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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-03-05 · 10 (5.3.1926) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
10 (5.3.1926)
Date
1926-03-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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,'**m ..y.vw TiW*' ch kletöet er sein Lehramt. Der Jubilar zählt heute achtzig LeSeMahre. Zu seinen Ehren fand eine Festversammluug statt, wobei Landrat Dr. Boden «arme Worte der Anerkennung für den Jubilar fand. Herr Solomon amtiert noch rüstig «etter. Berlin. (Liberale Synagoge Norden.) Eine einüvuckSvolle Gedenkfeier für die Gefallenen veranstaltete die Liberale Synagoge Norden im Frütagabend-Gottesdienst am 86. Februar. Die Stimmung de- Bolkstrauer» tageS kam besonders zur Geltung, als nach dem Gesang de- SabbatpsalmS zwei ehemalige Frontkämpfer am Altar bas Kadöischgebet für die Gefallenen sprachen, nachdem Herr Rabbiner Dr. Salomonski in einem kurzen, zu Herzen gehenden Borsprnch aus die Bedeutung dieses Tages hin» gewiesen hatte. Die Predigt des Abends, vor -er das Engel» terzett audem Mendelssohnschen „EliaS" ertönte, knüpfte an das Leitwort dieses Sabbats an: socchaur Gedenke! Gedenken der guten Zeit, die zu erkennen wir erst imstande find angesichts des materiellen und seelischen Glends, das der Krieg im Gefolge gehabt hat! Gedenken der Verluste des edelsten Gutes, das wir besaßen, der blühenden Jugend, mit der für die Gemeinschaft wie für die einzelnen Familien unendliche Hoffnungen zu Grabe getragen wurden! Gedenken all deS Bösen, das auS dem Schoße des Kriegeentstiegen ist und noch immer entsteigt. Aber Bergeisen, ewiges Vergessen dem Völker morden. Len Amalek, der Idee des Krieges! Vergessen den beim, tückischen Hassern, die das Unheil säen und gesät haben seit Len Tagen AmalekS Das sei ihr Fluch, daß sie aus der Erinnerung der Menschheit ausgeschieden seien, baß ihr Andenken in ewiges Vergessen versinke. Feierliches Harmoniumspiel, mit den Motiven des Trauermarsches aus der Eroiea, lieh die Weihestimmung auSklingen. Bingen. (Gedenkfeier.) Bei der auf dem hiesigen Marktplatz stattgefundenen städtischen Gedenkfeier für die Gefallenen war Rabbiner Dr. Appel beauftragt worden, die Gedenkrede zu halten. Unter großer Beteiligung der gesamten Bevölkerung sprach der Redner über die Bedeutung deS Volkstranertages und erzielte mit seinen Worten eine tiefgehende Wirkung. Bremen. sKrankenwohltätigkeitSverein der Israelitischen Gemeinde.) Eine umfangreiche Tagesordnung hatte die 73. jährliche Generalversammlung dieses Vereins zu erledigen, die am 23. Febr. in LevyS Hotel zu Bremen unter Vorsitz des Herrn Jacob Meyer stattsand. Nachdem die Versammlung vor Eintritt in die Tagesordnung der verstorbenen Vereinsmitglieder durch Erheben von den Plätzen gedacht hatte, erstattete der Vorsitzende den Jahresbericht, aus dem sich ergab, daß der Verein seine Ausgaben in hervorragender Weise erfüllt hat und auch in finanzieller Beziehung trotz der unverstärrdlichen Säumigkeit mancher Mitglieder bei der Beitragsleistung verhältnismäßig günstig dasteht. Der Etat balanciert mit einem Be» trage von 13300,85 Mark bei einem Kafsenbestande von 8-25,38 Mark und einem Gesamtvermögen von 4418,32 Mark. Die Wahlen ergaben an Stelle des eine Wiederwahl ablehnenden bisherigen 1. Vorstehers die Uebertragung dieses Amtes an Herrn Hugo Levy, an dessen Stelle als 3. Vorsteher Herr Rothschild gewählt wurde. Zu Revisoren wählte die Versammlung die Herren Dr. Heß, Emil Cohen und Landesöorf. Der Wanderarmenfürsorge wurde unter Ablehnung eines Antrages auf Erhöhung des bisherigen Beitrages die Summe von WO Mark bewilligt. Ein