Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 15 (9.4.1926)
- Date
- 1926-04-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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öatrMfrfjc Dasein in da- Cefie« der Ewigkeit ein -urunsere eigene Tat. mit der wir der Ewigkeit schon hiettleden ein Reich gründen Und Unsterblichkettsgedanken und messianische Gedanken verweben sich in eins. Zeit und Raum verdämmern, und das schlichte Wort der Hetttaen Schrift erfüllt sicht „Wenn sie mir eine Wohnung batte». werde ich i» tötet Mitte wohnen." Die Stadt in den Siedenmeilenstiefel«. Bütt Joachim Mischer (Lel»Aviv). In fol-tzndem Nehme ich die erste silbische Stadt unter die Sonde. Wo es gilt, Einzelheiten aus Palästina zu öehan» «dein, mutz ich Tel-Aviv die erste Stelle einräumen, weil erstenbei der Dekomposition des Leistung-komplexes Pa« lästinaS in seine Moleküle diese Stadt die Hauptattraktion -bildet. Wird sie Loch mit Borliebe als Lautverstärker beim Verkünden der Fortschritte verwendet. Zweitenist mir die keineswegs beneidenswerte Rolle zugefallen. den Schatten des Einwanderer-SchlemihlS zu spielen sein Schatten, der zwar nicht geraubt werden kann, aber immerhin seine Schattenseiten hat), und dä besagter Schlemihl in acht von zehn Fällen in Tel-Aviv erste Station macht, so mutz ich wohl oder übel seinem Beispiele folgen. Es hasten die Menschen überstürzt durch die Straßen, in draufgängerischer Weise nach rechts und links Ellenbogenstöße gleichmäßig verteilend, die nicht mit sonderlichem Beifall ausgenommen werden. Doch verhallen etwaige Protestworte (falls solche nicht infolge Blasiertheit unterbleiben) wirkungslos, weil inzwischen der „Adressat unauffindbar" geworden ist. Do keimt beim flüchtigen Beobachter der Gedanke auf, der hurry up habe seine Heimat entschieden gewechselt und fühle sich hier ganz behaglich. Doch bei näherer Beaugenscheinigung kann dieses Jagen richtiger tariert werden: als die unbändige Furcht, vom Motor der Verzweiflung angetricben. ein noch so geringer Zeitverlust sei mit einem Verdienstcntgang gleichbedeutend. Dieser Angstzustand ist nicht die Ausgeburt überreizter Nerven oder der Ausdruck unersättlicher Geldgier. Er findet vielmehr in der prekären Wirtschaftslage Palästinaim allgemeinen und in der Struktur Tcl-Avivs im besonderen seine vollste Berechtigung. Denn die Stadt, welche eine Einwohnerzahl von 39- bis 40 000 erreicht und deren ungeahnt rapider Ausbau allseitiges Erstaunen hervorgerufen, hat keine Eristenzmöglichkeit. weil sie 30 MO Personen beherbergt, welche keinem regulären, durch das tatsächliche Bedürfnis geschaffenen Erwerb nachgehen. Ihr ganzes Geschäft basiert lediglich aus günstigen Zufällen, die eine Preissteigerung unentbehrlicher Bedarfsgegenstände zur Folge haben, um davon den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Denn Beköstigung, Bekleidung und Obdach sind Tagesbedürsnisse, die sich nicht streichen lassen. So hoffen diese Lustmenschen, davon ernährt zu werden. Die überwiegende Mehrheit hat sich auf Häuser- und Bauplätze-Spekulation geworfen. Denn der Strom der Einwanderer floß reichlich herbei, infolge der glänzenden Berichte. und das erste ist der Schrei nach der Unterkunft. Da nun die Bautätigkeit mit dem Immigrationstempo nicht Schritt halten konnte, ergab sich daraus zwingend eine Wohnungsknappheit. die von der Spekulation nach Tunlichkeit oder Untunlichkeit für ihre Interessen auSgeschrotet wurde. Denn der Durchschnittszuwachs für jeden Monat beträgt in Palästina 2700 (GebnrtsÜberschüsse, mit eingerechnet) — unter Zugtundelegung der Ziffern von 1928 —. wovon auf Tel-Aviv zirka 2100 (80 