Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 27 (2.7.1926)
- Date
- 1926-07-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Jahrgang Nummer 27 Beüagr 2. Juli 1928 Die Amerikaner in London. Interview mit Dr. Morgenstern-Cincinnati und Dr. Lazaron Balttmore. Wenige Tage nur noch trennen uns von der erste« Zusammenkunft liberaler Juden der verschiedensten Länder der Welt in London. Was seit Jahrzehnten Wunsch der edelsten Geister beS Judentums war, eine Zusammenkunft von Juden, die die Treue zum Glauben ihrer Väter, den Geist der jüdischen Lehre verbinden mit dem Denken deS 20 Jahrhunderts und der Erkenntnis neuzeitlicher Bedürfnisse. wird nunmehr verwirklicht werden. Der zionistischen Weltorganisation und dem Weltverbande des orthodoxen Judentums wird in Zukunft ebenbürtig die Weltorganisation des liberalen Judentumzur Seite stehen. ES liegt im Wesen beS Liberalismus. Lab die Strömungen im liberalen Judentum besonders mannigfaltig find. Aus der Notwendigkeit, die Formen des religiösen LebenS mit denen der Umwelt und der Gegenwart in Einklang zu bringen, ergeben sich für verschiedene Länder verschiedene Folgerungen. Dennoch eint alle liberalen Juden der Welt — mögen ihre Ansichten auch in Nuancen abweichen — ein Band, gewirkt aus den Lehren des Judentums und der .Erkenntnis der Notwendigkeit deS Fortschritts. In diesem Blatte wurde bereits mitgeteilt, daß die „Union of American Hebrew Congregations" und die Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner sowie die Brüder- und Schwesternverbände der amerikanischen Reformgemeinden auf dem in London am 10. und 11. Juli stattfindenden Kongreß vertreten sein werden. Man weiß, baß die amerikanischen Freunde in vielen Punkten von den Ansichten der deutschen Liberalen abweichen. So gilt die Anwesenheit der Amerikaner in London als das große Rätsel. Deshalb begrüßten wir es ganz besonders, als wir von der Anwesenheit zweier amerikanischer Delegierter itt Berlin Kenntnis erhielten. Unser w-Mitarbeiter benutzte die Gelegenheit, um mit ihnen Fühlung zu nehmen. Die erste Unterredung fand mit Herrn Rabbiner Morris S. Lazaron von der Baltimore Hebrew Congregation statt. Die einleitenden Zeremonien werden übergangen. Ein kurzer Händedruck, und das Gespräch zweier Menschen, die Gleiches wollen, beginnt. „Wie die Amerikaner sich in London verhalten werden?" beginnt der Reformrabbiner aus Baltimore. „Wir haben kein Programm und kommen mit keiner festen Marschroute. „Go and see“, das war uns schon bei den ersten Nachrichten über die Londoner Konferenz eine Selbstverständlichkeit. Die Vereinigung aller liberalen Juden der Welt findet selbstverständlich unser wärmstes Interesse." Die Amerikaner werden also zunächst eine abwartende Haltung einnehmen. Man denkt unwillkürlich an das Verhalten Amerikas im Völkerbund, doch der Vergleich stimmt nicht. Während sich dort die Amerikaner nach den schlechten Erfahrungen im Anfangsftadium des Völkerbundes zurückzogen, haben sie hier die Absicht, die Berichterstattung abzuwarten und dann in ihren heimatlichen Organisationen den Anschluß an die liberale Weltorganisation zu vollziehen. Rabbi Lazaron plaudert von dem Reformjudentum ln Amerika. Er schildert den Einfluß, den die Umgebung aus die Entwicklung des liberalen Judentums in Amerika ausgeübt hat. weist darauf hin. daß die freien Kirchen in Amerika sehr zahlreich sind, und daß auch die jüdischen Gemeinden den fortschrittlichen Geist des religiösen Lebens in den Vereinigten Staaten angenommen haben. Die Formen der jüdischen Religiosität haben sich denen der Umwelt stark angepaßt, vieles, was in der alten Welt selbstverständlich war, wurde drüben aufgegeben. Bis vor 10 Jahren sah man den Fortschritt im Abbau des Alten. „Seit 10 Jahren etwa bauen wir auf. Die gewaltige Einwanderung in Amerika rief zunächst scharfe Gegensätze zwischen den Eingesessenen und Neuangekommenen hervor. Dann aber trat aus beiden Seiten die Selbstbesinnung ein. Die Anhänger der Tradition erkannten, daß wir Reformer viel für die Erhaltung des Judentums leisten, daß wir insbesondere den religiösen Geist vertieft und die leitenden Grundgedanken des Judentums gefördert haben. Andererseits sahen wir, daß die Massen viele jüdische Werte besitzen. die uns verloren gegangen find. Jetzt wird daher der Wert deS Positiven weit