Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 13 (26.3.1926)
- Date
- 1926-03-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Jahrgang Nummer 13 Beilage 26. März 1826 Der Jüdische Sprechsaal Bedenkliches aus dem E. V. Bon Dr. Richard Elb-Dresden. .Wir wissen Sen getreuen freund -u ehren, Lom falschen wehren ist der Klugheit Pflicht." Schiller. Diese Betrachtung ist -ahm wie ein Reh. gemessen an der läwengleichen Wildheit, mit der -er streitbare Leipziger Rabbiner Dr. Goldman« die sächsische Regierung ohne zwingenden Grund an-ufallen für gut befand. CS geschah dies in einem Leitartikel -er E. B.-Zeitung. welcher von der Schriktleituna noch dazu den sensationellen Untertitel erhalten hatte „Mittelalterliche Zustände in sächsischen Schulen." Dies bezog sich auf bedauerliche Vorkommnisse in Leipzig, während aus keiner anderen Gemeinde Sachsens Derartiges gemeldet worden ist. Hatte also auf -er einen Seite der Artikel nur lokal« Berechtigung, so wusste anderseits der Verfasser zur Genüge, dass das bisher Erreichte in Sachen Schulbefreiung an Sabbaten und Feiertagen dem jahrelangen friedlichen Zusammenwirken -wischen Sächsischem Gemeindeverband und Kultusministerium zu verdanken war. Abgesehen aber davon -atz ein Hineintragen solch immerhin delikater Angelegenheit in die Oeffentlichksit nicht geboten war. hatte lediglich ein Missverständnis den Zorn Dr Goldmanns erregt, nämlich die Auffassung, dass das Ministerium an den niederen Feiertagen — die Unterscheidung stammte von Dr. Goldmann selbst! — die Schulbefreiung verböte, während es lediglich die orthodoxe Eingabe derer um Dr. G. abgelehnt hatte, auch an diesen Feiertagen ohne besondere Genehmigung fehlen zu dürfen. Es ist damit für jeden maßvoll Denkenden bis an die Grenze dessen gegangen, was wir Juden billigerweise fordern können, es deshalb schelten, mußte, was auch vromvt einget^eten ist. verstimmend. wenn nicht gar in noch schlimmerer Weise, wirken. Wie aber verhielt sich die andere Sünderhälfte, die für den Artikel verantwortliche Leitung des C. B.? Zunächst lehnte die C. B.-Zeitung. die doch genau wie dieses Blatt von seinen Mitgliedern erhalten und für die Mitglieder geschrieben wird, die Aufnahnie einer gegenteiligen Meinung ab. oder vielmehr sie gab Dr. Goldmann als ei"",ii ihrer Prominenten Gelegenheit, zur Entkräftung dieser Einwände einen Kommentar zu seinem Artikel zu schreiben, der dessen verderbliche Wirkung nur noch steigerte. Als aber außerdem die Dresdner Ortsgruppe den Mut hatte, sich gegen den Artikel?u wenden und. von dem Standvunkt ausgehend daß die dortigen Herren in erster Linie mit der Regierung zu verhandeln und daher am unangenehmsten unter den folgen so schroffen Vorgehens zu leiden hätten, die Bitte (nichts werter!! aussvrach. sich in solchen Bällen vorher mit ihr zu verständigen, wurde dies in Berlin als ein Eingriff in die Selbständigkeit der Schriftleitung glatt abgelehnt. (Natürlich gibt die Mitgliedskarte — dies an die Adresse des Herrn Dr. Wiener auf seine sehr schönen, nur nicht mit der Praxis übereinstimmenden Leitsätze anläßlich der Hauptversammlung — keinen Anspruch darauf, in der Vereinszeitfchrift zu Worte zu kommen wohin sollte bas führen? Aber Unparteilichkeit und Takt aebieten. die Ansichten eines iournalistisch erfahrenen Mitgliedes und mehr noch eines viergliedrigen OrtSgruppen-Borstands über das einmal angeschnitten« Thema nickt einfach zu übergehen!!. Dies mußte erzählt werden, um m begründen, wieso sich wahre und erprobte freunde des C. B. ein anderes Forum suchen müssen, ihrer warnenden Stimme Gehör zu verschaffen, wobei es natürlich nicht angenehm ist daß wir auch den unS Wohlgesinnten ein Bild innerjüöischer Zerrissenheiten bieten — in einer Zeit in der Zusammenhalten oberstes Gebot sein müßte! Worin, mutz man fragen, liegt die Bedeutung des C. B.? Daß sich Menschen