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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-02-12 · 7 (12.2.1926) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
7 (12.2.1926)
Date
1926-02-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Hat der Liberalismus des IS. Jahrhundertdiese Mrkung erzielen wollen durch eine einheitliche Gestaltung unseres Gottesdienstes und seine Kräfte in den Dienst seiner Schönheit und Harmonie gestellt, so wollen wir in einer .Seit, welche die Menschen im Leben draußen hetzt und ausreibt, und ihnen die Mutze nimmt, sich i« Gotte-hause in religiöser Betätigung zu erbaue», durch eine charakteristische Ausgestaltung des Gottesdiensteunsere Glaubensbrüder zu uns heranziehen und ihnen da- Herz wieder öffne« für die schönen Ideen und Gebräuche unserer Religion. Ob wir am Schowuaus-Feste unser GotteShanin ein blühendes Frühlingsgewand kleiden und unsere Töchter durch prangendes Grün zur Einsegnung schreiten lassen, ob wir am Simchosthora-Fest die Schar unserer Kinder, mit bunten Fähnchen beschenkt, jubelnd durch das Gotteshaus ziehen lassen, ob wir unserer im werktätigen Beruf stehenden Jugend cs ermöglichen, am Freitagabend zu später Stunde einem zweiten Gottesdienste beizuwohnen, der ihr durch eine mit besonderer Predigt verschönte Ausgestaltung Er» bauuna bringen soll, ob wir diesen Umweg zur Erweckung der religiösen Anteilnahme über unsere Jugend gehen, nichts darf unversucht bleiben, um die religiöse Birvduna unserer Gemeinöemitglieder zu festigen und zu stärken. Aber nicht allein das Gotteshaus wird zur Erweckung des religiösen Gedankens und Interesses führen, wen» nicht auch außerhalb dieser hehren Stätte jede Möglichkeit roahrgenommen wird, jüdische Menschen zusammenzuführen zur Besprechung jüdischer Fragen und Angelegenheiten, den jüdischen Gedanken zu entzünden und damit auch selbstver» stündlich dem religiösen Gedanken Nahrung zu geben. Darum mutz es die Aufgabe eines Führers einer großen Gemeinde sein, in der die Großstadtluft aus junge Gemüter häufig wenig heilsam wirkt, jeder jüdischen Vereinigung sein Interesse und seinen Beistand zu leihen, weil die Beschäftigung aller Fragen des Judentums aus dem Bereiche der jüdischen Wissenschaft und Literatur, der jüdischen Wohlfahrtspflege und Fürsorge letzten Endes nicht zu trennen ist von dem jüdisch-religiösen Gebiete. Die Pflege des jüdischen Unterrichts endlich ist das festeste Glied in der Kette, welche die religiöse Bindung einer Gemeinde festigen soll. Bei den bekannten Schwierigkeiten, welche der Erteilung eines ausreichenden jüdischen Religionsunterrichtes auf unseren höheren Schulen entgegenstellen, mutz eine Ergänzung geschaffen werden, welche jungen, jüdischen Menschen nach Verlassen der Schule auf jüdischreligiösem Gebiete zu Gute kommt. Es ist mit der Tatsache zu rechnen, daß der junge jüdische Mensch im Entwicklunasalter sich von gewissen revolutionären Ideen beherrschen läßt, welche eine Ablehnung des religiösen Gedankens erst recht und gerade dann propagieren, wenn Lehrerschaft und Elternhaus ihn in den jungen Herzen zu erzeugen und zu festigen sucht. AVer in einem Alter, in dem Ideen und Ansichten sich bereits gefestigt und die gewonnene Urteilsfähigkeit eine ernstere Aussprache über religiöse Dinge zulässig 'macht, soll die Einrichtung besonderer Kurse für Erwachsene der Gemeinde nachholen, was die Ungunst