Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 5 (29.1.1926)
- Date
- 1926-01-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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WWMVMM tzvAerungen in den vreitesten Schichte« d-d V»r-er. tumü durch. Nach dem Zusammenbruch ztna er zu «irrer positiv aufbauenden pülitischen Aroeft üoer. Er ^räe einer -er Schöpfer der LemokrMchen Partei, ein Vorkämpfer der repuöUküNlschen Ädee, und er, der un Krieg« wieder und wieder den Berztcht auf Belgien «nd damit den Äeg für eine friedliche BerstärMgung streitenden Völker verlangt hatte, lehnte Len Ber. farn^r Frieden ^vertrag ab weil er von einem reinen imperialistischen Machtwillett dikttSkt war. Die Vor*!&?;!te^un8 dieses Tiktatfriedens war -er Vorwurf der Aniferten. daß Deutschland diesen Krieg entfesselt habe, unermüdlich arbeitete er daran, die Unwahrheit von Ser Äüeinschitld DentschlandL zn entschleiern. Er, dem man dritte lange Fahre eine Linfeittge ft-raukophMe Dyrgemorfcn batte, führte von allen deutschen PuLli. Aisten die schärfste Feder wider den Poincar^iSmus und Luder d'ü Mnhrbesetzung. Aber bet aller Leidenschaft, Mrt der er für das. was er für richtig erachtet hat. streitet, vergißt er nie das Menschliche, das rein Menschliche, den Lebensstil. So rundet sich ihm allebarwanisch. So ist er als politischer Kämpfer ein Künstler. Gearg Bernhard. ft>öU4 anders Georg Bernhard. Kein in sich aud* igeglichener Mensch. Aber ein Bulkan, der fortwährend Jener. Schwefel und La na aus seinem Innern herausschleudert. Ein menschliches Perpetuum mobile. Unermüdlich schreibt er. Unermüdlich redet er. Unermüdlich tvnferiert er. Ter Tag hat für ihn 24 Arbeitsstunden. Zehn Truchschuittsmenschen vermögen kaum das zn schtstfen. was er au einem Tage leistet. Als Bankbeamter fing er an. Unter dem Pseudonym ^,Plutus" wurde er der vielbeachtete Finanz-Mitarbeiter an Marimilian Haidens „Zukunft". Tann begründete er eine eigene Wirtschaftszeitschrift und übernahm die Leitung de- Handelsteils ht der „Berliner. Morgenpost". ‘ Politisch mar er urspdinglich Sozialdemokrat. Renisionist. Antipode von August Gcbel. Ans dem Dresdener Parteitage, 1963. kam es zum großen .Krach. Bebel donnerte die Neniswnisten. Die Beine. Braun. Göhre und Bernhard in Grund und Boden. Bernhard entwickelte sich zum Liberalismus!hin. Kurz vor dem kriege übertrug man ihm die Chesredaktion der ..Bosnichcn Zeitung". Nun hatte er eine Tribüne, non der aus er auch politisch ms Große und Weite wirken konnte. Gin sprudelnder Kopf. Einer, der nicht immer politisch eine klare, einheitliche Linie einhielt. der aber mit seinem springlebendigen Geist seine Thesen blendend zu vertreten wußte. Ein Mann, der sich fortwährend mausert. Ein Mann, dessen Entwicklung nie stille steht. Ein Schiffer, der jeden Tag mit seinem Boot aufhohe Meer hinausrudert. um fernen Zielen znstrstreben. Als Mensch stets hilfsbereit, leiht er jedem sein Ohr. Eine der interessantesten Erscheinungen Berlin-. Paul Hirsch. . Seine Spezialität war die Kommunalpolitik. Viel hat er darüber mrösfentlichj. Auch ein Buch. Als die Vozip-ldemokrateu im ersten Fahrzehnt dieses Fahr- KWbz'ris ihre Abstiuenzpolitik gegenüber dein preußischen Treitlassenparlament ausgabcn. war er einer oer wenigen, die dort den Grundstock für eine