Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-06-18 · 25 (18.6.1926) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
25 (18.6.1926)
Date
1926-06-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613841-2613866--1842-2619248
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

s. Jahrgang -lummer 25 Die Amerikaner auf der Londoner Konferenz. Die Union -er amerikanisch-jüdischen Kongregationen und tie Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner, ebenso die Krüder- und Schwesternverbände, werden aus dem in London am 11. und 12. Juli stattfindenden Weltkongreß des liberalen Judentums vertreten sein. Die Union beschloß, den Delegierten beschränkte Marschroute geben,- die auf dem Kongreß gemachten Vorschläge sollen, bevor die Delegierten ihnen Mtimmen. der Union amerikanisch-jüdischer Kongregationen zur Beschlußfassung unterbreitet werden. Die Delegierten der Union sind: Dr. Julian Morgenstern. Präsident des Hebrew Union College. Rabbi Dr. William Rosenau, Dr. Stephen S. Wise und Dr. Samuel Schulwart. Der Sekretär der Zentralkonfereuz der amerikanischen. Rabbiner Rabbi Morris S. Lazaron, hat sich bereits nach London zwecks Teilnahme an der Vorbereitung des Kongresses begeben. Joseph und seine Brüder. Thomas Mann hat sich zu Oskar Maurus Fontana Über seine Pläne ausgesprochen. Fontana berichtet über Manns Aeußerungen in der «.Literarischen Welt": Ich werde eine Reihe historischer Novellen schreiben .. * Die erste Novelle begibt sich 1400 v. Chr. in der kanaanitischägyptischen Kultur und behandelt, was als Joseph und seine BrHder" überliefert ist. Aber ich schreibe nicht die Legende wiederum, nicht nochmals den Mythos, sondern ich möchte das so geben, wie es wirklich geschehen sein könnte, wenn man dabei das .Wort «wirklich" gebrauchen «darf. Joseph und seine Brüder sind ein ganz ungeheures Thema. Ich könnte, wie darin die menschliche Urgeschichte bis zum ersten Gesetzgeber Abraham eingefaßt ist. wie sich hier alle Glichen Kulturen schneiden, wie Baal gegen Jehova gesetzt ist. darüber könnte ich einen Roman vom Umfang des „Zauberberg" schreiben. Aber ich beruhige Sie gleich. Ich denke nicht daran. Ich will, obwohl ich das alles berühren möchte, es nur berühren, nicht aufrollen. Was mich vor allem an dem Stoff interessiert, ist. daß Joseph an den ägyptischen Hof kommt und dort mit einem Pharao zusammen trifft, nicht mit dem Pharao, wie er in unserer Legenüenwelt lebt, sondern mit einem ganz bestimmten Pharao, der für seinen Kreis ebenso Zentrum ist, wie Joseph für den seinen. Aus dieser Begegnung eröffnet sich ein Gegensatz nicht zweier Menschen, sondern zweier Kulturen, zweier Religionen. Wie mich überhaupt in diesen Novellen das Religiöse anzieht. Ich habe das Religiöse bisher nur mit der naiven Ehrfurcht eines Daseinsmeuschen vor dem Unbekannten angesehen. Doch jetzt zieht es mich unendlich heftig an. und ich glaube, das geschieht nicht zufällig, sondern notwendig. Das Religiöse wird unsere ganze nächste Zukunft bestimmen. Das Aesthetische in jeder Form ist endgültig vorüber. 2000 Jahre Chewra Kadischa in Breslau. In einer Zeit schwerster wirtschaftlicher Not. schärfsten Kampfes aller gegen alle, zu einer Zeit, wo sich die Gegensätze in Klasse und Rasse stets und überall aneinander stoßen und reiben, in einer solchen Zeit blickt das Judentum Breslaus auf 200 Jahre echter Religiosität, angewandter jüdischer Nächstenliebe zurück. Nicht nur die Chewra Kadischa, sondern die gesamte jüdische Bevölkerung Breslaus durfte % diesen Ehrentag mit freudigem Stolz begehen. Und war man schon mit großen Hoffnungen an den Tag herangegangen, so wurden diese Erwartungen noch durch die Tatsachen überboten.