Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 13 (26.3.1926)
- Date
- 1926-03-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IMchÜberaleZeMng Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Sezugsprel« durch die veschästefielle l/< jährlich Sk. L80 Einzelnummer 0L0. Bet freier Lusenduni. Inland gLS Aür die Mitglieder der Vereinigung ist der Dezugepreia » t» Miigliedadettrage enthalten. » n » Chefredakteur: Dtpl.^ng. Benno Da-da. vis ..Jüdifch-Udvralo Settung" erscheint jeden Srettag. Nedaktion u. osschüttsstelle: verlin SW. WUdelmftr. i47. »«rnrutr Sasenheide 3388, 3389 p»M«d»<Nkonto: Berlin nW7 llr.157069 (Vereinigung für da» liberale Zuvenlum NachdruM famtlld)»r Orlglnal-BeltrAge nur mit vorheriger Oenef>mlgi»ns 6er Redaktion geftottet. Anzeigenpreise: Die lSgespaltene Ronpareillezeile 0.43 Goldmark, die Rklamezetle 3.00 Goldmark, bet r: s » Wiederholungen Rabatt. » s tt Anzeigenannahme: »Jüdisch, liberale Zeitung" Jnseratenabteilung: Berlin GW 48. Dilhelmstrahe 147 (Hasenheide: 3388—89). sowie fämll. Annoncen-Lzeped. Nr. 13 Berlin. 26. März 1926 6. Jahrgang Ein Sederabend im Hause des Rabbi Akiba. Bon Rabbiner Dr. Nor Sen (Elberfeld). In unser« jüdischen Schrifttum tritt setzr häufg der Name des Verfassers eines Werkes hinter dem Werk selbst zurück. Das Werk ist bekannt, der Name des Werkes ist in aller Munde: der Name des Verfassers dagegen wird selten genannt, viele kennen seinen Namen nicht einmal. So sprechen wir oft von der Mifchnah; an den Namen deS Verfassers jedoch, an Rabbi Juda Ha-Naßi wird dabei nur selten gedacht. So reden wir viel vom Talmud: nur selten aber wird LeS Namen des großen Gelehrten Raw Aichi Erwähnung getan, der das Riesenwerk znsammengestellt hat! Jeder Jude weiß wohl daß der Schulchen aruch ein bedeutendes Religionsgesetzbuch ist: daß der Verfasser des Buches Josef Karo heißt, ist inöeffen weniger bekannt. So geht es uns auch mit der Peßach-Haggadah. die wegen ihrer aroßen Beliebtheit mit Reckt ein jüdisches Volksbuch genannt werden darf Wer aber denkt an den Verfasser der Haggaöah? fte beliebter und volkstümlicher das Buch geworden ist. um so weniger hat man sich um den Verfasser des Buches gekümmert, und schließlich hat man seinen Namen ganz vergessen Freilich ist der größte Teil unserer Peßach- Hagg-adah nicht ursprünglich. Da finden wir vieles, was aus der Bibel, der Mischnah. dem Talmud und dem Gebetbuch herübergenommen ist. so baß nicht allzu viel übrig blieb, was wir dem unbekannten Verfasser der Haggadah zuschreiben können Zu diesem wenigen, was unserer Pehach Haggadah ursprünglich ist. gehört u. a. die kleine Erzählung von jenem Sederabend. den einst im Heiligen Lande vor 1800 Jahren fünf bedeutende Gelehrte gemeinsam begannen haben Rabbi Elieler. Rabbi Josua. Rabbi Elaser ben Maria. Rabbi Akiba und Rabbi Tarson feierten einst gemeinschaftlich den Sederabend in dem kleinen Stäbchen B'ne B'rak und unterhielten sich über den Auszug aus Aegypten die ganze Nacht bis endlich ihre Schüler erschienen und sie darauf aufmerksam machten, daß es schon Zeit sei. die Moraenandackt zu verrichten. Diese kleine Erzählung macht einen ganz unscheinbaren Eindruck und doch glaube ich. daß sie durchaus nicht UN« wichtig ist und daß mir dem Verfasser der Haggadah zu Dank verpflichtet sind, daß er sie uns mitgeteilt hat. Ich habe diesen Gegenstand einmal an anderer Stelle*) behandelt. Dort habe ich jeden einzelnen der fünf Gelehrten zu kennzeichnen versucht: Rabbi E l i e s e r. den bis zum Starrsinn unbeugsamen Charakter: RaM Josua den in religiösen und politischen Fragen milden und versönlichen Menschen: Rabbi E l e s e r ben A s a r i a. der als Jüngling von achtzehn Jahren schon an die Spitze des Sanhedrin berufen wurde: Rabbi AkkIba. der die erste Anregung zur Aufzeichnung der mündlichen Lehre gegeben und der sein Leben als heiliger Märtyrer beschlossen hat: und Rabbi Terfon. der gegenüber