Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 10 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IMchOeraleZeilmg Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich M. 2.50 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0L5 5ür die MUgtieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: im Mitgliedsbeitrage enthalten. :: u :: Chefredakteur: Dipl.-bng. Bruno Doyda. Die „JüölfdHiberalp 3eitung“ erfcbeint jeden §reltag. Nedaklion u. Ssfchüttsftslle: Vvrlln 6W, WUbelmftr, 147. fern ruf: BofenbeiOe 3358, 3359 Poftf djedtkonto: Berlin nw? Nr.irros» (Vereinigung für das liberale Judentum Nad)brudt fümtltcber Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung Der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene RonpareillezeUe 0.43 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei :: u u Diedörholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: «Mdisch-liberale Zeitung" Inseratenabteilung: Berlin SD 48. Mlhelmstraße 147 (Hasenheide: 3358—50), sowie sämtl. Annoncen-Exped. Nr. 10 Berlin. 5. März 1926 ——— .. 6. Jahrgang Jude« im Sport. Judentum. Tume« und Sport. Was hat Religion mit Turnen und Sport zu tun? so könnte man fragen. Genau soviel, um etwas zu antworten, wie etwa »Strümpfe stopfend Und wir würden uns schlietzwundern, wenn wir gezwungen sind, einmal auch solch etn Thema zu behandeln. Unsere Gegner glauben, wir Juden könnten nur handeln und raffen. Alles Übrige wird von A—Z mit allen möglichen oder unmöglichen Gründen angezweifeli. Darum eben sind wir gezwungen. über all die vielen Stoffe „Judentum und." zu üebatxtereit. Diese uns zur Abwehr aufgezwungenen Debatten imöen aber auch ihre guten Seiten, können doch unsere Glaubensgenossen recht oft aus ihnen lernen, wie wir vorhandene Schwächen beseitigen. Jeder einzelne von uns wird von unseren Gegnern auf das genaueste, man möchte sagen durch das Mikroskop beobachtet. Da sollte jeder sich der Muhe unterziehen, möglichst wenig Anlaß zur Kritik zu geben. Die Eltern haben die Pflicht, darauf zu achten, daß ihre Kinder wo es auch sei — eine gerade Körperhaltung etnnehmen. Jeder sollte bedenken, daß geistige Fähigkeiten allem nicht ausreichen. Wir müssen auch körperlich gekräftigt und gefestigt sein, um in jeder Lage des Lebens den genügenden Rückhalt zu haben. Oft genug hören wir, daß Eltern ihre Kinder nicht in den Turnverein lassen, weil sie Angst haben, den Kindern könnte ein Unglück zustoßen. Diese Angst ist vollkommen unbegründet, es sei denn, man geht nicht aus dem Hanse, weil man möglicherweise auf der Straße verunglücken könnte. Vielleicht ist es aber gar nicht so sehr die, Angst, sondern die oft bei jüdischen Eltern beobachtete ^eberspannung des Gedankens, man müsse das Leben der Kinder so leicht und bequem wie möglich gestalten. Ja. man muß allerdings beim Turnen den Körper anstrengen. Aber dies« Anstrengung macht sich für das ganze Leben tausendfach bewährt. Gerade das systematische Neben des Körpers, fei es im Laufen und Springen, sei es das Turnen am Barren. am Reck, am Pferd usw., hat eine ungeahnte Stärkung der Muskeln zur Folge und fördert die Gesundheit des Körpers. Es gibt jetzt für jeden Zweig des Turnens und Sportes jüdische. Vereine in beträchtlicher Zahl. Wer Turnen, wer Wandern, wer Boxen und Ringen, wer Leichtathletik treiben will, trete dem Verein oder Klub bei. Er findet einen Platz, wo er frei von antisemitischen Machenschaften seinen Körper stählen kann. Wir freuen uns über die meisterhaften Erfolge von zu Weltruhm gelangten Helden jüdischen Glaubens deutscher und anderer Herkunft, sind sie doch der lebendige Beweis dafür, daß Kraft und Stärke auch im jüdischen Körver vorhanden ist. Möaen alle Glaubensgenossen dazu beitragen, den jüdischen Menschen körperlich zu ertüchtigen und zu kräftigen und zu gesunden Bürgern unseres