Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 10 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Der alte Laser. Von M. Frank. £s gibt überall originelle Menschen. In den Städten geht man oft gleichgültig an ihnen vorbei, wenn sie nicht durch auffallende Besonderheiten sich bemerkbar machen. Es ist oft ein mit Schlauheit verbundener geistiger Defekt, der die Eigenheit hervorruft, Solchen Menschen sieht man mit mitleidig nachsichtigem Lächeln nach. Sie sind harmlos, nur wenn sie verspottet werden, kommt der „Schaute" zum Durchbruch und kennt keinen Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern. Oft sind es auch unglückliche Liebe, harte Schicksalsschläge, traurige Erfahrungen, die eine ausgeprägte Menschenscheu hervorrufen. Diese Sonderlinge sind unglückliche Gemütskranke. Häufig sind aber auch wirkliche Originale geistig hoch über der Mitwelt stehend. Es ist dann irgendein Problem, um das sich der ganze Gedankengang dreht. Höchsten Idealen nachstrebend, vergessen sie das kritische Auge des lieben Nächsten, der sie nicht als vollwertig ansieht, weil sie eben keine Alltagsmenschen sind. Viele dieser Leute haben ihre Pläne verwirklicht, sind bedeutende Männer und Frauen geworden. Man denke an die Erfinder. Mit zäher Ausdauer, unermüdlichem Fleiß haben sie jahrelang ihre Idee verfolgt, verbessert und sind so Wohltäter der Menschheit geworden. Wie mancher zerstreute Professor hat durch ein Serum eine tödliche Krankheit zum Stillstand gebracht. Viele dieser Sonderlinge sind Märtyrer der guten Sache geworden, sie waren die Pioniere, und andere hatten das Glück, die Idee zu verwirklichen. Letztere durften die Frucht des Baumes genießen, die jene gepflanzt. Tragisches, immer wiederkehrendes Menschenlos. Der alte Laser, von dem ich erzählen will, war ein Original besonderer Art. Er war weder von einer großen Idee ergriffen, noch zählte er zu den erstgenannten Sonderlingen. Er war ein Lebenskünstler. Der liebe Gott gibt jedem Menschenkind eine Gabe mit auf die Welt, damit es sich auf der Erde zurechtfinde. Der eine ist kerngesund und seine Körperkräfte machen ihm das Dasein leicht. Ein anderer hat Schönheit, einnehmendes Wesen und benützt diese als Waffen im Lebenskampf; ein schwächlicher, begabter Mensch kann die in ihm wohnenden Geisteskräfte verwerten, der Kranke hat die nötige Geduld bekommen. Der alte Laser hatte ein köstliches Gottesgeschenk erhalten, einen unverwüstlichen Humor und treffenden Mutterwitz, der ihm über alle Nöten des Lebens hinweghalf. Ich habe ihn nicht mehr gekannt, aber das, was man mir von ihm erzählte, ist mir im Gedächtnis geblieben. Ein christlicher Nachbar sagte einmal: „Der alte Laser war der lustigste Jüd, den ich gekannt hab\ Er war der Erst' und der Letzt* auf ’m Tanzbode. Wie er gestorwe is\ hot er noch g'sogt: „Kinder, tanzt noch emoll" Die Wahrheit des letzteren möchte ich bezweifeln, trotz seiner Lebensfreude war er ein Jude alten Schlags, aber es ist bezeichnend, was man von dem lustigen, alten Mann glaubte. Allerdings konnte man bei ihm das Sprichwort anwenden: „Lustig gelebt und selig gestorben, hat dem Teufel die Rechnung verdorben!" Beides war bei ihm der Fall. ‘Laser war Familienvater, Gatte einer schönen Frau, von echt orientalischem Typus. Man konnte sie wirklich niit einem traubenreichen Stock vergleichen, denn die Sproßen ihrer Ehe saßen wie Orgelpfeifen um den Tisch. Der Vater hatte oft Mühe, die vielen hungrigen Mäuler zu stopfen. War auch Schmalhans Küchenmeister, so ging es doch immer lustig zu, der allseits heitere Vater würzte das Mahl mit froher Laune. Einmal war ein Mißjahr, die ganze Getreideernte vernichtet, das Brot unerschwinglich teuer, so daß sich arme und kinderreiche Familien gezwungen sahen, Kleienbrot zu essen, und auch dieses konnte man sich kaum leisten. Da aber der liebe Gott immer sorgt, daß keiner verhungert, fiel die Kartoffelernte sehr gut aus und es gab nun diese Frucht bei Lasers in allen Auflagen. Wenn nun eines der Kinder um Brot bat, sagte der Vater: „Kinder, eßt Krumbire (Kartoffeln), Krumbire hawwe mer, 's Brot misse mer kaafe.