ganz verschiedener religiöser Einstellung in ihm zusammengeschlossen hüben. Die Mehrzahl ist zweifellos liberal gesinnt. Darum bedeutete es. gelinde gesagt, eine Unklugheit. Dinge — noch dazu mit solchem Nachdruck — zu berühren, die — dem anderen peinlich — nach außen das Gefühl erwecken mußten, daß hier Forderungen von der Allgemeinheit des Judentums erhoben werden, die diese in Wahrheit aar nicht teilt. Warum der Liberale seine Kinder am Sabbat schreiben, zur Schule gehen läßt und überhaupt nicht soviel Wesens aus der Behandlung dieser fragen macht, liegt auf der Hand. Weil er das Judentum nicht in den alten überlieferten Wonnen erblickt, die zu den Zeitverhältnissen längst in Widerspruch stehen sondern weil er einsieht: wir leben in einem Lande mit überwiegend christlicher Bevölkerung, dessen Gesetzen und Gebräuchen wir uns als Minderheit anzupaffen haben. Man mag das Assimilation nennen oder nicht es ist richtig. Ein Geschäftsmann, der aus religiöser Ueberzeugung Sonnabend schließt, wivd hieran von niemandem gehindert. Dafür müßte er logischerweise am Sonntag offen haben, was er aber, auch wenn er nur jüdische Angestellte besitzt, aus gesetzlichen Gründen nicht kann. Dieser selbe Mann will nun. daß sein Sohn alle Sabbate nitf» Feiertage aus der Schule bleibt. Erstens kommt der Sohn in Widerspruch zu der Handlungsweise des BaterS. Zweitens widerstrebt dieses Fernbleiben des einzelnen der Schuldisziplin. wobei es praktisch gar keine Bedeutung hat, ob der Vater die selbstverständliche Verantwortung für Las Mitkommen oder Zurückbleiben des Kindes übernimmt. Der Lehrer, auch wenn er gar nicht übelwollend ist. wird in seinem Pensum gestört, die Mitschüler — erbarmungslos wie die Kindesseele ist — bereden oder gar bespötteln den Fremdling. er, der Jude, steht als Märtyrer seines so verstandenen Glaubens allein da. Nun ist es ein gewaltiger Unterschied, wo dies alles vor sich geht, ob 1» Gegenden mit starker tüdischer Bevölkeruna oder in dem judenarmen, nie besonders jubenfreundlich gewesenen Sachsen: dort können 20—30 Prozent Juden jn einer Klasse natürlich eine Macht sein, die ihre Sonderwünsche geschloffen durchdrücken. Hier aber — hat man davon eine Ahnung — ist in mancher höheren Schulklasse ein jüdisches Kind und als solches isoliert genug, um sich nicht noch durch selbsterrichtete Mauern von den anderen, auf die es angewiesen ist. zu scheiden. Der C. B. ist auf einer falschen und gefährlichen Bahn, wenn er erstens: Waubensfragen, die als solche gar nicht zu seinem Arbeitsgebiet gehören, in den Abwehrkampf hineinzieht. Auf diese Weise entstehen nur Reibungs- und Zünöflächen unter den Mitgliedern, zweitens: Wünsche einzelner (in diesem Falle orthodox Gesinnter! als Forderungen der Allgemeinheit erscheinen läßt. Diez muss als Unb-'tcheidenbeit ans'elegt werden, die uns allen zur Last fällt und die leicht das Gegenteil dessen was beabsichtigt ist. erzeugt, drittens: begangene Febler dadurch zu vertuschen glaubt, daß er diejenigen, die Verfahrenes einzurenken versuchen, mundtot macht. viertens: statt Brücken zu schlagen Mauern aufrichtet. Denn das Hervorkohren orthodox-jüdischer Gesinnung ist ein Trennungsmoment, wie es stärker nicht gedacht werden kann. Freilich, wer dafür ist. daß sein Kind eine iüöische Schule besuche, für den ist dieser ganze Komplex von Gewiffensfragen nicht vorhanden oder mit einem Schlage gelöst: daß aber der C. B. kein Freund der jüdischen Schule ist. beruht nicht auf einem Zufall, sondern erklärt sich aus seiner vorwiegend liberalen Einstellung. Und «n Widerspruch zu ibr es. wenn plötzlich in der gemischten, kurz gesagt: christlich geleiteten Schule jüdische Sonderwünsche. noch dazu in so brüs-ker Form wie in dem Goldmannschen Artikel, erhoben werden. Zwei Einwäuden sei gleich begegnet. Einmal: der C. B. sei nur deshalb mit der Sache besaßt worden, weil eine