Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 24 (11.6.1926)
- Date
- 1926-06-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Lehnitz bei Berlin. iJüdisches Genesungsbeim.) Das Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde bittet uns um nachstehende Mitteiluna: „Wie in der Vorkriegszeit nimmt das Jüdische Genesungsheim in Lehnitz wieder im Erwerb stehende trauen und Mädchen zur Erholung auf. besuche sind an das Wohlfahrtsamt der JMnststen Gemeinde. Roseustraßc 2—1 zu richten. Die Generalversammlung des Vereins findet am Sonntag, den 27. Juni 192«. um ^12 Nhr Mittags im Heim in Lehnitz, Biktoriastraße, statt." Mannheim. (Zum Tode von Max Goldschmi dt.) Am 3. Juni wurde der Ehrenvorsitzende der jüdischen Gcmeindc Mannheim und Mitglied des badischen Oberrats der Israeliten, Bankier Max Goldschmidt, zu Grabe getragen. Ter Verstorbene hatte sich keiner bestimmten religiösen Partei angeschlossen, sondern stand über den Parteien. Dennoch darf auch in diesen Blättern seiner gedacht werden als eines Mannes, dessen vorbildliches Leben und Birken der jüdischen Gemeinschaft nnr zur Ehre gereicht hat. Das kam bei der Bcerdigungsfeierlichteit zu starkem, einheitlichem Ausdruck. Nach der Rede des Geisttichen. Rabbiner Dr. Oppenheim. svrachen für den Obcrrat der Israeliten Rechtsanwalt Tr. Pfälzer-Weinheim unter besonderer Hervorhebung der ausglcichenden Wirksamkeit des Verblichenen im Dienste der Laudessnnagoge. für die hiesige jüdische Gcmciudc. die der energischen, klugen Leitung des Verstorbenen viel verdankt, der Vorsitzende des Synagogen rcttes Tr. Moses, für die Bne-Briss-Loge Notar Dr. Appel, für den Zcntratucrein Rechtsanwalt Dr. Bachert, für den israelitischen Waiscnvcrein Bankier Lcso.?lnf den Arbeitsgebieten dieser Bereinigungen hatte sich der Verschiedene liebevoll und erfolgreich betätigt. Marburg. G2. G e d n r t s t a g.) In befriedigender körperlicher Irische und geistiger Regsamkeit beging Frau Johanna Straus;, geb. Kann, unter reger Anteilnahme, ihres groben Bekanntenkreises den 92. Geburtstag. Die ehrwürdige Greisin hat im israelitischen Frauenverein, dessen Ehrenvorsitzende sic ist. Irene und wertvolle Tätigkeit entfaltet nuo nimmt noch heute cm allen Angelegenheiten innerhalb der Gemeinde regen Anteil. Ralrbor. lE i n w e i h n n g eines jüdischen Gesa l l c n c n d e n k m a l s.) In der vergangenen Woche fand hier die Einweihung eines Denknrals für die im Weltkrieg gefallenen Angehörigen der Svnagogengemeindc statt. Abweichend von den bisher üblichen Denkmälern ist nicht die hoch aufragende Form gewählt worden, vielmehr hat der Denkstein die Form einer Grabplatte. Links vom Ausgang aus der FricdhosShallc ist bekanntlich ein Teil des Friedhoss als Ehrensriedhof ausgestattet worden. Hier stehen die drei Denkmäler der in Nattbor bestatteten im Weltkrieg gefallenen Mitglieder der Gemeinde und hier hat nunmehr das Ehrenmal seinen Platz gefunden. Die in schlesischem Granit hcrgestellte Platte trägt die Namen von 19 gefallenen Gemeindend tgliedern mit der Widmung der dankbaren Gemeinde. Schueidcmühl. (Gründung eines Bezirksverbandes.j Imecks Gründung eines Bezirksverbandes der rabbincrlvscn Gemeinden in der Umgebung Schneidemühls hat der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde die Vorstände der benachbarten Gemeinden zn einer Besprechung hierher cingcladen. Dieser Einladung hatten Folge geleistet die Gemeinden: 1. Dt.