Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 14 (31.3.1926)
- Date
- 1926-03-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Der blaue Itzig. Skizze von Max Roscnfeld. Wenn ich als . Knabe mit,meinejn Skizzenbuche unter idem alten Berliner Mühlendamme stand und die jüdischen Trödler zeichnete, die dort in den Ladengewölben hausten, fiel mir jedesmal die Lebensgeschichte Rembrandls ein, die ich gelesen hatte, und es kam mir so recht zum Bewußtsein, daß diese Trödeljuden von dem alten Volke stammten, das der große niederländische Maler vor mehr denn zweihundert Jahren in seinen Werken dargestellt, wie er ja auch sein Leben lang in dem Judenviertel Amsterdams wohnte. Manchmal sah mir bei meipem Zeichnen ein Handelsjudc zu, den sic in der Gegend des Mühlendammes den ,,blauen Itzig“ nannten, seines pflaumenblauen Mantels wegen, den er jahrein, jahraus trug. Der blaue Itzig stand meist an den Straßenecken und raunte vorübergehenden „besseren" Herren die bekannte Frage zu: ..Alte Kleider?" Mancher hatte wohl einen abgelegten Rock, ein nicht mehr ganz einwandfreies Beinkleid oder dergleichen zu Hause; in solchem Falle ging der blaue Itzig, wenn er aufgefordert wurde, mit nach der Wohnung des „besseren" Herrn und erstand das Kleidungsstück für einen billigen Preis. Man machte sich allerdings mit dem blauen Itzig öfter einen Spaß, suchte den gutmütigen Menschen zu hintergehen und zu foppen. Ich hörte einmal zwei christliche Frauen sich gegenseitig rühmen, daß sie „einen Juden betrogen" hätten, was für sie die größte .Wonne zu sein schien. Einst, als ich an der Fischerbrücke die Zillen und Kähne zeichnete, sprach mich plözlich der blaue Itzig an: „Willst du nicht mal zu uns kommen, kleiner Maler? Mühlendamm 13, Gebrüder Itzig. Ich habe ein« Kreidezeichnung von meinem Vater selig. Die Glasscheibe ging kaputt, und da wurde das Bild etwas beschädigt. Vielleicht kannst du den Schaden leicht reparieren. Ich Will dir bezahlen, was es kostet.“ Ich klappte mein Skizzenbuch zu und ging sogleich mit dem blauen Itzig nach dem Ladengewölbe. An der Tür stand: „Inhaber Salomo und Isidor Itzig." Ein anderer jüdischer Herr, der nicht sehr symoathisch aussah, war in dem Laden mit dem Sortieren alter Kleider beschäftigt. „Salo, das ist der kleine Maler, wo das Bild vom Vater selig reparieren kommt," sagte der blaue Itzig zu dem anderen Herrn, der offenbar sein Bruder war. Salomo nickte mir etwas finster zu und fuhr in seiner Beschäftigung fort. Der blaue Itzig, der also Isidor mit Vornamen hieß, führte mich nach dem hinteren Teil des Ladengewölbes, wo ein Fenster den Blick auf die Spree gewährte. Isidor zeigte mir die Kreidezeichnung; die Beschädigung war leicht zu beseitigen, und da ich schwarze Kreide und Estompcn bei mir hatte, bald behoben. Während ich die Reparatur bewerkstelligte, sab ich dicht neben dem Fenster einen etwa einen Meter hohen Gipsabguß nach dem Moses von Michel Angelo stehen. Die Figur kannte ich bereits aus Abbildungen, hatte sie aber noch nie plastisch gesehen. Als der blaue ftzig kam, der mit der Reparatur sehr zufrieden war, Fahndern er auch, seinen Bruder gerufen hatte, der ein mürrisches „Gut!" dafür aufbrachte, wurde ich gefragt, was ich für meine Bemühungen haben wolle. Ich sagte, daß ich kein Geld beanspruche, aber die Herren möchten mir gestatten, den schönen Moses abzuzeichnen. Sie waren damit einverstanden, und so zeichnete ich in den Nachmittagsstunden den Moses in Kohle. Hinter Ständern, die mit alten Anzügen behängt waren, konnte ich unbeobachtet arbeiten. Es war