sozialdemokratische Fraktion legten. Allmählich rückte er tzum Fraktionschef ans, wurde in den Tagen der Revolution Bollsbeauftragter und. nach dem Zusammentritt der verfassunggebenden Bersanrnstung, der erste vren.nische Ministerpräsident im neuen Regime. Fn den Vieren der damaligen Zeit behielt er als kluger, sachl'ch und nüchtern denkender Politiker den Kopf oben, Lachte nur an den Vlederarrfla» des -er* trümmerten StaatswefenL uab loUteutgie durch Ltze Tat die Legende von der StaatSfeindlichkrit der Sozial» oemokrattt. Später, als er von feinem Amte zurück, getreten war, widmete er sich wiederum den kommunalen Fragen und wurde schließlich zum Oberdürger* melster von Dortmund gewählt. Ein scheinbar legerer Mensch, der fast aleichgülttg dem Lauf der Dinge zuschaut. In Wirklichkeit ein Temperament mit Mrkrm politischen Willen, Aus jüdische« Traumleben der Vergangenheit. Nichtliegt seit Urbeginn der weibliche» Psyche näher, als die Au-übung der Wohltätigkeit. Größte HerzenSbefriediguntz gewährte der füdifchen Frau alle Zeit die Verwirklichung ihres Strebend, Kranke und Wöchnerinnen zu besuchen, sie mit liebevollen Gaben zu erfreuen, Trauernden Trost und Ablenkung zu bringen, unvermögenden Bräuten Linden za stiften und Studien, den Begabten in Armut, zu ermöglichen. Zahllos sind die Beweise solcher Humanität, doch gering im Verhältnis hierzu die Namen, me man noch hier und dort zn lesen findet. So hat die alte Gemeinde Worms, die in der j üüi s ch en Abteilung der Iah r tau send- Ausstellung so einprägsam vertreten war, neben ungenannten zwei Frauen zn verzeichnen, beide Rahel mit Namen, die im Verein mit ihren Gatten die Synagoge und den Friedhof haben erbauen lassen. — Während des 30jährigen Krieges war es Hendel Barrewi in Prag, welche weit über ihre Stadt hinaus Segnungen und Linderungen brachte. Fhr hoher Edelmut und ihre Bereitschaft verringerten di« Drangsale ihrer leidenden Zeitgenossen. Eine der herrlichsten jüdischen Mizwahs — die Ausstattung der Bräute — übte in nachahmenswerter Weise D i u a Eohn durch beträchtliche Legate,' damit nicht genug, stiftete sie 1788 zu Berlin ein Knaben-WaisenhauS, wodurch sie sich allein ewiges Gedächtnis verdient hat.--- Die in den tosenden Wellen des Missisippi verunglückte Leutsch-gMeritauische R o - sanna Ostermann hatte schon vier Fahre vorher tcsta- Mentarisck ihr enormes Besitztum für die Wohltätigkeit au der bedürftigen Menschheit verschrieben. Angesichts solcher Zahlen drängen sich einem natürlich heute Gedanken auf wie: Gute Zeiten — gute Menschen. So wurden durch diest seelenadlige Frau zwei Grundstücke im Werte non einer halben Million Francs zu einem Waisenhaus und zu einem 23 i t m e n a s y l ohne konfessionellen Umter- . schied, zu einem S n n ag v g e u b ä u in Galvestone. zu! jüdischen H ns pitälern in New Porr und in Cincinnati j dem jüdischen Waisen- und Witwenhaus zu Nkro i Orleans je .15 000 Francs und zu all dem 15 000 Francs der Synagoge von Houdstou. vermacht. Nicht vergast diese Herrliche die T a l m u ü s ch u 1 e n u nö die Rabbvui m in ihrem Bermächirris r«u bedenken. Fast ein halbes Jahrhundert zurück stellte Tr. M. Kastrrlkng» Budapest, einen Kranz solchermaßen human denkender und wirkender Franen zusammen, die auch — oder vielleicht gerade in unseren Tagen — verdienen erwähnt zn werden. Bleibt eS doch zumeist aus Unvermögen unseren Frauen versagt, solch märchenhaft anmutende Summen zu vergeben, an deren Stelle freilich eine aufopfernde Fülle von Kleinarbeit und steter Bereitschaft getreten ist. Da erwähnt Kaiserling in der Folge eine Mistres Lara, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte und welche der portugiesischen Synagoge in.London 40000 englische Pfund zuflietzen ließ. — Emilie Figbor war es, die 1663 zu Nizza verschied, nachdem sie ihr ganzes Vermögen an Waisen ohne Unterschied des Glaubens zugesprochen hatte. Die nicht minder universell eingestellte Katharina. L ö w e n st e i n machte Wvylführtsstistungen zugunsten unserer Glaubensgenossen in Wien und darüber hinaus. M a r i a n v a Ge n 1.1 f nn m a vmcksie ihrem Namen dadurch unvergeßliche Ehre, daß sie — als kinderlose Wime -* ihr. SO 000 Gulden betragendes Vermögen zur Errichtung eweS jüdischen Nkterversorgung-*8fylS i» Triest verwundte, daß »lS „Instituto Gevtilnomo" erstand «Ad drstemd. Et«e der st v chst e « Mt z w a - -. die leider, leider viel m wrnia stritüt «ardr. auch in den Zeiten des Könnens, pflegte Frrwna Lonrlgliv. gedbrcne Möntebürocclo. in Florenz. Sie bestimmte in ihrem.Testamente M100i> Franken zur Aussteuer «rmer Mädchen und zur Unter st ü p u n g von S ch u 11 tt -er israelitischen Ge» «ri«Ä« in Pitigltano. Ein Prager Schwesternpaar, die Edlen non Läse!. erwarben Lob und Preisung für sich und ihr Elic, >. baust durch ihre jüdische Gesinnung. Elise von L ä m 11.. spätere Frau Herz in Prag stiftete auf heiligem Boden., in Jarusalem. eine K i n o e r ü c rv a h r a n st s l t an? 50 Tausend Gulden, in welcher Stätte „zunächst isratiitis6r' Kinder von österreichischen Uttfert&ncn", dalin aber. UM ein Zeichen der unserem heiligen Glanbe»l innewoüuendLn Tüllsennkeit und Nächstenliebe zn geben, anch Kinder ^christliche >' und mohammedanischer Eltern Aufnahme und Schutz finden sollen." „Im Jrchrc 1855 wurde diese „Simon Edletk von Lämelst Stiftung" unter vielen Schwierigkeiten ü-'.? dem Wiener Dichter Ludwig Frankl eingerichtet und erö's »et. Mre Schwester. Ga bette von LäMcl. bedachte das jüdische Spital in Wien mit 10 Tausend Gulden und testierte 160 000 Gulden zur Gründung eines Ptsger W a n e n tz » u f e s. Mit 2 heimischen Franen will ich diese N & di ah uru n g Sw ür ü i ge Gedächtnis-Nerhe -ans der Zahl der Zahllosen beschließen. Ta nenne ich die in Dies d tz n verstorbene Clara Bo nu) i. Sie war gldicher-MÄßeu mit hohen geistigen Qualitäten ausgezeichnet, wie vöN feinen H e r z e n s e i g r n s ch a f t e n beseelt. T a ste sowohl für die Stadt Dresden, wie für -die jüdischen I n st i t lt 11 o « c n im besonderen — die.e i n z d! - mit Armen nicht zu vergessen — aitsehnliche Legate bestimmte und Hilfsmittel schafs.'e und spendete, wü'rdir ihr dieser Nachrrck zuteil: „Von dem himmlischen Tu sie ddr Bescheid cu heit umhüllt." So haben sich jüdische Frau^i:. leiis allein, teils im Be"- ein mir ihren Gatten den Ltntei! an der zukünsttgbn We'r verdient. Und eine Fa n n i R a t h a n . s e l b e r früh der Eltern beraubt, setzte eine austergetSöhnliche Tatkraft bareiu. ein W a i s e n h a n s zu begründen in ihrer Vaterstadt Paderborn. Tie L ch w i e r i g t e i t e n , die bei Ihrer eMNekr