Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 12 (19.3.1926)
- Date
- 1926-03-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Von den weißen, braunen und schwarzen Juden in Indien. Bon Dr. B. S ch i d l o f. Man mutz sagen: als die Juden aus ihrem Lande ver« trieben und unter alle Völker zerstreut worden sind, dann ist das gründlich geschehen. Gibt es wohl ein Reich, wo keine Juden sind? Man weiß noch nicht von überall, wo sich Juden aufhalten, wo sie schon seit Hunderten von Jahren wohnen, und man ist erstaunt, wenn man hört, daß es Juden gibt mit langen Zöpfen, die in China wohnen, und Juden mit weißen Turbans und von brauner Haut, wie in Indien. Bon den indischen Juden ist im allgemeinen wenig bekannt geworden. Es haben zwar Reisende, die nach Indien gekommen sind, schon vor etlichen hundert Jahren über die indischen Juden geschrieben, aber die Bücher sind sehr selten und nur wenige Leute haben sie gelesen und von ihrem Inhalt Kenntnis genommen. Besonders englische uni holländische Seefahrer waren eS, die Kunde von den jüdischen. Gemeinden in Indien gebracht haben, und aus den Berichten dieser Reisenden erfuhr man viel Jntereffantes über die Lebensweise, die Sitten und Gebräuche der.indischen Juden- ' Me'Überall harten auch die Juden in Indien gar wechfelvollc Schicksale: bald waren sie angesehen, reich, am Hof der Fürsten gut gelitten, als Gelehrte, alä Ratgeber gesthäkt. bald wieder waren sie das Opfer fanatischer Andersgläubiger. die ihrem Gotte am liebsten Juden als Opfer gebracht haben. Nicht nur Juden, denn die Glaubenskämpfe, die stch in Indien abspiclterr und zu blutigen und grausamen Eroberungskämpfen geworden sind, richteten sich auch gegen die Buddhisten und die Mohammedaner, wer gerade der Unterlegene war Die Geschichte weiß uns zu melden, daß bereits im achten Jahrhundert in Indien, namentlich in der Gegend von Kotfchin. Juden in größerer Anzahl lebten. Sie waren wohlhabend. angesehen und erfreuten sich aller Vorrechte der einheimischen vornehmen Klassen. Die jüdische Gemeinde spielte eine so hervorragende Rolle, daß der Beherrscher der Malabarküste. Bb^skara Ravi Varma. iüc Rechte verlieh, die das Oberhaupt der Gemeinde zu einer Art kleinem Sandesfürsten machte. Die Urkunde ist in der Malayalamsprache im Vattelutlubfalek abgefaßt und in Kupfer eingegraben. Das Dokument besteht ans drei Kupferstreilen. die in den Ecken durchbohrt sind und früher durch eine Schnur mit Siegel verbunden waren; das Siegel ist aber verloren gegangen. Der Inhalt der Urkunde lautet folgendermaßen: „Heil und Glücks Der König der Könige, Seine Heiligkeit Sri Bhäskara Ravi Varma. der in vielen hunderttausend Orten das Zepter führt, hat an dem Tage, als er im zweiten Jcckre ge^en das secksnnddreißiqste Jahr in Muniri kodu sich aufzuhalten geruhte, diesen Gnadenakt erlassen: Wir haben dem Joesph Rabban als Fürstentum Anjnvannan verliehen, sowie di«' zwetundsiebJa Besißreckte. die Abgaben auf weibliche Elcphanten und Reittiere, die Einkünfte von Anjuvannan, Taglampe und breites Tuch und Sänfte und Sonnenschirm, nordische Trommel und Trompete und kleine Trommel, das Recht auf Portale und Kränze und was dazu gehört. Wir haben ihm die Grund- und Wägesteuer erlassen. Ueberdies baben wie durch diese Kupferplatte bewilligt, daß, wenn die Häuser der Stadt dem Palaste Steuern .zahlen, er nicht zu zahlen braucht, aber die gleichen Privilegien genießt. Dem Josevh Rabban. dem Fürsten von Anjuvannan und seiner Nachkommenschaft. seinen Söhnen und Töchtern in natürlicher Folge, solange die Welt und der Mond besteht, sei Anjuvannan ein erbliches Besitztum. Unterzeichnet ist das Dokument mit der vor jedem Namen wiederholten Formel: „So weiß ich" von