gleichzeitig für mich sehr unterhaltsam, zu hören, was sich alles im vorderen Laden ereignete. Da kamen Leute, die verkaufen wollten, andere wieder suchten getragene Sachen zu erwerben. Es war manchmal ein langes Feilschen, und ich konnte fesistellen, daß es wirklich für diese Trödeljuden nötig war, vorher mit dem Preise aufzuschlagen, denn alle Leute, die hier kauften, handelten unbarmherzig, und bei allen Käufern glaubte ich stets den Vorsatz herauszuhören: „Den Juden übervorteilen!" Andererseits wurde von den Juden für angebotene Sachen sehr wenig gezahlt, manches war aber auch kaum noch bar Geld wert. Ich bemerkte bald, daß Salomo, der ältere Bruder, der Gerissenere war, Isidor, der Jüngere, dagegen schien mir ganz anders veranlagt zu sein. Eines Nachmittags, gerade als ich meine Moses-Zeichnung weiter fortführen wollte, sah ich, wie der blaue Itzig einen soeben erstandenen alten Gehrock in den Laden brachte. Salo untersuchte ihn geringschätzig und fragte: „Wieviel?" Isidor war etwas verlegen, schließlich sagte er: „Ich hab gegeben fünf Mark." Salo warf den Gehrock auf die Erde und schrie wie besessen: „Was, für den Plunder fünf Mark? Biste meschugge? Dies Gelumpe is keine fünfzehn Groschen wert." „Ich weiß, ich weiß," lenkte Isidor ein. „Salo . . . wenn de gekommen wärst und hältst gesehen, welch ein Jammer is in der Familie von dem Mann, wo mir hat verkauft den Gehrock, Salo, du hältst auch nich geben können weniger. Ein früher besser gestellt gewesener Familienvater, Handwerker, ich glaube Sattler, hat Unglück gehabt, kam ganz runter, fünf unmündige Kinder, kranke Frau . ." „Was geht das uns an?" brüllte Salo. „Es is eben dein alter Fehler: du schenkst den Leuten noch was dazu. Mit dir können se ja auch spielen Fußball. Der Plunder . . . fünf Mark . . . das Lumpenröckle, wo schon bei die Knöpfe schimmert das Metall durch." „Is gut," sagte Isidor entschlossen. „Ich hab es bezahlt von mein Geld, und ich werd schon noch mei Rebbach dabei haben." „Schaute!" war alles, was Salo darauf erwiderte. Er begab sich wieder in den Vorderladen. Isidor säuberte den Rock, er holte schließlich eine Schachtel' mit Knöpfen herbei und suchte die nötige Anzahl guter heraus. Dann nahm er ein Federmesser und begann die alten Knöpfe vom Gehrock abzutrennen. Er untersuchte den ersten abgetrennten, übersponnenen Knopf, durch den schon das Metall schimmerte, er riß den Ueberzug ab, und plötzlich schrie er laut auf. „Salo!" Der Bruder kam sofort gelaufen. „Was tuste denn so schreien, was is <lenn los?" „Hier, Salo, tu dir angucken diesen Knopf und dann sage was!" Salo nahm den Knopf in die Hand, beguckte ihn und starrte dann seinen Bruder mit offenem Munde an. „Gott soll schitzen, das is ja e Goldstück. Warte mal . . . 1857 . . . das is eine alte Doppelkrone." Er ließ das Goldstück auf den Tisch fallen, es klang wahrhaftig echt. „Das war in dem Knopf an dem Rockle? Isi, du hast Massel gehabt. Laß uns mal die anderen Knöofc untersuchen." Er befühlte die übrigen Knöpfe des Gehrockes. „Tatsächlich — alles Goldstücke. Nu steht mir der Verstand still!" Isidor rannte hin und her, während Salo ärgerlich auf mich sah; ich bemerkte wohl, daß es ihm gar nicht recht war, Äiich als Zeugen bei dem Goldfunde zu wissen.' Er wollte den Rock nehmen und ihn nach dem Vorderladen tragen; da riß ihm Isidor das Kleidungsstück aus der Hand. „Salo, ich sagte dir doch, ich hab' das Röckle für mein Geld gekauft; du wolltest nichts davon wissen, als es dir wie ein Plunder erschien; jetzt, wo die Knöpfe lauteres Gold sind, sollste es auch