Prozent) entfällt. Hingegen die Wohnbauten erfahren eine Vermehrung von rund 100 pro f onat (so war es biS November 1925) mit einem Geiamtckcninhalt von 20 000 Quadratmetern — 200 gm pro Haus —. die. durch 35 geteilt und aufgerundet. «Ml Wohnräume ergeben. welche wiederum eine Fässungsfähigkeit von 1509 r®cwen ltaben. Dies bei Annahme einer Norm von 2.5 Köpfen pro Raum (in Wien vergleichsweise 1.8. Pari- und Budapest 1.1). Daher eine Anzahl von 600 Wohnnngsuchcnden im Monat, die sich provisorisch teils in Hotels, deren es hier hundert gibt, teils in Baracken begnemen mussten. Die Neuangekommenen, für ihre mitgebracksten Kapitalien Aufnahme suchend, haben, durch die eigene Not »belehrt" die Sachlage ersaht und — nachdem sie ein wenig Atem geholt — dem Häusertzanbel mit einem unbezähmbaren Eifer sich zu widmen begonnen. Durch die Machinattptt skrupelloser Vermittler wurde Nachfrage und Angebot dermaßen zueinander „reguliert", daß dem jeweiligen JUtaf* interesse eine geringe Auswahl von Grundsdücken -ttzen- Übevstand. Die Zahl der Reflektanten erhöhte sich und damit die Preise der Objekte. Die Mietzinse erfahren naturgemäß eine Steigerung, und da jeder Mieter, sei es der Inhaber eines WohnvaumeS. Geschäftslokals öder einer WerkstStte» bestrebt sein Mutz» ans seiner ErwerSStätigkeit auch die Mittel zur Bestreitung der Miete herauszuschlsge«. so wurde, wie ii nicht anders denkbar ist. dieser MehrbeSürf auf den Konsumenten gewälzt. Der Bau- und Industriearbeiter und Beamte mutzte eine Lohnaufbesserung fordern, was sich abermals in der Nivellierung der Häuferpreise auSdrückte, und so ging es weiter, fortgesetzt und wiederholt. Besatz jemand ein HauS» welches ihn in den Stand setzte, ein bürgerliche- Einkommen zu haben, so zog er es dennoch vor, es weiter zu verkaufen, weil ja bei vielen Inden das Handel treiben Selbstzweck ist. Im Ausland hat man. wenn von einer Rentabilität beim Baugewerbe in Palästina verlautet wurde, Ursache mit Ziel verwechselt. Denn die Bastbewegung ist als Folge der Einwanderung gedacht, doch diese kann unmöglich die Errichtung von Gebäuden zum Ziel haben! Abgesehen davon war das Kaufen und Verkaufen von Häusern und Bauplätzen (das Banenlafsen mit inbegriffen) in den meisten Fällen ein Schachern um deS Schachers Willen, denn der aus dieser Tätigkeit erzielte Gewinn ist ein Halbbruder -er Inflativn-s-Gcheinprofite, hat er doch die SMtanzvermindernng mit ihnen gemeinsam. Verkaufte man eine Realität, nachdem man sich eine Zeitlang an deren Besitz geweidet, mit einem Nutzenausschlag auf den Gestehungspreis. so ist man nach Einstreichung des ziffernmäßigen Gewinnes nicht imstande gewesen, ein gleichwertiges Grundstück sich anzuschasfen, weil der Preis nicht derselbe geblieben ist. Nun sind allerdings auch andere Handelszweige vorhanden. doch gibt es deren nicht viele, und diese welligen werden durch Nachässeri lahmgelegt, weil der Gewinn kägatellisiert und äuch durch die Unmöglichkeit einer Vervielfachung der Umsätze nicht lohnend gemacht werden kann. (Dies gilt übrigens nicht ausschließlich für Tel-Aviv. doch darüber in einem späteren Artikel.) Man kann ruhig behaupten: Wer irgendeinen Gebrauchsgegenstand importieren will, darf eS nur einmal tun und kann etnigermatzen auf den Reiz des Neuen bauen, welcher Interessenten heranlocken könnte. Ein zweites Mal ist der Markt von diesem Artikel überflutet, und dem Importeur bleibt kein Nutzen von seiner Transaktion als das beruhigende Bewußtsein, cs sei der Konkurrenzfirma ebenso ergangen. Die restlichen 9- bis 10 000 Einwohner Tel-Ävivs setzen sich aus folgenden Schichten zusammen: 7500 Arbeiter — 5000 Bau-, 1500 Industrie- und 1000 diverse Arbeiter — und Beamte (unter denen 3900 avbeits- und brollos sind). 