Zurücksetzung von uns Juden vorgele-gen habe. Sie existierte, wie eingangs dargelegt. nur in der Vorstellung des Herrn Dr. Goldmann. Seien wir Juden doch nicht von solch krankhafter Empfindlichkeit und vergessen wir nicht, daß der Katholik — in Gegenden, wo er nicht dominiert, sondern gleich uns in der Minderheit ist — doch als Auch-Christ eo ipso mit ganz anderen Augen angesehen wird als der Jude! Das andere ist die alte.won Dr. Goldwanp wieder voraevrachte Behauptung, wie gefährlich es sei. dem durch Jahrtausende geheiligten Bau unseres Judentums einen Grund-- Pfeiler zu nehmen. Daraus gibt es nur die obensallS nicht' ganz neue Antwort: Sind das Grundpfeiler — diese äußerlichen Gebräuche, in denen sich nie und nimmermehr das Wesen eines modern erfaßten Judentums erschöpft? Sind sie es aber, wie morsch müßte dieses Gebäude sein, wenn es eines Trägers bar gleich zusammensrürzen wollte! Man kann ein selbstbewußter. Religion in sich tragender Jude sein, ohne darum seine Kinder zu zwingen, entweder aus den Berkchr mit andersgläubigen Kameraden zu verzichten oder als früh Gezeichneter neben ihnen zu sitzen. Letzterem aber hat der C. B.-Artikcl. der als einmalige Entgleisung betrachtet sei. Vorschub geleistet. Die große Sache des C. B. erfordert es. weiter zu ihm zu halten. Er muß nur sichtbar und ohne Liebäugeln mit bestimmten Personen oder Gruppen aus dem Juden von heute, der unter der Zerrissenheit seiner Lage leidet, einen glücklichen, mit Stolz an seiner Religion hängenden Menschen machen wollen, der nicht als gebückter Lastträger eines für überwunden aehaltenen Ghettos, sondern aufrecht und dennoch bescheiden seine Lebensstraße zieht. Von der Laqe der Erwerbslosen. Etwas Außerordentliches hat sich ereignet. Jn der Sitzung der Berliner Repräsentantenversammlnng vom 17. Februar hat, wie bereits an anderer Stelle berichtet, eine Erwerbslosendemonstration stattgefunden, wie sie in diesem Ausmaße noch nicht dagewesen ist und schließlich zu einer vorübergehenden Unterbrechung der Sitzung führte. Wenn auch keinesfalls derartige Auftritte gebilligt werden können, so mutz man sich auch darüber klar werden, aus welchen Motiven derartige Demonstrationen entstehen. Weder die Stabt Berlin, noch bas Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde, dessen Aufgabe heute schwerer denn je ist, lassen zwar irgendeinen Erwerbslosen verhungern. AVer es soll hier einmal die Frage aufgeworfen werden, ob eS immer notwendig ist, datz der Angestellte entlassen, b. h. erwerbslos wird. Diese Frage mutz mit einem scharfen „Nein" beantwortet werden. Gewiß ist die Lage der Wirtschaft heutzutage in jeder Branche schlecht: gewiß mutz jeder Geschäftsinhaber bei einer Zeit, wie der heutigen, versuchen, seine Spesen und Geschäftsunkosten zu verringern. Aber es gibt auch heute noch eine große Anzahl lebensfähiger Betriebe, bei denen eS nicht unbedingte Notwendigkeit ist, Angestellte zu entlassen. Und dennoch wirb, und gerade von vielen jüdischen Firmeninhabern, zu diesem letzten furchtbaren Mittel, dem Brotlosmachen der Menschen, die für einen gearbeitet haben, geschritten. Freitagabend für Freitagabend predigen die Rabbiner in den Berliner Synagogen gegen die jüdischen Selbstmorde. — Freitagabend für Freitagabend, am Ende jeder Woche, sind jüdische Angestellte zu Hunderten und Taufenden entlassen. Hier liegt die Wurzel alles Uebels. Diejenige» Menschen, die jahrzehntelang ihre Kraft, ihr ganzes Leven einem Geschäftsbetrieb gewidmet haben, werben entlasten, — mit der Familie auf die Straße gesetzt — und verzweifeln . . . Aus solcher Stimmung heraus kommen Selbstmorde, welche zu verstehen und zu entschuldigen sind, und so entstehen derartige Szenen, wie sie in der Repräsentantenversammlung stattgesunden haben. — Unendlich groß ist die Zahl der Fälle, bei denen ein Menschenleben der unsozialen Politik der