nicht haben. Ich bringe dem armen Mann sein Eigentum zurück." Bruder Salo fuchtelte mit den Armen in der Luft umher. „Jetzt biste reif für Dalldorf. Wenn du e Röckle kaufst, dann tust du doch auch die Knöpfe mitkaufen, ob se nu aus Gold sind oder aus Blei. Wenn der Mann bisher nich hat gewußt, daß er goldne Knöpfe hat an seinem Gehrock, braucht er es jezt auch nich zu wissen." „Ich bring dem armen Familienvater sein Eigentum zurück," bebarrte Isidor. Doch Salomo zog seinen Bruder gewaltsam in den Vorderladen und sprach sehr eifrig und leise auf ihn ein; ich verstand aber dennoch das meiste, da sich die Erregten nicht mäßigen konnten. „Du wirst nie e richtiger Geschäftsmann werden. Und wenn sich mal e Rebbach bietet, dann läßt du’n dir durch die Finger gehen. Was heißt ,Mitle'd!' Ich sage dir, Isi, die Hauptsache is der Vorteil, — ich gehe über Leichen, wenn ich meinen Vorteil erreichen will.“ Mir wurde es jetzt peinlich, dem Bruderzwist in Israel noch länger beizuwohnen, ich packte meine Zeichengeräte zusammen und empfahl mich. Als ich die Fischerbrücke erreicht hatte, kam mir jemand eiligen Schrittes nach: es war der blaue Itzig, er hatte den zusämmengelegten Gehrock unter dem Arm. „Warte e mal, du kannst mich begleiten," sagte er aufgeregt. „Petristraße wohnt der Mann in einem Keller. Du warst Zeuge, daß ich nichts von dem Röckle genommen habe. Mir brennt das Gold in den Fingern." Ich ging sehr gern mit. Als wir in die Kellerwohnung der armen Familie kamen, fanden wir den Mann gerade damit beschäftigt, auf einem Spiritusflämmchen einen! Brei zu kochen, die halbverhungerten Kinder schauten ihm gierig zu. Die sehr leidend aussehende Frau lag mit einem Säugling im Bett. Als der arme Familienvater den Juden mit dem alten Rock unter dem Arm sah, ließ er vor Schreck die Kelle fallen. „Ich bringe Ihnen den Rock wieder," sagte der blaue Itzig atemlos. „Um Himmels willen, machen Sie mich nicht noch unglücklicher, als ich schon bin," jammerte der Mann. „Ich habe ja das Geld schon für die allernotwendigsten Nahrungsmittel ausgegeben. Ich kann und will den Rock nicht zurücknehmen!" „Sic müssen ihn zurücknehmen, und Sie werden wollen, guter Mann, wenn ich Ihnen sage, was für ein Röckle Sie mir verkauft haben. Sehen Sie hier," er zog die Doppelkrone hervor, „das ist ein Goldstück, ich fand es in dem einen übersponnenen Knopf Ihres Rockes, und die anderen elf Knöpfe sind genau so beschaffen. Wußten Sie denn gar nichts davon, lieber Mann?" Der Mann war sprachlos, er blickte entgeistert seine Frau an, die sich im Bett hochgerichtet hatte und herüberstarrte, „Es ist ein alter Gehrock meines längst verstorbenen Vaters," begann der Verdutzte endlich. „Ich hatte ja niemals Gelegenheit, den Rock anzuziclien, er lag jahrzehntelang zwischen anderen alten Sachen verpackt. Die bitterste Not zwang mich nun, alles zu Geld zu machen." Der blaue Itzig hatte der Frau den Rock auf die Bettdecke gelegt, er trennte schnell die Ueberzü^e aller Knöpfe auf, es kamen überall blanke Goldstücke zum Vorschein. Es war wie in einem Märchen und doch Wirklichkeit. „Im Futter des Rockes muß irgendein Papier stecken, sagte der blaue Itzig. „Hier, ich habe den kleinen Maler vom Mühlendamm als Zeugen mitgebracht, daß ich aus dem Rock nichts nahm. Aber in Ihrer Gegenwart will ich das Futter auf trennen, um nachzusehen, was darin ist. * Nach dem Oeffnen der Naht kam ein vergilbter Zettel hervor, der arme Familienvater nahm ihn zitternd in Empfang. „Es ist die Handschrift meiner verstorbenen Mutter,' sagte er und las: „Zwölf gesparte Doppelkronen habe ich in drohender Zeit heimlich mit Stoff überzogen, und meinem lieben Mann als Knöpfe an seinen guten Rock genäht. Gott gebe, daß dieses Geld einmal Segen bringe!" „Nun sehen Sie wohl ein, daß Sie wiedernehmen müssen das Röckle," kicherte der blaue Itzig und rieb sich die Hände* „Mann, Mann, dieses Glück im Unglück!" sagte die kranke Frau. Der Mann schüttelte immer den Kopf. „Mich wundert bei allem Wunder am meisten," meinte er, „daß ein jüdischer Handelsmann . . .