- dieses Jubiläum wurde geradezu zu einem Ereignis für unsere Stadt, die ja hinsichtlich ihrer jüdischen Einwohner an dritter Stelle in Deutschland marschiert. Bereits am vergangenen Sonnabend fanden in den Synagogen Festgottesdienste statt: in der liberalen neuen Synagoge ging Rabbiner Dr. Bo gelstein auf die Bedeutung dieses Festes in warmen, von starkem jüdischen Geist getragenen Worten ein. Gutes tun um des Guten willen, so lamet eine Grundsorderung des Judentums: diesem Altruismus stellten sich unsere Vorfahren mit ganzem Herzen, ganzer Seele und — ganzer Kraft zur Verfügung, ohne Rücksicht auf die Ungunst der jeweiligen Zeitverhältnisse. Und so sehen mir heute ein Gebäude vor uns. dessen Grundsteine in einer Zeit finstersten Elends gelegt wurden, ein Gebäude werktätiger Nächstenliebe, praktischer Religiosität: und mit dieser Erkenntnis zugleich haben wir die heilige Pflicht übernommen, dieses Gebäude nicht bloß zu stützen und ausrechtznerhalten. sondern cs auszubauen und fortzuführen. Am Sonntag versammelten sich im großen Saale des Konzerthauses alle die Männer und Frauen, die der Einladung der Chewra Kadischa gefolgt waren, zu einer Feier, die mit ihrer ganzen würdigen Stimmung und ihrem ernststolzen Charakter weit über ähnlichen Veranstaltungen stand. Nach einem gefühlvoll zum Vortrag gebrachten Orgelvräludium von Bach und einem im Zusammenklingen mustergültigen Quartett des Schlesischen Oratorien- Ouartetts (Schuberts ^Allmacht") begrüßte der Vorsitzende, Dr. Adolf D an zig er. die Erschienenen und mies in kurzen Worten auf die Seltenheit solcher Zweihnndertiahrseiern hin. Sodann hielt der bei Kollegen wie Patienten gleich beliebte Geh. Sanitätsrat Dr. Rosen st ein die Festrede und ging am die Entwicklungsgeschichte der Chewra Kadischa näher ein. Von unbekannten Gründern wurde im Jahre 1720 trotz gerade damals entsetzlichster Leiden die „Israelitische Krankenvcrpflegungs- und Veerdigungsgesellschaft" ins Leben gerufen. Wie ungünstig die Zeitverhältnisse lagen, geht am besten daraus hervor, daß sechs Jahre später die gesamte jüdische Bevölkerung Breslaus die Stadt verlassen mußte: auch mußten die Toten außerhalb der Stadr in Nachbarorten beerdigt werden. Mit Friedrich dem Großen kamen bessere Zeiten: io konnte man im Jahre 1760 unter aufopferndster Mitarbeit des Landesrabbiners Dr. Fraenckels an die Errichtung eines eigenen Hospitals gehen, und ein Jahr darauf durfte sich die Gemeinde einen eigenen Friedhof anlcgen. Trotz immer wiederkehrender Rückschläge entstand bald ein Anbau, die Gemeinde übernahm die Fürsorge für die Armen, und 18 Männer und Frauen sorgten für die Bestattung der Toten, — zwei Arbeitsgebiete. die vorher zur Chewra Kadischa gehört hatten, die sich aber auch weiterhin die Hilfeleistung bei Armut. Krankheit und Tod zur vornehmsten Aufgabe machte. Kaum war 1812 die Gleichberechtiguna eingeführt, als die erhöhte Inanspruchnahme durch die Verwundeten einen weiteren Ausbau notwendig machte. Eine schwere finanzielle Krisis wußte überwunden werden, itit5 schon 1802 stellte die Choleraepidemie Anforderungen, denen das relativ eben noch zu kleine Gebäude nicht gewachseil war. So wurden 184t drei weitere Häuser anaebaut und auch ein Waisenhaus angegliedert. das jedoch nach etwa 40 Jahren als selbständiae Institution wieder abqetrennt wurde. DaS'elbe Scknckial traf das Altersheim, und wenn auch nunmehr alle