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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-01-29 · 5 (29.1.1926) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
5 (29.1.1926)
Date
1926-01-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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6. Jahrgang Nummer 5 Beilage 29. Januar 1926 MlschMemkZülms Die jüdische Gegenwart Betrachtungen zum jüdischen Frauenstimmrecht. An enger Anlehnung an die politische Selbständigkeit der Arau hat nun auch die jüdische Frau das Recht erhalten, bi« Vertreter -er iüdischen Gemeinde mitznwählen. Es trennen uns noch zwei Monate vom Tage der Wahl, und doch wird es wohl kaum ein jüdisches Haus geben, in dem das jüdische Frauenstimmrecht nicht schon Gegenstand eifrigster Diskussion gewesen ist. Der jüdische Deutsche steht dem politischen Stlmmrecht der Frau wohlwollend gegenüber dem jüdischen . Stnnmrecht gegenüber aber ist seine Stellung noch ungeklärt. < ^s liegt in der Stellung der Frau im Judentum begründet. Der Ruhmeskranz, den das Bild der jüdischen Haus- und Mutter trägt, ist errungen durch die Schaffung des südlichen Familienlebens. Aber selbst hier ist bei der Führung des religiösen Haushaltes der Mann bestimmend. Am Gotteshause spielt noch heute die Frau eine untergeordnete Rolle. Das scheinbar Reue dessen Auswirkung der Mann jetzt zweifelnd gegenübersteht, ist aber in Wirklichkeit etwas Uraltes. Es ist der iüdischen Frau und Mutter in keinem Abschnitt der Weltgeschichte vergönnt gewesen, den Kampf für die Erhaltung der Religion allein dem Mann zu überlassen. Ganz anders wie im Christentum mußte die jüdische Frau hineinwachsen in das religiöse Leben ihres Volkes, mutzten sich führende Männer und Frauen finden, die in Not und Elend, in Zeiten der Verfolgung und Unterdrückung den Glauben an den einig-einzigen Gott wachhielten. Wir blicken im Judentum nicht nur auf Erzväter, sondern auch auf Erzmütter zurück und unter den Propheten ragt die Gestalt der Deborah hervor. Es ist also kein Neuland, das die jüdische Frau jetzt betritt, es ist uraltes, heiliges Erbe, das durch das Frauenstimmrecht zum Leben erwacht. Am Gegensatz zu den vergangenen Zeiten tritt in dieser wirtschaftlich so schweren Zeit der Umstand in die Erscheinung, daß das Frauenstimmrechtvon in derMebrzalil berufstätigen Frauen ausgeübt werden wird Denn selbst viele derHansfrauen und Mütti-r steb«n jetzt im Erwerbskampf und die Not der Zeit hat sie reifer gemacht für ein Recht, das auszuüben Pflicht ist. So werden sich von den berufstätigen Frauen nicht nur unverheiratete an der Wahlurne einfinden. Die Not der Zeit erheischt es, daß die weiblichen Vertreter des Audeniums gerade aus den Kreisen gewählt werden, wo Verständnis für die innere Not der iüdischen Hausfrau und Mutter vorhanden ist. Die Erfahrungen im volitischen Kampf haben leider gezeigt, -atz nur die unverheiratete und die kinderlose Frau Zeit für die Führerschaft gefunden hat. Es hieße den innersten Kern des Judentums schleckt betten, wollten wir die Hausfrau und Mutter aus den Reihen der Vertreter des Andentums ausschalten. Das Frauenwahlrecht wird nur dann zum Segen für das Audentum werden, wenn wir mit diesen Gedanken an die Vorbereitung der Wahl berauchen. Margarete Fried. Konfessionsfriede in Wien. Der Wiener Stadtschulrat hat zunächst einer Klasse in einem Wiener Reformrealgymnasium die Erlaubnis zur Einrichtung einer aus Anden, Christen und Mohammeda- Hiiern gebildeten sogen. Schukfamilie erteilt, wo die Schüler Htzu konfessionellem Frieden und zur gegenseitigen Achtung erzogen werden. Von Zeit zu Zeit werden Veranstaltungen arrangiert, wobei ans Literatur und Volksleben der einzelnen in der Schulfamilie vertretenen Konfessionen und Rassen voraetragen wird. Sollte sich diese Einrichtung als zweckdienlich