Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 13 (26.3.1926)
- Date
- 1926-03-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Prophet Elija. Von J. Op&toschu. Eine Pessacherzählung. Lopez hatte heute seine Matrosen länger aufgehalten. Er stand dabei, als die Schiffe verankert wurden, und wartete, bis die Waren ausgeladen waren. Und als alle schon fort waren, blieb er, ein sonnverbrannter und behaarter Mann, noch eine Weile am Ufer stehen, schaute auf das schäumende Meer, auf dem seine Schiffe irgendwo in der Feme verschwanden. In allem sah Lopez Gottes Hand. Rom ist Überschwemmt worden, Lissabon — von einem Erdbeben zerstört. Bei ihm im Keller sitzen Marannen, die heute oder morgen zum Scheiterhaufen geführt werden sollten. Sogar darin, daß er, Lopez, ein gewesener Matrose, gegenwärtig einer der reichsten Kaufleute des Landes ist — sah Lopez überall Wunder über Wunder. Er glaubte, wie tausend andere Marannen des Landes, daß, solange Gottes Gesandter — Djeno Peres — frank und irei am kaiserlichen Hofe sowie in Rom beim Papst sich bewegt, könne nichts Schlechtes passieren. Ueber eine schmale, versteckte Wendeltreppe, die sich wie eine geringelte Schläfenlocke drehte, so daß sich kaum ein Mensch auf ihr bewegen konnte, ließ sich Lopez immer tiefer herunter. Eine schwere, seitliche Türe öffnete sich und übergoß die Wendeltreppe mit Licht. In einem beleuchteten Zimmer ohne Fenster, bei einem gedeckten Tische, saßen über zwanzig Marannen. Ohne ein Wort zu sprechen, warteten sie auf den Hausherrn. Magere Gesichter, finstere, erschrockene Augen, die bei dem kleinsten Geräusch größer wurden und in denen die Todesangst, verbrannt zu werden, loderte. Die Herrin des Hauses, gekleidet in weiße, seidene Kleider, den Hals mit Perlen voll geschmückt, hat die silbernen Becher auf den Tisch gestellt, Weinflaschen hervorgeholt, vorsichtig drei Mazzos, in Brokat gewickelt, beim Platz des Hausherrn auf eine silberne Platte gelegt. Leise wurden die Becher gefüllt und noch leiser stellte der einzige Sohn die drei Fragen. Die einige zwanzig Münder hatten flüsternd geantwortet, hatten Wort für Wort einem grauen Marannen, der laut vorbetete, nachgesagt. Das Gebet vermischte sich mit dem Plätschern des Wassers an den dicken, steinernen Wänden. Obwohl die Gäste sicher waren, daß den reichen, frommen Lopez, der eine Kirche erbauen ließ, niemand irgendwie beschuldigen werde, blieben die verängstigten Marannen bei jedem starken Rauschen des Meeres sprachlos. Bei „Schwoch chamoscho“ erhoben sich alle, sahen auf Elijas Becher, der gefüllt an der Ecke des Tisches stand. Im selben Moment, als der greise Maranne mit seiner Hand ein Zeichen gab, daß die Tischgesellschaft sich setzen solle, trat hinter dem Tische ein junger Mann hervor, der auf Elijas Becher zuschritt. Die ganze Gesellschaft rückte erschrocken zurück und jeder begann den anderen zu fragen: Wer ist’s? Wer ist er? Es scheint mir, daß ich ihn den ganzen Abend nicht bemerkt habe! Ich auch nicht! Ich auch nicht! Niemand wußte, wer er ist. Ein hoher, schwarzer Mann mit weichen, tiefen Augen, in die man gern sah, mit einem kleinen, kindlichen Mund. Im allgemeinen sah er aus, als ob er verschlafen wäre und es sehr eilig hatte. Der Fremde leerte den Becher. Die Gäste erzitterten. Alle schauten zur Tür und erwarteten, daß jede Minute etwas geschehen würde. „Ihr sitzt da und lest die Hagadah," sagte leise der Fremde — „und morgen werden eure Frauen und Kinder zum Scheiterhaufen geführt.“ Die Marannen drängten sich mit ausgebreiteten Händen und erschrockenen Augen an den Fremden heran: „Was können wir machen?“ „Was können wir helfen?“ „Ihr könnt ihnen helfen,“ sprach der Fremde bedächtig, „noch diese Nacht reist dahin zurück, von wo ihr geflüchtet seid.“ „Man wird uns doch ergreifen?!