“ Das Kartoffeljahr ging auch vorbei, und die Sprößlingc unseres heiteren Nachbars hatten trotz der gerösteten, gekochten, in allen Formen zubereiteten „gerupften Feldhühner" dicke Backen- Laser war Viehhändler, Hin und wieder kam es vor, daß die Tiere sich losrissen, in die Tenne liefen und darin herumspazierten. Als wieder einmal Vieh eingetroffen war und Laser sich gemütlich am warmen Ofen aufwärmte, kam einer seiner Jungen aufgeregt herein: „Pape, Pape, komm, schnell, es laaft en Herschebock (Hirsch) die Later (Leiter) n'auf." Der Vater stand auf und sagte: „Komm, mer streie dem Herschebock Salz auf sein Schwanz!" Damit nahm er den Buben bei der Hand und ging in die Scheune, in der Meinung, es habe sich eine Kuh losgerissen. Aber die Vierfüßler lagen friedlich widerkauend vor ihren Barren. Nirgends war etwas zu sehen. Laser sagte im Tone tiefsten Bedauerns zu seinem Sprößling: „Schad dervor, daß er fort is’, wenn du ’m gleich Salz hintedrauf gestreit best, hätte mern kriegt!" Der Herschebock war jedenfalls eine Katze oder ein Marder gewesen, der beim Herannahen des kleinen Helden die Flucht ergriffen hatte. Die Furcht hatte dem Knaben ein Tier von der Größe eines Hirsches vorgespiegelt, vielleicht war auch ein wenig Flunkerei dabei. Der Vater ließ ihm den Glauben. Der Junge aber hieß seitdem bei seinen Kameraden der „Herschebock". Frau Müller: Nun, meine liebe Frau Schulze, Heute so lustig? Frau Gchulze: Ja, liebe Frau Nachbarin, denken Sie, seitdem wir -en Wärmoftx Haben, ist mein Mann von seinem Rheumatismus geheilt und wieder arbeitsfähig. Frau Müller:??? Frau Gchulze: Der Wärmoftx ist der neueste elektrische Heizapparat und nach 2 Minuten Strvmanschlnst gebrauchsfertig. Er kostet fast nichts. Wir können ohne Wärmofix nicht mehr anskommen. Wenn Sie einen kaufen wollen, so schreiben Sie an Erich Burberg. Berlin SW61, Gitschiner Stratze 107. Als mein lieber, seliger Vater auf Freiersfüßen ging, kam mein Onkel, ein Bruder meiner guten, seligen Mutter, zum „Einsehen", ln solch kleinen Plätzen, wie meine Heimat ist, wird gleich alles bekannt, und so merkte auch Laser, daß Freiersleute da waren. Herzensgut wie er war, hätte er meinem Vater gern zu einer Frau verholten und zu seinen Gunsten geredet. Er kleidete sich schön an und kam herüber. Wuchtig warf er einen Geldschein auf den Tisch: „David, kenste mer wechsele?" Mein Vater war gern bereit. Laser nahm das Wechselgeld, steckte cs schmunzelnd in die Tasche, klopfte meinem Vater im Beisein meines Onkels auf die Schulter und sagte: „Wenn halt kaaner im Dorf wechsele kenn, du host immer Geld, mer deri komme, wenn mer will!" Sprachs und verließ das Zimmer, sein Zweck war erreicht. Er hatte meinem lieben Vater zu Gunsten gesprochen. Die Jüdische Gemeinde meiner Heimat hatte das Unglück, daß die altehrwürdige Synagoge, ein Denkmal längstvergangener Zeiten, ein Raub der Flammen wurde. Das Feuer breitete sich so schnell aus, daß außer den Thorarollen nichts gerettet werden konnte. Mein seliger Vater und der damalige Parneß wurden wie durch ein Wunder vor dem Tode bewahrt. Sie waren bemüht, die letzten Seforim in Sicherheit zu bringen. Kaum waren sie aus dem brennenden Gebäude herausgetreten, als alles krachend zusammenstürzte und das schöne Gotteshaus mit aus der Ghettozeit stammenden, wertvollen Ritualien