800 Industrielle sFamilienwitglieder inbegriffen) und 806 bis 1200 Kaufleute, die nützliche Mitglieder der Gesellschaft und keine Schmarotzer sind. So sind hier zum Beispiel 400 Greißlerläden, 200 Restaurants, über 100 Hotels. 80 Milchhändler, 100 Soöawassevkiosken. 60 Bäckereien. 60 Raseure usw. Von denen gehört ein Großteil m den 30 000. der Rest zu den 9000. Und diese 40 000 sollen ein Iahtesbudget von 120096 Pfund bestreiten! Was die Industrie anbetrifft, so hat diese einen schweren Kampf ums Dasein auszufechten. dessen Ausgang zu prognostizieren leider nicht schwer fällt, wenn man vor Augen hat. daß von den hier bestehenden zirka 190 Betrieben etwa ein Dutzend richtig funktioniert — wenn auch so manches zu Würstchen Wrigbleivt —, während alle übrigen langsam dem Nichts entgegenstechen. .Dazu tragen mehrere Faktoren bei, wie die Geldknappheit, hervorgernfen durch da- Abfluten der hercingeführten Geldmittel nach dem Ausland zum Zwecke der Besorgung von Lebensrnitteln (wie Mehl. Kartoffeln. Zucker u. a. m.), die aus dem Auslände oder aber im Lande von Arabern bezogen werden müssen, wodurch daS Geld aus dem Verkehr gebracht wird. Dazu kommt die für Palästina unrationelle Zollpolitik der Regierung, welche das für die tztSsige Produktion erforderliche RoHMaterial einet Importfteuer unterwirft, damit man es botziehe, die Fertigware auS dem Ausland zu beziehen Und der englischen Industrie dadurch eine Kolonie als Absatzgebiet erschließt. Letzten Endes kann die hiesige Erzeugung sich mit den Äuslandssabrikaten — was Geschmack und Qualität angeht — nicht messen, yon Preisen gar Nicht zu sprechen, da man Holz, Metall. Jb&e, Felle, Baumwolle usw. beim Einfuhren vergEhren und Fracht biermr zahlen muß. Andererseits lassen die hohen Arbeitslöhne eine billige Kalkulation nicht zu. Kredite werden in sehr spärltchem Maße Utiib dann auch nicht zeitgemätz gewährt. Biele von de« hier erwähnten Tatt'achen finden auch auf den Handel sinngemäße Anwendung. insbesondere bas Abfließen deS Bargeldes nach dem Auslände, beziehUttgSweif: das umsatzlose Brachliegen desselben. Wird da ein Bauplatz erworben, dattn Hat der Araber noch ein paar hundert Pfund zn vergraben, die Baumaterialien werden käst ganz aus Sem Ausland bezogen, die Arbeitslöhne wandern über die Grenzen Palästinas. Tel-Aviv hat ja nicht einmal einen Hintergrund an Grünzeug für den täglichen Hausbedarf: wird dieser doch von Arabern gedeckt mit geringprozentir-er Anteilnahme jüdischenseits! Wenn von einem schwunghaften Realitätenhandcl die Rede war, so hat Schreiber dieser Zeilen die Epoclie bis Oktober 1926 gemeint. Der Ltatus präsems ist jedoch ei* derartiger, daß die hohen Mieten nicht mehr aufgebracht werden können (die Einwandererzahl ist auch übgeflaut). Wer mit dem Hausbesitzer einen Mietvertrag abgeschlossen, der kommt den Verpflichtungen einkach nicht nach, selbst wenn er sich im Besitze des Vermieters seine Wechsel befinden. Es kommen Ausgleiche zustande oder man zieht aus. Es werden in jedem fünften .Haus Wohnungen zum Abvermieten angepreist: aber der Interessent läßt sich nicht sehen. Doch Arbeitslöhne wurden nicht abgebaut, weil es selten vorkvmmt, daß ein Arbeiter wochenüber beschäftigt ist. Es mutz manchmal ein Tageslohn für eine ganze Woche langen, Und da kann an eine Reduktton nicht gedacht werden. Bis dato sind in Tel-Aviv 15 Insolvenzen zu verzeichnen (es scheint ein Araber auch darunter zu sein, doch ist hier diesbezüglich kein numerutz clausus). Es ist bezeichnend, daß 15 000 von den hiesigen Einwohnern für den unentgeltlichen