Vaterlandes zu machen. Georg H e y m a n n, Mitglied des Jüdischen Turnvereins. Die Juden und der Boxsport. Von Kurt Landsberger, Vorsitzender des Jüdischen BoxeluüS „Maccabi". Vor kurzer Zeit habe ich auf Anregung einer geachteten Fachzeitung der Boxdisziplin zu dem Thema „Rassen und Sport" einen Artikel geschrieben, der auch von der Zeitschrift „D e r Schild", dem Organ des R. I. F. übernommen wurde. In diesem Artikel waren viele (Gedanken und Tatsachen enthalten, die das obige Thema streifen und darum nicht verschwiegen werden dürfen. Bekanntlich war der Boxsport in Deutschland bis zur Errichtung der Republik verboten. Die aus Deutschland heimkehrenden Kriegsgefangenen, die sich die schwere Zeit der Gefangenschaft durch Sport aller Art zu verkürzen suchten, wurden die ersten Lehrer der Deutschen in der neuen Sportart. In den Mutterländern des Boxsportes, besonders in England und Amerika, war die hohe Eignung der Juden für diesen Zweig sehr bekannt. Zu einer Zeit, in der m Deutschland die etwas geistesarmen Judengegner mit Vorliebe, wenn auch vermutlich ohne Ueberzeugung, Schlagworte für Wahlpropaganden aus der angeblichen Feigheit der Juden schöpften, staunte das Ausland über die besondere Begabung der Juden für eine Disziplin, die, wie keine zweite, ungeheuerlichen Manncsmut erfordert. Biele Juden genossen und genießen geradezu Weltruf und erkämpften sich durch die vornehme K u n st der S e l b st v e r t e i d iaittt a (The noble art of defense, sagt der Engländer) Millionen. Ich erwähne nur den bekannten Witechavle-Sportsman Ted Kid Lewis, der das Geld allerdings nicht zu werten wußte, außerdem den größten Techniker aller Zeiten, den jüdischen Amerikaner Benny Leonard, der seinem besorgten and betagten Mütterchen zuliebe den Kampfsport aufgab. Dempsey. der Weltmeister, läßt sich gern den Rat dieses großen Könners dienen. Sehr bald Rechtfertigten auch die deutschen Juden den Lohen Ruf. den die jüdischen Boxer in der Welt geschaffen hatten. Unter den acht deutschen Professionalmeistern befinden sich zur Zeit zwei Juden. Harry Stein, einer der Trainer des I. B. C. „Maccabi", und Felix Friedemann. In Deutschland zeitigt aber der Amateurismus beiuahe noch größere Erfolge als der Profisport. Gerade hier finden wir sehr klangvolle, jüdische Namen. Unvergessen sollen natürlich die Amateurerfolge der beiden genannten jüdischen Meister sein. Jakob Malz, Meister von 1924 im Federgewicht, konnte 1925 im höheren Leichtgewicht den deutschen Meister Kruse zweimal treffen und schlagen. Von dem verstorbenen, unvergeßlichen' Begründer und Führer des I. B. C. „Maccabi", Bruno Gold st ein, nach systematischer Schulung vorsichtig und klug gebracht, erschienen die ersten Maccabäer auf dem Plan, und sehr bald war ihr Ruf durch Kampfgeist und Erfolge begründet. Die Kämpfer P r a i ß . W e i ß k i n d . L e v i n s o h n . Zwiebel bis herab zu dem kleinen Athleten M o s ch k e s sind geachtete und gefürchtete Gegner. Nicht zu vergessen F r i e d l ä n d e r II, der kürzlich einen deutschen Meister einwandfrei schlagen konnte, und der vou Köln gekommene erstklassige B u ch ü a u nt. Als jüngst auch eine amerikanische Fachgröße die Berliner Amateurbewegung kritisierte und drei Kämpfer nannte, die am besten gefielen, wurde auch W e i ß k i u d genannt. Propagandareisen führten die jüdischen Boxer u. a. nach Chemnitz, Leipzig, Stettin und Königsberg. Ueberall ging ein Raunen und Staunen durch die deutschnationalen und völkischen Zyschauer und häufig hörte man den Ausspruch: „Ist das möglich, daß ftn& Juden sind?" In Leipzig, Essen, Köln, Bonn gibt es bereits jüdische Boxclubs'und die Juden in Königsberg i. Pr. sind bei der Begründung. So marschiert diese Disziplin, in der wir so große Chancen auf Erfolg haben, in unseren Reihen. Warum haben gerade die Juden diese