war ein Trümmerhaufen. Man hatte Verdacht, daß der Besitzer der Scheune, in welcher das Feuer ausbrach, das die Synagoge und mehrere Wohnhäuser einäscherte, den Brand gelegt hatte. Der Mann war aber schlauer wie ein Fuchs, er wuße sich der Falle, die ihm die Behörde stellte, zu entziehen. Zeugen waren keine da, somit fehlten die Beweise, und man mußte ihn laufen lassen. Trotzdem das ganze Dorf die Ueberzeugung hatte, daß er der Täter war, wagte doch niemand, seinen Verdacht laut werden zu lassen. Nur der alte Laser nahm sich kein Blatt vor den Mund. Er konnte es gar nicht mit seinem Gerechtigkeitsgefühl vereinbaren, daß der, den er für einen Verbrecher hielt, frei herumlief. Freilich durfte er ihn nicht offen verdächtigen. Aber er gab ihm manche harte Nuß zu knacken. Sobald er den vermutlichen Brandstifter sah, kam er auf ihn zu, gemütlich die Hände in den Hosentaschen, und fing ein gleichgültiges Gespräch mit ihm an, dabei lenkte er die Rede immer wieder unmerklich auf den Brand, und nun machte er seinem Herzen Luit. „Der, wo unsere heilig' Schul' a’gestcckt hot, muß vergehe wie e griene Erbes (grüne Erbse). Verrecke muß er wie en Hund. E Missetncschiene muß er sich nemme!" Solche und noch mehr derartiger „frommer" Wünsche mußte der Schuldige mit anhören. Er nickte beistimmend mit dem Kopfe, aber es müssen doch sehr gemischte, unbehagliche Gefühle gewesen sein, die ihn bei diesen Reden beschlichen. Sobald er Laser auf der Bildfläche auftauchen sah, verschwand er. Aber der Jude verfolgte ihn wie das böse Gewissen, er wußte ihn überall zu stellen, und immer wieder mußte er die Flüche hören. Sie haben sich erfüllt. Der Mann starb einsam in Armut und Elend, verlassen von allen. Er ist wirklich vergangen wie „e griene Erbes". Sein Meisterstück an Besonnenheit und Mutterwitz machte er 1866. Meine Heimat liegt an der bayerischpreußischen, damals kurhessischen Grenze. Da bei Kissingen sich beide Heere zum entscheidenden Schlage rüsteten, war man in dem verhältnismäßig naheliegenden Dorf in steter Angst. Zwar waren es meistens nur Vorposten, aber sie genügten, um die arme Ortschaft ihrer Vorräte zu entledigen. Gleich, ob Freund oder Feind, sie hatten Hunger und nahmen, wo sie etwas fanden. Keine Aehre auf dem Halme, keine Frucht, keine Kartoffel war vor ihnen sicher. Was nützte das Geld, das gezahlt wurde? Die unglücklichen Bewohner konnten ja nichts dafür kaufen. Namentlich ging den Husaren ein schlechter Ruf voraus in bezug auf das weibliche Geschlecht. Wer in entfernter Gegend Verwandte hatte, sandte seine jungen Töchter und Frauen zu ihnen. Lasers noch immer stattliche Frau konnte nicht fort. Sie stammte aus einem Nachbarort, der ebenso bedroht war. Wer hätte auch die zahlreiche Familie versorgt? Ernst und sorgenvoll stand der sonst so heitere Laser vor seiner Haustüre und spähte die Dorfstraße hinab. Da erscholl lautes Geschrei, und ein Trupp Husaren stürmte herauf. Schnell wie der Blitz stürzte der Jude ins Zimmer, schloß den mächtigen Kleiderschrank auf, schob seine an allen Gliedern zitternde Jette hinein, zog den Schlüssel ab und steckte ihn zu sich. Das alles war das Werk eines Augenblicks. Dann holte er eine Flasche Schnaps, Brot und Gläser herbei, stellte alles auf den Tisch, versenkte die Hände in die Hosentaschen und erwartete, gemütlich auf und ab schreitend, die Krieger. Die ließen nicht lange auf sich warten. Laser spielte den freundlichen Hauswirt, er schenkte Schnaps ein, in der Hoffnung, daß die ungebetenen Gäste bald abzögen. Diesen schien es aber zu behagen. Sie fingen mit ihrem Gastgeber ein Gespräch an: „Wo sind denn eure Frauenzimmer?" frug einer der Husaren und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Wie