Antrag Jacob Meyers auf Bewilligung eines Beitrages zur Darlehnskasse fand in der Form Annahme, daß der Vorstand ermächtigt sein soll, im Falle der in Bremen geplanten Gründung einer jüdischen Darlchnskasse aus dem Vermögen deS Kranken-Wohltätigkeitsvereins dieser einen Be- ‘ttaß bis zu 2000 Mark zur Verfügung zu stellen. Ein MLsterer Antraa Meyers aus Schenkung des bisherigen Dar- TsehnS an das Bremer Israelitische Altersheim wurde abgelehnt. hingegen die Hereinnahme von zinslosen Schuldscheinen als Gegenwert für dieses Darlehn gebilligt. Ein Antrag Ostros. Wachen bei Krankheit-- und Sterbefällen zu stellen, begegnete ebenso wie die gewünschte Anstellung von Minjan-Leuteu allgemeiner Zustimmung. Eine längere Debatte entstand über die Frage des Beitritts zur Notgemeinschaft f#t da-gemeinnützige Bestattungsinstitut, die trotz grmrüsätzltcher Zustimmung und der llunaowe von Einzelvorschläaen dem Vorstand alS Material überwiesen wurde. Ein Antrag des GemetnderabbinerS. die leider noch viel zu wenig benutzten Chewra-Telegramme in Heftform herauszugeben, fand einstimmige Annahme, während zwei «eitere Anträge auf Beihilfen für die Kinberfertenkolonien und die Renovierung -er Mikwoh zurückgezogen wurde», um an anderer Stelle Erledigung zu finden. Darmstadt. (Orthodoxe Intoleranz.) Pie hie» stge israelitische Hauptgemeinde feierte am 20. Februar den 80jährigen Eriuuerung-ta- -er Einweihung ihrer Synagoge mit einem sehr feierlichen Gottesdienst, bei welchem die gesamte Gemeinde, ferner die hessischen Minister Brentano und Henrich» der Oberbürgermeister, der Provinzialdirektor und andere Behörden, sowie die Rabbiner und Vorstände der hessischen Hauptgemeiuden anwesend waren. Der Gemeindevorstand hatte auch die Mitglieder -er separierten orthodoxen Darmstädter Religionsgemeinde eingeladen, erhielt jedoch von derselben eine Absage mit folgender schriftlichen Motivierung: „Die völlig entgegengesetzten Weltanschauungen, die Ihrer und unserer Gemeinde zugrunde liegen und die von einander durch unüberbrückbare Weiten geschieden sind, machen es uns unmöglich, usw. usw " Die Darmstädter Orthodoxen waren von jeher bekannt dafür, daß sie eine ganz besonders Intoleranz und Jntransiganz zur Schau trugen, aber dieses Schreiben hat doch in der ganzen Darmstädter Gemeinde eine besondere Entrüstung hervorgerufen und es wäre zu viel Ehre, demselben noch eine Entgegnung oder Kritik angedeihen zu lassen. So sieht die vielgerühmte jüdische Solidarität aus. Dieburg. (Synagogenneubau.) Die hiesige Synagoge mußte wegen Baufälligkeit geschloffen werden. Die Gemeinde hat daher die Ausführung eines Neubaues vorgesehen, weil die Renovicrungsarbeiten sehr umfangreich sein würden und außergewöhnlich höbe Kosten erfordern. München. (Ablehnung deS Antrages auf ein Gchächtverbot.) Im Berfassungsausschuß deS Bayerischen Landtages wurde am 25. Februar ein Antrag deS völkischen Blocks beraten, der die Staatsregierung ersucht, unverzüglich Anordnungen zu erlassen, wonach das Schächten nicht mehr zngelassen werden soll. Die Antragsteller wurden von dem Redner der Deutschnatianalen unterstützt, während die Redner der Bayerischen Volkspartei und der kommunistischen Fraktion sich gegen den Antrag aussprachen. Der Vertreter der Staatsregieuung erklärte, daß dem Antrag auf Erlaß von Verordnungen, wonach daö Schächten nicht -»gelassen werde, schon aus rechtlichen Gründen nicht entsprochen werden könne. Was die Tötung deS S ch l a ch t - viehes durch Erschießen betreffe, so lägen die Verhältnisse auf dem Lande so verschieden, daß eine allgemeine Vorschrift hierüber wohl kaum am Platze wäre. In den größeren Städten gehe man bereits zur Tötung der