dem soeben aus dem Schoße des Judentums heroorgegangenen Christentum den jüdischen Gottesgeöanken in seiner ganzen Schönheit und Reinheit hochgehalten hat. Wenn wir nun aber den religiösen Wert unserer kleinen Erzählung richtig beurteilen wollen, so müssen wir uns einmal die Zeit und den Ort der Begebenheit vergegenwärtigen. Die Zeit war außerordentlich trübe: es war etwa ein halbes Jahrhundert nach der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem. Nicht genug damit, daß unsere Borfahren ihre politische Selbstänöiakeit etngebüßt. nicht genug damit, daß ff« ihr Heiliatum verloren hatte", lastete die Sand des römischen Kaisers Hedrian auf den Besiegten mit unerträglicher Grausamkeit Und in solcher Zeit sitzen die genannten fünf Gelehrten beisammen und verbringen die ganze Peßachnacht in religiösen Gesprächen. „Seltsame Schwärmer!" werden die Ueberklugen sagen, „unverbesserliche Idealisten und Optimisten! Haben die denn überhaupt in der Welt gelebt in der rauhen Welt der Wirklichkeit? Das waren doch weltfremde Gelehrte!" O nein, diese Männer waren nichts weniger als weltfremd. Sie haben die Welt gesehen, wie sie damals war. in ihrer ganzen Schwere und .<^ärte. und sie baden die Menschen aeseßen. wie sie unter der Schwere und Härte der Zeit zusammenzubrechen drohten. Und da haben sie sich gesagt: „Es gibt nur ein Mittel, über die schlimme Zeit hinwegzukommen, nur ein Mittel, ihr nicht zu erliegen: das ist die unbeirrte Pflege idealer Gesinnuna. das iss di«' Wägung und B^ßütnna und Förderung der sittlich-religiösen Güter. Je schwerer die Zeiten sind, je unbarmherziger sie uns Niederdrücken wollen, um so wichtiger, um so notwendiger ist es. den Leidenden und Unglücklichen nt zeiaen. wie die A'el» nach den Grundsätzen und den Forderungen der Sittlichkeit und der Religion sein soll. Jene großen Gelehrten waren nichts weniaer als weltfremde und weltabgewandte Männer: sie waren Tröster und Helfer in dunklen traurigen Tagen. Das gilt von allen fünf Gelehrten, die sich an jenem denkwürdigen Sederabend zusammengesunden haben, und am meisten trifft es wohl zu aus denjenigen unter ihnen, an dessen Wohnort die Seöerseier sich abgespielt hat. In B'ne B rak haben sie zusammengesessen, einem kleinen Ort, *) Liberales Judentum. Jahrgang 6, Nr. 3. v. März 1914. Peffach. der aber für bie Geschichte unseres Judentums von größter Bedeutung geworden ist Denn dort batte der große Rabbi Akkiba sein Lehrhaus gegründet und ganze Scharen begeisterter Jünger um sich gesammelt. Dort tn B'ne B rak waren die übrigen vier Gelehrten an »enem Peßachfess bei Rabbi Akiba zu Gaste, dort tn seinen Räumen haben sie die ganze Nacht hindurch ihre religiösen Gespräche geführt, dort haben sie sich unterhalten nicht nur über die wunderbaren Schicksale Israels in Aegypten und beim Auszug aus Aegypten, sondern im Anschluß daran sicherlich über alle wichtigen Fragen des Judentums, über die weltgeschichtliche Bedeutung der Offenbarung am Sinai, über den Tempel und seine Zerstörung, über die Zertrümmerung des jüdischen Staates und die Zerstreuung der Juden über die ganze Welt, über die Zukunft des jüdischen Stammes und seine Sendung für die Menschheit Und der Gastgeber Rabbi Akiba. der der hervorragendste unter den fünf Charakterköpfen, er hat mit seinem überragenden Geist wohl den Gang der Aussprache geleitet und beherrscht. Drei besonders große Gedanken sind mit dem Namen Rabbi Akibas unauflöslich »er« knüpft. und die Annahme iss wohl b^chtia*. daß eben jene drei Gedanken in der Sedernacht zu B'ne B'rak zu eingehender Erörterung gelangt sind. Sie behandeln das Verhältnis der Juden zu Gott, das Verhältnis der Juden zum Mitmenschen und das Verhältnis derJuden zu anderenBölkern. „Mein ganzes Leben lana". sagte Akba einige Minuten vor seinem Märtyrertod zu seinen Schülern, „hat eS mich bedrückt daß es mir nicht vergönnt sein soll, das Gebot zu