Raume für die Krankenfürsorge frei waren, genügte auch das noch nicht den gestellten Anforderungen. Mit Hilfe von gronzügigen Stiftungen schritt man schließlich zu einem Neubau, Beilage 18. Juni 1926 der auf dem von der Stadt erworbenen Gelände an der Hohenzollernstraße entstand, und 1903 konnte dieses neue, allen Fortschritten Rechnung tragende Krankenhaus eröffnet werden. Die erste Zeit dieses Werkes ist mit den Namen Sachs und Sanüberg aufs engste verbunden. Bald entstand das Siechenhaus, und durch Sie Burgfeld-Stiftung ward es möglich, im Jahre 1914 dem Gebäudekomplex eine Augen-, Poli- und Frauenklinik anzugliedern. Bon Anfang an ging man bei der Aufnahme von Kranken paritätisch vor. und am schönsten zeigte sich dieser Grundsatz im Weltkrieg. wo die Verwaltung den Militärbehörden 150 Betten zur Verfügung stellte. Die Nachkriegsiahre brachten der Anstalt schwere wirtschaftliche Sorgen, die nur durch die bewundernswerte Opferwilligkeit der Gemeinde nicht zur völligen Aufgabe führten. Und heute steht jener Bau zur Ehre des gesamten Judentums, ein Beweis aller der Kräfte, die trotz Hatz mrd Bedrückung Liebe und Wohltätigkeit üben. — Nachdem nun Oberkantor Borin mit starker Empfindung ein Arioso von Händel vorgetragen hatte, sprach in kurzen, markigen Worten Rabbiner Dr. Vogelstein den Wunsch aus, daß trotz äußerer Wandlung der Geist der gleiche bleiben solle und die Chewra Kadischa ihr religiös-soziales Werk weiter fortsetzen und vollenden möge. Rabbiner Dr. Simonsvhn wünschte der Jubilarin, sie möge den Namen Gottes auch fürder in der Oeffentlichkeit zu Ehren bringen— Und nun nahten alle die Gratulanten, die als Abgesandt« hoher und höchster Stellen ihr<^ Glückwünsche darbrachten. Geheimrat Goldfeld sprach für die Synagogengemeinde, Regierungspräsident I a e n i ck e wies aulf die Chewra Kadischa Hin als ein Werk voll Liebe und Arbeit am Wiederaufbau des Vaterlandes. Nach Domherrn Langer als Vertreter des Kardinals ergriff Bürgermeister Herschel das Wort und brachte die Glückwünsche des Magistrats dar, der in seiner letzten Stadtverordnetensitzung beschlossen hatte, der Anstalt ein Ehrengeschenk von 10000 Mark zu überweisen. In einer warmen Rede bezeichnete er dieses Jubiläum als einen Hochtagfür Breslau. Es folgten Pastoren, Aerzte. launige und ernste Worte lösten sich ab, bis noch Dozent Dr. L e w k o w i tz namens der Großloge Bne Briß der Anstalt als einem lebendigen Zeugnis von Menschen- und Gottesliebe für die Zukunft das Beste wünschte. Zum Schluß dankte Jnstizrat B i e l - schowski und gelobte im Namen der Chewra Kadischa: „Wir wollen das Unsre weiter tun!" Mit einem nochmaligen Quartettvortrag und Orgelspiel hatte die Feier ihr Ende erreicht. Unser alter Philosoph Philo sagt an einer Stelle seiner „Oe specialibus legibus" folgende trefflichen Worte: „Es ist wahr, daß die Menschen nur dann Gott ähnlich handeln, wenn sie wohltun. Welch höheres Gut aber könnte es neben als die Nachahmung des ewigen Gottes durch uns Sterbliche?" — In diesem Sinne seien auch von hier aus der Chewra Kadischa zu ihrem Ehrentage die besten Glückwünsche ausgesprochen mit dem innigen Wunsche, durch weiteres Wirken und Schaffen beizutragen zum sozialen Wiederaufbau Deutschlands. Heinz L e u n e r. Non ölet. i. Hugenberg. der gezähmte Judenfresser. Unter dieser Ueberschrift bringt das „Tagebuch" einen Aussatz von Thomas Wehrlin, in dem es unter anderem heißt: „Hugenberg ist von Haus aus kein Antisemit. Auch bei dem Oberbürgermeister Adickes in Frankfurt a. M., der sein Schwiegervater