erweisen, so werden auch in anderen Lehranstalten solcke Sckulfamilien gebildet werden. Die Aktion leitet der Wiener Humanist Prof. Dr. Latzel. Die Zahl der Juden. An dem Artikel des Herrn Bernhard Traubenberg: „Endlich numerische Klarheit" ist. wre uns der Verfasser schreibt, ein bedauerliches Berschen unterlaufen Es ist darin Oesterreich mit 300 000 Anden übersehen. Der europäische Anteil der Audenheit steigt damit von 8 947 000 auf .rund 9 250 000. Ansgesamt gibt es also nicht 13 463 000. sondern rund 13750 000 Anden in der Welt. Das Schlutzergcbpis wird dadurch nur ganz unwesentlich berührt. „Nalionaldeuksch". „Den einen Teil niemand verstehen kann' aber den andern versteht mau", so heißt es in der klassischen Jobsiade. So ungefähr mag es manchem ergehen, wenn er den langatmigen Aufsatz eines Geheimen Oberregierungsrats R. v. Kienitz über „Nationaldeutsch" liest, vierzehn lange Druckseiten einer Monatsschrift, die mit der Probenummer zu Werbezwecken unentgeltlich ins Haus geschickt werden. Der Verfasser beschäftigt sich mit Germanen und Anden und Antisemitismus und Reichsbanner und gibt Entbeckunsen zum Besten, auf die er stolzer ist als Columbus auf seine Landung in der neuen Welt, und offenbart mancherlei Vernünftiges, was auf der Rechten Anstoß erregen wird, und snehr noch Absonderliches, das bei Sachkennern die Erinnerung an das Dichterwort wachruft: „Anders begreif ich wohl, als sonst in Menschenköpfen malt sich in diesem Kopfe die Welt." Also, um mit dem Vernünftigen zu beginnen, mit dem Teil, den männiglich verstehen kann, so wendet er sich gegen die Auffassung der „eigentlich deutsch-nationalen Blätter", «ein rntionaldeutsches Audentum sei ein Widerspruch in sich: denn Juden könnten überhaupt nicht nationaldeutsch sein". Treffend führt er aus: „Dies Vorurteil ist schon an sich bedenklich, weil mit solcher Ablehnung in dem Kampfe für die nationale Idee leicht etwas verscherzt werden könnte, was als Hilfe begrüßt werden sollte." Wenn gerade in Deutschlands Untergange Juden dem deutschen Namen Vertrauen bezeugen und den nationaldeutschen Gedanken als ihr Ziel aufstellen, so könne man solchen Leuten den Willen, nationaldeutsch zu sein, füglich nicht absprechen, und die Fähigkeit, einen Willen durchzufetzen, sei Sache des Intellekts, nicht der Herkunft. Daß man, um nationaldeutsch zu sein, nicht gerade „deutschnational" zu sein braucht, sei ohne! weiteres klar. „Das nationale Bewußtsein sollte ein selbstverständliches Gemeingut aller Volksgenossen sein. Daß zu diesen Volksgenossen auch die deutschen Juden, und zwar nicht nur die „nationaldeutschen" nach Sprache, Staatsangehörigkeit und gemeinsamer geschichtlicher Entwicklung gehören, also deutsch sind, liegt auf der Hand . . . Der Abstammung nach sind die Juden natürlich nicht Germanen. Aber das geht vielen anderen Deutschen ebenso. Da nur etwa ein Drittel des deutschen Volkes rein germanisch, ein großer Teil gerade dieses Drittels aber in der internationalen (?) Sozialdemokratie befangen ist, kann selbst bei den Deutschnationalen nur ein nicht all zu hoher Verhältnissatz als rein germanisch gelten, und die Abstammung entscheidet überhaupt nicht über die Eigenschaft eines modernen europäischen Volkes. Dazu ist Europa viel zu sehr gemischt. Es kann sich also nur noch um die durch gemeinsame Geschichte und Tradition begründete Denkart handeln." Und das sei die eigentliche nationale Frage, ob Juden, die nationaldeutsch sein wollen, dies nach ihrer Denkart erreichen, ob sie nicht bloß tatsächlich deutsch, sondern auch bewußt deutsch, in deutschem Geiste national sein können. Im Anschluß an diese Betrachtungen, die. abgesehen von der Voreingenommenheit gegen die Sozialdemokratie, ganz plausibel klingen, wird dann die nicht eben neue Frage gestellt: „Was ist national?" Die Untersuchungen, die