der Verhältnisse aus der Schule dem Kinde entziehen mutzte. Bei tieferem Verständnis und reiferer Aufnahmefähigkeit lassen sich die Ideen unserer Religion, die Sprache unserer Gebete und die Schönheit unserer Lehre in die Herzen einer reiferen Jugend senken, welche über kurz oder laug berufen sein wird, als Kern der Religionsgemcinde ihrer Vaterstadt anfeuernd und beispielgebend ans den Kreis ihrer Glaubensgenossen zu wirken. lind weiter ziehen wir den Kreis unserer Betätigung als Führer der Gemeinde, wenn wir den Versammlungsort unserer Mitglieder, das Gotteshaus, neben dem Gottesdienst zu ernsten Vorträgen über unser Judentum, seine Geschichte, Mü Lehre und seine Ideen allen zur Verfügung stellen, dck willens sind, aus berufenem Munde diese erhabenen Gedanken an heiliger Stätte in sich auszunehmen. Mit dieser Erweiterung der Aufgabe einer Rcliaionsaemeindc wird die ) Nach 7 Minuten y Stromanschluß gebrauchsfertig y Verbrauch gleich Null. Zu beziehen durch: ERICH BÜRBERG, Rerik SW 61, CUImUbw Straß« 107 ff- Erweckung dereligiösen Gedankenohne Zweifel verbunden sein. Beispielgebend muß der Vorsteher einer Gemeinde und seine Vertreter in der Betätigung -ereligiöse» Gedankenfein; aber nickt nur dieser kleine Kreis, sonder» ein jedes Mitglied der Gemeinde, welchem Berufe eauch angehöreu möge, kann und soll al- Repräsentant des Judentumaußerhalb seiner Verufsgeschäfte anspornend und vorbildlich wirken. Jeder möge sich als Richtschnur seiner Handlungen die goldenen Worte dienen lassen, welche Hermann Lohen im Jahre 1911 in einem Aufsatz über Ludwig Philippsohn alS einen Mahnruf an uns alle ergehen ließ: »Jedermann nach Maßgabe feiner Kraft, »ach der Richtung seines Arbeitsgebietemutz es alseine innerste Lebensaufgabe erkennen, auch für den Fortbestand unserer Religion einen Kulturanteil sich zu ge» gewinnen. Wer dieser jüdisch-monotheistischen Religiosität inne geworden und wer ihrer teilhaftig bleiben will, der muß, alS Kulturmensch und als Kulturkraft, an seinem Teile für die Sicherung des Fortbestandes dieser Religion, welche die seinige ist. mitzuarüeiten als seine Aufgabe erkennen: als eine Aufgabe, die ebensosehr die seiner Kulturarbeit, wie die seiner lebendigen persönlichen Religiosität ist." Rabbiner Dr. Caro Köln: Nach einer Periode, in der man nur das Sichtbare, das mit den Sinnen Wahrnehmbare gelten lassen wollte und fast ausschließlich dem auflösenden, alles Gefühlsleben ertötenden Rationalismus huldigte, macht sich jetzt eine Reaktion bemerkbar, die verlangt, daß auch dem Sehnen des menschlichen Herzens nach dem Ewigen und Unendlichen Rechnung getragen werde. Die Philosophie, Literatur und Kunst der Gegenwart behandelt mit Vorliebe mctaphnsiscke Probleme und nimmt ihren Stoff aus dem weiten umfassenden Gebiet der Religion, ihn mehr oder minder frei umgestaltend, und eine neue Wissenschaft ist im Entstehen begriffen, die Religionspsychologie, die es sich zur Aufgabe macht, uns das Verständnis für das Tiefste und Innerlichste, für das Geheimnis der Religion, das begrifflich wohl kaum erfaßt werden kann, zu übermitteln. Und wenn wir auf die Naturwissenschaft blicken, die ja am meisten am Niedergang der Religion schuld gewesen ist, so gibt auch sie immer mehr und wehr ihre mechanistische Weltauffassung auf: ohne die Begriffe Ziel und Zweck glaubt sie nicht auskvmmen zu können: ja, sie j spricht van einem begrenzten Raum, und