-Krone, vertreten durch die Herren Schvnfcld. Viktor und Cohn: 2. Pr.-Fricdland. durch die , Herren Lewa und Jakobius: 3. Mürk.-Friedland, durch die Herren Kraft, Reumann und Herrmann: 4. Hammerstein, durch die Herren Reustein und Goldmann: 5. Flatow, durch Herrn Kahnemann: 6. Iastrow, durch die Herren E. Simon, 'Ehraplewski und M. Litten: 7. Schlochau, durch Herrn Freundlich. Die Gemeinde Krojanle hatte auf die Einladung nicht geantwortet. Herr Stadtrat Schneider begrübt die Anwesenden mit herzlichen Worten und eröffnet die Sitzung. Hierauf berichtet Herr Rabbiner Dr. Rosenzweig über Zweck und Ziele des zu begründenden Verbandes. Ausgehend von der Tagung des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Preußens im Jahre 1925, deren Statistik ein tranrigcs Licht auf die preußischen Gemcindeverhältniffe wirst, betont ex unter Hinweis ans die besonderen religiösen Verhältnisse der Grenzmarkgemeinden, die Notwendigkeit, das religiöse Leben zu erhalten und zu vertiefen durch Belehrung in den Gemeinden und durch einen engeren religiösen Zusammenschluß derselben. Die ausgedehnte Erörterung, die sich hieran anschloß, und «an der sich insbesondere die Herren Freundlich-Schlvchan. Cimon-Iastrvw. Lewin-Schncidemühl. Neuhaus-Hammerstein, Schwcriucr-Schneidemühl, Schvnfeld-Tt.-Kroue beteiligten. berührte fast alle wichtigen Fragen der jüdischen Gemeinden, wie Religionsunterricht, Beamten. Gemeindeverwaltung usw. Tic traurigen Tatsachen, daß insbesondere für den jüdischen Religionsunterricht in einzelnen Gemeinden gar nicht, in anderen nicht ausreichend gesorgt ist. wurde allgemein als unhaltbar bezeichnet und zugleich die Notwendigkeit betont. diesem Zustande sobald als möglich ein Ende zu machen. Ebenso erschien allen Anwesenden die Besprechung und Beratung gemeinsamer Fragen im Interesse aller Gemeinden in einem zu gründenden Gemeindeverbande als notwendig und erstrebenswert. Rach einer Kasfcepause, die Gelegenheit zu weiterer zwangloser Aussprache gab, faßte Herr Justizrat Soldin die Momente der Aussprache zusammen, die aus baldigen Zusammenschluß hinwiesen, und er bat die Anwesenden, diesen Blau ihren Gemeindevertretungen zur Besprechung und Beschlußfassung vorzulcgen, damit der beabsichtigte Zusammenschluß bald zur Tatsache werde zum Wvhle der betreffenden Gemeinden und zum Heile des Judentums. Hieraus verliest Herr Justizrat Svldin folgende von allen Anwesenden gebilligte und unterschriebene Resolution: „Die heute, am 13. Mai 1926. in Schneidemühl versammelten Vorsteher -er jüdischen Gemeinden Dt.-Krone, Flatow. Iastrow. Pr.-Friedland. Märk.-Friedlaud. Schlochau und Hammerstein haben den Vorschlag der jüdischen Gemeinde Schneidemühl zur Gründnna eines Bezirks-Rabbinats der Grenzmark mit znstimmendcm Beifall begrüßt und erklären sich grundsätzlich bereit, für die baldige Verwirklichung dieser Idee bei ihren Gemeinden energisch cinzntrctcn." Nachdem Herr Rabbiner Dr. Rosenzweig dem Vorsitzenden in; Namen aller Amocscnden für seine Mühewaltung gedankt und den Wunsch ausgesprochen halte, daß es Herrn Stadtrat Schneider bald vergönnt sein möge, auch