erfüllen: Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben mit deiner ganzen Seele, d. h. unter Preisgabe deines Lebens. Jetzt ist eS mir vergönnt für den Namen Gottes mein Leben hinzugeben. und ich sollte mich nicht freuen?" Fürwahr, ein heldenmütiges Wort: und Akiba verlangt vvn jedem Juden, er solle ein Held sein, er solle im - stände sein, für seinen Gott, für sein Bekenntnis kür hie große Sache des Judentums zu leben, und. wenn es sein muß. freudig zu st e r b e n. Ueber daö Verhältnis des Juden zum Mitmenschen hat Rabbi Akiba das sehr kurze, aber höchst bedeutungsvolle Wort qeprägt: „Die biblische Forderung: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, iss ein großer Grundsatz in der Thora." M t t diesen wenigen Worten hat Akiba das Gebot der Nächstenliebe als die Grundlage der jüdischen Sittenlehre erkannt und a u f g e st e l l t. Was aber endlich Verhältnis des iüdilckeu M"skeS zu andern Völkern betrifft, so kennen wir die Anschauung Rabbi Akibas aus seinem Verhalten beim Ausstand des Bar Kochba gegen die Römer. Wenn Rabbi Akiba in Bar Kochba den von den Propheten verkündeten Messias erblickte, wenn er glaubte. Bar Kochba sei der von Gott gesandte Befreier der Juden aus der Hand der Römer, so hat er in diesem Punkte zwar geirrt: auch große Geister sind ia Jrrtümern unterworfen Er hat geirrt, wenn er glaubte. Juda könne das Römerretch mit der Gewalt der Waffen bezwingen In der Hauptsache aber bat er nicht geirrt, darin nämlich daß die Größe oder Kleinheit eines Volkes nicht maßgebend iss für seine weltgeschichtliche Bedeutung. Darin bat Rabbi Akiba nach unserer kessen Ueberzeuquna Recht, daß Juda, das kleine, winzige, politisch schwache Juda an sittlicher und kultureller Bedeutung höher sseüt als das große, umfangreiche, politisch mächtige Reich der alten Römer. In Rom die wahnwitzige Cäsarenvergötteruna: in Inda die heilige, demutvolle Liebe zu dem ewigen Gott, dem Lenker des Weltgeschehens In Rom die verbrecherische Gewaltherrschaft der Starken über die Schwachen die unmenlchliche Sklavenbedrückung: in Inda die Lehre von der Gleichberechtigung aller Menschen, das Gebot der umfassenden Menschenliebe. Wir haben die fünf jüdischen Weisen, von denen die Peßach-Haggadah uns berichtet, bei ihren religiösen Gesprächen am Sedertische belauscht. Jene Sederseier im Hause An unsere Mitglieder! Mit Rücksicht auf die kommende Reisezeit ziehe« wir die Beiträge für das 2. «nd 3. Onartal zusammen ein. Wir hoffe« damit a«ch im Interesse unserer Mitglieder zu handeln» die dann wahrend ihrer etwaige« Abwesenheit nicht durch Mahnungen «sw. behelligt zu werden brauchen. Bereinigung für das liberale Jndentnm e. B. des Rabbi Akiba zu B'ne B'rak fei für alle jüdischen HSufer ein Ansporn, die herrliche Sitte der Sederabende hoch-uhalten, dieie einzigartige gottesdiensiliche Feier im Kreise der jüdischen Familie. Das Peßachfess mit seinen Seberavendeu möge unser jüdisches Denken veredeln, unsere Liebe zu Gott verinnerlichen, unsere Liebe zu den Menschen vertiefen und unsere Herzen mit Freude darüber erfüllen, baß wir unS Bekenner des Judentums nennen dürfen. Mose, der Neligionsschöpfer. Bon Dr. Jacob Fromer. Schiller hat in seiner „Sendung Moses" aus den dürftigen Notizen des Aegypte-Priesters Manetho mit einem selten feinen psychologischen Spürsinn den Hintergrund der mosaischen Religionsstiftung erraten. Danach soll zur Zeit, als Moses auftrat, eine Geheimgesellschaft in Aegypten bestanden haben, die den Kulms des Universalgottes Jao in ähnlicher Weise wie wir ihn bet Moses kennen, ausaeübt hat. Dieser schwache Lichtschimmer hat sich durch die jüngsten Ausgrabungen in Tell Amarna zu einem grellen Blitz verstärkt, der uns allerdings die Dunkelheit, in die er hinetnleuchtet, um so stärker empfinden läßt. Nach den aufgefundenen Inschriften soll im 16. vorchristlichen Jahrhundert, also um dieselbe Zeit, als Moses aufgetreten ist. der Aegypterkönig