Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 26 (25.6.1926)
- Date
- 1926-06-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Jahrgang Rümmer LS Beilage LS. Juni 1828 MlschÄeraleZeitW Aus den Gemeinden Berlin. (Gründung deS Berliner Rabbiner- Verb and es.) Am 16. Juni ist im Repräsentanten- Sitzungssaal der Jüdischen Gemeinde die Bereinigung der Rabbiner Groß-Berlins gegründet worden, der etwa 30 Herren angehören. Der Zweck der Vereinigung besteht in der Pflege der jüdischen Wissenschaft, in der Zusammenarbeit in allen Fragen des Gemeirrdelebens und in der Förderung der Standesinteressen. Den Vorstand bilden die Herren Rabbiner: Dr. Weiße, Dr. Kantorowsky, Dr. Loewenthal. Dr. Nobel und Dr. Salomovski. Man aÄt nicht fehl in der Annahme. daß diesem Zusammenschluß eine nicht geringe Bedeutung für die Zukunft des Berliner wie des deutschen Judentums beizumessen ist. Berlin. (80. Geburtstag.) Am 27. ü. M. begeht unser Langjähriger Abonnent und Gesinnungsfreund M. Margoniner. Flensburger Straße 7. seinen 80. Geburtstag. Wir wünschen ihm auch weiterhin einen recht gesunden Lebensabend, der es ihm gestattet, in Zukunft weiter mit Interesse an jüdischen Ereignissen teilzunehmen. Berlin. sJüüische Familienforschung.) Die Gesellschaft für Jüdische Familienforschung hielt am 16. d. M. in Berlin ihre diesjährige Generalversammlung ab. Nach der Erstattung des Jahres- und Kassenberichtes fand Neuwahl des Vorstandes statt. Herr Dr. Czellitzer. der wieder zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde, hielt sodann einen Vortrag über „Ergebnisse der Familien-Sammelforschung des Jüdischen Frauenbundes." Aus Grund von Fragebogen sind eingehende Feststellungen über geistige und körperliche Eigentümlichkeiten (Fruchtbarkeit. Berussschichtung. Körpergröße. Charakter usw.) der deutschen Juden in den letzten hundert Jahren gemacht worden. Besonders interessant war. daß — soweit bekannt, wohl zum ersten Mal — Erhebungen angestellt worden sind über die Einstellung der Familien zum Judentum: Die Antworten auf die Frage, ob und bis wann ein ritueller Haushalt geführt und weshalb damit aufgehört wurde, ferner die Angaben über Mischehen. Taufen. Kenntnis des Hebräischen u. a. m. bilden teilweise brauchbares Material zur Belehrung über Wert und Werbekraft des religiösen Judentums und zur Beurteilung von mancherlei Dingen, die den religiösen Juden interessieren. Cassel. (Hundertster Geburtstag.) Der hundertste Geburtstag des Geheimen Kommerzienrats Sigmund Aschrott, der als Begründer der hiesigen Textilindustrie gilt und durch seine großzügigen Schöpfungen und Schenkungen mit der Geschichte Cassels eng verbunden ist. hat in allen hiesigen Tageszeitungen seine Würdigung erfahren. — Wenn wir auch an dieser Stelle des großen Industriellen gedenken, so soll hauptsächlich des philantropischen Wirkens für die Allgemeinheit und das Judentum im besonderen gedacht werden. Wie Aschrott dem Hessischen Diakonissenhaus kostenlos ein Gelände von mehr als -1800 Quadratmetern zur Verfügung stellte und außerdem hochherzige Stiftungen für gemeinnützige Zwecke machte, so verdient insbesondere seine Fürsorge für die Aermsten der Armen, die Waisen, lobenswerte Erwähnung. Das hiesige israelitische Waisenhaus, das heute etwa 30 Zöglingen sorgfältige Pflege und Unterkunft gewährt, ist seiner Initiative zu ver- WDlken. Durch seine Errichtung wollte der Begründer das -««»denken seiner Eltern, die noch in der H.S.