fünf Würdenträgern, und außerdem von dem Unterbefehlshaber des Heeres: also ein Staatsdokument in aller gültiger Form. Joseph Rabbani, manche sck.ieven den Namen Rudeni. wurde erblicher Fürst von Anjuvannan, mit allen Vorrechten eines Herrschers. Besonders geht das ans Hx Verleihung des Sonnenschirmes hervor, denn das Recht, einen solchen sich über das Haupt halten zu lassen, stand nur den Fürsten zu: der Schirm symbolisierte den Thronhimmel, der immer über dem Haupte des Herrschers zu schweben hatte. Etwa sechshundert Jahre hat der glückliche Zustand gedauert, dann wurde das indisch-jüdische Fürstentum ein Opfer der schon erwähnten Glaubens- und Eroberungskämpfe. In Anschluß an die Judenvertreibungen aus Spanien und Portugal, in Verfolg der Kämpfe der Spanier und Portugiesen gegen die Araber verpflanzte sich der erbitterte Streit um die arabischen Besitztümer auch nach Indien' fort. Die Erbitterung der Araber richtete sich diesmal nicht nur gegen die Portugiesen, sondern auch gegen die Juden, und als Cranganer von den Mohammedanern im Jahre 1524 erstürmt worden war. fiel es und das umliegende jüdische Fürstentum der wilden Wut der fanatisrerten Truppen zum Opfer. Seitdem sind die jüdischen Gemeinden in Indien nicht mehr hochgekommen, und die Gesamtzahl der Juden, die in Indien überhaupt wohnen, betrug vor dem Kriege etwa 20 000. Daunter befanden sich aber auch viele ausländische, besonders deutsche Juden, die als Geschäftsleute sich dauernd oder auch nur vorübergehend in Indien aufhielten, so daß die Zahl der eingeborenen indischen Juden nur auf etwa dreizehn- bis vierzehntausend zu berechnen ist. Zivülftansend davon leben im Bezirk von Bombay und etwa fünfzehnhundert in Kotschin. - Diese indischen Juden haben sich aber lange Zeit strenger voneinander gehalten, viel strenger, als dies noch in Europa bei den sephardischen von den askenasischen der Fall ist und. warum soll man es leugnen, die Westjuden von den Ostjuden taten In Indien unterscheidet man. oder eigentlich unterscheiden sich selbst die weißen von den schwarzen Juden. Sie verheiraten sich nickt untereinander, sie haben streng getrennte Synagogen und die eine Art schaut die andere über die Achsel an. Im übrigen haben sic alle die gleiche Hanrsarbe und man kann die schwarzen von den weißen Inden kaum auscinanderkennen. Allerdings gibt es unter dev indischen Inden sehr dunkel gefärbte, mit ausgesprochenem indischen oder auch Negertypus. Das kommt daher, daß viele Mischehen mit eingeborenen Indischen Frauen geschlossen worden sind, die der Nachkommenschaft ihren Stempel äufprägten. ferner, daß aus Afrika Mischtypen eingewandert sind. Die kupferne Fürstennrkimde ist im Besitz der weißen Juden, aber die schwarzen Juden behaupten, sie sei ihr Heiligtum, sie selbst seien die wahren Abkömmlinge der ältesten Einwohner und man hätte die Urkunde in unsicheren Zeiten den weißen Juden nur zur Aufbewahrung übergeben. Es ist sehr schwer, die Abtunst der indischen Juden festzustellen. da sie keine Familiennamen haben, sondern sich, wie in biblischen Zeiten, nach dem Vater benennen: Joseph den Isaak, David ben Rüben usw. Familien, die einen neueren Namen tragen, sind durchweg eingewandert: aus den spanisch, arabisch, deutsch klingenden Namen läßt sich die Herkunft der Familie leicht fcststellen. Die Juden, die darauf Wert legen, daß ihre Ahnen schon vor vielen Jahrhunderten in Indien gelebt haben, nennen sich Bnei Jisrael. Sie bilden die große Gemeinde von Bombay und haben mehrere Synagogen, darunter besonders die prächtige Kenesseth Eliabu-Synagoge. nach ihrem Stifter, dem Bankier und Großhändler Saffoon, gewöhnlich die Saffoon-Synaaoge genannt. Bemerkenswert ist auch die alte Schaar