Amenophis IV den Lokalgott Amon gestürzt und an seine Stelle dey Sonnengott Re eingeführt haben, der dalebenspendende Licht nicht bloß über Aegnvten. sondern über alle Völker, die das damalige Weltreich Aeanvten umsvannte. scheinen ließ, allen Aberglauben ted^s mystische Dunkel verscheuchte: einen Gott, der. wie es in einer Inschrift des Amenovbis heißt: „Die Völker zwar durch Sprache und Farbe unterscheidet, für alle aber in aleicher Weise zu sorgen weiß." Es zeugt für den radikalen Sinn dieses Ketzerkönigs daß er den Namen des gestürzten Gottes Amon aus den Tempeln und Gräbern und überall, wo er ihn fand, ansmeißeln ließ, um sein Andenken aus dem Gedächtnis der Menschen zu tilgen. Diese gegen eine uralte Priesterkaste und tiefeingewurzelte Vorurteile begangene Revolution konnte sich freilich nicht lange behaupten. Bald nach dem Tode dieses Königs haben seine Nachfolger den Frieden mit den Priestern geschlossen und den Dienst des Amon wieder eingeittblt. Wer tiefer in die Bibel zu blicken vermag, fühlt es heraus, daß Moses sich das Material für sein? Religionsgebäuöe zum großen Teil aus dem zusammengestürzten Bau dieser Vernunftreligion geholt hat. Dafür spricht schon der glühende Haß mit dem Moses die Mystik in allen ihren Spielarten, die Zauberei, den Totcnkult und alles, was mit dem Engel-. Dämon- und Jenseitsglauben zusammenhängt, bekämpft Aber dieser hellblickende Tatenmensch. ging doch über jenen schwächlichen Träumer weit hinaus Er bat nicht bloß seinen Universalgott zu einem unsichtbaren Schöpfer des Alls erhoben und durch unzerstörbare Satzungen in den Gemütern verankert. Er hat es auch verstanden, das nötige Milieu, wenn auch nicht zu schaffen, doch auszufinden und seinen Zwecken dienstbar zu machen. Das Volk, das sich Moses für sein Werk ausgesucht hat. war nicht von einer alle Neuerungen durchkreuzenden Priesterkaste belastet. Dem Haupthindernis woran jede Reform zu scheitern pflegt, dem einheimischen Boden worin die alten Vorurteile ebenso wie die Pflanzen wurzeln, aing er aus dem Weae. indem er sein Volk auf einen neuen Boden verpflanzte. Vierzig Jahre alt war Moses, der Tradition aemäß. als er in die arabische Wüste geflüchtet ist. Als ein Achtzigjähriger taucht er. nach dem biblischen Bericht, in Aegypten wieder aus. um die Verwirklichung seines Planes in Angrff zu nehmen. In der Folge sehen wir. wie er seinen Plan an der Wirklichkeit ändert und verbessert, dabei jedoch die Wcsenszüge beibehält Er hat es sich in der Einsamkeit so schön ausgedacht, wie er als Lehrer und Richter in eigener Person, ohne jede fremde Hilfe, das Volk in der Wüste leiten, lehren und richten würde. Als sein Schwiegervater das Volk vom Morgen bis zum Abend um Moses herumstehen sah, machte er ihn auf das Unpraktische seiner Verwalttmgsform aufmerksam und riet ihm. Gehilfen zur Entlastung heranzuziehen. Aus der Selbstverständlichkeit, mit der er ben Rat befolgt. sieht man. wie weit er von den despotischen Naturen entfernt war. die nach dem Grundsatz, in der Politik dürfe man einen Fehler nicht einaestehen. jedem noch so guten Ratschlaa unzugänglich sind. Als der Bescheidenste unter allen Menschen aus Erden, wie ihn der biblische Schriftsteller nennt lebte er in der Miste anfangs unter dem Volk als Gleicher unter Gleichen. Diese schlichte Lebensführung sollte seinem Werk gefährlich werden. Was hat dieser Mann, murrte das Volk, der verheiratet ist und Kinder zeugt wie wir uns voraus? Wir alle sind heilig wie er und vor Got* gleich warum Lberbebt er sich über uns? Da vollzieht sich in Moses eine Wandlung wie sie heroischer kaum gedacht werden kann. Er. der mit seinem Volk aus das innsaste verwachsen war bricht jetzt jeden Verkehr mit dem Volke ab macht sich geradezu unsichtbar. Außerhalb des Lagers, vor der Hütte GotteS. schlägt er sein Zelt au* und lebt alS Einsiedler. In den seltenen Fällen, wo er dem Volke in eigener Person das Wort l