wurde, hat man keinen Juden gefressen. Aber als Hugenberg im Anfang der Inflation den früheren Besitzern der Scherl-Gesellschaft den „Lokal-Anzeiger", und was dran hängt, für ein Butterbrot abnahm, da entschloß sich Hugenberg mit einem hörbaren Ruck, Antisemit zu werden. Immer, wenn Arier jüdische Geschäfte machen, erzeugen sie dazu antisemitische Musik. Kaum hatte Hugenberg den „Lokal-Anzeiger" in der Hand, da ließ er sich schon den damaligen Generaldirektor kommen und befahl: „Von heute an wird der „Lokal-Anzeiger3 antisemitisch!" Der Generaldirektor wagte einige UeberzeugungSeinwände. Vergebens. Da stieg er hinunter in die Jnseratenabteilung des „Lokal- Anzeiger", ließ sich eine konfessionelle Statistik der Inserenten aufstellen und bewies, daß von den großen Anzeigen des Blattes elf Zwölftel von nicht ganz judenreinen Firmen stammten. Diese Statistik las Hugenberg, und sie überzeugte ihn! Der Tagesbefehl wurde abgeändert, der „Lokal-Anzeiger" muß sich jeder antisemitischen Regung enthalten. (Selbst Hussong muß parieren!) Die Juden, die in der Redaktion des „Lokal-Anzeigers" saßen, mußten konserviert werden, der jüdische-Verlagsdirektor Philipp Goldschmidt wurde nicht pensioniert, Sally Breslauer von den nationaldeutschen Juden blieb Chef vom Dienst, und Herr Proskauer, kurz vorher fleißiger Mitarbeiter des „Vorwärts", durfte sogar das jüdische Blut der Redaktion verjüngen. Von Aron Rosenthal gar nicht zu reden, die Erhaltung dieses früheren Rabbiners ließ sich Hugenberg sogar viel Geld kosten . . . Schließlich, man kann nie wissen. Eines Tages wird man mit diesen Schmuck- und Schutzjuden vielleicht wieder paradieren. Antisemitisch war man nach den Jnseraten-Argumenten nur mehr in der Provinz." s II. Aus einem vertraulichen Rundschreiben. Die „Mecklenburger Warte" veröffentlicht ein vertrauliches Rundschreiben hervorragender deutschnatioualer Führer, welches sich mehr auf die deutsche Politik im allgemeinen bezieht. Vom jüdischen Standpunkt ist wohl der zweite Absatz von Interesse, welcher wie folgt lautet: „Das Schwergewicht unserer Anhängerschaft ist in landwirtschaftlichen Kreisen zu suchen. Leider ist die Notlage dieses Berufsstandes zur Zeit aber so groß, daß ans die bisher von dorther fließenden Geldauellen kaum noch zu rechnen in. Ersatz für diesen Ausfall zu suchen, ist Pflicht vorausschauender Taktik. Dabei wird man sich vornehmlich bei den Bank- und Handelskreisen unseres sogenannten linken Flügels umschauen müssen. Diese .Kreise sind aber durch den bedauerlichen Parteibeschluß, Juden hinfort in Miseren Reihen nicht mehr zu dulden, nicht unerheblich vor den Kopf gestoßen. Eine Aufhebung dieses Beschlusses scheint bei der Stimmung auf dem platten Lande allerdings nicht angezeigt,- dies märe auch deshalb untunlich, weil es den Völkischen großes Agitationsnraterial gegen uns liefern würde, was z. B. gerade bei der bevorstehenden Wahl in Mecklenburg von katastrophaler Wirkung sein könnte. Jedoch wäre es möglich, diesen etwas unmutig gewordenen Kreisen in der Partei durch die Bereitwilligkeit, in einem Kabinett der Großen Koalition positiv rnitznarbeiten, ausgleichend entgegenzukommcn." (I. Z.) Schluß der Wohlfahrtslagung. In der voriacn Nummer hatten wir über die Eröffnung der Tagung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden ausführlich berichtet. Die Verhandlungen wurden am Montagvvrmittag sorigeführt. Zunächst sprach Herr Ministerialrat Dr. Wittclshöfer über Grundfragen der staatlichen Wirtschaftsfürsorge mit besonderer Betonung Ser für die