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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-03-19 · 12 (19.3.1926) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
12 (19.3.1926)
Date
1926-03-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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>cx> «. Jahrgang Rümmer 12 MDchÄrnEeiimz Beilage 19. MSr» 1926 Die Bergjuden von Daghestan. Von Paul Markus. Der Kaukasus ist noch Immer ein großes Rätsel Uwes wird noch lange dauern, bis man ihn und seine Bewohner in allen Teilen erforscht haben wird. Hunderte von Stämmen hausen -wischen den fast unzugänglichen Felsenklüften» Stämme, di« verschieden find nach Sprache. Abstammung. Glauben und Weltanschauung,' und die einander deshalb genau so feind sind, wie auch anderwärts Völker und Rassen. Unter den am wenigsten bekannten Gebirgsstämmen des Kaukasus zählen die Bergjuden. Tag-rschufut, wie sie tartarisch, Jevrey Gorzij. wie sie russisch genannt werden. Ihre Zahl beträgt etwa 80 000 und ihre Aulen, wie die Dörfer heißen. sind über weite Strecken verstreut. Größer« Gemeinden sind in Kuta im früheren Gouvernement Baku, in Madschalis sDaghestan) und am oberen Kuban, südlich von Batalpaschinsk. Ueber die Herkunft der Bergjuden schwebt Dunkel, auch sie selbst wissen nicht genau Bescheid, wie sie in ihre jetzige Heimat gekommen sind. Man nimmt an, daß die Bergsuden, später als die anderen kaukasischen Juden, erst im achten oder neunten Jahrhundert in die Gegend nördlich von Derbent angelangt sind, die Einwanderung nach dem benachbarten Madschalis aber erst sehr viel später, im sechzehnten Jahrhundert stattgefunden habe. Uebrigens bat der gelehrte Dominikaner Bincenz von Beauvais. der im 18. Jahrhundert lebte, in seinem speculum fiistoriale die tartarischen Juden erwähnt. Aus Jerusalem und Bagdad war schon vorher, um 1180, ein Zug Juden gekommen, die jedoch eine Zeit lang sich in Persien aufgehalten hatten, woher sie viel sprachliches und religiöses mitgenommen haben. Die Tatsprache. deren sie sich neben dem Aserbeidschan-Tartarisch beüienen, ist ein Beweis. denn die Tat. ein persischer Volksstamm, bewohnen den äußersten Westen von Iran und ihre Sprache weist viel Verwandtschaft mit der persischen aus. Ein besonderes Merkmal der Bergjuden ist ihr kriegerisches Wesen: sie werden darum auch Bykij, Stiere, genannt und bei kriegerischen Verwicklungen waren sie wegen ihres wilden Draufgängertums immer gesucht und vom Gegner gefürchtet. Dieses kriegerische Wesen der Berg'juden ist geschichtlich so oft beglaubigt und stimmt so sehr mit den Beschreibungen. die einzelne Reisende von ihnen geliefert haben, überein. daß daran nicht gezweiselt werden kann. Der Kaukasussorscher Hahn, der eine zweiwöchige Tour nach dem nördlichen Daghestan unternommen hatließ sich darüber manches erzählen. „Vom Balkon unseres Hauses", so schreibt er. »bietet sich eine hübsche Aussicht dar: nach Norden können wir tief unten die Straße fast bis zu dem Felientor an der Georgsbrücke verfolgen: nach Lüden hin eröffnet sich der Blick auf ein kleines Plateau, das sich über dem Ufer des Kara-Koissu erhebt. Es hat den Namen Eu- -ul-Manan lgndul aus dem hebräischen gadol - größt also: großer Versammlungsplatz. Da fanden sich früher die Bewohner der umliegenden jüdischen Aule zur Beratung chrer Angelegenheiten zusammen: erst zu Zeiten des Muri- Mmus hörten diese Versammlungen auf. Noch heute wohnen in den nahen Aulen Socratl und Nugsch die Nachkywrpen jener Hebräer. Die Rugscher Juden waren ein sireiibares Völklein und der Schrecken der Nachbarn, die sich rum Schutz vor ihnen in dem großen Anl Tich.'ch;nsammentaten. Dort wohnten sie. Heiden und Christen durcheinander. Als nun der erste Schamcha! aus