Tiere mit der Schußmaöke über. Noch dem Religionsgesetz sei cs den Israeliten verboten, anderes als geschachtetes Fleisch zu genießen. Nach der Verfassung müsse die ungestörte Religionsausübung innerhalb der Schranken des Gesetzes gewährleistet sein. lieber die Frage, ob das Schächten eine Tierquälerei im Sinne der Gesetzesvorschriften und völlig zu vermeiden sei, gingen die Meinungen der Sachverständigen auseinander. Sehr viele Gutachten, auch solche auS neuerer Zeit, gingen dahin, daß das Schächten als Todesart für die Schlachttiere nicht grausamer sei als eine andere Tölungsart, vorausgesetzt, daß bei den Vorbereitungen dazu alle unnötigen Quälereien vermieden werden. In letzterer Beziehung seien in Bayern schon längst eingehende Weisungen ergangen. Verfehlungen auf diesem Gebiete müßten von den Aussichtsorganen in den Schlachthöfen abgestcllt werden. Ein völliges Schächtverbot würde keine wirtschaftlichen Vorteile bringen, würde aber von den Israeliten als eine Verletzung ihres religiösen Empfindens betrachtet werden. Die Frage der Kontingentierung deS SchächtenS, wie sie in München schon eingefiihrt sei, werde weiter verfolgt werden. DaS StaatSminifterium könne den Wünschen der Antragsteller auf Erlaß von entsprechenden Vorschriften nicht »ähertreten. Der zum Mitberichterstattcr bestimmte Abgeordnete Dr. Scharnagl (Bayer, BolkSpartei) lehnte ebenfalls de» völkischen Antrag ab, forderte aller die Staat-regierung auf. Anordnungen zu veranlassen, nach denen das Schächten nach der Zahl der jüdischen Bevölkerung kontingentiert wird. In der Abstimmung wurde der völkische Antrag gegen die Stimmen der Böüische«, National-Gozialisten und des Bauernbundes adgelehnt. Der Antrag Dr. ScharnaglS wurde einstimmig angenommen. Gtadtlengsfeld. (Pensionierung.) Nach SOjähriger Tätigkeit an der hiesigen simultanen Stadtschule trat Lehrer Will: Katz in den Ruhestand. Da die Zahl der jüdischen Kinder stark -urückgeganyen ist, wird die erledigte Stelle kaum wieder durch eine jüdische Lehrkraft besetzt werden. Bolkmarsen. (Heimgang des Gemeindevorstehers.) Unsere Gemeinde beklagt den Heimgang ihres ersten Vorstehers Solomon Hamberg, der im 60. Lebensjahre aus einem arbeitsreichen Wirken in die Ewigkeit abberufen wurde. Der Gemeindeintereffen hat sich der Derewtgte mit seltener Treue und Hingabe angenommen, so daß sein Name mit der Geschichte der Gemeinde unzertrennlich verbunden ist. Der Dank aller folgt ihm über das Grab hinaus. *41 i Versammlungskalender 441 *44 Berlin. (Liberale Synagoge Norden.) Schönhauser Allee 162, Auer-bach'sche- Waisenhaus: Gottesdienst am Freitag, den 5. März, cAends 7.15 Uhr: Predigt^ Rabbiner Dr. Salomonski. * Sonnabend, d en 6. März, vormittags 10 Uhr. Breslau. (Jüddsch-liberaler Jugendverein «.Abraham Geiger".) Mittwoch, den 10. März? alleuds 8.30 Uhr. bei KönigSberger. Kmfer-WtGelm-Str. 27s Gruppe Süden: Einleitendes Referat von Alfvcid Fuchs: „Meine Stellung zu den Richtlinien des liberalen Judentums". BereinSmitglteder, die der Gruppe nicht angehöre», als Gäste willkommen. Nach dem Referat freie Aussprache. Voranzeige: Mittwoch, den 17. März, bei Kornhäuser. Freiburger Straße 9: Bortrag von Prediger Karl Rosenlhal-Berlin: „Die Berliner Resormgemcindc. Geschichte und ihre Aufgaben." Frankfurt a. M. (Freisinniger Verein jüdisches Gemeindeleben. Ortsgruppe Vereinigung fürdaslill-erale Juden tum Berlin). Am Montag, dem 8. März, abends 8 Uhr, wird Herr Rabbiner Dr. A. Lazarus als weiteren Dortrag aus dem Zyklus „DaS Judentum innerhalb der Kultur der Gegenwart" das Dbcura „Dic Juden und das Wirtschaftsleben" behandeln. Karten im Vorverkauf frei Firnberg und an der Abendkasss erhältlich. Frankfurt <*. M. (I üd i fch-l i be r a l e I ugcnütz eme irischest.) Wir verweisen heute schon aus unsere am 13. März, wogen des VokütranertagA etwas verspätet stattfindende Pnrimseier, zu der die Vorbereitungen i'm vollen Gang siM Im Mittelpunkt des Abends steht eine Revue, zu der eigene Musik komponiert wird: die Tittergirlö sind schon unermüdlich am Proben-, Dichter und Regisseur sind fast Abend für Abend mit den Mitwirkcnden tätig, so daß die Angelegenheit recht erfolgreich zu wenden verspricht. Eine erstklassige Tanzkapelle ist engagiert, welche für die richtige Stimmung sorgen wird, Ueberraschungen werden die Tanzparrsen abwechslungsreich und lustig gestalten. Jubel und Trubel, Lachen ohne Ende soll unsere Parole für diesen Abend sein, damit die Jugend trotz der sorgenvollen Zeit sich einrnal von Herzen freuen kann. Darum auf zur Purimfeier am 18. März in der Frankfurt-Loge, abends 8 Uhr. Jeder bringe außer Humor rmd gute Laune noch seine Feunde mit. damit sie mit uns fröhlich sind! Karten für Mitglieder gegen Vorlage der MitglrüösÄrrten m 2 M. bei den Leitern der Arbeitsgemeinschaften und im Bureau unseres Vorsitzenden Herrn Rechtsanwalt Dr. H. Hossmann. Am Salzhaus 3 (möglichst vormittags), für N-ichtmttglteder zu 3 M. (in beiden Fällen Steuer inbegriffen). in der Jugendbüch-erstub.-- Schatzki, Rathenauplatz, und an der Abendkasse- Wegen des zu erwartenden Andranges empfiehlt es sich. Karlen im Vorverkauf zu lösen. ihre für der e. Sv.- BMBMwraüag Gegenstand allgemeiner Beratungen würden. ES blieb zunächst alles in oer Schwebe?) Inzwischen aber hatte Bayern, bas von Napoleons Gnaden viele schwäbischen und auch fränkischen Gebietsteile mit einer ziemlich starken jüdischen Bevölkerung erbalten hatte, aus Betreiben von Wolf Breidenbach den Leibzoll aufgehoben (1808)/) Das wurde bedeutsam für die Nachbarn und kleinen Souveräne, deren Länder rein handelspolitisch schon aus das mächtig geförderte Bayern Rücksicht zu nehmen hatten. Der bayerische Generalkommissar des Mainkreises (Bamberg), Freiherr Stephan von Stengel, richtete nämlich im Frühjahr 1809 an die thüringischen Staaten das Ersuchen um Aufhebung des Leibzolls — eben, damit der Handel der bayerischen Juden nicht mehr behindert sei, als der der thüringisch-sächsischen — und hatte bei M e i n i n g e n gleich Erfolg. K o b u r g. an das früher schon die preußische Kriegs- und Domänenkammer in Bayreuth — also vor »1806 — ein gleiches Ansinnen gerichtet hatte, trat zur Erzielung eines Einvernehmens der sächsisch-thüringischen Häuser mit Hildburghausen in direkte Verbindung. Und als nach wiederholtem Drängen von Bayern die Hildburghauser Finanzbehörde endlich klein beigeben mutzte und ein System ausgeklügelt hatte, durch das der Einnahmeausfall gedeckt wurde, da trat am 10. September 1809 das Edikt hervor, durch das, mit Wirkung vom 1. Januar 1810, auch in Hildburghausen der Leibzoll abgeschafft wurde?) ES brauchte nunmehr der Jude, der zu Pferde ober mit Wage« und Pferd reiste, nicht ferner 6 Groschen Geleit und einen Groschen und 6 Pfennig Zoll, der Jude zu Fuß nicht mehr die Hälfte dieser Sätze, und sie alle mußten nun nicht mehr die 4 Groschen Nachtgeld (Uebernachtungsgebühr) zahlen. Dafür aber hatten von nun an fremde Handelsjuden einen besonderen Handelserlaubnisschein zu lösen, der nt den Stabten täglich 12 Groschen, in den Dorsschaften 8 Groschen kostete, bei Jahr- und Biehmärkten wegfiel und im übrigen auch Hurch einen jährlichen Pauschalsatz abgelüst werden konnte. Auch solche Handelsjuden, die ohne Geschäfte zu machen beim Passieren mit ihren Waren sich länger als einen Tag im Hildbnrghausischen aushielten, unterlagen der Verpflichtung