- und Negina- Aschrott-Stiftung für entlassene Waisenkinder sortlebeu, -für alle Zeiten ehren. Auch der Casseler Gemeinde hat Aschrott, der 89jährig in Berlin verstorben ist. manchen Beweis einer seltenen Freigebigkeit bewiesen. Der nach ihm benannte Nathausbrunnen. der herrliche, seinen Namen tragende Park im Westen Cassels und manche andere dem Gemeinwohl dienende Einrichtung werden auch späteren Generationen von der echt jüdischen Opferfreudigkeit des auf kaufmännischem Gebiet weitblickenden Mannes künden. Dresden. (Fri edh ofserweiternng.) Der seit etwa 50 Jahren in Benutzung genommene israelitische Friedhof an der Trinitatisstratze konnte nach langwierigen Verhandlungen um ein W3 Quadratmeter großes Terrain, das Eigentum der angrenzenden Stadtgärtnerei war. erweitert werden. Als Kaufpreis wurden an die Stadtkasse 10245 Bk. abgeführt, für den Quadratmeter also 15 M. Für die Errichtung einer Mauer. Anlegung von Wegen usw. mußten weitere 5000 M ausgemorsen werden. Das neue Gebiet erstreckt sich in einer Tiefe von 10 Meter über die halbe Breite des Friedhofes, dürfte also etwa zehn Jahre lang den Anforderungen der Gemeinde genügen. Während dieser hofft man. die Friedhossfrage in Verbindung mit der von der Stadt geplanten Zentralfriedhofsanlage in vollkommen neuer, großzügiger Weise geregelt zu haben. Frankfurt a. M. (Geländetausch für den Friedhof.) Die Israelitische Gemeinde hat das ursprünglich für Friedhofszwecke bestimmte Gelände an der Friedberger Warte, das das Hochbauamt für Bauzwecke verwenden will und wo in absehbarer Zeit eine Villenkolonie erstehen soll, an die Stadt abgetreten, wogegen ihr von der Stadt ein entsprechendes Gelände anschließend an den Hauptfriedhof zwischen Eckenheimer Landstraße und Marbachweg als Ersatz zur Verfügung gestellt wurde. Für den Hauptfriedhof ist dabei noch Erweiterungsmöglichkeit nach Norden zugelassen worden, so daß er noch auf Jahre hinaus den Anforderungen genügt. Da der alte israelitische Friedhof fast voll belegt ist. wird der neue an der Eckenheimer Landstraße voraussichtlich schon in wenigen Monaten in Benutzung genommen werden müssen. Langenselbold. (A m t s j n b i l ä m.) Auf eine 25jähriqe Tätigkeit als Lehrer uyd Kantor der hiesigen Gemeinde konnte Herr Ehrenreich zurückblicken. Der Jubilar, der seit mehr als 43 Jahren im Dienste der jüdischen Schule und der religiösen Interessen des Judentums überhaupt steht, u. a. sich auch als Vorsitzender der Ortsgruppe des CV. um die Verteidigung des Judentums gegen antisemitische Angriffe verdient gemacht hat. durfte an seinem Ehrentage mancherlei Glückwünsche und Aufmerksamkeiten entgegennehmen. Liffa. (Der Rückgangder jüdischen Bevölkerung.) Wie sehr die politischen Verhältnisse die „Statistik" unserer Stadt und Gemeinde geändert haben, geht aus folgender Zusammenstellung hervor. Am 1. Juni 19*26 betrug di« Zahl der Einwohner Lissas lLetznos) 17 303. darunter 16 490 Polen oder 94.21 Prozent, ferner 875 Deutsche iEvangelische und Katholische) und 138 Inden. Die jüdische Gemeinde ist in einem andauernden Rückgang begriffen, der Zuzug ist minimal. Dem entspricht leider auch eine Stagnation im Gemeindeleben. Vor 30 Jahren hatte die Gemeinde nach gegen 4000 Seelen und ein blühendes Gemeindelebenl Es sind Bestrebungen im Gange, die Gemeinden Westpolens zur Hebung des religiösen und kulturellen Lebens zu einem Gemeindeverbande zusammenzuschließen. — In dem benachbarten B o j a n o n s o ist der Umbau des Rohrschen Altersstiftes zu einem sübischen Blindenfcim soweit fertiggestellt, daß die Eröffnung des letzteren demnächst erfolge» soll. Besondere Verdienste um die Einrichtung dieses humanen Instituts hat sich die Sejin-Abgeordnete Frau Staatsrat Melzer erworben. Löwenberg. (V an d a l e n.) Auf dem indischen Friedhof in Löwenberg in Schlesien wurden kürzlich von antisemitischen Kreisen große Zerstörungen angerichtet. Davon wurde auch die Friedhofsmauer betroffen, die jetzt ausgebessert worden ist. Nach. Fertigstellung ist Meie nun erneut böswillig beschädigt worden. Memmelsborf. (F r i e d h o f s ch ä n d u n g.) Wie der Lehrer Abraham in Memmelsborf der C.B.