zur Antwort führen sollen, und die Antwort selbst entbehren leider jener Klarheit und Tiefe, durch die sich einst die Flugschrift des Professors Moritz Lazarus über dasselbe Thema ausgezeichnet hat. Immerhin ist bemerkenswert, daß der Geheime Oberregicrungsrat von Kienitz eine gewisse Aehnlichkeit des deutschen Schicksals mit dem der Juden empfindet Indessen was hat dem deutschen (Äeheimrat den Anlaß! gegeben, sich lang und breit mit den Juden zu beschäftigen? Er hat vom „Verband nationaldeutscher Juden" erfahren, der nach Krieg und Revolution aus dem Bedürfnis entstanden sei, „innerhalb des Judentums den nationaliüdifchen Bestrebungen des Zionismus zu begegnen". Er hat auch die Monatsschrift dieses Verbandes gesehen die von der Linkspresse nach Möglichkeit totgeschwiegen werde, nährend die Rechtspresse von ihr. oft auch mit freundlichem Interesse, Vermerk nehme. Alles Lob spendet er denen um Naumann, als ob es vorher keine deutschen Juden und indischen Verbände gegeben hätte, die den Willen zum Deutschtum laut bekannten und nachdrücklich betätigten. Von allem, was auf diesem Gebiet seit dem ersten Auftreten Stöckers geschehen, geschrieben, gestritten, hat der Geheime Oberregierungsrat sichtlich keine Ahnung. Die ganze umfangreiche Literatur, die Fülle der Organisationen ist ihm unbekannt. Er weiß auch nichts von den Kämpfen jüdischer Kreise gegen den Zionismus, die sich abspielten, ehe es den „Verband nationaldentscher Juden" gab, und sich beute abspielcn außerhalb dieses Verbandes. Er glaubt anscheinend als erster auszusprechen, daß das ertraglose steinige Palästina kaum dem hundertsten Teil der heutigen verstreuten Juden Unterkunft gewähren könne, daß der Plan einer „binationalen" Vereinigung der Juden und Araber bodenlos sei. daß von den zionistischen Führern der deutschen Juden wohl nur wenige bereit sein werden, „die hiesige Stellung gegen ein noch so schönes und reiches Leben an den Ufern des Jordans einzntanschen, und die große Masse erst recht nicht". Am Ende sind noch einige andere Gründe gegen den Zionismus geltend zu machen und seit Jahrzehnten geltend gemacht worden, als sich Herr von Kienitz träumen läßt. Aber so wenig eine Auseinandersetzung über den Zionismus in diesem Fall am Platz und vonnöten ist. so unerläßlich ist doch eine Verwahrung gegen einen Vorwurf, nämlich, daß der Zionismus ein Anhängsel des —Reichsbanners SÄwarz- Rot-Gold sei. das Herr von Kienitz in des Reiches Acht und Aberacht tut. Dunkel ist der Rede Sinn. Der Getzeimrat spricht vou Versailles und der Kriegsschuldlüge. „Wenn es verkehrt war", sagt er. „in der verzweifelten Not Deutschlands während des Krieges, statt diesen verständig zu beenden, immer wieder das Schillersche Wort: „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre" leichtfertig breitzutrete». so gilt dies Wort für die Unterzeichner des Berfailler Vertrages in seiner ganzen Schwere." Sagt Herr von Kienitz. Mer was hat das mit Zionisten oder auch nur den Soziademokraten zu tun? Ueber Annehmen oder Ablehnen hatten in Weimar doch nicht die Zionisten zu befinden, und Herr Scheidemann erklärte, eher sollte seine Hand verdorren, als daß sie unterzeichne. «Die Lüge braucht nicht bestätigt zu werden", fährt der Geheime Oberregierungsrat fort, „zumal nicht einmal ein Grund vorlag: denn Schlimmeres als nachher geschehen ist. hätte damals auch nicht geschehen können". Was vielleicht zu bezweifeln war. Doch abermals, was hat das alles mit dem Zionismus zu schassen? oder auch nur mit dem Reichsbanner Schwarz-Rot- Gold, das damals noch nicht existierte? Herr von Kienitz, scheint es, mutz sich den Aerger über die Reichsfarben von der Leber schreiben. Zwar gibt er zu: „An und für sich ist es natürlich möglich, auch mit dem Symbol Schwarz-Rot- Gold eine nationale Vorstellung zu verbinden: so lag die