zugeher wie Euresgleichen zu so früher Stunde zu sprechen sein dürfte. Ich habe gemessenen Auftrag, alle ungekannten oder gar lästigen Fremden auf die offizielle Empfangsstunde meines Herrn, nachmittags zwischen drei und vier Uhr, zu verweisen. Wollet Ihr dann wieder vorsprechen, so wird mein Herr Euch sein Ohr gewiß nicht verweigern. Bis dahin möget Euch gedulden und in einem der zahlreichen Gasthöfe der Stadt Quartier zu nehmen belieben." Unbeweglich kalt hatte die Rede des Alten geklungen. Gleichzeitig hatte er sich mit tiefer und ehrfurchtvoller Verneigung Judith Pereira zugewendet und mit der gleichen, scheinbar unbewegten Stimme, durch die aber doch so etwas wie eine innere Ergriffenheit klang, unter einladender Handbewegung die kargen Worte gesprochen: „Beliebet, einzutreten, Demoiselle. Ihr werdet erwartet, und außerdem müsset Ihr ermüdet sein und bedürfet wohl erst der Ruhe, bevor Ihr vor das Antlitz des Hausherrn, das Antlitz Benjamin Cerf Pereiras tretet." Im selben Augenblick war auch schon das bekümmerte Matronengesicht Duena Philomeas sichtbar geworden, und die beiden treuen Diener dieses Hauses hatten Judith Pereira, mochten sie auch ihre zerrissenen und beschmutzten Kleider — Symbole ihrer Erniedrigung und ihrer Schande — gewahrt haben, alsbald mit ebenso sanften wie ehrerbietigen Händen über die Schwelle ihres Vaterhauses geleitet, während das schwere Portal des Palastes vor dem verblüfften Angesicht des Venezianers sich unaufhaltsam wieder schloß. David Danielo ben Sonnino sah sich in kochendem Zorn auf dem Amstelgade vor dem stolzen und hoffärtigen Hause, in das er mit noch größerem Stolze und größerer Hoffart einzuziehen gedacht hatte. Mit schweigender Ergebenheit geleiteten die treuen Diener ihres Herrn Judith Pereira die Treppen ihres Vaterhauses hinan. Dann war es Duena Philomea, die mit reuedurchfurchten Zügen ihren Zögling — seltsam: bemerkte Duena Philomea wirklich erst in diesem Augenblick, wie mächtig und stolz zu üppiger Weibesblüte der Gegenstand ihrer jahrzehnte langen Betreuung sich entwickelt hatte, um in weiblicher Aufgeschlossenheit nunmehr vor ihr zu prangen? — in die Frauengemächer zu leiten und die vom Reisestaub noch nicht Gereinigte einem wohligen Bade zuzuführen hatte. Judith Pereira vermochte die Lippen noch nicht zu öffnen. In allen von der vertrauten Wärterin ihrer Jugend eröffneten Handlungen sah sie — die Klügere — unsichtbare Befehle ihres Vaters, nahm sie Symptome und Symbole wahr. Nicht das feierliche, vom kanonischen Gesetze geforderte Bad für die Bräute Judas war es, dessen Sinnbild auch ihr« einer Verlobten des Hauses Israel, als sinnbildliche Handlung gebührte. Vielmehr fühlte sie sehr genau, daß der Befehl des Vaters den ihr untertänigen Bedienten dieses Bad anbefohlen hatte, weniger um einer Tradition zu genügen, als um die Tochter erst gereinigt und scheinbar entgiftet vor sich zu sehen. Hinter ihr in wesenlosem Scheine sollte verblassen, was die Wanderung an der Seite des Venezianers in den Augen Pereiras ihr angeheftet haben mochte. Benjamin Cerf Pereira war nicht von der milden, ausgleichenden Güte und Versöhnlichkeit Mardochai Israel Sontheimers. In ihm loderte die verhaltene Glut der voll den Menschen tausendfältig getäuschten und verratenem Propheten des Alten Testaments, und sein Zorn würde erschreckend dahinfahren, über jene, die es gewagt hatten, sein Haus, sein Gut, seinen Rassestolz zu besudeln. Judith Pereira sah der ersten Zusammenkunft mit diesem unbeugsamen Hüter des Gesetzes zitternd und zagend entgegen. Sie war eine Frau und mithin fähig, dem Geiste der Geringschätzung, der ihr entgegenwehen würde, gewappnet und mit allen Gaben der Verstellung entgegenzutreten. Aber sie hehlte sich nicht, daß die Rolle David Danielo ben Sonninos, mochte auch er über Selbstbeherrschung und jegliche Nuance schwärzester Heuchelei verfügen, in diesem Hause und diesem Hausherrn gegen* über eine von vornherein demütigende, durch ein ganzes Leben nach Wiedervergeltung schreiende sein würde. Und alles das um einer Stunde willen, die Judith heute nicht einmal mehr eine Stunde der Freude, geschweige denn eine Stunde der Liebe zu nennen fähig gewesen wäre. Die Worte der Wirtin von der „Goldenen Kugel'* hatten ihr die Augen, sofern noch ein leichter Flor ihren Blick umtschleiert hatte, restlos geöffnet. Aber eben diese Worte eines einfachen Weibes aus dem Volke hatten ihre Kraft gestärkt, alles auf sich zu nehmen, was als Strafe für anmaßliche