die Mäuse haben sie sich in ihren Löchern verkrochen. Aber wir werden sie finden. Ich brauche eine, hörst du, Jud'?" schrie er Laser an. „Schaff' mir ein Frauenzimmer!" Unser Nachbar verlor aber die Fassung nicht. Mit einer Miene, die ihm das Aussehen eines Don Juan schlimmster Sorte gab, klopfte er den Trunkenen auf die Schulter: „Ich kennt aach aane brauche!" Niemand merkte ihm an, welche Angst er in Wirklichkeit hatte, denn allzulange konnte es Jette in dem muffigen Schrank nicht aushalten. Die löbliche Absicht des mutigen Kriegers kam aber nicht zur Ausführung. Das Sammelsignal ertönte und die Husaren zogen ab. Laser eilte zum Schrank und zog seine nach Luft schnappende, halb ohnmächtige Frau heraus aus ihrem unfreiwilligen Gefängnis. Ein zweites Mal hatte er es nicht nötig, sie zu verbergen. Nach der Entscheidungsschlacht verzogen sich die Heere, und die bedauernswerten Einwohner atmeten wieder auf. Der alte Laser ist in meiner Heimat fast vergessen. Von den Alten, die ihn kannten, leben nur noch wenige. Hin und wieder wird ein lustiges Geschieht eben von ihm erzählt. Seine Kinder deckt der Rasen, seine zahlreiche Enkelschar hat das Leben in alle Himmelsrichtungen geführt. In dem alten Hause, das so viel erzählen könnte, wohnt seine jüngste Enkelin mit Mann und Kind. Keiner seiner Nachkommen hat das heitere Wesen des Großvaters geerbt. Ich möchte wünschen, daß dem kleinen Urenkel, der mit den lustigen Blauaugen so treuherzig in die Welt blickt, der köstliche Humor seines Urgroßvater» als bestes Familienerbe zuteil werden möge! Unsere Rätsel-Ecke Die Buchstaben AAAAAACDDEEGFHHJ JJIIJKLMMNOOPPRRRRSSSTUU B sind so in bie Felder einzuorönen, daß Wörter fol* gender Bedeutung entstehen: Senkrecht: 1. Israelitischer König. 2. Davids Feldherr. 3. Prophet. 4. Golllland. 6. Religiöse Handlung. 6. Er-vater. 7. Prophet. Die oberste wagerechte Reihe nennt ein Buch der Bibel. St. Wer und Was? Getrennt liegt oft das Wort am Wege, Jedoch kein Mensch sich danach büdt; vereint das Wort! Mit seiner Lehre Ist ihm ein großer Wurf geglückt. —tfc » Auflösungen der Rätsel von voriger Rümmer: 1. Himmel und Erde. Widder. 2. Zerleganfgabe. Geschäftliche Mitteilungen. An den Anschlagsäulen Berlins prangt seit Wochen ein Riesen-Plakat, das sicherlich unseren Lesern ausgefallen sein wird. Es zeigt zwei passionierte Raucher, die die bekannte Ä r e s s i n - M o h a r - Z i g a r e t t e in vollen Zügen genießen. Wir möchten nicht verfehlen unsere Leser auf die Anzeige dieser bekannten Zigaretten-Marke hinzuweisen, deren Güte allgemein bekannt ist. Den Reigen zum Frühiahrsbrgtun erössnet die Firma Daer Sohn alleinige Verkaufsstelle Ehausseestratze 39/30. Untergrundbahn Stettiner Batzll- Hof, mit den modernsten Erzeugnissen ihrer eigenen Kleiderwerke und Gummimüntelsabrtk. die in Sprzialangrbotrn den Charakter des Prei-avhauL erkennen lassen. 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Tesbalv lei auf das erstklassige Spezialgeschäft für Fische, Wild und feinstes Tafelgeflügel von SB. E. Kowall, Berlin Wv, Potsdamer Strotze 20, hingewiesen. Saleniwiiim sitt die Zelt vom 6.3. b. 13.3.1S26. MLrz 1926 Adar 5686 Sonnabend 6 Gonntaa 7. Montag 8. DienStaa 0. Mittwoch 10. Donnerstag 11. Freitaa 13. Sonnabend 18. 20. Wochen-Abschnitt: Kississo P. Parah Haftarah: Ezechiel Kapitel 36,16 bis 38 Sabbat-Ansqang: 6,88 21. 22. 28. 24. 25. 26. 27. Neumondweihe ' Wochen-Abschnitt Wajakhel-Pkude Haftarah: Ezechiel, Kap. 48,16—46,18 Sabbat-Ans-gana 8.46 ianos u.a liigel ca. 150 Instrumente der verschiedenst. altrenommiert. Maiken stets vorrätig, auch Kunstspielpianos Bequeme Teilxahlung gestattet y (am Nollendoi fplata) Generalvertretung von Lckleämayerck Löhne 4921