“ schrien zwanzig Stimmen mit einem Male auf. „Vertraut auf Gott! Ein wenig mehr Vertrauen, und man wird euch nicht ergreifen!“ Die Worte des Fremden milderten ihren Schrecken und nahmen ihnen die Aengstlichkeit und Unbeholfenbeit des Wesens. Die Marannen fielen zu seinen Füßen, und mit ihren Lippen berührten sie den Saum seines schwarzen Gewandes. „Führe uns, dann werden wir gehen! Sei unser Führer, wenn du von Gott gesandt bist!“ Der Fremde drehte sich um, legte seine Hand auf Lopez' Schulter, der die ganze Zeit stand und strahlte und in allem Gottes Werk sah. „Ist ein Schiff fertig?“ „Zwei Schiffe liegen verankert.“ „Gut.“ Einzeln bewegten sich die Marannen über die Wendeltreppe, bewaffnet gingen sie in eines der Schiffe hinein, die am Ufer mit eisernen Ketten befestigt waren. Lopez selbst löste die Ketten und schaffte sie ohne Geräusch ins Schiff zurück. Rhythmisch bewegten sich die Ruder über das Meer, eins zwei — ein zwei — und das Schiff stahl sich ohne Licht und ohne Flagge vom Ufer fort, sich in den Wellen wiegend. Der Fremde stand in der Mitte des Schiffes so ruhig und so sicher, als ob er nicht merkte, daß das Schiff sich bewegt, daß das Wasser höher wird, höher schwillt. Eine schäumende Welle kommt heran, überflutet alle mit ihrer Weiße, bricht plötzlich auseinander und das Schiff gleitet immer tiefer und tiefer in das Wellental. Es sieht aus, als ob es zwischen den Wellen kippen würde. Die Marannen sammelten sich um den Fremden und waren sicher, daß er sein Gewand nur über die Wellen zu breiten brauche, wie Elija über den Jordan, und sie werden ihm folgen können. Sie hörten nicht auf zu beten, und ihre strahlenden Augen fragten stumm: ..Wer bist du?" Das Schiff blieb stehen, der Fremde stieg als erster aus. Und als das Schiff schon an einem Stein verankert war, ging er mit zehn bewaffneten Marannen in das Dunkel der Nacht hinein. Er ging in Richtung des Gefängnisses voran, ein Kreuz in beiden Händen haltend. Vorübergehende traten beiseite, machten Platz und bekreuzten sich. Sie waren sicher, daß dies Mitglieder der Inquisition sind, die Marannen suchen, die den jüdischen Pessach abhalten. Vor einem eisernen Tor blieb der Fremde stehen. Er klingelte. Der Klang widerhallte in dieser Stille und brachte die Qualen der Eingekerkerten mit sieb zurück. Die Luft war voll von Schritten, doch keiner kam. Der Fremde begann heftig zu klingeln. Hinter dem verrosteten Tor kam eine Stimme hervor. „Wer ist da?“ „Einer der unseren." „Was für einer?“ „Ein Bruder, ein Dominikaner!'- ,Warum treibst du dich umher in einer so verfluchten Nacht?“ Sobald das Tor aufging, fesselten die Marannen den Dominikaner, verstopften ihm den Mund, überrumpelten die Wache und eilten in die Zellen. Den wachehabenden Brüdern blieben die erstickten Schreie im Halse stecken. Erstaunte Augen sahen, wie die Ungläubigen Zelle für Zelle öffneten und Frauen und Kinder herausführten. Der Fremde mit dem Kreuz ging voran und schritt in der Dunkelheit unter den stillen Tönen der Glocken in Richtung des Schiffes. Eine Alte kam auf ihn zu; sie war sicher, daß man die Frauen und Kinder zum Scheiterhaufen führe. Sie kniete vor ihm nieder und begann sich zu bekreuzen. „Geht dem heiligen Apostel entgegen, ihr sündigen Seelen!" Und als das Schiff sich wieder auf den Wellen bewegte und mit den Frauen und Kindern zu Lopez fuhr, war der Fremde nicht unter ihnen. Er blieb in der Stadt zurück. Er meinte, daß.man ihn dort morgen noch gebrauchen würde. Als die Marannen wieder auf dem Meere waren, fühlten sie sich so klein, so nichtig; sie beteten ununterbrochen. Ein leuchtender Schein breitete sich über die Wellen. Alle blieben still. Es war die Stille, die herrscht, wenn etwas geboren werden muß. Der Morgen brach an. Die Silhouetten der Berge wurden deutlicher und spiegelten sich in dem stahlfarbenen Meer, und den Augen zeigte sich eine blaue Gestalt — der Prophet Elija breitete seinen Mantel über die Wellen. Deutsch von L. Wolff. Die Karaiiin. Novelle von Hedwig Ries. (Schluß.) Dem Leben nacherzählt Der Vater ergriff die ausgestreckten Hände seines einzigen Kindes und schleuderte das Mädchen zur Seite. „Abtrünnige! Wisse, daß Du unser Kind nicht mehr bist, wenn Du diesen Weg gehst.