mehr erkannt. Besonders wir jüngeren Rabbiner" — und nun spricht Rabbiner Lazaron von seinen Altersgenossen — „sind uns bewußt, daß die Reformbewegung zu viele jüdische Werte aufgegeven hat. Wir wollen heraus aus der Isolierung, wollen den Anschluß an daS Weltjudentum nicht verlieren. Das amerikanische Judentum war von der Gefahr bedroht, durch eine Art „Amputation" vom Gesamtjudentum losgelöst zu werden. Jetzt erkennt mau, daß früher Fehler begangen wurden. Hier handelt es sich nicht nur um eine Frage der Formen, sondern um eine Frage des Herzens, des Gefühls. Ich glaube als Reformrabbiner an einen jüdischen Nationalismus, der das gesamte jüdische Leben, die jüdische Kultur. umfaßt." Eine Begriffsklärung wird notwendig. „Was bedeutet für Sie jüdischer Nationalismus?" „Nichts Politisches," antwortet, bereitwillig Rabbiner Lazaron. „Die Aufgabe des Juden ist geistiger Art. Nicht der einzelne Jude steht für uns im Mittelpunkt des Interesses, sondern der jüdische Geist. Wenn wir das Bewußtsein zum jüdischen Weltvolk in uns tragen, so ist für uns dieses Volk der Träger einer geistigen Mission. Wir wünschen für die Juden Osteuropas Anerkennung ihrer nationalen Minoritätsansprüche. Für uns Juden in Amerika kommen derartige Forderungen nicht in Frage, denn wir besitzen das uneingeschränkte allgemeine amerikanische Bürgerrecht." „Besteht kein Widerspruch zwischen Ihrer Zugehörigkeit zur amerikanischen Nation und der zur jüdischen Nation?" Ein klares „Nein" des Baltimorer Rabbiners ist die Antwort. „Ich hatte erst ein K^inb. Ihm gehörte meine ganze Baterliebe. Jetzt habe ich drei Kinder, ich liebe sie alle gleich, und das erste Kind wird jetzt von mir nicht weniger geliebt als zu der Zeit, da es mein einziges war. So ist das Gefühlsleben einer Ausdehnung und Erweiterung fähig. Neue Pflichten schließen die Treue gegen ältere nicht aus. Die Lösung der Jud.ennot in den verschiedenen Ländern wird nur in ihnen selbst erfolgen können. Ich glaube nicht, daß Palästina politisch die Lösung bedeutet. Aber dennoch halte ich es für eiye heilige Pflicht, an dem Aufbau Palästinas mitzuarbeiten, das stets das Zentrum unserer Sehnsucht gewesen ist und ein wichtiges kulturelles Zentrum werden kann." Die Unterredung wendet sich anderen Fragen zu. Wir sprechen vom Antisemitismus und streifen den Einfluß, den Ford auch in gebildeten Kreisen Deutschlands ausgeübt hat. Rabbiner Lazaron glaubt, daß der Antisemitismus dem Wesen der amerikanischen Volksseele widerspricht. ,Löo die Automobile aufhörcu, da ist bei uns auch der Einfluß von Ford zu Ende." Die Immigration-Bill wird erwähnt. Alle jüdischen Richtungen lehnen diese Beschränkung der Einwanderung ab. Es ist aber unmöglich, das Gesetz zu Fall zu bringen, nur Milderungen lassen sich erreichen. Im Brennpunkt des gegenwärtigen jüdischen Lebens in Amerika stehen^Fragön der jüd.i'schen Erziehung.' Die Schulen Amerikas tragen weltlichen Charakter. Bibellektüre und Religionsunterricht an öffentlichen Schulen galten bisher als verfassungswidrig. Gegen ihre Einführung nahm auch der Verband der amerikanischen Reformrabbtner Stellung. In den letzten fünf Jahren ist von christlicher Seite eine eifrige Propaganda zur Aenöerung dieser Verhältnisse getrieben worden. Durch sie werben auch die amerikanischen Rabbiner zu einer Aenberung ihrer Stellungnahme veranlaßt werden. „Solange immer neue jüdische Massen in das Land einströmten, konnten die Erziehungsprobleme nicht ruhig und gründlich bearbeitet werden. Jetzt erkennt man auf allen Seiten, daß hier die wichtigste Gegenwartsaufgabe liegt. In meiner Heimatstadt Baltimore erhalten etwa 3000 Kinder jüdischen Religionsunterricht. Etwa 8—9000 Kinder wachsen ohne jede jüdisch-religiöse Unterweisung > auf. In New Vork schätze ich die Zahl dieser Kinder auf : 176 000." Der SonntagS-Gottesdieust wird in den versichedeneu Ge, meinden Amerikas verschieben g-ehandhabt. Rabbiner Lazaron hält in seiner Gemeinde SonntagS-GotteSdienste «ür in den Monaten November. Dezember. Januar und Februar ab. Sie sind stark besucht, etwa zu Zwetdrittelrt von Männern. In ihrem Mittelpunkt steht ein BortraL der häufig auch von Laien gehalten wird. Der Sonntags Gottesdienst findet neben regelmäßigen Sabbat-GotteS^ diensten statt. Für den Gottesdienst am Freitagabend ist eine feste Zeit angesetzt, die