Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 4 (22.1.1926)
- Date
- 1926-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IüölschliberaleZeMng Organ -er Vereinigung für das liberale Zudenium e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle lU jährlich M. 2.50 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25?ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: im MilgliedsbeUrage enthalten. :: :: :: Chefredakteur: Dipl.Jng. Bruno Doyda. Vis „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Sreitag. Nevaktion u. SsschSNsstsNs: verlin SW, Wtlh«Imstr. >47. Sernrußr kafenheide 3388, 3389 poftfdjecfehonto: Berlin nW7 Nr.lS7vas (Vereinigung für Vas liberale Jubentum Nad)0rudt (amtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung Oer Rebaküon gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeile 0.48 Goldmark, die Rrdlamezeile 3,00 Goldmark, bei r. :: Wiederholungen Rabatt. :r :: :: Anzeigenannahme: «Jüdisch - liberale Zeltung" Jnseratenabtellung: Berlin SD 48. Dilhelmstratze 147 (Hasenheide: 3358—59). sowie sämtl. Annoneen-Exped. Nr. 4 Berlin, 22. Januar 1926 6. Jahrgang LieGestaltong deslieligionsunlerrichls Vereinheitlichung des Religionsunterrichts Bon Professor Dr. Eugen Wölbe. Die Zeit des Gärens und Tastens, in der mir leben, ist bis jetzt kaum zu erfreulichen Ergebnissen gelangt. Noch ist nicht abzusehen. ivann sich die politischen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse endlich einmal stabilisieren. Auf einem Gebiete jedoch, das Erschütterungen und bleibende Unruhe freilich nicht verträgt, winkt endlich eine gewisse Konsolidierung: im höheren Schulwesen. Den Auftakt zu dieser von der Lehrerschaft freudig begrüßten Befriedung bilden die von der preußischen Untecrichtsverwaltung erlassenen „Richtlinien für die Lehrpläne der höheren Schulen P r e u ß c n s". welche eine Einführungsverftiguna vom 6. Avril 1925 für die Unterrichtsarbeit verbindlich macht. Dieser Einfüürungserlatz bestimmt. daß im Laufe des Schuljahres 1925'26 von den einzelnen Schulen Anstaltslehrpläne ansznstellen sind: er regt freie Arbeitsgemeinschaften der Lehrer eines Ortes oder Bezirkes und den Austausch von Am'taltslchrpläncn zur Förderung der Lehrplanarbeit an. Während des Sommers und Herbstes ist in den einzelnen Lehrerkollegien an der Aufstellung dieser Lehrpläne fleißig gearbeitet worden. In der Regel wurde für jedes Fach ein Lehrer mit dieser Arbeit betraut: die einzelnen Vertreter des betr Faches prüften seine Ausarbeitung: Die Schlutzkonferenz stellte dann die endgültige Fällung des, Lehrplans fest. Am 1. Februar 1926 haben die Direktoren .die Lehrpläne an ihre Vorgesetzte Behörde weite rzu leiten. In den amtlichen „Richtlinien" wurden die Zwecke und 'Ziele jedes einzelnen Lehrvlans ausführlich festgeleat. Bei dem Kapitel „Jüdischer Religionsunterricht" ist die Bemerkung zu lesen: „Wird später veröffentlicht werden". Um den Kollegen die Arbeit zu erleichtern, haben einige Verbände der akademisch gebildeten Lehrerschaft die von den hierzu berufenen Fachlehrern ausaearbeiteten Lehrpläne ' berausgegcben: leider suchen wir z. B. in den vom Großberlinec Philologennerhand veröffentlichten „Mindcstlehrplänen" ein Kapitel „Jüdischer Religionsunterricht" vergeblich! Laut Zeitungsberichten hat der Landesverband auf Veranlassung von Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein eine „Unterkommission" zur Ausarbeitung eines solchen Lehrplans eingesetzt. Ehe diese erfolgt, dann von einer «Oberkommission" acvrüft und vom Ausstbnß für Unterricht und Erziehung gebilligt ist. hat das Ministerium längst seine Normallehrplänc beransgeaeben! Da die an den höheren Schulen in der jüdischen Religion unterrichtenden Lehrer — freiwillig denn für dies Unterrichtsfach werden wohl kaum Lehrvläne eingefordert! — ihren Mindestlehrplan jetzt einrcichcn. ist