“ Und als die Mutter begütigen wollte, noch strenger: „Weib, schließe Deinen Mund! Hier gibt’s nichts zu verhandeln. Jenes Mannes oder unser! Ein anderes gibt es nicht!" Als er Rahel erbleichen und wanken sah, hielt er sie und sagte mild, aber fest: „Ich weiß, Du bleibst unser! Mein Kind, mein einzig Kind! Du bist uns von Gott gegeben, damit Du Ihn in unserem Sinne anbetest und einst die Kette der unsrigen fortsetzest. Gott will es. Und Du willst es audh. Rahe!, sage, daß es so ist.“ Da Rahel schweigend ins Weite starrte, fuhr er schmerzlich-bittenden Tones fort: „Kind, hier in meine Vaterhand versprich es mir. Du bist des Chacham Tochter, auserwählt vor vielen. Kehre um, kehre doch um!“ Die Mutter weinte und klagte sich an, daß sie das Kind in die fremde Welt geschickt, es nicht besser behütet und der Versuchung ausgesetzt hätte. „Gott straft uns in seinem gewaltgien Zorn! Gott, höre mich! Wende den Sinn unseres Kindes. Wir sind schuld. Unser Kind war zu schwach. Wir hätten es halten müssen.“ — Rahel erwachte aus ihrer Erstarrung. Also die Liebe der Eltern war nicht stärker als alles andere. Diese Erkenntnis brach etwas in ihrer reinen Seele entzwei. Nun versuchte sie es mit geistigen, gedanklichen Gründen, sprach von dem Gemeinsamen und daß ja die Form nicht alles sei, sondern der große Inhalt, daß viele Wege zu Gott führten, und daß sie mit Michael zusammen den Weg zu Gott suchen wollte. — „Wer die Form zerbricht, verschüttet den Inhalt. Mein Wort ist gesprochen!“ Also der Vater. Und wieder die Klagen und Tränen der Mutter, die bittende Festigkeit des tiefunglücklichen Vaters. Tagelang, wochenlang! Sie schrieb heimlich an Michael und fieberte nach einer Antwort. Es kam keine, denn man hielt seine Briefe zurück. Da war Rahels Kraft gebrochen. Willenlos tat sie, was sie für richtig hielten, um das Unkraut dieser schmachvollen Liebe aus ihrem Herzen zu reißen. „Du wirst den Weg des Segens gehen und als braves, jüdisches Kind dem Gatten unserer Wahl folgen. Das ist der Weg zu Gott und zum Glücke, mein Kind." Man ließ ihr einige Wochen Zeit zum Ueberwinden. Dann stand Rahel unter dem Trauhimmel an der Seite eines karaitischen Mannes und ward ein karaitisches Eheweib nach allen Satzungen und Formeln ihrer Sekte. Gott segnete diesen Bund und gab ihnen einen Sohn. — Die Bewohner des Ortes, in dem Rahel lebte, nannten sie die „Stumme". Denn Rahel sprach nur das im Alltagsleben Notwendigste. Sie unterhielt sich mit niemandem und plauderte auch nicht wie andere junge Mütter mit ihrem lallenden Kinde. Nie kam ein Lächeln auf ihre Lippen, nie ein lautes Gebet, nie ein Wort der Zärtlichkeit ihrem Gatten und ihrem Kinde. Das tiefschwarzc Haar zeigte vereinzelte weiße Fäden. Sie tat ihr Tagewerk unbeirrt, widersprach nie, war eine pflichttreue und wilLfährige Gattin und Mutter wie auch eine gefügige Tochter im Verkehr mit den häufig zu Besuch kommenden Eltern. Die Mutter betete jeden Abend. „Gott, Gott, beleb« unser Kind. Mache seine Seele wieder warm und schaffe sie neu, daß sie werde, wie sie einst war!" -- — Eines Tages trat Michael in ihr Zimmer. Bleich, drohend stand er plötzlich vor ihr. „Was hast Du getan, Rahel?" Rahel ging ihm entgegen. Sie schrie nicht und fiel nicht um. Sie hatte gewußt, daß er kommen würde, und hatte ihn täglich erwartet. „Ich tat, was ich tun mußte, Michael." „So hast Du mich nicht geliebt?" „Mehr als mich selbst, Michael. Ich