Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 16 (16.4.1926)
- Date
- 1926-04-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613841-2613857--1767-2619164- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. «tzugspvets durch die «efchLftsstelle V« jährlich M. 2.50 «uzlummuer o.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 §ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: tw Mtlgliedsbeitrage enthalten. :: v. :: Chefredakteur: Dipl.-2«g. Bruno Doyda. Nr. 16 Berlin, 16. AM 1926 6. Jahrgang EEMWl^WSS>>SSSSWS>WWSSSSSSUWS>>>>>>W>MW»MSW»SSS>SS»>>>S>S»W>»SSW>SSSS»SSSS>>>S>WSW>WS>SWI^^ vis „Jüdifch-lidsrals Ssttung" srfcholnl Zsdsn Srsttag. Redaktion u. Ssfchüttsflslis: vorttn SiV. ^ttheimftr. l47. Sernruf: Vafvnheida 3358, 3359 Poftf d>«ckkonto: 0«rlitt J1W7 nr.»70«9 (VT«lnlgung fflr fta» liberal« Juftentum NadjOrudt f&mtl!d>»r Ortalnat>0«itrOg« nur mit votDWIttr 0«n«hm>guns d»r «•bafetton gcftattct. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Roupareillqeile 0,45 Soldmark, die R<Llamezeile 3.00 Gold mark, bei :: u :: Wiederholungen Rabatt. :: u s Anzeigenannahme: «jüdisch -liberale Zeitung* Inseratenableilung: Berlin SW 48, Wichelmstrake 147 (Hasenheide: 3358—89). sowie sLmtl. Annoncen-Exped. Formen und Branche. Wonnen und Bräuche. ' Bo» Rabbiner Dr. W i l d e, Magdeburg. Dieser Aufsatz ist der erste einer längeren Artikelreihe. die ungefähr in jeder dritten Nummer ihre Fortsetzung finden soll. Es gilt nicht, einen neuen Schulchan aruch für das liberale Judentum zu schaffen. Wir haben aber nerrn Rabbiner Dr. Wilde aufgeforöert. einmal die jüdischen Bräuche einer Untersuchung daraufhin -zu unterziehen, inwieweit sie überholt sind, inwieweit sie aber auch noch heut dem liberalen Juden Beachtliches zu sagen vermögen. Zu diesem Zweck wird Herr Rabbiner Dr. Wilde nach dem heutigen einleitenden Ueberblick zur Betrachtung der einzelnen Formen und Bräuche nach einem bestimmten Softem übergehen. Wir glauben, daß aus diese Weise das für unS Liberale so wichtige Problem in erneuten ftlitft kommen und das religiöse Leben sehr gefördert werden wird. Die Red. . I. Im Schloßhof zu Fontainebleau steht die alte Garde Napoleons. Napoleon ist nach Elba verbannt. Er tritt aus dem Schloß, um von seinen Getreuen Ab- Med zu nehmen. Zwanzig Jahre waren sie ihm durch Mmoert Schlachten gefolgt: ihrem Meister, ihrem Gott. M^fpricht. Ein General hält ihm die Fahne hin: er MWdas Tuch. Da weinen die ergrauten Männer laut sM denen alle Schrecken des Krieges keine Träneabgepreßt hatten. Bel Navoleons Anblick waren sie ruhig geblieben, bei seinen Worten hatten sie die Fassung bewahrt: als er die Fahne küßt, weinen sie. bis ins Innerste erschüttert, wie Kruder. Warum? Ist die Fahne nicht nur ein Stück Tuch? Ein wertloses Ding, für wenige Frank zu ersetzen? Fahne und Kuß aber waren sichtbare, fühlbare Symbole. Was tausend Worte nicht sagen können, fühlten sie. als Napoleon die Fahne küßte. Was sie in zwanzig Fahren als Tiefstes empfunden hatten, faßte der eine Augenblick zusammen: durch die Macht des Symbols. Eine Tüvrarvlle wird durch die Synagoge getragen. Die Menschen stehen und neigen sich: fühlen sich innerlich bewegt. Der Verstand spricht: Fm Gotteshaus soll ans der Bibel vorgelesen werden. Wäre es nicht richtiger. ein Buch vor Beginn des Gottesdienstes ans den Tisch zu legen, aus diesem vorznlesen? Keine vollständige Bibel, weil vieles darin steht, was unser Verstand nicht anerkennt oder verwirft. Ausgewählte Stücke in der Muttersprache lesen. Wozu die