jenes frivole Wort von David Friedrich Strauß, an Gott sei gleichsam dhe Wohnungsnot hcrangetreten, hat vollkommen seine Berechtigung verloren, wenn es überhaupt jemals berechtigt war. Diese Wandlung der Zeit Hinsichtlich ihrer religiösen Einstellung ist für uns von einem unschätzbaren Werte, denn sie gibt uns die Möglichkeit, auf jene Kreise einzuwirken» die sich vom Judentum abgewandt haben, weil sie in der Religion überhaupt etwas Kulturfeindliches oder zumindest nichts Kulturföröerndes erblickten, weil sie den Standpunkt vertraten, die Religion gehöre einer verflossenen Periode der menschlichen Entwicklung an: die mündig gewordene Menschheit habe sie nicht nötig. Daß mir auf diese Kreise so wenig Einfluß ausüben konnten, lag darin begründet, daß sie sich auf die allgemeine Zeitströmung stützen konnten. Heute ist dies anders geworden. Die Bedeutung der Religion im Leben der Völker wird durchaus anerkannt, und die Religionswissenschaft belehrt uns, daß keine andere Schöpfung des menschlichen Geistes die Kultur tiefer und nachhaltiger beeinflußt hat als die Religion, daß sie der mächtigste Hebe! gewesen ist, um allen Fortschritt in der Menschheit zu fördern.. Philosophie und.Kunst, Recht und Ethik haben von ihr immer wieder neue Antriebe erhallen. Und wenn die Macht, welche die Religion ihren Repräsentanten gab, dazu benutzt wurde, um das Denken in den Bann zu schlagen und der Wissenschaft Fesseln anznleaen, dann ist nicht die Religion selbst daran schuld, sondern ihre Vertreter, die an der Form einer Religion fcstholten, die sich überlebt Hat. Religion und Wissenschaft, sofern sie in den ihnen gezogenen Grenzen sich bewegen, stehen sich nicht als Feinde gegenüber, sondern sind nur dazu da. um sich gegenseitig zu ergänzen. Nnd die religiöse Anlage des Menschen leugnen zu wollen, steht im Widerspruch püt der menschliaicn Natur. Sie mag bei dem einen größer sein als bei dem anderen, aber vollstävüg fehlt sie nie. Die Religion „ist das Eigenste, was uns gehört". Haben wir erst so Boden gewonnen für die Religion, ban» wird es nicht schwer fallen, auch dareligiöse Interesse für da- Judentum zu wecken! Freilich werden wir dieses Ziel nur erreichen, wenn wir bei aller Betonung der Eigenart -er jüdischen Religion de» Standpunkt vertreten, baß sie wandlungS. und entwicklungsfähig ist, daß nicht alles, was jemals al- Judentum ausgegeben wurde, unverrückbar für alle Zeiten Geltung haben müsse. Wer könnte behaupten, daß daS Judentum zu Zeiten eine- MoseL dasselbe sei wie heute? Wir müssen aus der zeitlichen Hülle, in die das Judentum sich gekleidet hat, den Kern herauSschälen und die ewigen, idealen Werte, die ihm eigentümlich sind, hervorheben. Wir müssen aufzeigeu, daß daS Judentum zu allen Zeilen imstande war. -a- Gute. Wahre und Edle von all den Kulturen, mit denen es im Verlaufe seiner Geschichte in Berührung gekommen war, in sich aufzunehmen, nicht um sich zu verlieren, sondern um seinen Charakter zu noch stärkerer Ausprägung zu bringen. Go ist eS bereits im Uranfang gewesen, als es mit der babylonischen Kultur zu» sammentraf. so war es in den Zeiten des Hellenismus und der spanisch-arabischen Periode, so ist tS auch heute, wo Männer wie Moritz Lazarus und Hermann Cohen, ausgerüstet mit dem ganzen philosophischen Wissen unserer Zeit, das Judentum üargestellt haben, um seine Bedeutung in um so glänzenderem Lichte erstrahlen zu