Kafi-Kumuch in diese Gegend kam. lieferte er dreitausend Rugschern eine Schlacht, besiegte sie und nötigte die Juden den Islam anzunehmen. An hohen Festtagen tragen sie aber bis heute althebräische Kostüme." Die jüdische Gegenwart kaukasischen Stämme: im allgemeinen die hohe Lammfellmütze. der kaftanähnliche Rock mit den aufgenähten Patronenbehältern. der Gürtel mit Dolchen und Pistolen. Auch die Flinte fehlte nicht, denn die Bergjuden sind eifrige Jäger und zielsichere Schützen. Der Anblick eines Auls der Bergjuden ist ein sehr merkwürdiger: solch ein Dorf gleicht meist einer Felsenfestung. und man kann sich vvrstellen. daß es sehr harter Kämpfe und einer großen Uebermacht bedurfte, um diese Wohnstätten zu erobern, ihre Bewohner zu unterwerfen. Heute, in der Zeit der Flugzeuge, bieten auch solche früher unzugängliche Stätten keinen Schutz mehr. Die Häuser sind direkt in die Felsen gehauen oder kleben daran wie Schwalbennester an Mauern. In Mexiko leben die Pueblos in ähnlichen Wohnungen. die gleichfalls direkt in die Felsen hineingehauen sind. Die Häuser der Bergjuden sind dabei im Innern recht sauber: die Wände werden häufig frisch gekalkt und tragen als Hauptzicr den Stolz des Hausherrn Flinten. Pistolen und Kinnschals. die oft prächtig ausgelezten Dolche. Ferner hängt als Zier blankgeputztes kupfernes und messingnes Geschirr herum. Die Sittlichkeit der Bergjuden ist hochstehend. Die Ehen werden sehr jung geschlossen, allerdings auch mit der Folgeerscheinung, daß die Frauen durch frühzeitige Mutterschaft und schwere häusliche Arbeit sehr rasch altern/während die Männer sich viel länger frisch und jugendlich erhalten. Das stört aber das Glück der Ehe nicht. Für di« Kinder b.'.ben die Eliern eine außeroröentlrche Zärtlichkeit di-, von der Jugend durch Ehrfurcht und Gehorsam vergolten wird. An den Gelagen., die gerne und häufig veranstaltet werden, nehmen Frauen und Kinder nicht teil. Wenn ein Fremder kommt, dann muß er erzählen, was es draußen in der Welt, von der man so abgeschlossen lebt, Neues gäbe. Dabei kreisen die Becher, man bringt Gesundheiten aus auf den Gast, seine Familie, seine Väter und Urväter. Man muß ein tüchtiger Trinker sein, um mit dem sehr guten Wein immer Bescheid zu geben, ohne einen tüchtigen Rausch zu bekommen, der übrigens keineswegs übel genommen wird., In religiöser Beziehung halten die Bergjuden an den meisten alten Gebräuchen fest: sie haben Snnagogen. wv sie sich zürn Gebet versammeln. sie haben einen Rabbiner, Chacham. der sie in allen religiösen Fragen berät und oft zugleicb Brrbeier und Schachet ist. D-r Ritus nach dem ihr religiöses Leben gestaltet ist. gleicht in vielem dem der orientalischen, besonders der persischen Juden, doch haben sie von der Umgebung manches angenommen, manche Ueberlieferung hingegen wieder vergessen. Aber sie sind der hebräischen Sprache kundig, haben die Thora in der Ursprache, ebenso Gebetbücher. Ihre Aussprache des Hebräischen gleicht der der persischen Inden mit kleinen Äbrreichiirracn siur.nu oder Längen der Vokale kenur man nicht, die Betonung der Worte ist so wie bei den Aschkenasim. In »euerer Zeit sind die Beziehungen zum Westen etwas lebhafter geworden und eine Anzahl kaukasischer Juden war beim ersten Zionistenkongreß iu Basel, wo sie sich mit Dr. Hern! zusammen photographieren ließen. Die ungeheueren Erschütterungen, die der Krieg, die Revolution. die wirtschaftliche und politische Umwälzung in Rußland verursacht haben, konnten auch an den Bergjuden nicht spurlos vvrübergehen. "Wenn die Behältnisse in Rußland sich geklärt haben werden, dann wirb man auch Genaueres über das häusliche, und besonders das religiöse Leben, ferner über ihr Schrifttum und ihre Poesie erfahren können. Die Bekehrung zum Islam war