Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 14 (31.3.1926)
- Date
- 1926-03-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Jahrgang Nummer 14 IWchÄemleMmz Bellage 31. NLrz 1SLÜ i Die jüdische Gegenwart Max Fabian. » .Max Fabian ist gestorben. AlS ich ihn, leider nun zum letzten Male, an seinem 53. Geburtstag vor einigen Wochen besuchte, fand ich ihn noch an seinem großen Fenster mit der schönen Aussicht auf den Lützowplatz als freudig schaffenden Künstler und jetzt, plötzlich, wurde er unS entrissen. Wer ihn nicht persörttich gekannt hat. kann nicht ermessen. waS uns in ihm verloren gegangen ist. Nicht nur einer der feinsten Schtlüerer berlinischen Lebens, nicht nur einer der fein» söhligsten Porträtisten. nein, auch einer der vornehmsten, besten Menschen, der. ungeachtet all der schrecklichen Folgen des Krieges und der Inflation, unter denen er so schwer zu leiden hatte, immer gütig, immer wahrhaft menschlich war. Seine Werke zu wüvdigen. ist hier nicht der geeignete Platz, uns Juden besonders interessiert sein „Ahasver" und das Porträt des ehemaligen Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde, des Geh. San.-Rat Stern, öaS im Repräsentantensitzungssaal hängt. Max Fabian ist dahin, und mit ihm einer der selten-» Künstler, die sich Goethes Wort als Wahlspruch setzten: Bilde Künstler, rede nicht. > Fritz Rosenthal. Ismar freund 60 Jahre all. Am 11. April d. I. vollendet Herr Dr. Jömar Freund. Beirat der Jüdischen Gemeinde Berlin. Geschäftsführendes Mitglied des Engeren Rates des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden und Dozent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, sein 30. Lebensjahr. Der Jubilar, der als Gelehrter wie als Mann der Oeffentlichkeit eine Persönlichkeit besonderer Prägung darftellt. wurde am 11. April 1876 zu Breslau geboren, studierte an der dortigen Universität Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft. später auch Philosophie und gleichzeitig am Breslauer Rabbiner-Seminar indische Theologie. 1002 folgte er einem Ruf des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in die dortige Verwaltung. Bereits im Amte, legte er mn Berliner Seminar die wissenschaftlich-theologi'che und die Rabbinatsprüfnng ab. Im Winter 1003/03 begann er seine Tätigkeit als Dozent an der Lehranstalt. In den ersten Jahren seiner Dozententätigkeit und seiner praktischen Tätigkeit in der Gemeindeverwaltung widmete er sich dem Staatskirchenreckt. der Rechts- und politischen Geschichte der Inden in Deutschland — ein bis dahin last noch unbebautes Feld — und veröffentlichte darüber eine Reihe vielbeachteter Schriften. 1068 erschien im Aufträge des Verbandes der deutschen Juden: ..Die Rechtsstellung der deutschen Juden im preußischen Volksschulrecht": gleichzeitig aus Anlaß der Hundertjahrfeier der preußischen Judenemanzipation im Aufträge des von den Gemeinden und Verbänden gebildet,ni Komitees: ..Geschichte und Emanzipation der Juden in Preußen" in zwei Bänden: 1011 die Studie: „Staat Kirche und Judentum in Preußen." Alle diese Arbeiten sind mehr oder minder Ausschnitte der geplanten umfassenden größeren X, Arbeit: „Quellen. Ge'chichte und systematische Darstellung H'ües Staatskirchenrcchtes der Juden in Deutschland". Die Aj,.Quellen" sollen eine Kodifikation des in sämtlichen Bundesstaaten geltenden Rechtes enthalten. Einen großen Teil seiner Kreiste widmete Dr. Jsmar Freund der Organisation der deutschen Juden. Er ist der Autor des Entwurfs der Verfassung, die vom 15. Gemeindetag angenommen