alte Thorarolle umhertragen? Das Gemüt aber fühlt, wenn die Thorarollc umhergetragen wird: sie ist auf Pergament geschrieben, weil sie so schon vor Jahrtausenden geschrieben war. Alle Menschen, ans deren Blut wir sind, haben sie so geschaut. Sie ist mit Kleid und Mantel versehen wie ein Kind, weil man sie lieb hat wie ein Kind. Sie ist mit silberner Krone wie ein Prinz geschmückt, weil sie wie ein Königssohn geehrt wird. Man zeigt sie allen wie kostbaren Besitz in feierlicher Stunde, weil sie kostbarer Besitz ist. Alle jene, fast immer unbewußten Gefühle verdichten sich zum religiösen Empfinden. Wieviel Worte wären nötig, um alles zu sagen, was hier das Gemüt in einem Augenblick erfaßt. Wie weit der Weg vom Wort zum Gemüt. Wie schwächlich oft die „klaren" Worte, wie stärk, die „unklaren" Gefühle. Die Formen sprechen unmittelbar zum Gemüt. Religion aber ist Macht Wer das Gemüt, oder sie ist gar nicht. Zu Hillel kam ein Seide und sprach: „Lehre mich eure Religion in der Zeit, in der ich auf einem Fuß stehen kann." Hillel antwortete: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist die ganze Religion, alles andere ist. Kommentar." Eine platte Antwort auf eine törichte Frage. Man kann die Sittenlehrc der Religion in diesen einen Satz zusammenfassen, aber nimmermehr die ganze Religion. Die Sittenlehre ist ein Teil der Religion. Ein wichtiger Teil. Denn im Mittelpunkt der Religionsgeschichte steht die Erzählung von der Offenbarung am Berge Sinai: jene Offenbarung verkündet fast nur Sittengesetze. Aber so wenia jemand ein religiöser Jude — oder auch ein religiöser Christ — ist. der diese Sittenaesetze nicht hält, so wenig ist jemand, der nur diese' Sittengesetze hält, ein religiöser Jude — oder auch ein religiöser Christ. Güttg gegen andre kann auch der mit sich selbst zerfallene Mensch vor Berliner Repräsentantenwahlen am 16. Mai. Am 10. Mai dieses Jahres sollen die Wahlen zur Revräientantenoeriammluna der Berliner Jüdischen Gemeinde statti'inden. Es wäre mit Rücksicht ans die gegenwärtige Wirtschaftsnot und auf die in weiten Kreisen herrschende Not wünschenswert gewesen, einen Wahlkampf zu vermeiden. Die Gelder, die der Wahlkanrp-s verschlingen wird, hätten gerade im gegenwärtigen Augenblick für wertvollere Zwecke verwandt werden können. Diese Einsicht schien zunächst bei den Führern aller Parteien vorzuherrschen: in der zweiten Hälfte des März trafen die Führer der Liberalen, der Zionisten (Jüdische Bolksparteis. der Mittelvartei und der Orthodoxen zusammen, um über die Aufstellung einer Einheitsliste aller Parteien zu beraten. Für die Aufstellung einer Einheitsliste gab es nur eine vernünftige Grundlage. Wenn man eine neue Feststellung des Stärteverhältnisses der Richtungen durch einen Walilkamvi vermeiden wollte, so mußte man das Stärkevcrhältnis zugruirdelegen. das der letzte Wahlkampf ergeben bat. Da die letzten Berliner Wahlen, die Wahlen des Preußischen Landesverbandes. Anfang 1925 eine liberale Mehrheit ergeben hatten, so mußten aus einer Einheitsliste von den 21 Sitzen 11 aus die Liberalen entfallen. Bon diesem Gesichtspunkte aus haben die liberalen Vertreter die Verhandlungen geführt. Sie haben von Anfang an klargelegt, daß das für sie die selbstverständliche Vorausictzun-g einer Einheitsliste sei. Es ist denn auch tatsächlich zweimal mehrere Stunden lang ans dieser Grundlage verhandelt worden. Im wesentlichen drehte eS sich bei diesen Verhandlungen darum, daß die anderen Parteien sich gewisse Sicherungen gegen einen Mißbrauch der Masorität