daS ganze Jahr etngehalteu wird. Alle Gottesdienste sind verhältnismäßig gut besucht. Auf die Frage, worauf das zurückzuführen ist. anwortet Rabbiner Lazaron voll Stolz: „Amerika ist ein religiöse- Land. Wie stark bei uns die Religion das öffentliche LebeU beherrscht, können Sie daran sehen, daß jede Parlamentssitzung. jeder Kongreß und dergleichen durch das Gebet «inkS Geistlichen eingeleitet wird." -J * . * Drei Tage später fand in einem Berliner 'Hotel eine Besprechuna mit dem Präsidenten des Hebrew Union College, Dr. Julian Morgenstern, statt. Dr. Morgenstern wurde hier von den verschiedensten jüdischen Organisationen und Persönlichkeiten besucht, die Wünsche durch ihn in Amerika vortragen lassen wollten. Ein freundlicher Gruß. Dann erzählt Dr. Morgenstern in deutscher Sprache seine Gedanken zur Londoner Konferenz. Er ist skeptisch. Das Wesen des liberalen Judentum», in den verschiedenen Ländern weicht stark voneinander ah. Das liberale Judentum muß sich den Formen der Umwelt anpassen, sonst wird es keine Religion des heutigen Lebens mehr sein. Der gegenwärtigen Weltkonferenz liberaler Juden kommt in erster Linie organisatorische. Bedeutung zu. Bon der nächsten wünscht Dr. Morgenstern, daß auf ihr die wissenschaftliche Grundlage des liberalen Judentums eingehend erörtert werde. Bald ist das Gespräch wieder beim Verhältnis von Nationaljudentum und jüdischem Liberalismus. j „Bis vor 10 oder 18 Jahren", beginnt Dr. Morgenstern, „bestand zwischen Zionisten und Reformiuden in Amerika eine tiefe Kluft. Jetzt bringt man einander Verständnis entgegen." Und auf zahlreiche Fragen gibt Dr. Morgenstern nun bereitwilligst Auskunft. Amerika hat andere Zionisten als Deutschland. Nicht ganz mit Unrecht ist ihnen von zionistischer Seite wieder und wieder gesagt worden, daß sie schlechtere Zionisten seien. Der amerikanische Zionist weiß, daß es ein „amerikanisches Judentum" gibt und geben wird. Er bekennt sich zu ihm. Auch er fühlt sich in nationaler Beziehung nur von amerikanisch-nationalen Gefühlen geleitet. Seine Liebe zu Palästina ift, mehr platonischer Natur. Der amerikanische Jude betrachtet die Palästinaarbeit in erster Linie als ein Hilfswerk. Er will einen Zufluchtsort für gebeugte Juden dort schaffen. Würden gleiche Gedankengänge ebenfalls nur von deutschen Zionisten vertreten, so würden die in Deutschland bestehenden scharfen Gegensätze wohl niemals entstanden sein. Vielleicht liegt der letzte Grund für die Verschiedenheit der. Zionisten, so paradox das klingen mag. in ihrem nichtjüdischen Volkstum. Der deutsche Zionist ist Theoretiker, der amerikanische Praktiker. Der deutsche Zionist geht aus theoretischen Erwägungen.', selbst wenn er persönlich radikal * liberal ist. mit Hey Orthodoxen durch dick ttitrifmrSftfWr* Spitze des amerikanischen Zionismus hingegen steht ein Reformrabbiner und die Massen -er zionistischen Bewegung rekrutieren sich zum großen Teil aus den Freunden der jüdischen Reformbewegung. „Auch das Verhältnis zwischen Reformgemeinden und Orthodoxie ist bei uns besser als in Deutschland", fährt Dr. Morgenstern fort. „Die. Orthodoxen stehen jetzt dort, wo vor 40 Jahren die Reform stand. Das läßt sich durch zahlreiche Beispiele belegen. Die amerikanische Orthodoxie fängt an. reformiert zu werden. Heute ist mindestens eine Million amerikanischer Juden dem Reformiuden tum sympathisch gesinnt. In 10—15 Jahren wird es die doppelte Anzahl sein. Als mich vor nicht allzu langer Zeit ein in Palästina ansässiger orthodoxer Jude aufsuchte, sprach er mit Geringschätzung von der amerikanischen Orthodoxie, die seines Erachtens nicht als wirkliche Orthodoxie anzusprechen■ ® ArmopLzuny unterer new ■■kJ Ae Aeüre ßr den Qusxfexkaufßnqefextiqte Xäase,sondern rau? die ** "" qW Leinewebee-ÄeiHuna gelangt zumpLekouf ilH ■an Sakko-Anzug Qn grau melierter Cheviot in 411 ■■ haltbarer QuaUM.Iflfa Sakko-Anzug M Dunkler kammgarnartlg. Stoff, All « ein* und aweireihtg.VUa Sakko-Anzug braun melierter, straparierfan. all mm— Cheviot mit feinem ueberkaro l¥i Sakko-Anzug rA klein karierter Cheviot ln rill mm praktischer grauer Farbe . . Vmt Sakko-Anzug brauner Zwirn. Cheviot tut f A w Ueberkaro, prima reine Wolle I aa Sakko-Anzug OA grauet relnirollenea Lamm* H|| — gern, prima QnaHtit..... 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