-Zeitung mitteilt, ist der jüdische Friedhof von Memmelsdors von unbekannt gebliebenen Tätern geschändet worden. Insbesondere sind vier Grabsteine zertrümmert worden. Bei der Staatsanwaltschaft wurde Anzeige erstattet. Die jüdische Gemeinde Hai für die Ergreifung der Täter eine Belohnung gestellt. Schwedt. (Todesfall.) Am 14. Juni verstarb nach langem Leiden der Vorsitzende der Nepräsentantenversammlung. Sanitätsrat Dr. Martin Loewenthal. Der Verstorbene hat der Gemeinde stets mit Rat und Tat zur Seite gestanden und ihre Interessen unermüdlich zu fördern versucht. Kissmger Badebrief. Äissingen, das „Diplomatenbad", ist seit langen Jahren der Anziehungspunkt vieler hoher Persönlichkeiten des In- und Auslandes und wird auch von unseren Glaubensgenossen in recht großer Anzahl besucht. Es ist nun vielfach die Frage aufgeworfen worden, ob wir Juden überhaupt nach Kissingen fahren sollen. Diverse Gründe waren hierfür maßgebend. Erstens war es die Tatsache, daß Kissingen in Bayern liegt, und man als Jude bayerische Badeorte meiden sollte. Zweitens schwirren über Kissingen allerhand Gerüchte herum, die gerade nicht dazu angetan sind, einem Juden die Aussicht auf einen angenehmen Aufenthalt rosig erscheinen zu lassen. Alle diese Gerüchte entbehren jeder Grundlage. In den meisten Hotels und Pensionen sind Juden gerne gesehen und werden freundlichst ausgenommen. Gewiß gibt es einige Hotels, in denen Juden nicht angenehm sind, wie Diana und Fürstenhof. aber ihre Zahl ist verschwindend gering, gegenüber der großen Menge von Hotelbesitzern, die es als ihr vornehmstes Ziel erachten, sämtlichen Gästen, ohne Unterschied der Konfession, gerecht zu werden. Außerdem gibt cs noch einige Geschäfte, die antisemitischen Charakter tragen. Daß derartige Geschäfte, die, wie das zum Beispiel bei einem Juwelier der Fall ist, an ihren Fenstern große Hakenkreuze angebracht haben, von Juden gemieden werden, ist selbstverständlich. Aber solche Geschäfte sind nur vereinzelt. Die seit Jahren populärste Persönlichkeit von Kissingen — allen Badegästen wohlbekannt — ist der Juwelier Rosenau, der seit Jahr und Tag, Tag für Tag vor seiner Tür steht, mit jedem spricht, von jedem gekannt wird und jeden kennt! Nur Sonnabends ist er nicht da, und die Pforten seines Geschäftes sind verschlossen .... Eine kleine Geschichte sei hier erwähnt, die deshalb Beachtung verdient, weil erst vor kurzem in diesen Spalten über die Feuerbestattung diskutiert wurde. Ein angesehenes Mitglied der Gemeinde, das übrigens liberaler Gemeindevorsteher mar, starb plötzlich aus» der Reise. Er wurde verbrannt und seine Asche nach Kissingen überführt, wo sie beigesetzt werden sollte. Da erhob der orthodoxe Rabbiner Einspruch und wollte cs unter keinen Umständen zulassen, daß die Asche auf dem Gemeindefriedhof beigesetzt werde. In ihrer Not kamen die Angehörigen auf einen guten Ausweg. Die Asche wurde außerhalb des Friedhofes an der Mauer beigesetzt, und da der Friedhof sehr voll ist, wird er in Kürze erweitert