der ossizicllcn Begründung des Gemeindeverbandes zu präsidieren, wurde die Sitzung, die aus alle Anwesenden einen befriedigenden Eindruck gemacht hatte, geschloffen. Bemerkt sei. daß von den Schncidemühler Gemeindckollegicu der Versammlung folgende Herren beigewohnt haben: Dr. Rosenzweig. Schneider. Soldin. Schweriner, Jacob, Lcmin, Wolfs. Stein und Roscnthal. Aus der Bewegung Berlin. lJ ü d i s ch - l i b c r a l e r I u g c n d v e r e i n . I l i). Gruppe Osten (Führerin: Betty Markus. N 58, Schönbanscr Allee Aus der letzten Zeit liegen über zwei Heimabende Berichte von Gruppernnttglie-ern vor: 1. Religion und Sittlichkeit war dak Thema rmserrs Hvimube«-S. Wir singen dabei von Hermann Cohens Schrift aus. — Schon an die erste« Borte H. Cohens schloß sich eine Diskussion. Er schreibt: „Religion nutz Sittlichkeit machen den Anspruch, einen und denselben Begriff zu bebentzenZ Hiernach wäre Religion Sittlichkeit and Sittlichkeit Religion. Das mußten wir verneinen: denn Sittlichkeit kann wohl religiösen Ursprungs sein, aber ste ist rttcht Religion. Die Religion birgt für uns noch mehr als nur Sittlichkeit. Hermann Cohen aber sagt: „Religion ist -er Weg zur Sittlichkeit." Run gibt es aber Menschen, die sittlich sein wollen, ohne religiös zu sein. Sie behaupten. Sittlichkeit bestehe unabhängig von Religion. Keineswegs: denn Religion mrt Sittlichkeit sind viel zu nah miteinander verwandt, um sich nicht zu kennen. Man müßte sonst zwei Sittlichkeiten annehmen: eine religiöse und eine »religiöse, was wir ablehntrn. Hierbei kann wohl erwähnt werden. waS H. Cohen^ im allgemeinen über den Begriff Sittlichkeit sagt. „Das Sittliche betrifft die unmittelbaren Verhältnisse der Menscher; untereinander und damit auch des Menschen zu sich selbst." Dieser Anschauung schloffen wir uns an. „Ohne Erkenntnis kein Begriff des Menschen und kein Begriff der Sittlichkeit." Der Begriff der Sittlichkeit ist nicht erlernbar oder übertragbar; jeder Mensch muß sich ihn erkämpfen, erarbeiten. Nun zur Religion. Sie bietet nicht allein den Begriff der Sittlichkeit mit ihrer Beziehung auf den Menschen, sondern auch den Gottesbegriff und bei uns noch dazu den Glauben an einen einzigen Gott. Und wir Menschen sind es, die erstreben, diesem einzigen Gott näher zu kommen. Hierbei muffen wir H. Cohen zustimmen: „Was gut ist. das hat Gott kundzntun „.. Wenn cs sich aber um das Gute liandelt. so handelt es sich nicht um Gott. Bei dem Guten handelt es sich um den Menschen." Als letzten Punkt sprachen über H. Cohens Zukunfisglauben. Er ist der Ansicht, daß einst am Ende der Tage die Menschen zur wahren Sittlichkeit gelangt sein werden, so daß sie keine Religion mehr brauchten, weil sie nur der Weg zur Sittlichkeit sei. Diesen Gedanken bezweifelten wir. denn Religion ist kein Mittel zur Sittlichkeit und die Menschen werden sie immer brauchen. 