Chance? Drei Dinge muß jeder Jünger auf dem Altäre des Boxsportes, wie ich zu sagen pflege, opfern: 1. den Alkohol: 2. b e it Tabak: 8. ft t c A usschwcifuu g. Den Alkohol wußten die Juden stets mit Maß zu genießen und die beiden anderen Punkte läßt sie die Liebe und 'die Begeisterung leicht überwinden. Hier wirkt der Sport segensreich als Erzieher und sogar als Förderer der Sittlichkeit. Hieran sollten viele jüdische Mütter denken, die ihre Söhne diesem angeblich so „rohen" Sport nicht „opfern" wollen. Das Boxen ist nicht roh, denn es ist der Sport der gebändigten Kraft, und diese läßt sich nur durch kluge Verwertung, also durch Kopf und Geist, disziplinieren. Da das Boxen, wie der Fachmann sagt, zu 60 Prozent aus Kopfarbeit besteht, sehe ich hierin eine weitere günstige Möglichkeit für den soliden jüdischen Sportsmann. Der neu aufgekommene Boxsport bietet den Juden also eine Chance, mehr den Körper durch Leibesübung zu fördern und die Psyche innerhalb lutft außerhalb des Kampfringes auf blitzschnelle Entschlüsse einzustellen. „Die „Juden im Boxsport" haben diese Chance genutzt und bewiesen, daß sie selbst in der schwersten (!) Schwerathletik nicht übersehen werden dürfen. „Die Juden im Boxsport" fördern den Körper und Geist. Sie wirken darüber hinaus — heute erst von wenigen erkannt — sozusagen durch die „Propaganda der Tat" aufklärend und ausgleichend. Ein Meer von Aufklärungsschriften könnte nicht einen annähernden Erfolg zeitigen. So sind die jüdischen Boxer in dieser sturmbewegten Zeit nicht nur die Verfechter von jüdischem Mannesmut und jüdischer Ehre geworden, sondern sie haben mit Taktgefühl in steter sportlicher Zusammenarbeit bewiesen, daß der faire Sportaeist, daß die große Leistung Gegensätze überbrückt und feigen Haß schwinden heißt. Einst gingen viele Gegner mit der Parole in den Ring: „Ich schlage den Inden tot!" Heute kämpfen sie als Sportfreunde und bieten ihr ganzes Können aus, um bei dem Eifer und sprichwörtlichem Angriffsgeist der Juden in Ehren zu bestehen. Die jüdischen Boxveranstaltungen werden von vielen Tausenden gesucht und besucht. Die Vereine wetteifern in vorbildlichem Sportgeist durch Clubkämpfe, Sport und Kameradschaft auch mit den jüdischen Boxern und Clubs zu pflegen. Ich sagte schon einmal: „Im Kampfsport messen sich die Körper, In der Kameradschaft finden sich die 7)! e n s ch e n." Es soll und darf nicht jeder Jude boxen. Die körperliche und seelische Veranlagung sind da entscheidend, aber jeder selbstbewußte, junge Jude sollte sich in richtiger Selbsterkenntnis die für ihn geeignete Disziplin wählen und- Sport, treiben. Es ist nun einmal das Kennwort unserer Zeit: „Kopf und Körver bilde fort — Durch Sport!" — Die Juden und die Leichtathletik. An anderer Stelle dieses Blattes ist ausführlich gewürdigt worden, wie notwendig es ist, daß die Juden sich auch Zeit und Gelegenheit für das Turnen, den Sport oder, kurz gesagt, für die Körperkultur nehmen. Hierauf immer wieder hinzuweiseu, ist unsere Pflicht, denn wir sind noch lange nicht die Folgeerscheinungen der Jahrhunderte langen Einpferchung los. Nicht von so großer Bedeutung Et es. welchen Zweig dys Turnens sich der einzelne wählt. Wie überall, so ist auch hier entscheidend, für welchen Zweig des Sportes der Betreffende Lust, Interesse und auch Begabung hat. Zur Leichtathletik gehören, wie ja wohl allgemein bekannt. in erster Linie Laufen. Springen. Kugelstoßen und Speerwerfen. Man muß für die Frage, wer am besten für die Leichtathletik geeignet ist. im Habitus der Juden vielleicht folgende vier Rassentypen unterscheiden: 1. einen schlanken, sehnigen Körper. t . . . 2. eine massige, muskulöse Gestalt, teils klein unterietzt, teils in Mittelgröße, 3. den kleinen, schwächlichen Typus. 