es mit grober Freude zu begrüben, daß wenigstens die von der Ortsgruppe Frankfurt a. M. des preußischen PhiloloacnverbandeS herauZgcgebenen „R ahme n l e h r p l ä n e für die höheren Schulen" lBerlag von Moritz Diesterweg in Frankfurt) auch den jüdischen Religionsunterricht berücksichtigen. Es ist durchaus ein Minimallehrvlan. der dem Lebrer hinreichende Freiheit und die zur Vertiefung nötige Zeit labt. Dieser Frankfurter Lehrplan darf als ein dankenswerter Versuch bezeichnet werden, den jüdischen Rcligi'-'nsnnterricht zu vereinheitlichen. Bisher litt dies heilige Fach häufig unter der Engherzigkeit von Lehrern, welche die ihr anvertrantc Jugend für die von ihnen vertretenen „Richtungen" zu gewinnen suchten. Auf einer mittleren Linie eröffnet der Frankfurter Lehrplan den Weg zu einem für alle unsere religiösen Parteien annehmbaren, wahrhaft jüdischen Religionsunterricht. dessen Erfolg freilich von der religiösen Begeistcruna und dem pädagogischen Geschick des Lehrers abbängt. Der erste Teil des Lehrplans bietet den Lehrstoff der Grundschule, der von den herkömmlichen Regulativen kaum abweicht. Im zweiten Teil wird der Plan für eine sechsstufige Anstalt bzw. für die Unter- und Mittelklassen einer Vollanstalt dargevoten. Ich habe mir erlaubt, ihn aus Grund meiner eigenen Erfahrung an manchen Stellen, namentlich für die erste und zweite Klasse, etwas zu ergänzen. Bon der Wiedergabe des — übrigens sehr kurz gefällten — Lehrplans für die Obcrsekunda und Prima möchte ich hier absehen. Der Frankfurter Lehrplan schreibt vor: Klasse VI. a) Biblische Geschichte von der Schöpfung bis zum Ende der Richterzeit. — b) Religiöser Anschammgsunterricht: Bilder ans dem jüdischen Familienleben. — c) Religiöses Leben: die wichtigsten ScgenSsprüche und täglichen Gebete. Die religiöse Weihe der Wochentage. Klasse V. a) Biblische Geschichte von Samuel bis zur Zerstörung des ersten Tempels. — b) Religiöser Anschauungsunterricht: Bilder aus dem gottesdienstlichen Leben. — c) Religiöses Leben: Sabbatfeier und Sabbatgebete. Klasse IV. a) Jüdische Geschichte von der babylonischen Gefangenschaft bis zum Abschlull des Talmuds. — b) Quellendarbietnna: Gebetbuch und die beim Gottesdienst zu verlesenden Schriftabschnitte. — e) Religiöses Leben: Festtagsfeier und FesttagKgebe(,e. Klasse III. a) Jüdische Geschichte von der Völkerwanderung bis Mojes Mendelssohn. — b) Quellendarbietung: Aus der Thora und den Psalmen. — c> Religiöses Leben: das Neujahrsfest und der Bersöhnungstag. Gebete für diese Feste. Klasse II. a) Jüdische Geschichte: Geschichte der Juden in Deutschland bis zur Gegenwart. — b) Religionslehre: die zehn Gebote als Grundlage der Pflichtenlehrc. Die Propheten und die Sprnchdichtung. — Religiöses Leben: der jüdische Kalender. Die religiösen Richtungen und die grollen Verbände innerhalb der deutschen Juden. Klasse!, a) Systematische Religionslehre. Glaubens- und Pflichtenlehre. Apologetik lBlutaberglaube. der schwarze Tod. Hostienschändung, das Kol Nidre. der Talmud). — b) Bibel- und Talmudknnde. Propheten: die messianische Zeit. Aus der talmuöischen Legendenmelt und Didaktik („Sprüche der Väter"). — o) Religiöses Leben: Geschichte des Gottesdienstes und des Synagogengcsanges. Das jüdische Leben von der Wiege bis zur Bahre. Organisation der deutschen Indengemeinden. Führungen in die Synagogen und Wohlfahrtscinrichtnngen der Gemeinde und auf die Friedhöfe. Zu diesem Programm ist folgendes zu bemerken: Der jüdische Unterricht wird an den sechsstusigen Anstalten (ausschließlich Vor- bzw. Grundschule) in drei Abteilungen zu je zwei Wockenstunden erteilt: die Klassen VI und V: IV bis II: I. Demgemäß wird auf der Unter- und Mittelstufe der oben für jede Klasse vorgesehene Stoff so verteilt, -ah die Knaben in den beiden bzw. drei Jahren das gesamte Pensum der betreffenden Abteilungen