liebe Dich noch!1* „Und wurdest eines andern Mannes Weib, und seine« Sohnes Mutter! Ist das Rahels würdig?" „Rahel lebt nicht mehr!" Da ward sein Zorn still. Er sah, daß vor ihm nur ein Schatten jener Rahel stand. Körper ohne Seele, Men-s schenwesen ohne Gottes Odem. Und es stieg heißes Mitleid, bohrende Sehnsucht und alle Qual enttäuschter Liebe in ihm auf. Er fiel vor ihr nieder, küßte den Saum ihres Kleides, kroch zu ihren Füßen wie ein Bettler und weinte und schrie, klagte an und lästerte und segnete in wildem Schmerz. Rahel beugte sich zu ihm nieder und sagte tränenlos: „Betraure mich wie eine Tote und sprich die Totengebete. Da rechtet man nicht mehr mit Gott. Du bist ein Jude." „Nein, Rahel, nein! Ich will Dich wieder zum Leben erwecken. Rahel heißest Du und sollst Stammutter werden einem neuen Geschlecht. Sagte ich das nicht einst zu Dir? Hast Du Deine Pflicht an Gott und den Menschen vergessen und an mir? An mir, Geliebte? Ich bin entwurzelt und unglücklich! Rahel! Rahel!" „Du rufst mich vergebens. Gott hat die neue Stammmutter verworfen. Ich darf der Welt nur Karaitenkinder schenken und muß ein Karaitenkind bleiben.“ „Rahel, höre mich! Komm mit mir. Wirk alles hinter Dich. Werde wieder Rahel, meine Rahel! Komm, komm, Liebste! Es dunkelt. Laß uns keine Zeit verlieren!" „Darf eine jüdische Mutter ihr Kind verlassen und dann noch weiterleben?“ „Liebst Du mich noch, Rahel?” „Ja, Michael! Mehr als mein Lebenl“ „Dann besinne Dich nicht. Gott bat uns für einander bestimmt. Lasse es die Menschen Sünde nennen. Vor Gott, vor dem Gott in unserer Brust ist es Gebot! Fürchte dich nicht!“ „Ich fürchte mich nicht, Geliebter. Aber ich kann Dir nicht folgen. Was willst Du mit einem zerbrochenen Geschöpf, mit einem leeren Gefäß? Rahel ward zur Dirne, als sie einem fremden Manne das Jawort gab. Du bist zu schade für sie.“ „Beschimpfe Dich nicht, Rahel. Du bist, wie keine, Gottes Geschöpf und hast ein Recht auf Glück und Ehre. Man hat Dich in einem Wahn zur Unclire gezwungen, Folge mir doch!" — Das Kind fing an zu weinen. Es verlangte Nahrung. Rahel richtete sich auf, langsam, langsam. Stand einen Augenblick zögernd, gequält. Dann warf sie sich mit einem lauten Aufschrei in Michaels Arme, an seine Brust, umschlang seinen Hals, küßte ihm Stirn, Wangen, Augen und Hände und weinte, weinte, als wollte das Leid kein Ende nehmen. Dann nahm sie ihn bei der Hand, führte ihn still zur Tür, öffnete diese und wies ihn mit bittender Geberde hinaus. Sie hob ihr Kind aus den Kissen, wusch und wickelte es sorgsam, sättigte es und legte es in das saubere Bettchen zurück. Dann stand sie sinnend und blickte auf das süß schlummernde kleine Wesen. Nun aber lauschte sie, tief erschreckt — Männerscbritte ertönten vor dem Hause — ihr Gatte kehrte hehr. Da riß sie sich zusammen, stürzte zur Tür hinaus, dem Seitenausgang zu! — Am nächsten Morgen fanden Wolgafischer Rahels Leichnam am Flußufer.- | H | Unsere Rätse!-Ecke! || j Srrch-Rätsel. Den Wörtern: ReHabearn, Aschre, Jude, Thinis, Menahem, Eva, Tebes, Uru, Bund. Myriade, Palaestina, Jerusalem, Ruth, Tebes, Sardanapal, Amram, Chitti Seder, Thinis, Met, Hagar, Elul, Hanna, Gebet. David, Luege, Korn, Finsternis. Eden, Sammlung, Sanherib, Ceder, Aöar, Hasörubal, Peroth, Lemi, Tigris. Eden, Eid, Ganges, Lot, seitdem, Mirjam, Gimmel. Abtrünniger sinh je zwei aufeinanderfolgende Buchstaben zu. entnehmen, die — hintereinandergelesen — eines der Zehn Gebote ergeben. -ar. Auflösung des Kreuzworträtsel A S I S A I SEM EVA s I a[r| a| h C H O R C H E I N E SAU AHLE T A L M U D TRUBEL E | B E \H | E | Z E R T E R EMU g]e l|d® T H A r HE1DD □ BIX IDD □□□□ 9EU9BL Die Anfangsbuchstaben von 7. 15, 2, 25 wagerecht; 17, 14, 21. 11, 16, 13, 20. 33, 34 senkrecht ergeben den Namen des berühmten jüdischen Literarhistorikers Jsaae Disraeli