nur eine rein äußerliche und auch vorübergehende. Die meisten der Bekehrten blieben innerlich der Religion ihrer Bäter treu und durften sie auch später wieder frei bekennen. Als Schamyl seine Kämpfe gegen die Russen führte, da halfen ihm die Rugscher Juden zum Siege: ia Schamyl fand nichts daran, seine mohammedanischen Krieger unter den Oberbefehl der tapferen Bergjuden zu stellen. Doch trotz der Tapferkeit dieser Bergjuden und ihrem wilden Draufgängertum konnte sich Schamyl gegen die überwältigende Uebermacht der viel besser bewaffneten russischen Truppen nicht halten. Daraufhin zogen sich auch die Judenstämme immer tiefer in die Berge zurück, bauten ihre Wohnungen an unzugänglichen Stellen, wo sie Sicherheit fanden, aber so weit von der übrigen Welt abgeschieden leben, daß ihre Existenz fast als sagenhaft galt und vielfach angezmeifelt wurde. Dennoch sind — wie erwähnt — ab und zu Reisende und Forscher in diese einsamen Gegenden gekommen und haben dann Kunde von den Bergjuden und ihrer Lebensweise gebracht. Im Aeußern lassen sie sich ia nicht von ihren Nachbarn unterscheiden: auch ihre Tracht ist jetzt die der Verwüstung des Friedhofes in Erfurt. Ein Telegramm aus Erfurt besagt: Am Sonnabend, den 13 März, morgens zwischen 2 und 3 Uhr ist der israelitische Friedhof in Erfurt von drei jungen Leuten in geradezu unglaublicher Weise zerstört worden. Der Friedhof zeigt ein Bild der Verwüstung. Man glaubt, einen zerstörten Kriegerfriedhof in Nordfrankreich vor sich zu haben. Etwa drei Viertel von 120 Grabsteinen sind umgeworfen und z-um Teil zerbrochen worden. Die Rohlinge wollten scheinbar auch noch den letzten Teil der Gräber zerstören, wurden aber von einem Schupowachtmeister daran gehindert. Dieser gab mehrere Schüsse auf die selbstverständlich flüchtenden Helden ab. von denen einer auch traf. Es gelang zwei der Verbrecher zu verhaften. Die festgenommenen Täter sind der Bankbeamte Robert Bartholomae und der 20iähri«e Walter Laudien. Unter den umgerissenen Gräbern befinden sich viele hochangesehener alter Erfurter Familien. So ist auch die Grabstätte des Herrn Kommerzienrats Benarn mit einem künstlerischen Grabmonument aus Marmor vollständig zerstört. Robert Kaetter. Am 10. März haben wir in Danzig unter ungewöhns licher Anteilnahme der ganzen Gemeinde den dortigen Rabbiner Dr. Robert Kaelrer zu Grabe getragen. Ein tragisches Geschick hat diesen lebensfrohen Mann in der Vollkraft der Jahre mitten aus erfolgreichem und segensreichem Schaffe» nach 14 Monaten der Krankheit dahingerafft. Für seine Familie und für seine Gemeinde, aber darüber hinaus für das gesamte deutsche Judentum ist sein Tod ein schwerer, schmerzlich empfundener Verlust. Robert Kaelter ist am 27. Juli 1874 in Breslau geboren, wo er Schulzeit und Studienzeit verlebt hat. 1902 wurde er als Rabbiner nach Potsdam, 1908 nach Danzig berufe». In Potsdam hat er die Neue Synagoge eingeweiht, und aus diesem Anlaß die Geschichte der Jüdischen Gemeinde Potsdam geschrieben. Aber seine Bedeutung lag auf eine« anderen Gebiet. Er war ein vorzüglicher Kauzelredner und ein auSgsseichneter Lehrer, der es verstanden hat, die Jugend zu gewinnen und kür das Judentum und seine Geschichte zu interessieren und zu erwärmen. Ihm war die Gabe verliehen. seine Gedanken in gefällige Form, oft in Ber^e zu kleiden, die Gabe, zu plaudern, und so die Menschen an sich zu fesseln und für die Sache zu gewinnen. Er besaß eine geradezu unzerstörbare Lebensfreude und konnte mit den Fröhlichen bis zu übermütiger Ausgelassenheit fröhlich sein. So hat er es verstanden, den Altersunterschied gegenüber der Jugend zu tid erbrücken, ja, vielmehr ihn gar nicht zum Bewußtsein kommen zu lassen. Diese immer wieder von neuem gewinnende Art seiner Persönlichkeit