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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-01-29 · 5 (29.1.1926) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
5 (29.1.1926)
Date
1926-01-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IMchÄeraleZeilmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. D. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle V« jährlich 5K. L80 Einzelnummer 0.20 Bet freier Zusendung t. Inland 0,28?fir die Mitglieder eer Vereinigung ist der Bezugspreis :: »m Mitgliedsdeitrage enthalten. :: s r: Ehetredakteur: Dipl-Äng. Bruns Doyda. vio „]üttfd)-liberale Joilung" erfd)eint Jeden Srettag. RedoMton u. Oefd)äftßftelle: Berlin 8W, Wilbetmftr. 147. Fernruf: vafenhsido 3358, 3359 Poftfcfyeckkonto; Berlin n\V7 Nr.irroa» ^CVerelnlflunflJüröaaJJ^jraU^^Bentun^ Nad>Oruch famtltcfcer Original-Beitrag* nur mit vorftertger Genehmigung der Nedakllon geftattet. Anz>eigenpreife: Die 12gespaltene Ronpareillezeile 0.48 Goldmark, die R klamezeile 3,00 Goldmark, bei r: n s Wiederholungen Rabatt. r: u u Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung" Jnseratenabtetlung: Berlin SD 48. Dilhelmstraße 147 (HasenHeide: 3388-80). sowie sämtl. Annoncen-Lxped. Nr. 5 Berlin, 29. Januar 1926 6. Jahrgang Inden als Politiker. Der Jude in der Politik. Von Hellmut vonGerlach. an feiert am 2. Februar seinen b0. Geburtstag. Wir wollen nicht verfehlen, ihm zu diesem Tage unsere herzlichsten Wünsche darzubrmgen und mit diesen die Hoffnung zu verbinden, oah es ihm noch lange Jahre vergönnt sein möge, im Dienste der kulturellen Höherentwicklung Deutschlands tätig zu sein. Erlach ist am 2. Februar 1866 in Monchmotichclnitz in Schlesien geboren. Er wurde in die deutsche Politik durch Hofprediger Stöcker etngefuhrt^und gehörte zunächst zu den Kreisen der Chrntlich-Lrozialen. Auch in dem antisemitischen herein deutscher Studenten vertrat er Stöckcrsche Gedankengänge. In seinen beiden Büchern..Meine Erlebnisse in der Preußischen Verwaltung" und in?Eu „Lebenserinnerungen eines alten Junkers" tcetloert er selbst, wie er insbesondere durch Ahlwardts Auftreten die Unmoral der antisemitischen Bewegung erkannte und wie sein erstes Zusammentreffen mit Juden .ihn, nachdem er Negierungsreferenöar und später Regierungsassessor geworden war. zum mutigen Vorkämpfer kür die Gleichberechtrsung der Juden machte. Eine Zeitlang war er Reichstagsabgeordneter der Liberalen und verstand water sich in Versammlungen und als Chefredakteur der Berliner Zeitung „Die Welt am Montag" em breites Forum für den Kampf gegen jedes Unrecht und für die Durchsittlichnng der Welt zu schaffen Hellmut v. Gerlach hat stets eine besondere Note in der Politik anzuschlagen gewußt, die ihm viele Freunde, aber auch viele sachliche Gegner geschaffen hat. Von allzu engen parteipolitischen Bindungen hat er sich ferngehalten. Er hat stets einen in Deutschland leider seltenen Mut der Ueberzeugung bewiesen. Im folgenden lassen wir den noch immer iugendfruchen Autor selbst zu Wort kommen. Die S ch r i f t l e i t u n g. Das Thema reicht so weit, daß zu seiner Behandlung mindestens eine Broschüre nötig wäre. Da mir aber nur der Raum eines Artikels zur Verfügung steht, mutz ich mich auf einige aphoristische Bemerkungen beschränken Vor einiger Zeit sprach ich einmal mit einem besonders intelligenten Mitglied der Wiener jüdischen Groß-Vourgeoisie über die österreichischen Parteiverhttltnisfe. Bekanntlich gibt es in Oesterreich nur drei Parteien: die Sozialdemokratie, die rein antisemitische groß-deutsche Partei und die katholisch-klerikalen, gemäßigt antisemitischen Christ- > lich-Sozialen. Ich sagte meinem Bekannten, daß ich ' mich schon oft gefragt hätte, wie eigentlich die so zahlreichen Leser der großen liberalen Organe, der „Neuen freien Presse" und des „Neuen Wiener Tageblatts", insbesondere die Juden unter ihnen, sich bei den Wahlen verhielten. Er erwiderte: „Die wählen fast ausnahmslos christlich-sozial. Sie sehen in den Christlich-Sozialen den einzigen Schutz gegen die überaus starke Sozialdemokratie. Das kapitalistische Interesse ist für sie ausschlaggebend. Den Antisemitismus der Partei nehmen sie um so eher in Kauf, als ihnen bekannt ist. daß der Hauptberater der Christlich-Sozialen ein jüdischer Akademiker ist. Auch an dem Namen der Partei stoßen sie sich nicht weiter. Man nimmt diese Dinge bei uns nicht so genau wie in