4. die Mischung ans den Dreien, ein schwerer Körper mit aroßem Kopf und schwachen Beinen. Die Beobachtungen der letzten Jahre haben ergeben, daß für Leichtathletik überwiegend die ersten beiden Typen in Betracht kommen, während die anderen beiden wohl nur das Turnen, besonders das Geräte-Turncn wählen. Vereine, die ausschließlich Leichtathletik treiben, dürste es wohl kaum geben, wenigstens keine speziell jüdischen Vereine. Dagegen leaew wir beispielsweise - in unserem Verein sehr großen Wert darayf, daß im Rühmen unserer regelmäßigen Ilebungen, die leichtathletische Betätigung nicht übersehen wird. Ganz besonders im Sommer wird die Gelegenheit aus den Spielplätzen wahrgenommeu, sich im Laufen, Springen usw. zu üben. Daß wir Juden auch in der Leichtathletik unseren Mann stellen, haben internationale und heimische Veranstaltungen gezeigt. Namen brauchen wohl nicht genannt zu werden, bringen doch jüdische Blätter gerade in letzter Zeit genügend Namen und Bilder. Für uns Berliner Juden sind die Leistungen der jüdischen Vereine, die sowohl bei eigenen wie bei fremden Veranstaltungen gezeigt wurden, ein Beweis dafür, daß wir Juden auch hier unserem Gegner ebenbürtig sind. Wenn wir so wenig zur Geltung kommen, so liegt es wohl darin, daß viele jüdischen Größen nicht speziell jüdischen Vereinen angchören, sondern daß diese in der Masse innerhalb der deutschen Sport- und Turnvereine verschwinden. Eine weitere Ursache, die allerdings schwerwiegender ist, muß in der Uneinigkeit, die wie leider überall so auch aus dem Gebiete des Sportes vorhanden ist, erblickt werden. Oft genug entstehen aus politischen, religiösen, gesellschaftlichen Gründen Zwistigkeiten, die die gemeinsame Arbeit empfindlich stören, und den Hauptgedanken Turnen. Sport. Leibesübungen beiseite schieben. Ganz besonders die heutige Jugend neigt zu persönlichen und eigenbrödlerischen Strömungen. In sportlichen Kreisen der Berliner Inden hat man diesen Uebelstand wohl erkannt und mit der Schaffung der „VIS., Vereinigte Uebungsstätten jüdischer Sportverbäude" eine Plattform für eine gemeinsame Arbeit gewonnen Trotzdem muß heute, da alles nach sportlicher Betätigung, Leibesnbung, Licht, Lust, Sonne drängt, die Forderung erhoben werden: Schaltet alles Persönliche und Parteiliche aus, wenn ihr den Gedanken der körperlichen Ertüchtigung der jüdischen Jugend allen Kreisen erschließen wollt. Sport sei das Bindemittel für West und Ost. für Deutsch-Jüdisch und National- Jüdisch sowie für alle Richtungen im deutschen Judentum. Jede Leistung muß neidlos anerkannt werden, und jeder hat jüdische Anschauung und politische Anschauung des anderen zu achten Einigkeit ist immer von großem Nutzen. Wenn jeder auch in dieser Beziehung seine Pflicht erfüllt, so wird der Erfolg nicht ausbleiben, und . auch die uichtjüdische Öffentlichkeit wird unseren Leistungen Achtung und Würdigung entgegenbringen. Treibt Leichtathletik oder sonst einen Sport, oder gebt zum Turnen, sendet die Jugend in unsere Vereine, dann ist dafür gesorgt, daß ein neues, kräftiges und starkes Geschlecht heranwächst. Rudolf Henn, Vorsitzender des jüdischen Turnvereins Berlin 1905. , Der Fußballsport und die Juden. Wenn man die Tätigkeit und die Rolle der Juden in der Fußballbewegung betrachten will, so muß man selbstverständlich auf das Ursprungsland des Sportes, auf England, zurückschauen. In England haben Juden so gut wie gar keinen Anteil an der Bewegung genommen. Der Grund hierfür ist wohl darin zu suchen, daß die eingeborene jüdische Bevölkerung ebenso wie die Emigranten zum überwiegendsten Teil noch gesetzestreu sind und deshalb dem Futzballsport fern bleiben, weil dieser in England am Sonnabendnachmittag ausgeübt wird. Dies.ist wohl der hauptsächlichste Grund der Indifferenz der englischen Juden gegenüber dein , schönen Fußbällsvort. Ganz anders aber haben sich die Ereignisse auf dem Kontinent abgespielt. Wenn auch