“ „Lassen Se das sein gut," unterbrach ihn der blaue Itzig. „Das Judentum verlangt . . ." „Nehmen Sie wenigstens eins der Goldstücke als Vergeltung!" „Nichts!" wehrte der blaue Itzig ab. „Wechseln 8e um das Gold und dann geben Se mir meine fünf Ma*-f wieder, so will ich zufrieden sein." „Können Sie mir das Geld nicht einwechseln?" fragte der Mann. Der blaue Itzig hob die Hände. „Ich? Bin ich Rothschild? Wo soll ich haben so ein Vermögen! Aber ich will Sie hinführen zu einem guten Goldschmied, zu einem Glaubensgenossen von mir, der wird Ihnen geben ehrlich auf das Quentchen." „Gut, ich will mit Ihnen gehen, lassen Sie mich nur die Kinder satt machen." Er stellte einige Blechteller auf den Tisch, legte Löffel daneben und tat den Kindern den Brei auf. Sie machten sich mit großem Eifer darüber her. Dann besprach sich der Mann mit seiner Frau, sie streichelte ihn glücklich, als er die zwölf Goldstücke in eine alte Geldbörse steckte. Endlich verließen wir drei die Kellerwohnung. „Sie müssen wenigstens zehn Prozent Finderlohn von mir annehmen," sagte der gänzlich umgewandelte Mann zu dem blauen Itz’g. „Wenn Sie durchaus darauf bestehen, will ich es nicht abschlagen," meinte der Jude. Ich empfahl mich nun. denn ich hielt mich nicht tür befugt, bei dem Geldwechselgeschäft müßiger Zuschauer zu sein. Später, als ich den blauen Itzig einmal wieder traf, erfuhr ich noch das Weitere über den Abschluß der Angelegenheit. Er teilte mir mit, daß er sich von seinem Bruder Salomo getrennt habe, die Veranlassung sei eben jener Gehrock mit den GoHknöpfen gewesen. Der arme Sattler hatte für seine zwölf Doppelkronen 250 Mark bekommen und ihm außer den fünf Mark noch 25 Mark Finderlohn gegeben. Uebrigens c,oll das Geld dem Sattler Glück gebracht haben, er fand bald eine gute Stelle, konnte die nötigsten Schulden abtragen, die Frau wurde wieder gesund, und es ging ihnen ganz gut. Was ich weiter über den blauen Itzig zu sagen habe, das ist etwas Alltägliches, Wenn dieses hier ein Märchen wäre, dann müßte ich nun davon erzählen, wie der medle, hartherzige Salomo Itzitf, der „über Leichen“ ging, seine Strafe in einem sch’-ec’ hchen Leben fand, und wie der edle Isidor, eben der blaue Itzig, seinen Lohn in einem mit Reichtum gesegneten glücklichen Dasein erlangte. Aber es ist kein Märchen, und so muß ich der Wahrheit getreu berichten, daß sich die Verhältnisse der beiden Brüder nach ihrer Trennung sehr verschieden gestalteten: Salomo wurde ein großer, re'cher Geschäftsmann, der, mit dem Titel Kommerzienrat und mehreren Orden geschmückt, immer noch „über Leichen“ schritt. Isidor, der blaue Itzi*. blieb dagegen sein Leben lan< der arme Handelsjude. Wer von den beiden Brüdern jedoch der im tiefsten Herzen Reichere und Glücklichere war, das ist eine andere Frage. Führt der liberalen Vereinigung neue Mitglieder zu! ianosu. Hügel ca. 150 Instrumente der verschiedenst. altrenommiert. Marken stets vorrätig, auch Kunstspielpianos Bequeme Teilzahlung gestattet Fans RehM & Co.. Molzstrafie 78 mmmmmnmmam Noiiendoitpiatz} Generalvertretung von Schiedmayerd Söhne