lassen. Nur wen« uns das Judentum lebendige Religion ist, die sich nickst abschlicßt gegen alle äußere Berührung, die wächst im Kampfe mit fremden Vorstellungen, kann eS Macht über die Gemüter gewinnen. In einem Gespräche, das ich kürzlich mit einem gebildeten Juden hatte, meinte dieser, die Westeuropäer seien nicht mehr für die Religion zu gewinnen, denn sie wären zu rationalistisch. daS Ursprüngliche in der Religion gehe ihnen ab. Es ist nicht zu verkennen, daß ein Stück Wahrheit in diesen Worten liegt, aber der Fehler liegt darin, daß er von dem besonders Sei Juden noch vielfach sich findenden augenblicklichen Verhältnis zur Religion ausgeht. Wer aber kann, leugnen, daß bei dem Wandel aller Dinge nickt auch wieder daS Irrationale und Gefühlsmäßige zu seinem Rechte, kommt, daS ohne Zweifel jeder Religion innewohnt, auch der jüdischen, so sehr sie auch daS Wissen um die Religion und das Forschen in ihr betont? Ich glaube, daß wir bereits in einer Periode der religiösen Erneuerung unS befinden, daß wir einer Zeit entgegengehen, wo immer mehr zur Wahrheit wird das Prophetenwort: „Ich sende einen. Hunger auf die Erde, aber keinen Hunger nach Brot und keinen Durst nach Wasser, sondern den Hunger, zu hören die Worte des Ewigen." Ka'endsrlum für die Zeit vom 13.2. h. 2«. 2.1926 Februar 1826! SÄewat 5686. Sonnabend 13! 29. Neumonüweihe Wochcn-Abschnitt: Mischpotim ParschaS fchekolim Hgftarah: 1l. Könige 12,1—17 Sonntag 14; 30. 1. Tag Rosch Choöesch Adar 3686 Montag 15 i 1. 2. Tag Rosch Chodesch Dienstag 16 1 2. Mittwock 17! 3. Donnerstag 1.8 j 4. Freitag 19 | 3. Sonnabend 20 j 6.! Wochen-Abschnitt: Terumoh Haftarah: I. Könige 5,26—32; 61—13 L 1 Sabbat-Ausgang: 6,09 - : Freie jüdische Volkshochschule Frühjahrs-Trimester. Beginn rr. Februar« Vorlesungsverzeichnisse in allen jüdischen Buchhandlungen, an den TheaierKpssen Hermann Tiefz, Kaufhaus des Westens u. m Sekretariat bei OiÄanii, YerkstraSe 88. Haseubeide 472. (Siehe redakt. Teil der heutigen Nummer.) zudringen. Er stützt sich bei diesem kühnen Versuch auf I seine genaue Kenntnis der Schriftarten lgriechisch, allhebräisch. aramäisch, syrisch usm.) sowie der alten Schreiber¬ und Uebcrsetzertechnik. Daraus ergeben sich ihm bestimmte Gesetze, die nach seinen Hinweisen im gesamten Text der Bibel ihre Bestätigung gefunden hallen. Ans den Fehlern unseres masoretischen Textes erschließt sich Wutz die Vermutung, daß die Kompilatoren zwei alte hebräische Handschriften und einen Transkriptionstext bei der Herstellung des hebräischen Konsonantentext cs verwendeten. Ueürigens ist auch Wutz der Meinung, daß die heilige Schrift die langen Jahrhunderte hindurch mit unendlicher Gewissenhaftigkeit gehütet wurde. Aber daß der heutige hebräische Text Verstümmelungen aufzmveisen hot, läßt sich durch ^die griechische und syrische Uebersetzung nackweisen. Wutz "ist überzeugt, daß die Septuaginta einen ausgezeichneten hebräischen Text, der von den Transkriptoren mit größter Sorgfalt fixiert worden war. zur Grundlage hatte. Ddit Hilfe seiner „zwingenden Gesetze" sucht Wutz aus dem vorliegenden ältesten Material systematisch von unserem hebräischen Konsonantentext zum Urtext zu gelangen. Zahlreiche Gruppen von Verlesungsmöglichkeiten sind von Wutz in genaue gesetzmäßige Ordnung gebracht. Danach erscheinen manche modernen Konjekturen, die nur vom heutigen Schriftbilde auSgehcn, als technisch unmöglich. Man