Sache bei der Burschenschaft von 1817." Das Nachbeten der „1848er Kannegießer" habe es aber zu keinem geschichtlichen Eindruck gebracht — wobei nicht zu erkennen ist. ob auch der König Friedrich Wilhelm IV., -er sich in den Märztagcn nit den alten deutschen Farben schmückte, und die preußische Regierung, die diese Flagge in Frankfurt hissen ließ, und Kaiser Friedrich, -er als Kronprinz in Versailles sich für Schwarz-Rot-Gold als Symbol der deutschen Einheit aussprach. zu den .Kannegießern" gerechnet werden. Doch zum dritten, aber letztenmal: wie kommt die Kannegießerei über die Reichsfarbeu in die Fehde gegen den Zionismus? Darauf mag Herr von Kienitz selber unverkürzten Bescheid geben. wie folgt: „Wird, wie es eine Burschenschaft in feinerem Farbenempfinden getan hat. das Gold zwischen Schwarz und Rot gestellt, so stimmen die Farben der alten Burschenschaft mit den Nationalsarben überein bis auf das Metall. heraldisch und militärisch ausgedrückt: bis aus die Beschläge. Darum mögen,wohl einzelne Ideologen auch heute noch mit innerer Begeisterung an den Farben der Burschenschaft hängen. Dem neuen „R eichsbanner Schwarzrotgold" wird aber von dem bei weitem größten Teile seiner Anhänger eine ganz andere Bedeutung beigelegt: es soll den Abbruch des geschichtlichen Zusammenhanges mit dem bischerigen Deutschland zum Ausdruck bringen und deshalb an Stelle der bisherigen nationalen Farben das Rot der internationalen Sozialdemokratie zeigen, nur der vorläufigen Ungewißheit wegen in schwarzgoldener Verbrämung. Es fällt ins Auge, daß. wenn auch weitere Kräfte hier wirken, die Erscheinung dem Zionismus der Juden gleicht: ein auf wenige beschränkter eigenartiger nationaler Idealismus, umschnürt von einem breiten Materialismus der internationalen Menschheits- Philosophie. die. ebenso wie das Gros der Zionisten, vom Kampfe aller gegen alle zn^ leben fttr nützlicher hält. Bezeichnenist aucuM jöaß beide, das Reichsbanner und der Zionist 'mtt§ von derselben Presse bedient werden." Den Teil „niemand verstehen kann". Offenbar weiß der Geheimrat von Kienitz über das „Reichsbanner" ebenso wenig Bescheid wie über das deutsche Judentum, weiß nicht, daß zu den Führern des „Reichsbanners" Männer wie 5er frühere Reichskanzler Marx, der frühere Reichsminister Koch, der Abgeordnete Dr. Haas, der General von Daimling gehören. Mitglieder des Zentrums oder der Demokratischen Partei: weiß nicht, daß die meisten Blätter, die auf seiten des Reichsbanners stehen, den Zionismus befehden, statt ihm zu dienen. Soll man ernst bleiben bei der krankhaften Phantasterei, daß die verfassungsmäßigen Reich'ssarben nur das Rot -er internationalen Sozialdemokratie bedeuten vorläufig in schwarzgoldener Verbrämung? Gewaltsam wie die Verbindung zwischen Zionismus und Sozialismus hergestellt wird, lautet dann der Schluß: in der Bewahrung des nationalen Glaubens über das Elend hinweg „treffen wir mit dem Verbände der nationaldeutschen Juden zusammen". Also deutsch fühlen, für Deutschlands Zukunft wirken und schaffen, sollen nur die Mitglieder dieses Verbandes, nicht die grobe Masse der deutschen Juden, die ihre Hingebung an das deutsche Vaterland seit Mcnschengedenken in Wort und Tat bewiesen haben? Hat Herr von Kienitz wirklich nicht einmal der Mühe wert gehalten, zu lesen, was Lazarus schon 1879 über die Frage: „Was heißt national?" gesprochen und geschrieben hat? Ist ihm ein Geheimnis geblie- und ö&te AbA dSN. Sxrwkm140.' 110- 95.“ 180.-. 150r KE. ^Helion 95.“ Qetaock-iAnsdxje Pxima SuchkwTimgacn, Wl 130.-* 110.- '30.-, 100.- pwraa^lleliaTxa.^mm: }arn ' TT.“ ^iack-lUe(3jea, WafcJm ^ad*-Ufefi!ea ojeidejmps m m 13-, 11,50 6,50 .20.-, 13- {Rj&che und VJoßen, fchuxxxgex?undmazenoo Cheviot TTüz. so.-, 65.-,, 56r CkLniot. 7Rk. 74.-. es.-, 48r m!

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