Frauenschuld, für ein leichtfertiges Spiel mit dem Schicksal gelten mochte. Offenen Auges folgte sie Duena Philomea, in stolzer Haltung ließ sie das weiche, erfrischende Bad an ihren Gliedern herniederrieseln; ruhig und würdevoll wartete sie ab, was nunmehr erfolgen, welches die Beschlüsse Benjamin Cerf Pereiras über sie und ihren Lebensgefährten sein würden« Sie täuschte sich auch nicht darüber, daß David Danielo ben Sonnino in diesem Augenblick als ein von ohnmächtiger Wut Zerfleischter vor den Toren des Palastes Pereira auf und nieder schritt, alle Empfindungen, des Hasses, der Enttäuschung und der Hilflosigkeit in sich hineinwürgend. Er hatte sich die Situation, da er in das von ihm mit glühender Leidenschaft ersehnte Haus einziehen würde, in seiner Phantasie, die schweifend und berechnerisch zugleich war, wohl wesentlich anders ge* malt. Und über diese Enttäuschung des betrogenen Betrügers stahl sich jetzo ein verräterisches Lächeln auf. diÄ Lippen der bräutlichen Frau, die sich weder als Braut« noch als Frau fühlte und die vollends vergessen hatte« daß sie eine heiße Nacht hindurch die heiße Geliebte de» von ihr längst preisgegebenen Mannes gewesen war. Die geräuschlosen Hilfeleistungen ihrer ergebenen Dienerin und Gefährtin, Duena Philomea, stärkten da* Selbstbewußtsein der verlorenen Tochter wieder. Als ste dem Bade entstiegen und wieder in die kostbaren „Gey wänder ihres Hauses gehüllt war, fühlte sie sich mit Fug auch wieder als die stolze Patrizierin, und ihre gesunde Jugend half ihr, wenigstens vor der Hand, die grausame Einbuße zu vergessen, die eben dieses ihr Patriziertum unterdessen gelitten hatte. Aber die Akteure des Liebesspieles von gestern vergaßen (oder vielleicht taten sie auch nur so), daß ihrer Walpurgisnacht nicht allein Zeugen« sondern vor allem ein schier überlebensgroßer Gegner in der Gestalt Benjamin Cerf Pereiras gegenüberstand. In dem ingrimmig auf der Amstelgade sich umherstoßenden Venezianer dämmerte allerdings so etwas wie eine dumpfe und trübe Erkenntnis der Tatsachen. Und während er unwirsch vorüberhastende Bürgersleute nach einer reputierlichen Herberge fragte, kam er nur schwer zu Rande mit dem herben Selbstvorwurf, daß er, einer der gewiegtesten Rechner des ehemalig Römischen Reiches, sich in der lebenswichtigsten Frage seines Daseins verrechnet haben sollte. Aber, gemach, noch war es Zeit: mochte der dünkelhafte Patriarch noch so herausfordernde Mienen oufstccken: er würde ja doch klein beigeben müssen. Die Ehre der Tochter — die verletzte Ehre einer keuschen Magd Israels — würde in gutem Golde bezahlt werden müssen. Und in diesem Gedanken glätteten sich auch des fürstlichen Stutzers Mienen hinwieder, und er trat gespreizten Schrittes in den ihm anempfohlenen Gasthof« genau wie Judith mit zurückgekehrtem Selbstbewußtsein der Stunde harrend, da die Würfel über ihr gemeinsames Schicksal fallen würden. Und sie fielen. Anders, als die beiden verblendeten Weltkinder noch fünf Minuten vor Zwölf gewähnt hatten. Benjamin Cerf Pereira war — wie schon erwähnt —, nicht aus dem weichen und biegsamen Holze geschnitzt« wie sein weiser, gütiger Freund Mardochai Israel Sontheimer. Er hatte, unmittelbar, nachdem er die Hiobspost aus dem Hause Sontheimer empfangen, viele Stunden im Kampfe mit Gott gelegen. Er hatte auch sich selbst nicht geschont, vielmehr seiner eignen Unachtsamkeit, die das heiße Blühen neben sich nicht rechtzeitig wahrgenommen hatte, ein gerütteltes Maß von Schuld beigemessen. Dann aber wieder hatte sein Blut — Edelsaft des Stammes Israel — sich aufgelehnt wider die Vorstellung, daß eine solche Adelstochter ihres Volkes nicht jene unfehlbare Witterung für ihresgleichen besessen hatte, so daß es ihr möglich geworden war, sich wegzuwerfen an einen, der weit unter ihr stand und demnach den Namen Pereira in Zeit und Ewigkeit bemakelte. (Fortsetzung folgt.) Geschäftliches. „N o ch billiger" — so ruft die altbekannte Berliner Wollsirma Gebr. Grumach, Königstraße, allen sparsamen Berliner Hausfrauen zu. Noch billiger im Ausverkauf, der zeigt, zu wie billigem Preise gute Ware bei Grumach zu kaufen ist: wollene Strickjacken, der heimliche Wunsch mancher Dame, feine Damenstrümpfe, die entzückend aussehen, Badeartikel, die man jetzt so nötig braucht, und viele viele Dinge mehr (man kann wirklich nicht alles aufzählen). Sehen Sie sich einmal die Preise am Lager der Firma an und die Ware dazu — Sie werden selbst sagen, das ist tatsächlich noch billiger. —