werden müssen, so daß sich das Grab dann innerhalb des Friedhofes befindet. So wurde dem orthodoxen Rabbiner ein Schnippchen geschlagen. Von den vielen Sanatorien wird eins bedauerlicherweise von sehr vielen Glaubensgenossen ausgesucht. Der Inhaber, ein Arzt, der meist jüdische Kundschaft hat, hat sich und seine ganze Familie tansen lassen. Anstatt ihm nun zu zeigen, daß er, der seiner Glaubensgemeinschaft untreu geworden ist, nun nicht mehr den Anspruch machen kann, von ihnen begünstigt zu werden, — gehen unsere Glaubensgenossen aus Berlin W nach wie vor in hellen Haufen in dies Sanatorium. Was nützen da alle Vorträge gegen die Taufe, wenn von unseren Glaubensgenossen selbst eine Prämie auf den Abfall vom Glauben gesetzt wird. Wo bleibt da das Solidaritätsgcfühl, das uns Juden nachgerühmt wird? Es ist betrübend zu sehen, ittic weit die Jnteressenlosigkeit in Sachen des Glaubens um sich gegriffen hat und wie der einzelne nicht einmal etwas von seinen Bequemlichkeiten für seinen Glauben zum Opfer bringen will. Das Hanptcrcignis dieses Jahres in der Gemeinde Kissingen ist die Feier des 25jährigen Bestehens des israelitischen Kinderheims, welche am 30. Mai stattfand. Schon im Jahre 1800 ging von Sanitätsrat Dr. Münz die Anregung aus, eine Kindcrheilstätte in Bad Kissingen zu errichten. Nach eineinhalbjährigen Vorarbeiten gelang es ihm, das Werk so zu fördern, daß im Jahre 1001 der „Verein Israel. Kinderheilstätten in Bad Kissingen" öffentlich konstituiert werden konnte, und vier Jahre später, im Jahre 1905, die Anstalt ihre Pforten bereits eröffnen konnte. Trotz der großen Schmierigkeiten bei der jetzigen wirtschaftlichen Depression ist es dank der Mithilfe von Freunden und Gönnern der Anstalt möglich, in der Saison 400 Kindern aus ganz Deutschland, darunter auch christlichen. einen viermöchentlichen Aufenthalt zu vergönnen. Die Raume und Schlafsäle des Heims sind luftig und behaglich eingerichtet, und eine einzigartige Ordnung und Sauberkeit trägt dazu bei, die Kinder nach Beendigung ihres Aufenthaltes mit dem volleir Besitz ihrer Kräfte zu entlassen. Wahrend des Weltkrieges diente das Heim als Lazarett. Eine Inschrift kündet es dem Besucher: „Wo Kinder spielten einst, wo sang ihr froher Mund, da fanden Krieger Rast, vom Kampfe siech und wund." Die Feier selbst nahm erneu überaus weihevollen Verlauf. Nach Gesang und Tanz der Kinder sprach Sanitätsrat Dr. Münz, der Leiter der Anstalt, und gab einen Ileberblick über ihre Entwicklung. Danach gab Adolf Schwarz-Nürnberg einen Bericht über die Vermögenslage des Vereins. Der Bürgermeister von Kissingen, Dr. Pollwein, sprach in herzlicher Werse die Glückwünsche der Stadt und des Stadtrates aus und sicherte der Anstalt Wohlwollen und Förderung der Stadt zu. Im Aufträge der Großloge U.O.V.B. für Deutschland überbrachtc Oberregierungsrat Schulhöfer- Würzburg Glückwünsche und würdigte besonders die Verdienste des Vorstandes. Rabbiner Dr. Löwenthal-Berlin sprach rm Aufträge der Zentralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden seine Anerkennung über das segensreiche Werk der Kinderheilstätte aus. An die Reden schloß sich eine Besichtigung des Hauses und der Gartenanlagen an. An der Stelle, an welcher vor 23 Jahren ein Steinbruch war, ist durch die Energie der Leiter ein Kinderparadieö entstanden. Möge das gemeinnützige Werk, das vielen tausenden armen nnd kranken Kindern Heilung nnd Segen gespendet hat, in Zukunft weiter blühen und gedeihen! Heinz Levy. Die Samson-Schule in Wolsenbüttel. von einem ehemaligen