durch die Liberalen zu verschaffen suchten. Nur nebenbei sei bemerkt, daß die in diesem Wunsch zum Ausdruck kommende Befürchtung weder in der Tätigkeit unserer letzten Revräsentantenfraktionen. die stets auch den religiösen Bedürfnissen der anderen Richtungen gerecht geworden sind, noch in der voraussichtlichen Zusammensetzung der neuen Fraktion eine Begründung findet. Jedenfalls schienen die Aussichten für das Zustandekommen einer Einheitsliste nicht schlecht zu sein. Da baden die drei anderen Parteien sich die Sache anders überlegt. Zwischen dem zweiten und dem in Aussicht genommenen dritten Berhandlungstag erhielt der liberale Verein gleichzeitig von allen drei Parteien Briese des Inhalts, daß eine Einheitsliste nur möglich sei wenn die Zahl der liberalen Repräsentanten auf 1.0 beschränkt würde. Nachdem bereits zweimal aus der Grundlage einer kinhektsliste mit 11 liberalen Repräsentanten veEandejlt vorden ist und bei den anderen Parteien kein .arüber bestehen konnte, daß eine Einheitsliste mit 10 M<maten für uns unannehmbar war. können diese Briefe nur mhin verstanden werden, daß die anderen Parieren andere» oinnes geworden sind und eine Einheitsliste nicht mehr für Während die Briefe der Orthodoxen und Zionisten sich im wesentlichen auf die Feststellung beschränken, daß für sie eine Einheitsliste mit mehr als 10 Liberalen nicht möglich sei. atmet der Brief der Partei ..für Einheit und Frieden in der Gemeinde." der Mittelvartei. besonderen Kampfesimrt. Er fügt nämlich hinzu, daß ans die drei übrigen Parteien insgesamt mindestens 11 Sitze fallen müßten. Urm diese Forderung richtig würdigen zu können, muß man sich erinnern. daß die jetzige Repräsendantenvevsammlung auf Grund einer Einheitsliste aus 10 Liberalen. 10 Vertreter« der drei anderen Parteien und einem Vertreter des jüdischen Handwerks besteht, der von allen Parteien als Unparteiischer anerkannt wurde. Diese Einheitsliste ist damals deshalb so zustanöegekommen. weil der größte Teil der liberalen Repräsentanten ausschied, der grövte Teck der anderen aber in der Versammlung blieb, die Liberalen also selbst durch eine große Stimmenmehrheit nicht die Dtthrheit in der Versammlung erhalten hätten. Der Vorschlag der Mittelvartei bedeutet demnach, daß die Liberalen in der neuen Versammlung noch schlechter gestellt sei« sollten, als in der alten. Die Zumutung an dieietNM Richtung, die nach dem Ergebnis der letzten Wahle» die Mehrheit in der Gemeinde bat, nicht nur auf die Mehrheit in der Versammlung, ans die sie ein Anrecht hat. zu verzichten, sondern eine Verschlechterung ihrer Lage binzunehmen. kann nur als eine ausgesprochene Provokation bezeichnet werden. Die Briese der drei Parteien bedeuteten selbstverstä»-< lich den Abbruch der Verhandlungen. Es ist bedauerlich, daß es zu einem Wahlkampf kommt, der so kurz nach den Landesverbandswablen bei der gegenwärtigen Lage wirklich nicht nötig gewesen wäre. Aber die anderen Richtungen, voran die „Religiöse Mittelpartei für Einheit und Frieden in der Gemeinde" haben es nicht anders gewollt, warten wir ab. was die Wähler zu dieser merkwürdigen Aist. für „Einheit und Frieden" zu wirken, sage» werden. m sein. Fa. er kann andere Menschen mehr lieben als sich selbst, mehr für sie tun als für sich, weil sein eigenes Leben ihm sinnlos, keiner Anstrengung wert erscheint. Ter religiöse Mensch aber lebt immer in der Möglichkeit seelischer Erhebung, sinnvollen Schruens. abgerundeter Ganzheit. Es kann auch keine religiöse Gemeinschaft bestehen, die nichts als ein ethischer