Geschäftsinhaber zum Opfer gefallen ist ... Während es einerseits unjüdisch ist, Glaubensgenossen unnötigerweise brotlos zu machen, fügt derjenige Geschäftsinhaber, der auch christliche Angestellte entläßt, nicht nur sich selbst, sondern dem ganzen Judentum einen nie wieder gutzumachenden Schaden zu. Denn die Arbeitslosen werden tn bekannter Weise von den Hakenkreuzlern mit offenen Armen empfangen, und finden für ihre Zwecke Verwendung. Wer christliche Angestellte ohne zwingenden Grund entläßt, verstärkt das Heer der Antisemiten. Man bekämpft den Judenhaß besser, indem man seine andersgläubigen Angestellten behält, als baß man dieselben entläßt, und nachher eine Summe für den Kampf gegen den Antisemitismus spendet. Deshalb, zur Verminderung der jüdischen Selbstmorde und zum Eindämmen des Antisemitismus, appelliere ich an die gesamte jüdische Geschäftswelt, an Firmeninhaber und deren Vertreter: „Behaltet eure Angestellten, wenn eS euch auch schwer fällt! Stellt neue Kräfte ein, wo irgend möglich! Baut an — statt ab! Lindert die Not! Helft euren Angestellten — so helft ihr euch selbst!" Heinz Levy. Duell? Juden? Vaterland? Dr. F. R e i ch. Nach Herrn Margvlius entsvringt der Gedanke des Duells den drei Begriffen: Wettstreit, Ertüchtigung. Ehre. Hiermit wirft Herr M. zweierlei durcheinander, nämlich studentisches Fechten und Mensurwcsen einerseits mit dem Zweikampf andererseits. Gerade in OffiziepSkrejAl, wo das Mensurwesen nicht so. betrieben wurde wie bet den Studenten. Sföifcfc&UgK uM geschriebenes Gesetz. D Die Worte Wettstreit und Ertüchtigung paffen für lebest Sport, und also auch für das Fechten, nicht aber für da? Duell. Mit einem Duell will niemand in einen Wettstreit eintreten (wer besser schießen kann!, oder aar das Schießen üben (denn das wäre Ertüchtigung!, sondern er zeigt damit, daß das bloße Leben für ihn nicht der Güter höchstes ist Datz das Gesüßt 5>er Ehre dem Leben erst Wert gibt, ist unbedingt nötig. Ke^n Höherstehender kann wohl ohne Ehre leben. Ein jeder will wenigstens in dem Kreise, in dem er lebt, geachtet sein. Ist nun der Ehrbegriff eines Kreises so, daß der einzelne (gleichgültig ob mit oder ohne Recht und Vernunft! in schweren Dingen seine Ehre nur durch den Einsatz des Lebens bewahren oder retten kann, so wird auch ein Gesetz alte Traditionen nicht mit einem Federstrich aus der Welt schaffen. Die Folge solchen Gesetzes wird den üblichen Zweikampf vielleicht etwas zurückdrängen, aber die Folge wird das amerikanische Duell sein, das von allen als das unschönste betrachtet werden dürfte. Bei dem Beispiel, das Herr M. anführt, spricht aber nicht nur der Begriff „Ehre" mit. sondern die Ansicht: „Einer von uns beiden ist zu viel", d. h. „nur einer von uns kann nach dem. was vorgefallen, leben bleiben — wer. ist gleichgültig." Daher fragt keiner hier nach Recht oder Unrecht. Die starken Worte des Herrn M.: „Atavist. betrogener Betrüger, Heuchler" sind bedauerlich. Mit Schimpfworten beweist kein gebildeter Mensch, daß er im Rechte ist. „Liberal" sein heißt doch wohl nicht, jeden anders Denkenden für eine» Dummkopf oder Lumpen ansehen? Die große Auswahl der besonders preiswerten BOENICKC - ZIGARREN Sür dem ittällchen Bedarf vom 6 PC. am, sowie im hochfeinem QmmlMtttfem Illustrierte Preisliste kostenfrei Hochfein« Perla del ArfOi Cremas, mit feinstem Snmatra*Sandblatt, feinaromat. Qualität 30 Pf. UW marhe. Coronas mittel, rorsortiert, eine besondere Leistung, mittel BS Pf. Für Geschenkzwecke zu Ostern große Auswahl in Kistchen zu 10, 25, 50, 100 StUck in allen Preislagen. In allen Geschälten die gesamte große Auswahl. Bofonsl, Brasil- Zltfarren zu SO. SS. 30. 40PL Besondere feine Qualitäten I Sumatra - Sandblatt - Zigarren Triunfo» Damitas, 9 cm 10Pf. Ellada|Predilecios,llcm25Pf. Parola, Bouquets, 83/4cm15 Pf. 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