morden ist. Seiner Feder und Initiative entstammt auch die Verfassung des Landesverbandes preußischjüdischer Gemeinden, an dessen Gründung und Verwaltung er einen so hervorragenden Anteil genommen hat. Einen besonderen Platz nimmt keine Tätigkeit in der Abwehrbeweaung ein. Seit vielen Jahren Mitglied des Hauptvorstandes des Central-Vereins deutscher Staatsbürger iüdiichen Glaubens, hat er ein umfassendes Ansklärungswerk besonders in Ebristenversammlunaen im ganzen Reiche vollbracht. Seine Broschüre „Der Judenhaß" ist in vielen Auslagen erschienen. Endlich ein Einsehm. Wegen der frivolen Schändung des alten israelitischen Friedhofs ist vom Großen Schöffengericht in Erfurt gegen die Wikingüündler Bankbeamter Robert Bartolomä und Handlungsgehilfe Walter Laudin aus je 2^ Jahre Gefängnis und dreijährigen Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt worden. Der dritte Mittäter, der Wikingbündler Kurt Seitcnstücker, wurde, weil er als minder fchuldia angesehen wurde, .zu 1^ Jahren Gefängnis verurteilt. Es ist bezeichnend, baß zwei der RowdieS, Laudin und Bartolomä. bereits früher einen politischen Einbruch in das Erfurter Polizeipräsidium verübt hatten und mit nur zwei Monaten Gefängnis unter Zubilligung einer Bewährungsfrist verurteilt worden waren. Hoffentlich hil't das diesmal sachgemäße Urteil, daß ruchlose Friedhofsschänöungen nicht mehr Vorkommen. Jüdischer Liberalismus ln England. In der »euerbauten großen Synagoge zu St. Johns Wood wurde am 21. März die zwölfte Jahresversammlung der Bereinigung Liberale Synagoge abgehalten. Der Präsident, Claude G. Montesiore. erstattete den Tätigkeitsbericht und sagte, die Liberale Kongregation sei stolz auf die prächtige neue Synagoge, die vor kurzem etngervetht worden ist: es ist ein Gebäude, daS Leben einfchließt. Die Vollendung dieses Palastes sei durch die Freigiebigkeit von Bernard Baron und der Aktion von Rabbi Israel I. Mattuck ermöglicht worden. Noch aber lastet eine Schuld von 10 000 Pfund, die ehestens getilgt «erden müßte. Die Sonntagsgottesdienste, setzte Montesiore fort, find eine wertvolle Ergänzung der Sonnabendgottesdienste. Am I. November wurde mit den normalen SonntagsgotteSdieusten angefangen. Das Gebetbuch, das vor der Vollendung sicht, wird viel Neues und Schönes bringen. DaS liberale Judentum bleibt nicht immer dasselbe, der rvayre Geist des Liberalismus ist in fortwährender Entwicklung begriffen. Die freundschaftlichen Konferenzen zwischen Juden und Christen sollen weiter gepflegt werden. — Der Ehrenschatzmeister I. H. Simon berichtete über das Wachstum der Mitaliederzahl der Liberalen Synagoge. Im Jahre 1913 zählte sie 390. im Jahre 1925 schon 1233 Mitglieder. „Judentum ist organisiertes Verbrechertum." Bor dem in Bayern für Prestevergehen zuständigen Schwurgericht in Skürnberg hatte sich ein Angeklagter wegen eines durch die Presse begangenen Vergehens gegen die Verordnung des bayerischen Gesamtministeriums vom II. Mai 1923 in Tateinheit mit einem Vergehen wider die Religion nach 8 166 StGB. lGotteslästerung) zu verantworten. Der Angeklagte hatte einen Zeitungsausschnitt an ein Fenster seiner Erögeschohwrhnung geklebt, der für alle Vorübergehenden sichtbar war. Der Zeitungsausschnitt enthielt die Inschrift: .Judentum ist organisiertes Verbrechertum". Der Angeklagte wurde vom Schwurgericht im Sinne der Anklage verurteilt. Gegen dieses Urteil hat er Revision bei dem Reichsgericht eingelegt. Der erste Strafsenat des Reichsgerichts hat die Revision aus folgenden Gründen verworfen und