2. Am letzten Heimabend beschäftigten mir uns mit dem Buche „Hiob". Es ist um das Jahr 300 v. Ehr. entstanden, ungefähr zur Zeit Alexanders des Groben. Die moderne Bibelwissenschast nimmt an. daß das so schön geschriebene Buch in zwei Teile zu teilen ist. Das erste und zweite Kapitel und das letzte Kapitel gehören eng zusammen. Dieser Teil stammt aus einem alten Volksbuch und ist wie <in Märchen geschrieben. Er erzählt von Hiob, seinem Leben und seinem Leiden. Der mittlere Teil ist sprachlich . vollkommen anders. Er klingt wie moderne Dialoge. Aus Hiobs Reden mit seinen Freunden und mit Gott sehen wir. wie ein Mensch durch all die vielen Leiden hindurch nicht sein starkbefestigtes Gottvcrtrauen verliert. Ein einziges Mal in höchster Gefahr verliert er den Mut zum Leben und sein Vertrauen ans Gott. Auf die Frage nach der Ursache für all die Leiden Hiobs gibt uns der Dichter keine Antwort. Er schließt selbst mit einer Frage. Wir versuchten uns über die Grundfragen des Buches klar zu werden. Die hanpisächlichste ist wohl: „Warum leidet der Unschuldige?" Darauf antwortet ihm Gott wieder mit einer Frage: „Ist dem Menschen nicht vieles unergründlich? Am Schluß des Heimabends nahmen wir uns vor. am nächsten Heimabend über die tieferen, allgemeinen Fragen des Buches zu sprechen. Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendg e m e i n s cha f t.i Im Rahmen eines Heimabends erzählte Herr Ludwig Ries nähere Einzelheiten über die Geschichte der Juden in Worms. Vieles, was uns in Worms zweifelhaft geblieben war. erklärte er mit sachkundiger Ausführlichkeit. Es kamen auch hierbei manche uralte Bräuche zur Sprache, die uns moderuen Menschen vollkommen fremd geworden sind, und über die sich eine lebhafte Diskussion entspann. Am 11. Mai fand unsere Gabriel-Rießer-Fcier im Trausaal der Synagoge der Königsteiner Straße statt. Ein von Hermann Geiger gestelltes und selbst geleitetes Jugendorchester spielte wirkungsvoll einleitend und beschließend Stücke von Haendel. Referendar Erich Leopold hiclt die Gedenkrede, in der er ein Lebensbild des Mannes zeichnete, der ein Vorgänger für die Emanzipation der Juden gewesen war. und der allen Anfechtungen und Zurücksetzungen zum Trotz mutig weiter gekämpft hatte, für die Freiheit und das Recht. Frau Wohl rezitierte mit dramatischer Künstlerschast die Ballade einer alten jüdischen Sage. Die Feier, die sich eines zahlreichen Besuches erfreute ider Saal war überfüllt), erhielt eine besondere Note durch die Anwesenheit mehrerer noch lebender Verwandten und Angehörigen des gefeierten Mannes. Der tote /inte. (Forts.) Von Doris Wittncr. Nachdruck Terhoten. — Copyright by Grethiein Jfc Co., G. m. b. H., Leipzig. II. Kapitel. Die Kriegsfackcl loderte durch ganz Europa und drohte bisweilen, darüber hinauszugreifen in die noch unerforschten Reiche einer nach Millionen zählenden farbigen Menschheit, deren durch die Nacht des Völkergemetzels gellender Schrei hier und da gleich dem Ruf eines brünstigen Tieres zu dem gewaltigen, scheinbar außerhalb der Begriffe von Gut und Böse stehenden, Gesetze, Völker und Länder zerbrechenden und ncuformenden Manne drang, der, ein anderer Attila, in der strahlenden Stadt des Westens, dem feurigen Herzen der Welt, sich selbst erhöht hatte über alles, was Menschennamen und Menschenmaß trug und der Völker und Fürsten untereinander warf wie ein Kleinbürger vielleicht Spielkarten mischt und in müßiger Laune zu heiterem Ergötzen fügt, Napoleon Bonaparte, ein Sohn des Volkes und der Revolution, der nicht umsonst der neuen französischen Republik, deren dreifarbige Kokarde er statt der legitimen bourbonischen Lilien über den Erdball trug, Hunderte von Schlachten