jüdische Wohlfahrtspflege in Frage kommenden Punkte sErwerbslosenfüvsorge. Ausländersürsorae). während der Korreferent, Herr Rechtsanwalt Dr. Georg Baum, die Hauptgebiete der Sozialpolitik (Durchwandererfürsorge. Arbeitsnachweiswesen, Berufsberatung) von großen allgemeinen Gesichtspunkten ans zur Darstellung brachte. Daran schloß sich der Bortrag des Herrn Dr. Felix Theilhaber über .jüdische Bevölkeruwgsfragen^. der in erster Linie die sozial-hygienische Fürsorge im Interesse der Gesunderhaltung der jüdischen Bevölkerung eingehend begründete. ,/Ueber jüdische Jugendnot und Jugendhilfe" sprachen sodann Herr Oüermagistratsrat -Dr Friedrich Ollendorf und Fräulein Ottenheimer. Während Herr Dr. Ollendorf die Grundlinien für einen systematischen Ausbau der jüdischen Jügendwohlfachrt in Deutschland aufzeichnete und an der Hand von Beispielen anschaulich machte, beleuchtete Fräulein Ottenheimer die besonderen Bedürfnisse einzelner Kategorien von' Jugendlichen, insbesondere der Schulentlassenen. Der Nachmittag brachte unter sachkundiger Führung deS Herrn Rabbiners Dr. Eschclbacher die Besichtigung der Ausstellung „Hygiene der Juden" und! nach einigen einleitende» Worten des Herrn Paul Frank, die Vorführung des jüdischen Wohlfahrtsfilms. Der Dienstagvormittag war -er Erörterung der Hauptarbeitsgebiete der Zentralwohlfahrtsstelle in den Arbeitsgemeinschaften, der jüdischen Gefährde» tenfürsorge und Tuberkulosefürsorge gewidmet. An den Beratungen nahmen nicht nur die engeren Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaften, sondern fast alle bei den Tagungen anwesenden Gäste aus dem Reiche teil. Ueber den wichtigen Punkt der „Fürsorge für jugendliche Psychopathen" sprach Herr Lehrer Sawady, Frau Paula Ollendorsf sprach über „Gefängnisfürsorge". Den beide» Themen schloß sich eine lebhafte Diskussion an. in welcher wertvolle Ergänzungen, vor allen Dingen durch Herrn Rabbiner Dr. Horowitz-Frankfurt a. Main und Frau Carv- Köln, zu den beiden Themen, insbesondere aber zu dem Thema „Gefängnisfürsorge", gemacht wurden. In der Arbeitsgemeinschaft der Tuberkulosefürsorge referierten Herr Dr. Samson über „Neuzeitliche Maßnahmen der Tuberkulosebekämpfung und Fürsorge". Fräulein Frieda Weinreich über „Stand der Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose unter den Jrrden in Deutschland". Zum Schlüsse sprach Frau Brenner über „Zukunftsaufgaben der jüdischen Tuberkulosefürsorge". Auch hier fand eine eingehende Diskussion statt, an welcher sich n. a. Herr Sanitätsrat Dr. Auerbach-Köln und Herr Dr. Mosczyll-Freiburg beteiligten. In beiden Arbeitsgemeinschaften wurden Resolutionen gefaßt, welche die Ergebnisse der Referate und der Aussprache sesthielten und die für den weiteren Fortgang der Arbeit ' bestimmend sein werden. Am Schluffe dankte Herr Caspary noch einmal der iüdischen Gemeinde Düsseldorf und dem Frauenverein für die reiche Gastfreundschaft und für die sorgfältige Vorbereitung der Tagung. Am Nachmittag fand eine Kundgebung des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbttnde statt, bei welcher Herr Georg Lubinski über „das soziale Programm der jüdischen Jugend" sprach. Die Bedeutuna der Tagung beruht nicht nur in der Fülle der Anregungen für die weitere Entwicklung der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland, sondern vor allem in der Kundgebung zur gemeinsamen Arbeit aller Gemeinden, Vereine und Organisationen aller beruflichen und freiwilligen Kräfte. Dies ist durch die Tagung überaus stark zum Ausdruck gekommen und bedeutet einen