önrcharbeiten. Werden beispielsweise auf der Mittelstufe im 1. Jahre Gebetbuch und die beim Gottesdienste zu verlesenden Schriftstellen durchgenommen, so folgen im 2. Jahre Thora und Psalter, nn 3 Jahre Propheten und Svruchdlchtung. In gemeinsamer Arbeit der Schüler mit dem Lehrer werden Gebete und Bibelstttcke Leben gewinnen und die Grundlaae abgeben für eine Welt- und Lebcnsanschaunnaskunde im Geiste des prophetischen Judentums. Zwecks Stärkung bzw. Klärung des sittlichen Bewulltscins werden auch klassische Aussprüche bedeutender Persönlichkeiten herangezogen die sonst im Rcliaimrsunterricht nicht zu Worte kommen. Kants Aussprüche „Richte deine Handlungen io ein. dall sic für andere zur Richtschnur dienen können" und „Wir sind nicht ans der Welt, um glücklich zu sein, sondern um unsere Pflicht zu erfüllen" u. a. müssen den Schülern zu bleibendem geistigen Besitz werden. Da die Schüler der Oberstufe nach der Abschlußprüfung . meist ins praktische Leben übertreten, so sind mit ihnen in j einlachcr. ihrem Fassungsvermögen angepaßtcr Form einige s wichtige Glaubenssragen zu besprechen, z. B. Glauben und Willen. Bibel und Naturwissenschaft. Materialismus und > Idealismus. Atheismus. Theismus, Monismus, Erlösungs¬ und Geictzesreligion nsw.! Auf alle Fülle und auf jeder Stufe bleibt das Ziel des Rellgtonsunterrichts: die Erweckung einer schlichten Frömmigkeit die Befähigung zu lebendiger, verständnisvoller Teilnahme am Gottesdienst und die Erziehung zum nützlichen Glicdc der menschlichen Gesellschaft. Endlich numerische Klarheit! Bait Bernhard Traubenbcrg- Berlin. WA Millionen Juden. Die Hauptguelle für die Unsicherheit in der jüdischen Statistik bildete stets das grolle Rußland. Nach der Absplitterung der Randstaaten spaltete sich diese Hauptquelle tu zwei immer noch riesengroße Unsicherheitssaktorcn: Polen und Sowjetrnllland. In diesen beiden Ländern liegt das statistische Schwergewicht für das Judentum. Noch heute —- wenn auch eine starke Verschiebung zugunsten der Neuen Welt stattgefunden hat, die ohne die inzwischen über die Vereinigten Staaten verhängte Einwanderungssperre sich noch ganz anders anZwirken würde. Polen und Rußland bergen immer noch die dichtesten Juoensicdlungen - wenigstens wenn man relative Maßstäbe anlegt. Rechnerische Fehler, die hier begangen werden, fördern ein unrichtiges, verschobenes, schiefes und falsches Gcsamtzahlenbild zutage. Bisher konnten Tendcnzwille oder falsches EinschätzimgS- . vermögen auf diesem stark umstrittenen Gebiete ihr Stecken- . pserd nach Belieben tummeln. Der Phantasie waren keine engen Grenzen gesetzt.! DaS hat sich jetzt gründlich und mit einem Male geändert. Die Veröffentlichung der offiziellen Statistik seitens üe§ polnischen und russischen Reiches verbreitet Helles Licht und man braucht, so weit es sich um jüdische BevölkcrungSzahlen handelt, nicht mehr im Dunkeln zu tappen. Zwar werden sich auch jetzt Stimmen erheben, die die offizielle Statistik anfechicn und als Tendenzprodukt verdächtigen, das gewissen Staatszwecken dienstbar gemacht werden soll. Allein diese allgemeinen Beschuldigungen müssen verstummen und als haltlos zurückgennesen werden, solange sie nicht mit ganz konkreten Tatsachen gestützt werden können. Ermittelungen, auf der Grundlage eines ZählungSverfahrenS zustande gekommen, sind immer verläßlicher und glaubwürdiger als Feststellungen, die nur durch subjektiv gefühlsmäßige Schätzungen zu erlangen sind. Stelen aus unserer eigenen jüdischen Mitte heraus ist das Zahlungsergebnis nicht stattlich genug und man sucht, es nach persönlichem Geschmack zu korrigieren, um seine Wirkung zu erhöhen. DaS instinktive Gefühl ist aber leicht großen Täuschungen ausgesetzt, und die Jrrtümer, die sich dabei ergeben, sind viel stärker als bei Auszählungen nach noch )o primitiver oder unpräziser Methode. Den jetzigen Volkszählungen