gewann, hatte sein Meisterstück inmitten der friedvollen Stadt Paris geleistet, allda er selbst den Pontifex maximus der katholischen Christenheit, den Papst zu Rom, wie einen mehr oder minder artigen Schulknaben in Demut und Gehorsam gezwungen und sich von ihm die Krone weiland Karls des Großen auf die marmornen Schläfen hatte setzen heißen. Das heißt: nein, die Krone, die er sich selbst im Feuer männermordender Schlachten neu geschmiedet zu haben glaubte, hatte er auch diesem kläglichen Etwas, dem Manne von Rom, dessen er nur zu symbolischer Heiligung höchst unheiligen Tuns bedurft zu haben schien, mit wilder Triumphgebärde entrissen, um sie sich selbst auf das unbesiegte Haupt zu drücken. Verachtung hatte seine kühnen Erobererlippen geschürzt, als er. das Volk unter dem gelösten Kanonensalut tausendfältig Vivat rufen hörte: das gleiche Volk, das unter dem gleichen Donner der Geschütze ihm, seinem neuen Kaiser und Herrn, zujubelte und das doch kaum ein Jahrzehnt zuvor mit demselben Geschrei seinen gesalbten König! und Herrn vom Leben zum Tode gebracht hatte und dem Todeskarren mit wüsten, unflätigen Schimpf Worten bis auf den Richtplatz gefolgt war. Er, der jetzt von dem Stellvertreter Gottes auf Erden das Salböl der Könige auf seiner eigenen Stirn empfangen hatte, er kannte das Volk. Und weil er es kannte, verachtete er es, wie er jede Masse verachtete, die keinen eigenen bewußten Willen, sondern nur dumpfe Herden- und Hordeninstinkte ihr eigen nannte. Aber in fünfzehn Jahren gärender, aufkochender und sich wieder glättender Volkswut hatte er — er als einziger unter Millionen — gelernt, wie man jede geheimste »Regung der „Masse Mensch“ erspürt und wie man sie gängelt nach höchst eigener Laune, statt etwa gegängelt zu werden von ihrem Zorn oder ihrer Freude. Und nun stand er droben. Ueber ihnen allendie froh waren, wieder emporblicken zu dürfen zu einem, der alle Phasen des Staatsumsturzes mitgemacht hatte, und der schließlich der letzten, widerlichsten, dem Terror, kurzerhand den Genickfang gegeben hatte. Nun war er allein. Denn zwischen der Macht, die er verkörperte, und allem, was sonst auf Erden Maß, Ziel und Richtung einnahm, gab es keine Berührung, gab es keine andere Beziehung als die der Entfernung, keine andere Verkehrsform als den Befehl, Und — auch das wußte er — daß er die Massen, die er vor sich und für sich in Leidenschaft entzündet hatte, daß er sie fortab immer aufs neue würde entflammen und berauschen müssen; daß Blut, Feuer und Eisen künftig die Sinnbilder der von ihm neu geschaffenen Welt dar stellen würden. Und eben darum, weil der einsame Mann auf den Höhen seiner Erkenntnis dieses wußte und sich nicht den Dünkel der Legitimität erlauben durfte, diesen Dünkel, der Fäulnis und Unzufriedenheit erzeugt, darum würde es fortab in Europa auf ein Jahrzehnt hinaus keine Ruhe mehr geben, sondern es würde bald da, bald dort ein neuer Brandherd aufzucken, der gelöscht zu werden verlangte, eine neue Wunde an diesem oder jenem Volkskörper aufbrechen, die Pflege, Wohltat und Labe heischen würde; und der Spender aller Gnaden würde allzeit und ausschließlich E r heißen. Mochten darob um ihn auch Wüsten von Einsamkeit branden; mochte er sich verzehren in glühendem Frost, der ihn immerdar zu