Rachamin-Synagoge mit ihrer wundervollen, aus Ebenholz geschnitten Bundcsladentüre. Der Ritus der indischen Juden ist im allgemeinen der sephardische Bemerkenswert ist. daß wohl die kleine Gemeinde der schwarzen Juden in Kotschin Kohanim unter sich zählt, während die weißen Juden keine snlck-'n haben und gewöhnlich einen Kohen aus Bagdad — es gibt eine ganze Anzahl Bagdader Juden in Bombay — zu sich in die Synagoge laden. Auch sprachlich unterscheiden sich die Bnei Jisrael von den Kotschiner schwarzen Juden, die Malavalan sprechen, während die Bombayer Juden sich des Maratti bedienen. Im allgemeinen verwischen sich aber auch diese Unterschiede., denn die jüngere Generation spricht überhaupt meist englisch und bedient sich nur im Verkehr mit den Eingeborenen der indischen Sprachformen. Die eingeborenen Juden sind im allgemeinen daran erkenntlich. daß sie sich Namen gewählt haben, die den.Ort ihrer Herkunft bezeichnen; an den Ortsnamen hängen sie die Silbe kar. Das ist ungefähr so. wie viele europäische Juden noch Ortsnamen tragen: Breslauer. Berliner. Pariser, Krakauer Lemberger usw. Die indischen Juden nennen sich daher: Bamnolkar. Awaskar. Charikar, wie eben die Dörfer an der Malabarküste heißen. Mag auch manche Sitte der indischen Juden von denen der curoväischen abweichen, mögen manche Kultusformen. Gebete, Ritualvorschriften anders sein, die Grundlagen des Judentums und des jüdischen Wesens sind doch überall die gleichen: Der Tert des „Schma Jißroel" ist nnveränderl?ck und wird in gleicher Weife und mit gleicher Gläubigkeit gesprochen, ob es sich nun um europäsche. afrikanische oder asiatische Inden handelt, ob sie sich Aschkenasim oder Sephardim Ost- oder Westjuden, schwarze oder weiße Juden nennen: deshalb waren auch die Gegensätze zwischen den schwarzen und weißen Juden in Indien.stets nur vorübergehender Natur und werden so wenig streng genommen, wie Gegensätze innerhalb der Inden überhaupt: es wird viel mehr mit Worten als mit dem Herzen gegeneinander gekämpft. Zuvieles lebt im Juden, dag zur Einigung und Brüderlichkeit drängt, und das empfinden im Innersten w"hl auch die Juden in Indien, die schwarzen und die weißen, die mit einem mehr oder weniger beglaubigten und die ohne andern Stammbaum als den, der auf die Urzeit zurückführt. Die Negerjuden von Abessinien. Von Dr. S. Elbe. Bor einigen Monaten ging eine Notiz durch die deutsche» Blätter, daß man in Amerika eine Negerin wegen. BetruMvor das Gericht gestellt habe: ihr angebliches Verbreche» bestand darin, unter Negern und Weißen GelösammlungMt veranstaltet zu haben, die zur Unterstützung iüdischer ZweckL unter jüdischen Negern dienen sollten. Die Beschuldigte erklärte aber, selbst Jüdin zu sein und ihre Sammlung fei von einer sehr zahlreichen Gemeinde jüdicker Neger autorisiert. Dieser Fall erinnert an einen anderen, in dem ritt Neger an der Wiener Universität Aufnahme in einer ,übischen Studentenverbindung verlangte mit dem Hlnwris. er sei Jude und gehöre zu dem jüdischen Stamme der FLlaschas in Abessinien. Wenn sich völkische Juden, also Zionisten oder andere Nationalisten extremer Auffassung dagegen wehren, daß e» auch schwarze Juden geben könne, so mag das durch ritte gewisse Einstellung zum Raffenproblem begreiflich sein. Doch auch andere Juden, die sich zu der Ansicht bekennen. dqS Judentum sei keine völkische, sondern eine Religionsgemnuschaft. haben in der Judennegerfrage einen scharf ablehnende« Standpunkt eingenommen. Im Falaschastreit. der besonders durch die Forschungen des Linguisten Faitlovitch entbrannte, tritt dieser ablehnende Standpunkt besonders scharf zutage. Die Kenntnis von den Falaschas — man kann auch Kalaschen sagen — ist sehr alt und die