Schüler Max Goldschmidt. Angesichts des vielumstrittenen Reichsschulgesetzentwurfs, der Propagierung der jüdischen Volksschule, der Befürwortung einer Simultanschule werden viele Eltern in Zweifel geraten, welcher Schule sie ihre schulpflichtigen Kinder bzw. Knaben zuführ en sollen. In jüdischen Kreisen tritt das Bedürfnis nach Schüler- Heimen immer stärker hervor, besonders in solchen Fällen, in denen aus örtlichen Gründen oder eigenartiger FamilienVerhältnisse wegen den Kindern int Hause keine genügende Erziehung und Beaufsichtigung zuteil werden kann. Viele Eltern bringen aber den Entschluß, ihr Kind in ein Alumnat zu geben, nicht zur Ausführung, weil sie nicht wissen, welche Anstalt gerade ihren Bedürfnissen entspricht. Aus diesen Erwägungen heraus möchte ich als ehemaliger Zögling auf Grund meiner Erfahrungen ans die Samsonschule in Wolsenbüttel Hinweisen, welche als älteste jüdische Anstalt in ihrer Art und Organisation in Deutschland jetzt einzig dastehen dürste, nachdem die Jaeobfohnschule in Seesen während der Jnslatiouozeit vom Staat« übernommen worden ist. Zur Entstehung und Entwicklung des Instituts sei folgendes gesagt. — Die Samson schule in Wolsenbüttel führt den Namen nach ihren hochherzigen Stiftern, dem verewigten Landrabbiner Herz Samson au Braunschroeig und dem Hofbankier Philipp Samson zu Wolsenbüttel. Mit den Vermächtnissen der in Deutschland weitverzweigten Samsonschen Familie begründeten die obengenannten frommen Brüder im Jahre 1786 eine ial«indische Lehranstalt in Wolsenbüttel. welche vornehmlich der Erziehung und Ausbildung armer jüdischer Knaben iBeth-hamidrasch) dienen sollte. Es bestanden bis zn dem irn Jahre 1805 erfolgten Tode des sei. Philipp Samson in Wolsenbüttel zwei Samsonsche Sttstunacn nebeneinander. die alsdann zusammen in eine deutsche Lehrn. Erziehungsanstalt unter dem Namen „Samsomcke Freischule" umgewandelt wurden. Auch in der Freischule wurde der Talmudnnterncht anfänglich in zehn wöchentlichen, später in fünf wöchentlichen Stunden erteilt: von 1841 an wurde der Talmud aus dem Lehrplane entfernt. Neben Unterricht in der Religionslehre wurde solcher in der deutschen und französischen Sprache, im Rechnen. in der Erdkunde, Geschichte. Mathematik und im Schönschreiben erteilt. Zur Leitung der Samsonschen Freischule tourde ein früherer Zögling des Bcth-hamidrasch. Samuel Meyer Ehreuberg berufen. Die Wahl gerade dieses Mannes darf als eine besonders glückliche bezeichnet werden. Unter dem Inspektor S. M. Ehrenberg wurden von 1807—1846 im ganzen 211 Zöglinge ausgenommen, darunter 165 Freizöglinge, 40 Pensionäre und 6 Hal'bpeusionäre. Die lltamen Marcus Jost und Leopold Zunz sind mit der Samsonschule, welcher sie in jener Zeit als Schiller angehört ihaben. unauslöschlich verknüpft. Von 1810—1815 wirkte Leopold Znnz als Lehrer an der Anstalt. Nach Ableben des Jnspctwrs M. S.' Ehrenberg wurde 1846 dessen Sohn Dr. Philipp Ehreuberg mit dem Direktori posten der Anstalt betraut. Einen würdigeren Nachfolger! hätte man nicht finden können. Unter seinem Direktorate wurde für die Anstalt die Benennung „Samsonschule" eingc führt, statt der bisherigen .Samsonschen Freischule". Mir war es vergönnt, während der letzten Jahre seiner Amtsführung die Schule zu besuchen und ich weist, wie er als Pädagoge hochgeschätzt u«d als.Lehrer beliebt war. Es sei mir gestattet, hierbei die engen freundschaftlichen Beziehungen zu erwähnen, die Dr. Philipp Ehreuberg mit Leopold Zuuz verbunden haben. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft, daß der greise Gelehrte, der mit seiner 0-attin während seines Urlaubs bei Dr. Ehrenberg zu Gast weilte, am Sabbat mit den Schülern im Speisesaal das Mittagsmahl gemeinschaftlich einnahm. Das war für uns Schüler ein unvergeßlicher Gedenktag. Nach der Feier des 25jährigen Aontsjnbilämns legte Dr. Philipp Ehreuberg sein Amt nieder nnd übersicdelte nach Brannschwcig. Sein Nachfolger war Tr. Moritz Roscnstock, ein Mann von bedenkender Tatkrast und großem Wissen, der es sich zur Aufgabe gestellt hatte, die Anstalt zn einer Realschule mit der Berechtigung zum Einjährigen zu gestalten. Wenn auch dieses Ziel damals noch nicht voll erreicht werden konnte, weil die Schule die v arge schrieben«: Klassenzahl nicht besaß, so ist cs doch der unermüdlichen Tätigkeit Dr. Rosenstocks zu danken, daß die die Prima absolvierenden Schüler die erforderliche Prüfung zur Erlangung des Einiähr.-Freiwill.-Zcuguisseö vor einer staatlichen Kommission in Brannschwcig mit Erfolg bestehen konnten. Ich hatte den Vorzug, noch zwei Jahre unter seinem Direktorate die Schule zu besuchen und erinnere mich mit großer Dankbarkeit der zielbewussten Lehrtätigkeit dieses Mannes, der es so trefflich verstand, seine Schüler für die Arbeit nnd für die Ideale des Judentums zu begeistern. Im Juli 1888 übernahm der leider zu früh verstorbene Prof. Dr. Dachau den Direktorposten. Unter seiner Leitung wurde die Schule als Realschule mit sechs im Unterricht völlig getrennte Klassen eingerichtet. Seit 1891 ist die Samsonschulc als Realschule staatlich anerkannt und ihr laut Bekanntmachung im Zentralblatt für das Deutsche Reich die Berechtigung zur Ausstellung von Zeugnissen für den einjährrg-freiwilligen-Militärdienst verliehen worden. Vor dem Kriege waren von den.156 Zöglingen 30 Freischüler. 20 Hal'bpeusionäre. Infolge der Ungunst der Zeiten nnd der Entwertung des Stiftungs-Kapitals musste die Zahl der Freistellen eingeschränkt werden. Es sind aber aus Anregung des derzeitigen Leiters der Anstalt, des Studienrats Herrn D r. W o l d s d o r f. eine ganze Anzahl neuer Freistellen durch Beihilfe von jüdischen Logen und Logenvcrbänden geschaffen worden, und es ist zu hoffen, daß die Zahl noch weiter steigen wird. In der Behandlung der zahlenden Schüler und der Inhaber von 'Freistellen wird keinerlei Unterschied gewacht: sie ist für alle Knaben gleich liebevoll. Durch das gemeinschaftliche Zusammenleben bildet sich unter den Schülern ein Familienzusammengebörigbeits- und Kameradschassgesnhl heraus, das die Schulzeit weit überdauert und das in öffentlichen Schulen nickt gezeitigt werden kann. Ich unterhalte heute noch mit einigen ehemaligen Mitschülern frenudschastliche Beziehungen. Die Schüler speisen gemeinschaftlich mit den angestellten Hauseltern und zwei Lehrern. Die Verpflegung im Alumnate ist reichlich und streng rituell. Die Erziehung ruht auf jüdisch-religiöser Grundlage. An Dabbathen und Festtagen findet kein Unterricht statt. Die Vorbereitung zur Varmizwah und der Unterricht im Tcphilliulcgen geschieht in der Schule. Das Bestreben des Anstaltsleiters und des Lehrerkollegiums gebt dahin, die Schüler durch eine gute jüdische und deuttche Erziehung zu brauchbaren Mitgliedern der Gesellschaft heranzubilden. Die Schüler fertigen ihre Schularbeiten unter Aufsicht eines Lehrers an. wodurch auch den Minderbegabteu Gelegenheit geboten ist. fortzukommen. Neben der geistigen Ausbildung wird'der Pflege und Abhärtung des Körpers durch Turnübungen, Baden, Schwimmen und Ausflüge besondere Fürsorge gewidmet.