schütteln schien, gleichviel, ob Tropengluten vom Himmel herniedergleißten! — Er war innerlich erfroren, und darum nützte es nichts, daß emsige Hände selbst im Mittsommer die Kamine seiner Gemächer mit prasselnden Scheiten füllten: Bis zu dem Eisesrand, der seine Seele gefangen hielt, drang keines Raumes natürliche oder künstlich erzeugte Wärme. Höchstens im Biwak, am Schlachtenfeuer, verloren sich Kälte und Weltenangst. Und also ward die offene Kanonen«! mündung seine eigentliche Heimat: eine ambulante Heimat, die seine Söldner über Europens Ebenen schleifen, auf Europens Hochtälern und an Europens stolzesten Strömen aufschlagen würden. In seinem Gefolge aber würden alle menschlichen Leidenschaften einherstürmen: Liebe und Haß, Rache und Mißgunst, Profitgier und Scheelsucht, hier und da vielleicht auch einmal —: .^injen Herzton lang «— das echte Gefühl eines Menschen für den erfrorenen, verbrannten, vor sich selbst fliehenden Meto«? sehen in Ihm. Aber echtes Gefühl oder gar Menschlichkeit um der Menschlichkeit willen? Wer so hoch stand wie Er, vielmehr, wer sich selbst solcher nie gewesenen Höhe aus eigener Macht vermessen hatte: der würde sich des An^ Spruches auf die bescheidenen Empfindungen des schlichten Bürgersmannes, auf Gefühlskomplcxc ohne Arg besser ein für allemal begeben. An seinem Tische tafeln, auf seinem Stuhle sitzen, in seinem Bette schlafen, von dumpfen Träumen geplagt, würde immer nur das Mißtrauen und der giftige Verdacht, daß ja niemand mehr Ihm etwas zu geben vermochte oder vermögen würde, ohne denn von Ihm etwas zu erwarten, ohne Ihn umlauern, belügen, bestehlen und umhehlen zu müssen. Wer selbst die ganze Menschheit als feil erkannt hatte und nur um die Verschiedenartigkeit der Preise wußte, wessen grenzenloser Verachtung die Käuflichkeit aller von Menschen herrührenden Eigenschaften und Gesinnungen sich in scheußlicher Nacktheit offenbart hatte, der durfte nimmermehr das Geschenk eines reinen Wollens, eines Vertrauens ohne Zweifel erwarten. Mithin war der Preis* um den er sich die ganze Menschheit eingehandelt hatte, seine eigene Menschlichkeit gewesen. Ein hoher Preis, fürwahr! Aber Er hatte ihn redlich gezahlt, hatte sich selbst verblutet an seinen großen Traum von der Macht des einzelnen über alle, und deshalb war fortab Leere, Ausgeschöpftheit und der Wahn aller Cäsaren: ihrer Macht über die Menschen sei keine Grenze gesetzt, das Los des einsam dahintaumelnden Gipfelwanderers. Man mußte schon schwindelfrei sein, um seinen Pfad zu schreiten. Aber noch war Er es. Noch wand sich tief drunten, unter seinen Schritten, das Menschenvolk, dem Er, voll unnachsichtiger Erkenntnis, den Fuß in den Nacken ge-, setzt hatte. In sich selbst und durch sich selbst hatte er auch sein Blut erhöht. Und darum saßen jene, die ihm Brüder und Schwestern hießen, nunmehr auf Europens Thronen als Könige und Königinnen von seinen Gnaden. Mit Herr-, gottsmanieren hatte Er die Welt in seine kleinen, festen* weißen Hände genommen, hatte sie aufgeteilt und hatte die größten und edelsten Güter an jene verschenkt, die dem gleichen Blute entsprossen waren wie Er. Dem korsischen Blut, Korsarenblut, man vergesse es nicht! (Fortsetzung folgt.) Auflösung des Rätsels von vorigeeRummen 1 | EL 1 4 1 rn 3 □ 5 2 i