Nordddeutschland." Nach meiner Kenntnis der österreichischen Verhältnisse entspricht diese Auskunft genau den Tatsachen. Was aber folgt daraus? Die jüdische Bougeoisie von Wien enthält eine Fülle kulturell hochstehender, intelligenter und wirtschaftlich besonders aktiver Elemente. Alle diese Menschen schalten sich infolge ihres politischen Quietismus als politischer Faktor völlig aus. Statt den Grundstock einer bürgerlich-liberalen »der bürgerlich-demokratischen Partei zu bilden, beschränken sie sich auf die Rolle passiver Mitläufer einer katholisch-antisemitischen Partei, nur weil sie in ihr einen Damm gegen die rote Flut erblicken. Ihre eigene politische Kraft liegt brach. In dem großen Ringen zwischen Sozialdemokraten und Christlich-Sozialen sind sie eine guantite nsgiigeable. Durch eigene Schuld! Die landesübliche Meinung in Deutschland und in manchen anderen Staaten Mittel- und Osteuropas geht dahin, die Juden seien ein politisch besonders radikales Element. Gewissermaßen, als wäre der politische Linksradikalismus eine Art Rasseneigentümlichkeit. Das ist natürlich dummes Zeug. Das Judentum enthält — als Mann der Linken kann man es bedauern — mindestens ebensoviel konservative wie fortschrittliche Elemente. Der Beweis dafür ist spielend leicht zu erbringen, wenn man auf die Länder schaut, wo die Juden seit langem sich völliger Gleichberechtigung erfreuen. In E n g l a n d, wo man im allgemeinen sich überhaupt nicht um die Konfession der Männer des öffentlichen Lebens kümmert, wurde einmal vor dem Kriege eine Statistik über das Religionsbekenntnis der Abgeordneten aufgemacht. Es ergab sich, daß die Juden ungefähr in gleichem Prozentsatz bei den drei Parteien (Konservative, Liberale, Arbeiterpartei) parlamentarisch vertreten waren. Wahrscheinlich hätte eine statistische Erhebung unter den Wählern ein ähnliches Ergebnis gezeitigt Es gibt in England keine einzige Volksschicht, die dem Antisemitismus zugänglich wäre. Auch der adelsstolze Konservative hatte nichts dagegen einzuwenden, das D i s r a e l l i, der wahrhaftig sein Judentum nicht verleugnet«, Premierminister und Führer der Konservativen Partei war. Wenn einmal ein LordDouglas oder sonst ein Einspänner den Versuch einer antisemitischen Propraganda unternimmt, so wird er nicht erst einer ernsthaften Bekämpfung gewürdigt. Man schiebt ihn als Narren beiseite. Und er verfällt alsbald der Vergessenheit. Es gibt kaum eine Familie in England, die traditionsmäßig so streng konservativ ist wie die Rothschilds. Ich wohnte einmal einer großen konservativen Wählerversammlung in der City von London bei. Nicht weniger als drei Glieder der Familie Rothschild traten als Redner auf. Als Lord Rothschild zum Wort aufgernfen wurde, da bereitete ihm die Versammlung. die die Blüte der englischen Geburts- und Handelsaristokratie umfaßte, eine geradezu stürmische Ovation. Da keine Partei in England auch nur von einem Hauch von Antisemitismus getrübt wird, können die Juden sich ganz nach ihrer individuellen Veranlagung oder ihren wirtschaftlichen Interessen jeder beliebigen der drei Parteien anschlietzen. Jeder Engländer würde einen auslachrn, wenn man ihm etwas von der besonders radikalen Veranlagung der Juden erzählen wollte. Während der Engländer vor allem durch seine christliche Ueberzeugung und seinen politischen Verstand immun gegen den Antisemitismus erhalten wird, ist in Frankreich das Hauptschutzmittel dagegen der das ganze Volk seit 1789 erfüllende demokratische Gedanke und die Mißachtung jeder Rassenpolitik. Es gibt Antisemiten in Frankreich. Man braucht ja nur die royalistische „Action fran$aise“ zu lesen, um sich davon zu überzeugen. Es aab sogar eine Zeit, wo der begabte Journalist Edouard Drumont eine größere antisemitische Bewegung zu entfachen schien. Sie trug ihn mit einigen Gesinnungsgenossen in die Abgeordnetenkammer. Aber die Herren bedeckten sich so mit Lächerlichkeit, daß sie bald sang- und klanglos wieder verschwanden. Und auch heute nimmt kein politisch denkender Franzose den Herrn Lson Daudet und seine antisemitischen Tiraden ernst. Wenn trotzdem sein Blatt sich hält, so wird mir als Erklärung für seinen verhältnismäßig großen Absatz immer wieder von Franzosen gesagt: „Er schimpft ganz amüsant." Ebensowenig in Frankreich wie in England kann man von einem Dorwiegen radikaler Neigungen bei den Juden sprechen. Während fast alle französischen Protestanten