HUflmigfeit m aterietTe i: Natur, geradezu nnitberwindlich erscheinen mußten, überwand sie Mil nßDergleichticher Bittens- und Tau'rast. Ihrem Bvvbild, dem Stifter Franke des Waisenhauses zu Halle, «s gleich tuend, reiste sie nach großen Städten — wo sie ersolggekrönl für ibr heiligest Ziel —- die S ch n tz - und B i l d n n g s st ä t: c der Waisen ~ kämpfte vnd plädierte. So würde durch ihre bewundernswerte Entschlossenhdit und selbstloses Ansgelleu in der Idee und ihrer BermirMchnug. im JEtz 1860. das „Ffraeltische Bdisenhaus für Westfalen und Rheinland" zu irgend ringen dem Schaftett inst Leben gerufen. —- Noch als 71jährige erfreute sich Fanni Nathan geistiger Frische und Ausrrlesentzrit. und noch immer galt ihr — — bis zur irdischen Befreiung-alles Hohe nnd Gd!e, alles Gute und Schöne, erstrebenswert nnd der Förderung würdig. An die in e r k l ä t i g e n F r a u c » u tr s c r e r T a g e aber zu erinnern und zu getnahnen. wird späteren Geschlechtern Vorbehalten ^Sleibrn. Betty Stern-Köln. WBKffm Minuten StromanschluJs gthraudisfeitife Verbr&ucb Aeicti Nult. Zu belieben durch: Sliei »DHBSüff. Berlin SW Gl, »twMssr «t^Jk «ff IpeBTOM Fn T*ofv.efr meines Geburtsfeftes tonn ich Fünen, ner- Ehrter Freund, nur mitl ilen. daß ich sebr. weit über Gebühr, gefeiert wurde Leider tatte ich zur selben Zeit mit einer > meh'-wöchentlichen, sehr hastigen Griyve .zu kämpfen, hie! jedoch jetzt, post fost.urv. ta ziemlich besiegt ist. Der beiliegende! Prolog wurde, bei der im Carltheater von Freunden und Verehrern mir zu Ehen veranstalteten Fest.vorste.Amrg unter großem Fubel norgetrogen. Einige Stellen darin beziehen sich auf geplante Borträge der Tempelchöre mit Orchester, die jedoch aus technischen Hindernissen wegbleiben mußten. Ich hasse, verehrter Freund, wieder bald von Ihnen zu 1 hören und ''erbteiüe mit allerüerzliantem Tank und innigsten Grüßen Für sehr ergebener Prof. Foief Sulzer. Ausdi's ..Dybuk" im Kleinen Theater. Es mar ein glücklicher Griff her Hellmerbühnen-Tirektidn. dem st agnierenden The,tz erleben diese ualkstlied-traurige. spukhgst-dunt.te Legende aus der astjüdischen Mystik in mrserm „geliebten Deutsch" neu darzubicten. Die jüdische Mystik der Chassidim ist nicht wie die mittelalterlich-deutsche in traulichen. wohlbehüteten Städten ausgcblüht. sie konnte nicht wie die selig-pantbeistische des heiligen Franz an silbergrünen Oliven hängen unter azurblauem Himmel erwachsen. — sondern ein zerquöltes, ungebildetes, jüdisches Proletariat, das außer seinem nie zu unterdrückenden Geistesadel und seiner flimmernden Intelligenz nichts besaß, hat sie inmitten schmutziger, russisch-polnischer Dörfer in dumpfen Gassen und muffigen Talmudstuben geschaffen: aber gerade darum ist sie nur üm so erbluteter und ergreifender geworden.^ als die ausgeglichenere Mystik glücklicherer Menschen und Länder. Das ist das Unvergleichliche und Gewaltige an diesem wundervollen Bolksstück, und das bat es mit den besten Märchen der Weltliteratur gemeinsam, daß es den „Modernen" und „Ungläubigen" genau so erschüttert, wie den naiven Ungebildeten, denn für den alle Wunder Belächelnden erweitert sich das Unmögliche seiner Begebenheiten doch sogleich wieder ins Allgemein-Menschliche und verständlich Symbolhafte. Das totbangc Lied von der „Liebe über das