abessinischen Chroniken, um deren Herausgabe sich besonders Conti Rossini verdient gemacht hat. berichten ausführlich über die FalaschaS. die abeffinischen Juden. Als Juden wurden sie von den Avrisinern immer angesehen, bekämpft, unterdrückt, zwangsweise bekehrt, beschimpft und dabei doch heimlich bewundert. DaS letztere, das Bewundern, haben diese Falaschas auch verdient. denn es gibt keinen Abessinieusorscher. der mit Bezug auf die Falachen, soweit er überhaupt ihrer gedenkt, nicht ausdrücklich betont, daß sich diese Negerjuden durch ihre Tüchtigkeit — ne sind fast durchweg Handwerker —. durch ihre Ehrlichkeit, ihre Frömmigkeit und ihren sittlichen Lebenswandel von den anderen Abessiniern sehr vorteilhaft aus« zeichnen. Es sind jetzt ungefähr sechzig Jahre her. daß der französische Gelehrte Halövy die Aufmerksamkeit der europäischen Judenhcit auf die äthiopischen Juden lenkte. Er bereiste im Jahre 1868 dann im Aufträge der Alliance Jsraelite Universelle Abessinien und brachte von dort einen junge» Falaschen mit. der in Europa seine Weiterbilduna erfahre« sollte. Die Nachrichten Halsvys wurden aber mit solcher Skepsis ausgenommen, daß man dem Gelehrten sogar nachsagte. er sei gar nicht in Abessinien gewesen und der mitgebrachte iunge Mann sei gar kein Falafcha. sondern ei» im Sudan gekaufter Negersklave. Der Afrikareisende Münziger. damals französischer Konsul in Massaua, und einige andere in Abessinien anwesende Europäer bestätigen zwar, daß sie Halevy in Abessinien gesehen und gesprochen hatten, jedoch das einmal erwachte Mißtrauen, das von gewisser Seite geflissentlich genährt und zu einem Kampf gegen den verdienstvollen Gelehrten verschärft wurde, hinderte Halövy. seine Tätigkeit zugunsten der Falaschas zu einem Ziele zu führen. Es ist nicht ganz klar, ob es jüdisches oder französische- Raffenbewußtsein war. das die Herren der Alliance auch gegen Faitlovitch mobil machte, als dieser seine interessante» Nachrichten von den Falaschas brachte, die er 1904 in einer mehrmonatigen Reise durch Abessinien kennengelernt und vier Jahre später — 1908/09 — eingehend studiert hatte. Die Alliance sandte zu gleicher Zeit einen Experten in der Person des nachmaligen türkischen Oberrabbiners, oder Chacham Baschis. Haim Nahum nach Abessinien, der in seinem Bericht zu anderen Resultaten kam. als Faitlovich. Allerdings dauerte die Reise Nabumö nicht so lange. Nahum war auch der abessinischen Sprachen — die Faitlovich perfekt beherrschte — nicht mächtig und auf unzuverlässige Angaben von Dolmetschern angewiesen. Dadurch ist es nicht einmal sicher, ob er immer seine Auskünfte durch glaubenStreue oder bereits zum Christentum bekehrte Falaschas erhalten hat. Bon den Streitschriften in neuerer Zeit, die sich mit der Frage befassen, ob die Falaschas als Juden gelten dürfe« oder nicht, sind diejenigen von Faitlovitch und Rathjens, die sich für die Judenschaft der Falaschas einsetzen, und die Artikel von Sckeftelo"üü, der sich daqeaen ausspricht, wegen der wissenschaftlichen Qualitäten der Verfasser bemerkenswert! Faitlovitch und Schestelvwitz sind Juden, Rathjens ist Nichtjude. Die Objektivität ist also gewahrt, da sich ein jüdischer und ein nichtjüdischer Gelehrter für die Annahme, daß die Falaschas Juden seien, aussprechen, ein jüdischer jedoch dagegen. . Der völkische Zusammenhang der Falaschas mit den Inden ist zweifellos nicht vorhanden, wenn man nicht annehme» wollte, daß bereits zu den alten Israeliten Stämme schwarzer Rassen zählten. Daß eine solche Möalichkeit nickt absolut abzuweisen ist, geht schon aus dem biblischen Bericht hervor, nach dem Moses ein kusckiti'ckcS Weib genommen (4. B. M. K. 12, V. I). Welchem Volke die Kuschitin angehört hat, tft