wird es nicht anders als der ersten vollständigen russischen Volkszählung im Jahre 1897 ergehen. Das Resultat von knapp 5A Millionen wurde besonders von den russischen und polnischen Juden selber sehr bemängelt. Man fabelte von 8—10 und noch mehr Millionen Juden innerhalb der Grenzen des russischen Reiches. Gerade die jetzigen Zählungen in Polen und Rußland sind in gewisser Hinsicht eine Bestätigung des damaligen Resultats. Beide Ergebnisse zeigen eine erkennbare Uebereinstimmung miteinander. Der heutige Status von etwa 6 Millionen ist nach Abzug der Abwanderung und der Kriegs¬ und Nachkriegsopfer die fortgeschrittene Bevölkerung der damaligen 5'/» Millionen. Manche, die mit imposanten Ziffern gerne prunken — und es gibt sogar bekannte Namen, die sich darin gefallen — werden an ihrer vorgefaßten Meinung festhalten, die ihrer Eigenliebe mehr schmeichelt, und die armseligere Wirklichkeit nach wie vor mi( verächtlichen Augen ansehen. Wie sehr sich manche für ostjüdische Fragen interessierte Persönlichkeiten an hohen Zahlen berauschten, zeigen me Angaben über Polen. Sie gaben Polen 4. 4,1, ja selbst 4,5 Millionen Juden, während die offizielle statistische Zahlung von 1921 nur 2,7 Millionen feststellt. Auch das russische Ergebnis wird diejenigen enttäuschen, die vermöge ihrer reichen Einbildungskraft eine weit höhere Ziffer erwartet hatten. Besonders diejenigen, die in solchen Vorstellungen bisher schon lebten und sich von ihnen schwer losmachen.können. .. . . In einem an anderer Stelle erschienenen Aunatz im Jahre 1924 riet ich zu größerer Vorsicht und suchte mich selber bei der Statistik der einzelnen Länder einer solchen zu befleißigen. Dabei kam ich zu Ergebnissen, die nicht allen zusagten. Die angeblich 17 Millionen Juden mußte ich auf Grund strenger und sachlicher Nachprüfung aus höchstens 14 Millionen reduzieren. Anläßlich dieser Feststellung gab ich der Befürchtung Ausdruck, daß diese Ziffer noch am Ende zu stark nach oben abgerundet sein dürfte — eine Befürchtung, die sich jetzt nicht als völlig unbegründet erweist. Die sicheren Zahlen über Polen und Rußland sichern daS ganze Zahlenbild und lassen nur noch begrenzte Fehlerquelle zu. Eine solche bilden die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Diese kennen keine konfessionellen Zählungen, und man muß sich auf die von den einzelnen Glaubensgemeinschaften vorgenommenen privaten Zählungen oder Schätzungen, die auf mehr oder minder schwachen Füßen stehen, wohl oder übel verlassen. Immerhin bewegen sich die Unsicherheiten in mäßigen Grenzen und können das Gesamtbild nicht wesentlich beeinflussen. Die schwankenden Zahlen für manche anderen Länder berühren die Endsumme natürlich noch viel weniger. . , Bemerkenswert ist vor allem, daß von den beiden eine Zeit lang rivalisierenden Ländern Polen nunmehr seinen Vorrang, das judenreichste Land zu sein, endgültig an die Bereinigten Staaten abgetreten hat. Das gilt jedoch nur für die absolute Zahl. Relativ wird Polen diese Stellung noch sehr lange oder für immer behalten. Die Bereinigten Staaten sind zwar mit 3,3 Millionen das judenreichste Land der Welt, aber unter den 125 Millionen Einwohnern bilden die Juden erst 2A % der Bevölkerung, während die 2,9 Millionen Juden der polnischen Republik unter 28 Millionen 10^ % auSmachen. Es läßt sich jetzt also eine Aufstellung machen, die mit last absoluter Genauigkeit der Wirklichkeit nahekommt. Hier ist sie: Europa. Polen. 2 900 000 Ävwjetrußland nebst asiat. Besitzungen 2 750 000 Rumänien. 800 000 Deutschland. 630 000 Ungarn. 400 000 Tschechoslowakei. 300 000 England. 300000 Frankreich. 1.50 000 Litauen. 150 000 Holland. H5 000 Türkei. 100000 Griechenland. 100 000 Jugoslawen. 64 000 Belgien... 50 000 Bulgarien. 50000 Italien .. 45000 Schweiz.* . . . . 21000 Nordische Länder ...... 18000 Spanien 4000 Europa 8 947 000