Bezug von Mazzoth und anderen österlichen Nahrungsmitteln vorgemerkt sind. Hierbei gibt es zu bedenken, ratz so manchem es die Scham verbietet, öffentliche Wohltätigkeit in Anspruch zu nehmen. Denn es haben sich schon einige Selbstmorde zugetragen, begangen durch Menschen, die eben der Oesfentlichkeit nicht zur Last fallen wollten oder fürchteten, die Oeffentlichkeit werde es fertig bringen, fremde Leiden mit Würde und Anstand zu tragen! Nichtsdestoweniger geht es hier lustig zu. denn viele bedeutende Künstler von Weltruf entnehmen aus Zeitungsnotizen von dem Wohlstand der jüdischen Bevölkerung Palästinas und vornehmlich der hundertprozentigen jüdischen Stadt, grasen die Gegend ab und Uhren ihr allerdings auch Kunstgenuß zu. Das ändert natürlich nichts an dem Stand der Bilanz, bedeutet lediglich eine Verschiebung von Werten. Denn um soviel, als die Herrschaften Mammon eingesührt. haben sie selbstverständlich auf der Aktivseite ein Aequivalent dessen buchen können. Man nennt ja schließlich nicht mit unrecht TelMviv — Klein-Paris. Wer üfc Orient lebt, kann sich darüber nicht wundern, daß man diesen Namen Ar entspreechend hielt. Heißt es doch, jeder gemeine Soldat trage den Marschallstab in seinm Tornister: warum soll es nicht gestattet sein, diesen Gedanken zu erweitern und zu formulieren, daß nämlich jeder gemeine Schreiber im Orient den Pegasus im Stalle stehen hat. ständig gezäumt und gesattelt, aus daß er. sich auf ihn im geeigneten Moment schwinge? Wer die jüdische Nationalversammlung das jüdische Parlament nennt, das Institut für Chemie die hebräische Universität" (darüber ein andermal), der mag ganz dreist Tel-Aviv mit den holprigen Straßen und den noch mehr Holprigen Zuständen sogar als ,Mroß-London" bezeichnen. Wer jedoch eine trockene, an und für sich nicht sehr erheiternde Diagnose stellen will, der mag sie in nachstehendem Satz zusammensassen: Dies Ist der Auftakt zum Anfang vom Ende! v sann) wye (Wein). Lehen lh.-bräiich lechem) ---- Brot, bossart (hebräisch bosor) ----- Fleisch, Schächern — trinken (heute schickern, beschickert). Diese Wörter kommen in den rotwelschen Wörtersis-ck.'rn, die r3 jut jener Zeit allmählich und später in immer größerer Zahl gibt fast ständig vor. Im Duisburger Vokabular finden sich neben den schon erwähnten: CaporeS (hebräisch kaporoh) — morden. Caffer (hebräisch k'phar — Dorf) Bauer, (ähnlich ist es, w<vn wir beute noch von einem dummen Bauern sprechen, der keine Siodtbildung genossen hat) Im Baseler Glossar von 1738 findet sich: Dofs (hebräisch tow) =■ aut wahrscheinlich der heute gelänkjge Slangausdruck duffte. holchen (hebräisch halach) — kommen. Ganoffren (hebräisch ganaw) — Schelm. Dieb, Jum (hebräisch jom) — Tag. Kcscff (hebräisch kcsef) Silber u. a. In der Koburgcr Designation. einer Schrift, die sich als Vorläufer des später erscheinenden Baldobers ankündigi. befindet sich ein rotwelsches Glossar. Baldober (hebräisch ba'al üowor. wörtlich Herr des Wortes) — Angeber, Hehler, daher eine Sache ausbaldobcrn. Aus die sehr große Anzahl hebräischer Wörter, die sich in den Wörterbüchern finden heute aber kaum dem großen Publikum bekannt sind, soll fti' r nicht eingegangen werden: es sei hier nur angedeutet, daß der Prozentsatz ein außerordentlich großer ist. den auch sonst nicht sehr gebräuchliche hebräische Worte t in diesem Svrachidiom darstellen. Erwähnt sei hier noch Hildburohauser Wörterbuch 1753: Schm i re stoben (hebräisch schmirah — das H;'^en) Schildwacht stehen beim Stehlen Kieseln (hebräisch Ki"s — Geldbeutel' beutclich-'eiden, (daher heute noch in der Studentensprache Kies =: Geld' Klnsit (hebräisch Klivyah — Schale, das