erfreulichen Ausblick für eine weitere günstige Entwicklung der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschlauid. Die Juden auf der Gesolei in Düsseldorf. Von Erich Tv ep litz. Die Idee -der Ausstellung erfordert, daß einerseits öaS Judentum überall dort vertreten fei, wo cs als gleichberechtigter Faktor zu werten ist, anderseits eine Sonderschau, die spezielle jüdische Fragen zum Thema bekanntgibt. Daneben sind hie und da noch indirekt jüdische Gebiete, sei es sachlich, sei cs persönlich, gestreift worden. Der jüdische Besucher wird deshalb neben dem Pavillon ^Hygiene der Juden" noch weitere Stände der Ausstellung anfsuchen müssen, wenn er das gesamte in Betracht kommende Material sehen will. In erster Linie galt es. in allen vergleichenden Darstellungen den Anteil der jüdischen Wohlfahrtspflege zu verzeichnen, eine Ausgabe, der die Zentralmvhlf a h r t s st e l l e der d e n t s che n I u d e n in Berlin durch intensive Mitarbeit gerecht wurde. Man kann sich so über die Taubstummenanstalt-Weitzcnsec. über die Arbeit des Jüdischen Frauenbundes und seine Heimvermitklnng, Stellenbeschassnng, Weiterbildung, Rahnhofsmission und Attswanderersürsorgc orientieren. Man erfährt näheres über die Gesährdetenfürsorgc, die drei Fürsorgcheime mit 100 Plätzen und vier Zufluchtsheime mit 49 Plätzen besitzt, über den Wohlsahrksverband, der 39 Anstalten mit 1029 Betten umfaßt, über die Jnstitntioncn für Epileptiker und Schwachsinnige — 101 Betten —. über Heilstätte Dürrheim und Erhohnngsheim Kreuznach und über vieles andere. Neben den Sonderausstellungen der konfessionellen und interkonfessionellen Verbände mußte wiederum eine besondere Koje für unser jüdisches Fürsorgewesen geschaffen werden. Diese Arbeit ist dem Frankfurter Knnstgewerbler Werner Epstein übertragen worden, der ein eindrucksvolles Schaustück erstellt hat. In der Mitte erhebt sich ein Aufbau, der die Organisation der Zentralwohlfahrtsstelle iu sinnsälliger Form zeigt, dahinter ist eine Zchngebotetafel an der Wand angebracht, aus der Sinnsprüche zum Thema aus der alten jüdischen Spruchweislreit stehen. Den Zusammenhang zwischen der traditionellen und der modernen Fürsorge wird ferner durch zwei geschickte Plakate dargestellt, deren eines die sieben Formen altüberlieferter, deren anderes die vier Formen moderner Fürsorge zeigen. Zur Seite werden dann zwei wesentliche Nenschövsunaen moderner Fürsorge in Erinnerung gebracht: Das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg bei Frankfurt a. M. mit 58 Pfleg, lingen im Jahre 1925 und die Erziehungsanstalt in Ahlem, die bis 1926 40 Handwerker und 338 Gärtner ausgebildet hat. Der Pavillon „Hygiene der Inden" zerfällt nach seiner Aufgabe in verichicdene Gruppen. Ein RepräsentativnSraum iu der Mitte dient der Darstellung der bereits in der Bibel verzcichneten Fürsorgegeictze: Sabbatrnhc und -Heiligung, Eheverbote der nahen Verwandten, Absonderung der Aussätzigen. Ilntersuchnng der Speisen aus ihre Genießbarkeit. Hilfe riit Kranke und Uebcrlassuna eines Teiles der Ernte an Arme. Es muß besonders darauf hingewiesen werden, daß die eindrucksvolle Darstellung dieser Ideen sdnrch den Düsseldorfer Bildhauer F l e i s ch h a ck e r) ans die Vorschläge des Ansstellungssachmanncs Dr. Neu-. stätter, zuriickgehcn. der damit eine der schmierigsten Aufgaben glücklich gelöst hat. Die Fortsetzung dieser' biblischen Gesetzgebung. noch einmal betont durch einen Schrank mit geöffneter Thora, und ihre Auswirkungen auf die zum i i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.