zur Lösung solcher Handelspatente. Um aber jeder Hinterziehung dieser neuen Steuer vorzubeugen, bestimmte das Aushebungsedikt endlich noch, daß jeder fremde Hanbelöjude, der ohne HandelSerlaubniSschetu im Lande 6) Nur Sen Inden aus Audenhausen, die eilten starken Biehhanöcl ins Koburgische trieben und bisher wegen des lästigen Vieh- und LeibzollS einen Umrveg von — man denke! — etwas über eine Stunde um das Hildburghauser Gebiet gemacht hatten, wurde setzt, „mit Rücksicht aus den neuen Zeitgeist", eine kleine Erleichterung gewährt. Sie dursten jetzt, altem Wunsche gemäß, versuchsweise — aus ein Jahr — den Leibzoll mit einer im Verhältnis zur Größe ihres Biehhanöels stehenden Summe ablösen! °) Martin Philippson. Neueste Geschichte deS jüdischen Volkes. I.-. Frankfurt a. M. 1622. S. 39. ') Vgl. auch A. Humann. Geschichte der Juden im Herzog, tum Sachsen-Meiuingen-Hildbnrghausen. Hildburghausen 1898. S. 45 1.6tr allerdings aus dem doppelte» Datum zwei verschiedene Verordnungen zu konstruieren scheint. angetroffen würde, so viel Taler Strafe zahlen sollte, als er für die Erlaubnis hätte Groschen entrichten müssen! Auch im Koburgischen wurde der Leibzoll aufgehoben, und im Anschluß daran den christlichen und jüdischen Handelsleuten das Wegegeld von 3 Groschen erlassen. Die durch Bayern herbeigeführte Aufhebung deS LeibzollS hatte aber zunächst für die thüringischen Staaten noch keine Reziprozität mit dem Königreich Sachsen im Gefolge. Die Hildburghauser Inden mirßten vielmehr, während die sächsischen Inden keinen Leibzoll mehr in Hildburghausen bezahlen mußten, noch immer in Sachsen ihren von Zollftätte zu Zollftätte verschiedenen Leihzoll erlegen. Nur während der Leipziger und Naumbnrger Messe galt die Befreiung auch für sie. Freilich mußten sie für die Messe einen Freipatz von 4H Taler jährlich lösen- Nachdem Meiningen und Rudolstadt schon erfolgreich vorangegangeu waren?) setzte denn auch in Hildburghanscn aus ein entsprechendes Gesuch der gesamten Hildburghauser Judenschast (29. Februar 1812) die direkte Verhandlung mit Dresden zur Erlangung vollständig gleichmäßiger Aufhebung des LeibzollS ein. Einem im freundschaftlichsten Sinne gehaltenen Notenwechsel folgte dann auch Ende des Jahres die gesetzliche Festlegung der absoluten Gegenseitigkeit. Völlige Aufhebung des LeibzollS in Sachsen, d. h. für alle jüdischen Reisenden, wurde aber erst durch einen Eingriff von außen erzwungen, nämlich durch eine Anordnung des Gouvernements, das die verbündeten Preußen und Russen noch der Eroberung des Königreichs Sachsen eingesetzt hatten (1813). Auch an der Erreichung dieses Enderfolgeö hatten die Juden selbst wesentlichen Anteil.') Von Homer bis Sokrates. Betitelt sich ein 489 Seiten umfassendes Werk von Geheimrat Professor Dr. Birt in Marburg a. L. (Verlag Quelle u. Meyer-Leipzig). Attgricchisches Leben und Treiben wird uns bier geradezu plastisch vor Augen geführt, alles übersprudelngeistreich, köstlich durch die Vergleiche mit den jetzigen Zvitverhältnissen. Da erscheint eS vielleicht kleinlich und engstirnig, wenn wir einzelne Bemerkungen, die das Judentum betreffen. herairSgreifen. und sie als irrig und entstellend kennzeichnen — aber amicus Plato sea magis amica veritas. Die Monumentalität und Mentalität des Ganzen wird dabei nicht berührt. Es nimmt allerdings wunder, daß an demselben Musensitz, wo ein Hermann Cohen Jahrzehnte doziert hat. solche Entstellungen möglich sind. Professor Birt spricht noch von einem „Nationalgott" der Juden. Es mutz biS zum Ueberüruß betont °) Carl Wilh. Ernst Heimbach. Lehrbuch des partikulären Privatrechts der zu den O.-A.-Gerichten zu Jena und Zerbst vereinten . . . Länder. Jena 1848. 