Grab hinaus" ist ja bei allen Völkern und zu allen Zeiten gesungen morden, allein nirgends so religiös-vertieft und geheimnisvoll zergrübelt und vergrämt, wie in den von aller europäischen Kunst abgeschnilienen Ostjudengemcinden. In der hochdeutschen llebersctznna hat das Werk gewiß manches von seinem unbeschreiblichen Zuuber verloren, aber seine Wirkung war trotzdem außerordentlich stark. Berthold Viertels Regie hat das Ganze über alle Gefahren hinweg zu einem großen und verdienten Erfolge geftihrt: Die Ausführung war ausgezeichnet! Fast alle verspürten von Anskis Geist und Dichtertum mehr als einen bloßen Hauch. — Wladimir S o f o I o f t gab dem Wunderrabbi dis ganze Kunst seiner sprachlichen und schauspielerischen Mittel und Gerda Müller wurde, mit der ungeheuer schmierigen Rolle der Lea sehr gut fertig, wenn. sie. auch der soziologischen Atmosphäre des Werkes das Letzte schuldig bleiben omtzte. Bon verblüffender Echtheit waren Frieda Blumen t. hal und Fritz Strehlen: alle anderen Darsteller müssen mit einem warmen, summarischen Lob sürlieb nehmen. — Unvergeßlich waren die. Bühnenbilder des berühmten jüdischen Graph!kerK Joseph B u,d k. o : Die Szene in der dunklen, von wenigen Lichtstümpfchen kaum erhellten ..Schul'", der von Grabsteinen überragte, enge Dorfvlatz prägten sich tief ein. - Verständnisloser als das Publikum benahm sich die Berliner Kritik. Der Referent einer der größten Zeitungen nannte die in dem Stück vorkommendeu Dämonenaustreibungen und Totenbeschwörungen sogar ..faulen Zauber". Wenn er ganz genau dieselben Dinge im Neuen Testament liest, wird er ne religios-undiskutierbar und ehrwürdig finden! Hoffentlich läßt trotzdem dos jetzt neuerwachte Interesse für ostjüdisches Schrifttum nicht wieder nach: hier sind wahrlich noch gewaltige, unantdeckte Schätze zu heben, vor denen sich rauiendmal bekanntere Literarurwoden und -Strömungen »nie r c v Zeit begraben lassen können! Vorläufig wollen wir jedoch diese Tat einer Berliner Theaterleitnna dankbar und uneingeschränkt begrüßen! Dr. Ludwig Davidsohn. Berlin. Ein Nachwort zur Kritik von Galsworthys „Gesellschaft". In Nummer 2 dieses Blattes veröffentlichte Dr. Ludwig Davidü'bn eine Krttik über aas Schauspiel non Gatsmorihus „Gesellschaft", das zur Zeit über eine ganze Reihe von deutschen Bübnen geht. In der Beurteilung der literarischen Qualitäten dieses Stückes stimme ich mit Dr. D. vollkommen überein. Was er jedoch über die in diesem Stück ventilierte Iirdenfrage sagt, scheint mir durchaus nicht der Auffassundes Dichters zu entsprechen. Tre Schilderung des Inhalts dieses Stückes ist unvollkommen und daher geeignet, dem Leser ein ganz schiefes Bild über die Absichten des Autors zu vermitteln. Es ist den Aeutzerungen von Dr. Davidsohn zu.zugeben, daß das Benehmen des jungen jüdischen Neureichen de Lenis nicht gerade immer Sympathien erweckt. Anders verhält es sich jedoch mir den menschlichen Qualitäten dieser Rolle, die nur im Gegensatz zu Dr. D. durchaus syrnpatlsilch zu sein scheinen. Dr. Davidsohn findet kein Wort dafür, daß de Levis fein Judentum in der energischsten Weise verteidigt. Wenn er sich bei dieser Verteidigung auch manche Taktlosigkeit zuschulden kommen läßt, so geschieht die ganze Verteidigung doch immer nur aus dem jüdischkn Selbstbewußtsein heraus. Wenn