das schwurgerichtliche Urteil, das von prinzipieller Bedeutung ist, bestätigt: Zweifelhaft ist. ob das Schwurgericht die Handlung des Angeklagten mit Reckt als Ausstreucn einer unwahren Behauptung verurteilt hat. Vom einfachen Behaupten unterscheidet sich das Ausstrcuen dadurch, daß bei diesem die Behauptung einem größeren Pcrsonenkreis zugänglich gemacht wird, sei es unmittelbar oder mittelbar durch Ausstellung gegenüber einer Person, welche die Behauvtung mit Wißen und Willen des Täters weitcrgibj Eine Behauptung oder Ansstreueu einer Behauptung im Gegensatz zum Verbreiten ist aber nicht schon dann an«unehmen. wenn der Täter sich die von einem anderen aufgestellte Behauptung innerlich zu eigen macht, sondern nur dann, wenn sie auch äußerlich als eigene Behauvtung des Täters in die Erscheinung tritt. — Aus dem Umstande alio. daß der Angeklagte den Zeitungsausschnitt durch Ankleben an ein Fenster seiner Wohnung der Allgemeinheit zur Kenntnis gebracht bat, kann nickt gefolgert werden, daß sie auch äußerlich alS eigene Behauptung des Täters in die Erscheinung tritt. Allein dies gefährdet den Bestand des Urteils nicht. Es genügt die tatsächliche Feststellung, daß der Angeklagte sich die Behauptung mindestens innerlich zu eigen gemacht bar. Ob er sie auch auSgestreut hat, war für das Strafmaß "(nie Bedeutung. K. Die Fnedtnsbcwfqimq Palästina. Aus Jerusalem wird gemeldet: Auf Anregung deutscher Templer sprach jüngst Generalmajor a. D. Schoenaich in Jerusalem in gut besuchter öffentlicher Versammlung über Pazifismus. In der Aussprache unterstrichen der V"^"her der Templergemeinde, ein Rabbiner und ein freier jüdischer Schriftsteller seine hauptsächlich historische, biologische und wirtschaftliche Erklärung des Pazifismus noch nach der sittlich-religiösen Seite. Schoenaichs Anregung, an der Stätte, die drei Bekenntnissen für heilia gilt, in dem Lande, bas seit Jahrtausenden die Brücke zwischen Nord und Süd und Ost und West bildet, eine überparteiliche und überkonfessionelle Weltfriedensoraanisation zu schaffen, fiel auf fruchtbaren Boden. Zionistische und nichtzionistische Juden. Protestanten und Katholiken, christliche und mohammedanische Araber und persische Rabat haben sich für die Ausführung zur Verfügung gestellt. Iewish Daily Bulleitn. Seit 15 Monaten erscheint in New Vork eine tägliche englische Zeitung, die ausschließlich jüdischen Fragen gewidmet ist. Das „Iewish Daily Bulletin" ist das einzige jüdische Tagblatt in der englischen Svrackwelt. Die Zeitung ist unparteiisch. Sie ist ausschließlich informativ. Sie veröffentlicht keine Leitartikel. Ein weitverzweigter Kabeldienst, der alle wichtigeren jüdischen Vorgänge in allen Teilen der Welt in präziser und objektiver Weise berichtet, bildet de» Hauptwert dieser Zeitung. Die Zeitung veröffentlicht auch eine tägliche Review von Zeitungsstimmen des In- und Auslandes über wichtige jüdische Tagesfragen. Die Zeitung hat dank ihres reiche» Informationsdienstes in allen Kreisen mrd Parteien beS amerikanischen Judentums trotz ihres kurzen Bestandes ►*N Aus den Gemeinden Aachen. (Rabbinereinsührung.) Nachdem seit fast mehr als sechs Monaten der hieuge Rabbinerstuhl verwarst geblieben, wurde endlich, am vergangenen Frertag- Abend mit Beginn des Gottesdienstes, der ueuerwäLlte Rabbiner. Herr Dr. Schönberger, feierlichst in fern Amt eingesührt. Der „Allmemmor" sowie auch der Vatz des Rabbiners, wie ebenfalls die Kanzel waren mit Girlanden und Blumen geschmückt: die Gemeinde war vollzählig in Festkleiöung erschienen, und