denkt, wenn man vergleichen will, an die dilettantischen Versuche, aus heute ähnlich klingenden Wörtern uralte Verwandtschaft zu konstatieren, oder umgekehrt an Birchows unabsichtlich komisch wirkende Verspottung der Philologen, der in seiner Unkenntnis zwingender Lautgesetze nicht verstehen xoollte, daß „Buche" lateinischem fagus entspreche. Immerhin ist bei der großen Zahl „gesetzmäßiger" Möglichkeiten eine neue Art abenteuernder Konickturenkritik leicht zu entfesseln, die sogar im sonstigen biblischen Schrifttum nicht belegbare, aber durch verwandte semitische Sprachen zu erklärende Wörter entdecken kann (vgl. das „Lexikon" bei Wutz mit 82 Nummern). Bezeichnend ist. daß der Autor auf 121großen Seiten Eorrigenda zum eigenen Kommentar (bis Psalm 101) anfügt. Während z. SB. im Ruche die Uebersetzung zu 29.9 „Das Grollen macht wirbeln die Eichen, entblättert die Wälder: aber in seinem Palaste ruft alles: Großartig" begründet ist. wird nun in den Verbesserungen der als rrsprünglich vermutete Text so übersetzt: „Das Grollen Jahves macht kreisen die Hinden und rasch gebären die Gemsen; und seufzend ruft alles: Herrlichkeit" — wobei man jedenfalls zugeben muß. daß die Uebersetzung Herrlichkeit" schöner als ^Großartig'." ist. Aber — der Gedanke drängt sich auch dem Laien auf —? Ve: lesiurgSmüglichkeit ist noch nicht Vcrlcsunasnotwendigkcit. Wie der Druckfehlerteufel ost feine eigenen Wcge geh;, so ist auch der Schreibfehkcrtcufel nicht immer gesetzlich kontrollierbar. Und wenn man nun alle Feblerguclleir berücksichtigt (Ausfall -von Buchstaben. Haplograpüie. Dittographie, Umstellung. Verbindung und Abtrennung) zur Begründung einer Konjektur, io wird man nicht vergessen, daß trotz der festgestcttten „Gesetzmäßigkeit" von der Möglichkeit einer Textform bis zu ihrer wirtlichen. Sicherheit mehr als ein Schritt ist. Auch hier gilt trotz allem Walthers Wort: da hoeret ouch geloubc zuo. Es ist interessant, 'baß durch die Wutschen Untersuchungen auch jener neuerdings so sehr in Schwang?,c.hmmcnen Textkritik auf Grund metrischer Gesetzmäßigkeit der Boden, wenn auch nicht entzogen, so dock sehr schwankend gemacht ist. Bei der Unsicherheit des alten Ätzentwesens und deshalb nicht genügend begründeter Kenntnis althebräiscker Metrik erscheint es nun wirklich, im eigentlichen Sinne des Wortes, vermessen, „mit unsicherem Maßstab unsichere Verse" zu ordnen. Nach einem kurzen Wort inhaltlicher Orientierungstellt Wutz in seiner Ausgabe jedem einzelnen Psalm im Masoretentext mit angefttgtem kritischen Apparat den Vulgata- Text gegenüber. Es folgt die deutsche Uebersetzung und alsdann die textkritische Begründung. Eine vertiefende Betrachtung des Psalmcninhalts ist — von wertvollen Einzelheiten abgesehen — nicht gegeben. In dieser Hinsicht darf man schon jetzt auf den im Erscheinen begriffenen Kvm- > mentar Hermann Gunkels Hinweisen. Gunkel hat schon durch seine sehr verbreiteten Ausgewählten Psalmen mit Erläuterungen außerordentlich viel zum tieferen Verständnis dieser althebräischen Dichtungen beigetragen. In seiner in Nowacks Göttinger Handkommentar zum Alten Testament erscheinenden wissenschaftlichen Ausgabe (cs liegen jetzt fünf Lieferungen vor) wird er sicherlich noch auf die bedeutungsvollen Wutzschen Untersuchungen Bezug nehmen, wie denn überhaupt jene Hypothesen auf den Grad der Wahrscheinlichkeit und ihre Grundlagen auf das Maß ihrer