Einhüllende^ — Rock (wie heute nob gebraucht). Schirle (hebräisch Schakuz verachten, verächtlich) Magd Schwester (heute Schickse, verächtlich für Mädchen gebraucht). Neber diese Gaunersprache sagt das Glossar aus dem hannoverschen Institut solaendes: ..Di^ Sprachi» der Diebe, die Kochumloschen d b. kluge Sprache (hebräisch chacham — klug, laschon Sprache) besteht auhebräischen Wörtern, aus ursprünglichen Diebeswörtcrn und ans einer Komposition von beiden. Alle Diebe von Profession, alle Schärfenspieler und Kessewirte verstehen diesen Kochumloschen. sie mögen Juden oder Christen sein. Der Umstund daß gorude in der Sprache der Diebe und Gauner ein so großer Bestandteil hebräischen Elementesich findet, muß nun nicht mit Notwendigkeit tu sich schließen, daß die Juden einen großen Bestandteil dieses lichtscheuen Gesindels bildeten, wiewobl dieser Schluß nahcliegt. Um hier aber nicht oberflächlich zu urteilen und dann aar zu verurteilen muß man sich einmal klar die Stellung der . Juden in Deutschland um jene Zeit vor Augen halten. Wie im großen ganzen während des Verlaufes der Geschichte die Zahl jüdischer Krimineller eine kleine war. so war es auch im Mittelalter, und Steinschneider z. B. tritt mit vielen anderen durchaus der Meinung entgegen, daß die Diebe jener Zeit diese Ausdrücke direkt von shren jüdischen Genossen sich angeeignet hätten. Daß zur Zeit der Mitte des 15. Jahrhunderts in der Christenheit eine förmliche Schwärmerei für die hebräische Sprache bestand, daß viele Juden — wie unter ihnen der bedeutendste E'ia Levita — Lehrer selbst der vornehmsten Christen und Kirchenfürsten wurden, mag vielleicht Grund zur Berührung des Hebräischen mit der deutschen Sprache gegeben haben, für die vorliegende Frage jedoch kommt daS nicht in Betracht. Ein Blick auf die iüüische Geschichte des Mittelalters nun lehrt uns. wie die Juden, zu Landwirtschaft und Handwerk nicht znaelassen, balid auch von der christlischen Kaufmannscha,ft gehaßt, zum Trödel gedrängt wurden und dadurch schon mit immer niederen Bevölkerungsschichten und schließlich auch dem Diebesgesinde: in Berührung kamen: wie die Handelsverbote so weit gingen, daß 1350 die Gilden begannen, für gänzliche Vertreibung der Juden aus dem Handel zu agitieren. Hatte man den Juden noch im frühesten Mittelalter das Recht eingeräumt, ein Handwerk zu betreiben, so machten die Zünfte ihnen diese Ausübungen bald unmöglich und sie mußten noch dankbar sein, als man um 1500 enrpfahl. sie zu „allerlei groben Hantierungen" und ..ungewinnlichen Beschäftigungen" hcranzuziehen. Was den Juden blieb, wozu sie soaar teilweise gezwungen wurden, war der Geldhandel der Wucher Der Hatz, der sich trotz dieser für die Christen damaliger Zeit so nötigen Institution verbreitete, trieb mehr als einmal Juden aus. bzw. brachte sie unter Polizeiaufsicht und ins Gefängnis und bot io die Gelegenheit zur Berührung mit Dieben und Kriminellen aller Art. Und wie cs eine psychologisch bewährte Tatsache ist. daß Menschen auf gleicher sozialer Stufe sich kaum, wenn überhaupt richtig, hassen, so fanden auch die oft ungerecht verfolgten Juden in den vielleicht mit nur zu gutem Reckt verfolgten Christen eher 0)enosien als Feinde, und es ist daher wolll zu verstehen, daß durck Berührungen dieser Art soviel hebräische Wörter eine willkommene Ausnahme^ in den Diebesjargon fanden, dem die Wörter gm geeignetsten waren die die Umgebung am wenigsten verstand. Ein dritter Sprachenzweig. der ein hebräisches Borührnngsclement mit der deutschen Sprache bildet, ist zu sehen in dem sogenannten Judendeutsch. Diese Mischsprache besteht zu 70 Prozent gns deutschen, zu 20 Prozent