im hellen Lichterglanz erstrahlte die Synagoge. Feierlich begleitete den Rabbiner durch ein Spalier der männlichen und werbliche» Jugend eine Deputation des Vorstandes und der Repräsentanten, mit dem Vorsitzenden an der Spitze, und führte ihn zu seinem Platz Nachdem vom Chor fein: gesegnet lei. der da kommt im Namen des Herrn", verklungen, hielt -er erste Vorsitzende der Gemeinde. Herr Justiz rat Dr. Francken, eine zündende Ansprache an den Rabbiner, dieies neugewählte, geistliche Oberhaupt der Gemeinde. Mn ehrende» Worten gedachte er feines Amtsvorgängers. Herrn Rabbiner Dr. Jaulus. der nach säst 50jähriger Amtstätigkeit in hiesiger Gemeinde nach einem verdienstvollen und fegend reichen Wirken in den Ruhestand getreten sei. AlSüaun wies der Vorsitzende in seiner Ansprache darauf hin. da« nicht allein von Kanzel und Katheder aus die Tätigkeit deS Rabbiners ersprießlich sei, sondern auch die soziale Tttt müsse die Früchte eines schafsenfreudigen Wirkens allüberall erkennen lasten, lind dabei sei es in erster Linie die Jugend, sowohl die noch die Schule besuchende als auch nicht miudev die schulentlassene Jugend! Dieser müsse er sich ganz vesonders widmen, und dazu würde es ihm. dem jugendlichen Rabbiner, an Tatkraft und Frische nicht fehlen. Im vollsten Vertrauen auf ihn begrüße er ihn nun als Rabbiner der Snnagogengemcinde Aachen, und ein kräftiger Händedruck, besiegelte diesen Gruß! Nach einem Chorgesana betrat dann der neue Rabbiner. Herr Dr. Schönberger, zum erste» Male die Kanzel und eröfsnete sich der zahlreich erschienene« und aufmerksam auf ihn lauschenden Gemeinde. Auch er gedachte seines Amtsvorqängers. der mehr wie eru Menschenalter der religiöse Führer der hiesigen Gemeinde gewesen und deren jetzige geistliche Führerschaft er nun fortab zu übernehmen erwählt sei. Er verglich diesen Nus an die hiesige Gemeinde mit jenem göttlichen Ruf an Moses und Jeremias, welche die Führung des Volkes Israel übernehmen mußten, obwohl ihnen vor diesem Führerposten bangte. Aber nur aus innigem Gottvertrauen heraus widmeten sie sich diesem schweren Amte, und es gelang ihnen. So hoffe auch er. daß die Gemeinde keine Enttäuschung an ihm erlebe, und dieserhalb bitte er sie inständigst. offen, ehr^ lich und treu stets an ibn heranzutreten und ihm die WWW vovzutragen. Nur ein unerschütterliches, gegensenWS Vertrauen, nicht unnützes Gerede sei von ewigem Bestand. Darauf spendete der Rabbiner der tiefergrisfenen Gemeinde zum ersten Male den Segen. . Nach Schluß des Gottesdienstes gab die Gemeindevertretung dem Rabbiner ein Festessen, an welchem auch die Leb""-' ^-ilnabmen. . Ä Berlin. (Hauptversammlung der Zentrale wohlfahrtsstelle.) Die ZentralwohlfahrtS. stelle öer deutschen Juden veranstaltet ihre Hauptversammlung vom 0.—8. Juni 1926 im Anschluß an die Gesolei (Ausstellung für Gesundheitspflege, Soziale Für« sorae und Leibesübungen) in Düsseldorf. Als Programm sollen folgende Themen zur Behandlung gelangen: Am Sonntag, den 6. Juni, „Jüdische Bevölkerungsprobleme in Deutschland", „Die geistigen Grundlage» An unsere Mitglieder! Mit Rücksicht auf die kommende Reisezeit ziehe» mit die Beiträge für das 2. und 3. Quartal zusammen ein. Wir hoffen damit auch im Interesse unserer Mit« glieder zu handeln, die dann währenihrer etwaige» Abwesenheit nicht durch Mahnungen usw. behelligt z» werden brauchen. Bereinigung für -as liberale Judentum e. 8. LEIPZIGERS TR. 4» (ECKE MARKGRAFENSTR.) ORAN1ENSTR. 165 (AM ORANUENPLAT25Y DAMEN'KUEIDUNG ~ xXXXX gjjfc yXXXX4* ■AS FERTIGUNG