Tragfähigkeit von der strengen Wissenschaft geprüft werden müssen. Hier soll nur auf Grund des allgemeinen Eindrucks, den das wichtige Werk macht, der Standpunkt des Laien ver treten werden, der mit den Psalmen betet und ihre Schönheit genießt. Es mag sein, daß von dem Prachtgewande dieser Dichtungen hier und da ein Fleckchen entfernt, eine zerknitterte Stelle geglättet wird: aber ein Edelstein scheint nicht znrückgewonnen zu sein — vielleicht aus dem einfachen Grunde, weil er nicht verloren war. DaS Edelste und Heiligste bat in sich selbst den stärksten Schutz. Einige Einzelheiten mögen im folgenden erwähnt werden. Im ersten Verse des 12b. Psalms möchte man die ichöne Wendung unseres hebräischen Textes „war's uns wie Träumenden" nickt zugunsten von G (der griechischen Uebersetzungi „suhlen wir uns getröstet" aufgeben. Es ist kaum au zunehmen, daß aus dem Wege der Verschreibung oder Verlesung fick die eigenartig charakteristische Wendung unseres Textes ergeben hätte. Die Vermutung, daß akikim in Vers 4 desselben Psalms alte Verlesung von ikarim sei („wende unser Schicksal gleich den Landleuten im Süden, die da mit Tränen säen, aber mit Jubel ernten"», muckte man um so weniger berechtigt halten, als sie durch keine alte Uebersetzung gestützt ist. Und wer möchte im Psalm 139. 18 statt: „Ich erwache —- und noch bin ich bei dir" die so sehr prosaische Uebersetzung wählen: „Bin ich fertig, dann bin ich immer noch am Rechnen" (statt h e k i z o s i w‘o di immch vermutet der Autor hakizosi w‘o d i so ehern), auch hier ohne Stütze in alten Ucbersetzungcn. Ebensow«uig ist Grund vorhanden statt vom erfreuenden Strom göttlicher Gnade in Psalm 40, 5 vom erschreckenden Anbranöen der feindlichen Flut (statt i’sam'chu vermutet Wutz i'schom'mu) zu sprechen. Zu Psalm 3t bemerkt der Verfasser: „In der. Tat ist vieles recht wohl verständlich im Munde Davids", und vorher: „Die hier niedergelegte Bußgesinnung hat.direkt christlichen Charakter" — was uns seltsam klingt. Da Wutz anscheinend David als Autor dieses Psalms nicht für unmöglich hält, sieht man um so weniger ein, weshalb er die durch G gestützte alte Uebersetzung „rette mich aus (schwerer) Blutschuld" verläßt, um als Verbesserung „reinige mich :.on Mängeln" (er liest h a z i 11 e n i — von r a 1 a 1 —. mumim] zu geben. Da scheint mir nun doch Gunkel- Lesung miduma „vom Tode (Schweigen)" um so einleuchtender, als sie sich mir aus Parallelstellen ergab, bevor ich die Konjektur bei Gunkel fand. Der katholische Autor (das Buch ist mit kirchlichem Imprimatur versehen) schließt sein Vorwort mit dem Wunsche: „Möge diese Psalmenuntersuchung der Wissenschaft und Kirche in gleicher Weise zweckdienlich sich erweisen." Zween Herren dienen — und zumal so gestrengen Herren —> ist sehr schwierig. Auf jeden Fall spürt mau in dem Werke überall den Geist hingebungsvollen Wahrheitsstrebens und schlicht^ Sachlichkeit, gestützt durch vielseitigegründliche Gelehrsamkeit uud uuermiidlichen Fleiß. Bon dteÄm zeugt auch der überaus sorgsam gearbeitete Sach- und Wortindex der Psalmen (von S. 396—4ßo). DaS Buch ist vorzüglich auSgestattet, der herrliche Druck macht der Drugulinschen Offizin alle Ehre. Hier steht einmal daS vornehme Gewand nicht im Widerspruch, sondern in vollem Einklang zu dem würdigen und bedeutungsvollen Inhalt des Werkes. Dr. M. Spanier. Berlin.

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