Verein wäre, die form-, symbol- und glaubenslos immer nur verkünden würde: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das Judentum hat eine Sittenlehre, aber es erschöpft sich nicht in der Sittcnlehre. Das Judentum hat eine Glaubenslehre, auch wenn wir glücklicherweise kein festliegendes Glaubensbekenntnis besitzen wie das Christentum in seinen Glaubensartikeln. Hätte jener Heide gesprochen: „Lehre mich den Glauben des Judentums in einem Satz" so hätte ihm Hillel. so würde ihm jeder Jude antworten: „Glaube an den einen, einzigen Gott." Mer auch in dieser Glaubenslehre mit jener Sittenlehre erschöpft sich nicht die jüdische Religion. Es kann jemand gottgläubig und ein guter Mensch sein, und wir werden ihn doch nicht für einen religiösen Juden halten. Sein Gottcsglanben kann auf dem Wege des Verstandes gewonnen sein, weil er sich die Welt nur durch einen göttlichen Geist erklären kann. Diese Erkenntnis aber braucht nickt die geringste Gewalt über sein Gemüt auszunben. Nicht mit dem Bekenntnis zum Monotheismus, sondern mit dem Schema jisroel aus den Lippen sind die Juden in den Tod gegangen. Das scheint nur dasselbe zu sein und ist doch etwas Anderes. Das eine ist ein blutleerer Begriff, das andere mit dem Klang jeder Silbe geheiligt durch die tiefsten Empfindungen von Millionen Menschen und vergangener Geschlechter, aus deren Blirt wir sind. Der Inhalt lebt erst durch die Form. So wird es verständlich, warum die Menge mit einem richtigen Instinkt den nicht für einen religiösen Juden hält der zwar gottgläubig ist und sittlich lebt, sich aber von seiner religiösen Gemeinschaft fern hält, weder das Gotteshaus besucht, noch in seinem Haus oder in seinem Leben irgendeine religiöse Form oeobachtet. Die Menge fühlt richtig, Religion ist zuerst die Welt des Gemütes: 5ns Gemüt aber wird nur befriedigt durch sichtbaren Ausdruck des religiösen Lebens. Darum brauchen wir das Gotteshaus, darum braucht« wir die Feiertage, darum brauchen wir die Gestaltung des religiösen Lebens im Haus. Wer kein Bedürfnis nach irgendeiner religiösen Form hat. bei der Geburt seines Kindes, beim Heranwachsen der Kinder, bei der Trauung, bei einem Begräbnis, beim Scheiden eines Jakres. bei Freud und Leid, der ist kein religiöser Mensch, trotz Gottesglaubens, trotz sittlichen Lebens. Wer kein Bedürfnis hat. mit seiner Glaubensgemeinschaft feierliche Stunden zu begehen, die dem Leben dieser Gemeinschaft und seinem eigenen Leben gelten, der ist für diese Gemeinschaft wertlos. Die Gemeinschaft müßte sich auflösen. wenn alle so empfinden. Der Fehler des religiösen Liberalismus war, daß er viele Jahrzehnte nüchtern war. daß er glaubte, ein Sittengesetz, eine Glaubenslehre wäre schon die Religion, daß er die religiöse Form als eine an sich wertlose Schale ansah. die den allein wertvollen Kern umgibt. Formen und Gebräuche sind aber keine leicht und ohne Schaden zu beseitigende Schale, sie sind die Haut des religiösen Körpers. Die Haut aibt dem Körper Schönheit und Ausdruck. Sie hat ihr eigenes Atemleben. Die Haut ist Venßcres und doch zugleich Wesentliches und Lebendiges. Sic wandelt sich, aber man kann sie nie ganz entfernen, ohne den Körper zu töten. Man darf auch der Haut nie den Atemweg verschließen. Würde man einen Menschen vergolden, so müßte er sterben. In den folgenden Aussätzen will ich auf Wunsch des Vorstandes der Vereinigung für das liberale Judentum und auf Wunsch der Schriftleituna dieser Zeitschrift die für uns wertvollen Formen uno Bräuche de- Judentums iw einzelnen schildern.