aus hebräischen und zu 10 Prozent ans slavischen Wörtern. Die furchtbaren Schläge, denen die Juden in Deutschland im Mittelalter ausgcsetzt waren zwangen sie. nach dem benachbarten Polen zu fliehen, das den Flüchtlingen willig seine Grenzen öffnete. In ihrer Isolierung im Lande aber behielten die Inden die Sprache ihres alten Heimatlandes bei. die durch Studium mit Bibel und Talmud bald mit hebräischen Wörtern durchsetzt war. Dieses sonderbare Idiom, noch mit einem Bestandteil slavischer Wörter vermengt. war die Svrache der jüdischen Lehrer und Rirvbiner. die besöNberS jm 17. Jahrhundert in großer Zghl von Polen nach Deutschland kamen und hier unterrichteten. Es ist schwer, eine genaue Grenze zwischen E^aunersvrache und In« dendentsch bei dem Einflußgebiet auf die deutsche Sprache zu ziehen, ba die Wörter des einen Idioms oft in dem anderen genmr so Vorkommen. Es seien daher jetzt nur noch nickst erwähnte hebräische Wörter der deutschen Sprache, unabhängig ob Herkunft aus Gaunersprache oder Juöenöeutsch, aufgeführt: Locher (hebr. bachur) ----- Jüngelchen: dalles (hebr. daluth) --- Armut: bibbern (Hebr. dawar) — reden. Das Hebräische Wort wirb im Judötsch deutsch flektiert. So kommt >die Partizipicst-- öilüung heraus: bedibbert, in der Backfischsprache und im Studenterrjargon zu „bedebbtt^ geworben: Pleite (hebr. p'letah) die Flucht. Lurch die man sich dem Unglück entzieht: davon ist gebildet: Pleite gehest, substantiviert „Pleitegeier" alS Maufchelwort. das natürlich nichtmit dem Vogel Geier zu tun hat: flöten gehen ist dasselbe wie Pleite gehen: Goj (hebr. Goj ---- Volk, auch von Juden). Heute stur Nichts jube: Kohl (hebr. Kol — Stimme) in dem Ausdruck: mach mir keinen Kohl vor. jemanden verkohlen: koscher (hebr. koscher — rein, religiös, erlaubt): mauscheln hängt zusammen mit Mose (hebr. Mauscheh): meschugge (hebr. meschuga ---- verwirrt, wahnsinnig): Moos (hebr. ntoaus ----- Geld) in der Studentensprache «e< braucht wie Kies a. a. O.: schachten (hebr schachat) religiös schlachten: schäkern (hebr. scheker — Lüge): Schlimmassel eine Zusammensetzung aus dem deutschen schlimm und dem hebräischen masol Glück, also schlechtes Ostück wie französisch malheur: Schmutz (hebr. sch'muaus — das Gehörte) heute das Geredete: schofel (hebr. schofel --- niedrig, gering, gemein): Schaute (hebr. Schaute Dummkops): Stuß (hebr. Sckstutz — Unsinn, dummes Zeug): trefe (hebr. trefah — religiös unrein): Fratze (hebr partzus — Gesicht): mogeln (hebr. mahol ---- beschneiden, verfälschen): mieß (hebr. ma'uS ----- verachtet). Eine Tautologie stellt dar daß Wort „mausetot", in dem der erste Bestandteil nichts mit dem Tier Maus zu tun hat, sondern mit dem hebräischen mausi ---» tot: mauern (hebr mauro — Angst. Furcht). ein Barlaufspielern und Skatspielern bekanntes Wort, hat mit Mauer nichts zu tun: _ Geseires (hebr. gezerah ----- Bestimmung. Beschluß), erregtes Gespräch, Behauptung: Kalle (hebr. Kallah — Braut): Kittchen (hebr. kiffe ----- Stuhl. Sitz)?? für Gefängnis: Klamotten (hebr. kol amoth ----- alle Ellen (Ware) — Geld, Wertsachen soll der Ruf -es jüdischen Hausierers gewesen sein, um Hie Leute auf seine Waren aufmerksam zu machen: ist aber ungewiß: mole sein (hebr. male — voll) d. i. mit Bier, also betrunken; schachern (hebr. schachar ----- Verdienst): uzen (hebr. uzz ----- jemanden drängen)?? Obwohl also Wörterbücher in durchaus ungenügender Zahl uns über hie hebräischen Bestandteile der deutschen Sprache aufklären, so haben wir doch qeseben, daß diese Wörter einen nicht unbedeutenden Teil deutschen Vokabelschatzes. wenn auch nicht der Ltteratursprache. so doch ae» BolrssvraHe, ausmachen. ♦