Bargeld für die Parteien der Linken sind, verteilen sich die Juden ziemlich gleichmäßig auf die beiden .großen politischen Machtgruppen: das Cartei des Gauches und den Bloc national. Vor zwei Jahren war ich an der französischen Riviera mit der sehr reaktionären Familie eines großen Seidenfabrikanten aus Lyon zusammen. Als ich zufällig erwähnte, daß ich die Absicht hätte, auf meiner Rückreise Herriot in Lvon aufzusuchen, sagte Die nationalistische Dame ganz bekümmert zu mir:Aber, bitte, versprechen Sie mir, auch unseren Abgeordneten Jsaac zu besuchen. Herriot ist kein Vertreter der wahren französischen Seele. Wenn Sie dre kennen lernen wollen, müssen Sie Jsaac sprechen." Jsaac war natürlich Abgeordneter des Bloc national. Als Clemenceau Nationalist geworden war, nahm er sich den Inden Mandel znm Privatsekretär. Mit dem ihm eigenen Zynismus erklärte er freilich einem Freunde aus seiner früheren radikalen Zeit, als dieser ihn wegen seiner Wahl interpellierte: „Mm, je Pete, et Mandel pue“ (aus ästhetischen Gründen wird das besser nicht übersetzt). Aber er sah doch gerade in dem Abgeordneten Mandel den besten Einpeitscher für den Bloc national. . Als einen Pariser Rothschildder Ehrgeiz packte, in die Kammer gewählt zu werden, da erschien es ihm selbstverständlich, für den Bloc national zu kandidttten. Wenn also die Juden in Frankreich wre in England ebenso zahlreich auf der Rechten wie auf der Linker anzutreffen sind, warum ist das nicht auch in Deutschland der Fall? , .. . _ Im kaiserlichen Deutschland veFtand es sich doch von selbst, daß die Juden zur Opposition gehörten. Denn sie waren zwar nach dem Gesetz gleichberechtigt. Aber dieses Gesetz war nur em Fetzen Papier.‘ In Wirklichkeit war ihnen außer dem Ossizierkorps auch jede wichtige Staatsstellung in Verwalttrna und Diplomatie verschlossen. Selbst auf den Universitäten und im Richteramt wurden sie skandalös zurückgesetzt, falls sie nicht das Gesinnung^ opfer der Taufe brachten. Sie waren also praktisch nur Staatsbürger zweiter Klasse. Und wenn sie dre rechtliche Gleichstellung in eine tatsächliche nnnvandeln wollten, konnten sie sich natürlich nicht öett herrschenden Gewalten anschließen, die ra den bestehenden Zustand verewigen wollten, sondern mußten sich zu den Parteien halten, für die das Wort von der Gleichheit aller Staatsbürger keine leere Phrase war. Darum waren die Juden hauptsächlich bei den Parteien der Linken zu finden, und zwar die anttkapitalistischen Juden bei der Soziabdemokratie. dle kapitalistischen beim Freisinn. Und verwunderlich ober eigentlich beschti>ncnd ist cs nur, daß das nicht aus alle Juden »utraf. Daß manche sogar durch Beteiligung de, den Kirchensammlungen oder anderen Wilhelm n. wohlgefälligen Spenden Anschluß an den Hof und an die Rechtskreise suchten. Die stark reaktionäre Einstellung eines Teiles der jüdischen Oberschicht zeigte sich sofort wieder nach der Revolution. Bekannte jüdische Namen figurierten unter den Geldgebern der Deutschnatiomrlen. Jüdische Journalisten stellten sich in den Dienst der deutschnationalen Presse rt9 . . Inzwischen hat dre Deutschnat'wnale Volk spartet sich hermetisch gegen das Judentum abgeschlossen, so daß es zwar noch national-deutsche, aber nicht mehr deutschnationale Juden gibt. In demselben Augenblick, wo die Deutschnattonalen auf ihre religiöse und rassemaßige Abschließung verzichteten, würden sicherlich die national-deutjchen Juden sich in deutschnationale verwandeln. Deun alle ihre Neigungen treiben sie nach rechts, so weit nach rechts wie möglich. Unbestreitbar: Heute steht und wählt die große Mehrheit der deutschen Juden links. Aber sie tut cs nur zum Teil aus politischer Linksgesinnung heraus. Ein anderer Teil wird lediglich durch den Antisemitismus rechts nach links getrieben. Oft wird den Juden der Vorwurf gemacht, sie drängten sich vor. Zweifellos haben, namentlich in der ersten Zeit nach der Revolution, eine größere Zahl von Juden führende politische Stellungen eingenommen. Aber etwa, weil sie Juden waren? Nein, obwohl sie Juden waren. Es gibt keine einzige Partei, in der eine Judenfreunölichkeit derart existierte, daß die Zugehörigkeit zum Judentum als eine Art Empfehlungsbrief gälte. Man kann vielleicht sagen, daß bei den Kommunisten und Sozialdemokraten überhaupt nicht nach der Abstammung gefragt wird. Mer schon bei den Demo-

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