hat nicht nur ihm Freude geschaffen, sondern die Sache, der er diente, gefördert. Denn -ei aller Heiterkeit seines Wesens, bei allem urwüchsigen Humor war er eine durchaus ernste Raiur und hat in überaus ernster Arbeit seine Aufgabe ersaßt und durchgefü'hrt. Seine eigene Neigung wie die Verhältnisse haben ihn auf die praktische Betätigung deS RabbineramtS geführt. Von Kanzel und Katheder, aber noch mehr durch dauernde persönliche Arbeitsleistung hat er Hervorragendes geschaffen und sich in seiner Gemeinde wie weit darüber hinaus hohes Ansehen erworben. In Danzig hat er, auf das eifrigste unterstützt von feiner Gattin, eine überaus vielseitige Tätigkeit entwickelt. _ Die Gemeinde ist eines der großen Zentren des deutschen Ostens, in denen der Rabbiner ein weites und ergiebiges, aber auch überaus arbeitsreiches Feld hat. Hier kommt es auf die Persönlichkeit an. die von idealem Schwünge getragen sein und doch den Blick und das Verständnis für die praktische» Erfordernisse haben muß. Die Größe der Gemeinde macht es gerade noch möglich, daß der Äiabbiner, wenn er es mit seineni Berufe sehr ernst nimmt, die persönliche seelsorgerische Beziehung mit allen Mitgliedern seiner Gemeinde aufrecht erhält, und daß er in allen Wohlsahrtsunsozialen Arbeiten tätig ist und die geistigen Bestrebungen in der Gemeinde anregt und dauernd durch seine Arbeit fördert. Freilich erfordert dies den Einsatz der ganzen Persönlichkeit. imd zwar einer Persönlichkeit, deren Arbeitskraft und Arbeitswille außerordentlich groß ist. In dieser Beziehung war Kaelter ganz hervorragend. Neben seinen unmittelbaren amtlichen Verpflichtungen hat er im Vereinsleben der Tauziger Gemeinde und darüber hinaus derK Stadt Danzig durch Vorträge und in allen Wohlfähris-lh Vereinigungen durch tatkräftige Miiarbeit Wertvolles geleistet. Als der Krieg ausbrach. ist diese Arbeitsleistung weit über das bisherige Maß hinaus gesteigert worden. Und als nach dem Zusammenbruch und der Lostrennung Danzigs vom Deutschen Reiche in dem neuen Freistaat alles in Gärung war. als auch die Jüdische Gemeinde dort rapide wuchs, und als die Zahl der heimatlosen Ostiuden. die in Danzig vorübergehend oder dauernd Schutz suchten, eine sehr große wurde, da ist er mit Ansoyserung seiner Person unermüdlich tätig gewesen, um diesen heimatlosen Glaubensbriidern in ihrer Not zu Helsen. Seine Menschenliebe, sein praktischer Blick und sein Verständnis, mit den Mensche» umzugehen, sowie sein großes Ansehen bei den Behörden haben sich in dieser Zeit glänzend bewährt. Diese unermüdliche Arbeit allein würde ihm dauerndes Gedächtnis undauernden Dank sichern. Vom Beginne seiner Amtstätigkeit an stand er aus live« ralem Standpunkt, und hat er die Auffassung des Central- Bereius vertreten. Als die Lostrennung Danzigs voll-« endete Tatsache war. hat er die Umwandlung in einen Central'Berein Danziger Staatsbürger jüdischen Glaubens angeregt und durchgcsührt und so die Stetigkeit der Weiterarbeit in gleichem Sinne und die dauernde Beziehung mit dem Eentral-Vcreiu deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ermöglicht. Seine religiös-liberale Anschauung ließ ihn von Anfang an ein tätiges Mitglied der Vereinigung liberaler Rabbiner wie der Vereinigung für das liberale Judentum sein. Für die Verbreitung und Festigung, des religiös-liberalen wie des Central-Bereins-Geöankenß Die große Auswahl der besonders preiswerten #BOENICKE - ZIGARREN für den itt^Iichen Bedarf von © Pf. an. sowie fn hochfeinen Ounliffifen Dlisirierte Preisliste kostenfrei Pcria diel Artfc, Cremas, mit feinstem Sumatra-Sandblatt, feinaromat. Qualität SO?k Pons t, Coronas mitte), vorsortierr, eine besondere Leistung, mittel PS Pf. 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