Tr. Dav-idsabn de Levis einen „Dhnlock im Frack" nennt, so möchte ich dem zustimmen, aber unter ganz anderen Gesichtspunkten, als der Kritiker dies tut. Heinrich Heine in seiner „Porzia" lGhakespearesche Frauen und Mädchen) und Rudolf Ihering in seinem „Kampf ums Reckr" weiten daraus hin, daß man sich adgewöhnen solle, in SÄvlock immer nur derr minderwertigen. blutgierigen Menschen zn sehen, uni» daß dran erwögen solle, ob es nicht gerade der Rechtöacdanke sei. der Sbülock, welcher einen rechtsgültigen Vertrag in der Tasche hat. dazu, veranlaßt, für sein Röcht zn kämpfen. Dieser Rechtsaedanke ist eS gerade, der den jüngcrr Le Lwis bewegt, trotz seines Reichtums ans der Aufdeckung des Diebstahls zn bestehen, gerade da er weiß. Laß Ser HauptNrarlN Dünen irr Täter ist. Er betont ja ausdrücklich, daß cS ihm Nichr 'ui das Geld ankomme, sonderu daß er fein Recht versechron wolle, und das tut er in der energischsten Weise ganz besonders gegenüber der altenglischcil Aristokratenacsellschaft, die in ihrem Klub nicht etwa denjenigen von der Mitglie-- schaft suspendiert, der unter dem Verdacht einer verbrechrischen Handlung steht. urÄ .zwar einzig und allein, weil cs sich um einen?lr!strokraten handelt. Demjenigen aber, der die Anklage gegen den Offizier erhebt, werden die ReLi^ eines Mitgliedes vorenthalten. nur weil er Jude ist. Wir hören bei Dr. Davidsohn kein Wort davon. Laß sich de LcviS zum glühendsten Ankläger gegen die verlogene GesellschäfrS« moral der englischen Aristokratie aufwirst, und daß et gerade aus seiner jüdischen Einstellung herallS darauf vernichtet, von diesen.Äreisen geduldet zu werden: auch kein Wort non der Seelengröste des de Levis, der. als er sieht, daß die Existenz des Offiziers ruiniert ist. diesen vom Abgrund erretten will und ihm die Hand zur Versöhnung bietet. Dr. Davidsohn bemerkt auch nichts von der Seclengröße der jüdischen Freundin des Hauptmann» Dancy. die^ durch opfern der ibr zngcstandenen Summe ebenfalls den Freund retten will.; . Menu man diese Tatsachen betrachtet, so muß man zu einer ganz anderen Einstellllng kommen, wie diejenige des Herrn Dr. Davidsohn ist. Wir müssen uns endlich einmal ahgewöhnen. überempfindlich .zu sein und in kleinen unsympathischen menschlichen Schwächen, die der Dichter seinem jüdischen Helden gibt, eine unfreundliche Haltung gegen das Judentum zn sehen. Gerade das Gegenteil scheint mir der Fall .zu sein. Als mich der InrenLant eines großen ostdeutschen Theaters fragte, ob ick glaube. Last das Stück ..Gesellschaft" irgendwie antisemitisch wirken könne, habe ich Liese Frage unbedingt verneint. Ich habe mich dann noch mit Kreisen in Verbindung gesetzt, die ebenfalls Las Stück gesehen hatten un-d deren Urteil mir sowohl in literarischer, als auch in iüdnÄer Beziehung nicht unmaßgeblich ist. Auch diese Kreise haben sich meiner Ansicht durchaus angeschlossen. Im Interesse des Autors wie auch seines ersten Regisseurs in Deutschland. Professor May Reilchardts. scheint es mir zu liegen, daß das indische Publikum vor einer falschen Auffassung bewahrt bleibt, und Saß nicht die großen sympathischen Züge in den Hintergrund gedrängt werden gegenüber kleinen, wenio ouaeuebmen Ilnmanieren. die ober aus die Tendenz LeS GtttckeS nicht den geringsten Einfluß haben könne«. KurtGabatzky.