8 129, Anm. 2. 9) St. Stdori. Geschichte der Juden in Sachsen. Leipzig 1840. S. 104. Aus der von mir gegebenen Darstellung ergibt sich übrigens, daß das Urteil von Grätz über die Haltung des Königreichs Sachsen in der Frage der Leidzollaushebung, a. a. O.. S. 289. «eit über das Ziel hinausschießt. Auch andere auf Grätz fußende Darstellungen bedürften der gleichen Abschwächnng. werden, daß dieser sogenannte Nationalgott Himmel und Erde geschaffen (Genesis), und die Erde uinjt allein den Kindern Israel, sondern den „M e n s ch e n k i n ö e r n" (Psalm 115) gegeben hat. Bei der Charakteristik des Sokrates (Seite 898) bemerkt Birt: „Um eS kurz zu sagen: Dse Ethik oder Pflichtenlehre, die wir bei den Kirchenvätern finden, stammt nur zum kleinen Teil aus dem Alten Testament (die Zehngebote sagen ja nur. was wir untertasscir sollen): sie stammen zum groyeu Teil auS der griechischen Stoa und Akademie, die Stoa und die Akademie aber gehen mit ihrer Lehre auf Sokrates zurück." Was die Priorität betrisst, so muß sesigestellr werden, daß die mosaische Gesetzgebung mit ihrer unvergleichlichen Ethik entstanden ist. als alles noch in Barbarei versunken war, als noch niemandair die Stoa dachte: Zeno, der Stifter der Stoa, soll 342 vor Christi geboren sein. Und die Ethik der Stoa reicht nicht hinan an die des Alten Testaments.^nan denke nur an die erhabene Sittenlehre der Propheten, denke an i)eu Propheten Maleachi mii seinem herrlichen Wort' Haben wir, nicht alle einen Vater, hat uns nicht alle ein Gott geschaffen? Warum soll Bruder gegen Bruder untreu (ein? ES ist auch nicht zutreffend, daß die Zehngebote llur sagen, „waS wir unterlassen sollen." Nach der jüdischen Einteilung des Dekalogs trägt der erste, vierte und fünfte Ausspruch einen positiven Charakter, lind nun noch (daselbst <3. 398): „Erst daS Christentum hielt eS ratsam, die Menschenliebe zu fordern und niederzuschreiben."' Wir verweisen Herrn Professor Birt in dieser Beziehung auf die Abhandlung seines früheren Kollegen Hermann Coden: „Zum Prioritätsstreit über das Gebot der Nächstenliebe" iabgedruckt in dessen „Jüdische Schriften". Band I S. 175 usf.. Berlin 1924). Kurz vor dem Schluß dieser Abhandlung heißt es: „Noch eineaber können wir aus dem Neuen Testament für diese Frage lernen. Ueberall, wo die Nächstenliebe zitiert wird, wird sie angeknüpft an das „Höre. Israel" und das mit ihm zusammenhängende Gebot der Liebe zu Gott. In der Tat, nur aus dem Begriffe der Einheit GotteS läßt sich die Nächstenliebe begreifen." Wir fügen hinzu, daß SaS Judentum zuerst den MonothetSmus -er Menschheit verkündet hat. Nicht ohne humoristischen Beigeschmack kennzeichnet Birt Seite 387 die praktische christliche Nächstenliebe: „ES bildete sich eine Gemeinde um ihn (SokrateS). WaS sie untereinander verband, war Dankbarkeit und Verehrung auf der einen Seite, Sachlichkeit und Menschlichkeit auf der anderen. DaS war der Vorzug SeK antiken MännerverkehrS. wie er ähnlich auch noch heute im Süden besteht. Reich und arm kennt sich, duzt sich, gibt sich die Hand, sucht sich in den Häusern auf. Mensch zu Mensch, mit dem Gefühl der natürlichen Gleichheit, und die albernen Grenzen gab e§ nicht, die heute Sei uuS Lewtrke». daß der Großindustrielle sich mit seinem Friseur picht an denselben Tisch setzt und der Herr Baron mit seinem Uhrmacher oder Gärtner nicht verkehren kann. DaS ist die sogenannte christliche Gesellschaft." DaS ist aber wirklich nur „albern" gegen die Greuel der Hexenverbrennungen und Ketzerversolgungen und all die GraVsamketten. die wir Juden erfahren haben und noch erfahren Dr. M. Spanier, Magdeburg.

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