Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 3 (15.1.1926)
- Date
- 1926-01-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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» w 6. Jahrgang Nummer 3 IllbischlLemkZeümg Vellage IS. Januar 1926 Sonntags-Feiern in amerikanischen Synagogen. Von Dr. Hermann Baer-München. Mit zu den interessantesten Erinnerungen auf geistigkulturellem Gebiet, welche mit meinem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten verknüpft sind, gehören die Sonntag- Vormittagsfeiern in New Aorker Synagogen. Es dürfte auch bei uns interessieren, die Amerikaner, welche man als Las materialistischste Volk der Erde anzusehen pflegt, in ihrer Betätigung auf einem Teilgebiet zu studieren, Las fern von der Jagd nach dem Dollar liegt und wertvolle Rückschlüsse auf die Geistes- und Wesensart des dortigen Menschenschlages, vor allem unserer Glaubensgenossen, zuläßt. Vorweg sei jedoch betont, Laß die nachfolgend in Kürze geschilderten Einrichtungen durchaus nicht spezifisch jüdischamerikanisch sind, sondern Laß sie mit nicht sehr wesentlichen Abweichungen, die später noch gestreift werden sollen, im religiösen Leben Amerikas schlechthin, in allen Bekenntnissen und Sekten, wurzeln. Wenn ich von Sonntags feiern und nicht von Gottesdiensten spreche, so geschieht dies im Bewußtsein der Tatsache, daß mindestens die jüdische Konfession dort noch andere Kultzusammenkünfte kennt, die das Konfessionell-Religiöse mehr betonen als jene Feiern, von welchen hier die Rede sein soll. Es sei nur an die Freitag-Abend und die Sabbat-Gottesdienste erinnert. Bei den christlichen Bekenntnissen ist dieser Trennungsstrich schwerer zu ziehen, weil sie den Gegensatz oder das Nebeneinander von Sabbat und Sonntag ja nicht kennen. Bei den sonntäglichen Zusammenkünften in den liberalen Synagogen handelt es sich in Wirklichkeit um Vorträge mit religiöser Umrahmung, nicht um Gottesdienste in unserem Sinne. Das zeigt sich schon gewissermaßen darin, daß die Themata Samstags in den Tageszeitungen in Annoncensorm angekündigt werden, meist mit dem Zusatz, daß Gäste willkommen sind. Die Anziehungskraft der rund 160 Synagogen, welche den religiösen Bedürfnissen der 1% Millionen Newyorker Juden dienen, ist natürlich verschieden stark. In erster Linie ist es der Redner, der die Massen lockt, und daneben natürlich das Thema, über das gesprochen wird. Ist es doch typisch für das ganze amerikanische religiöse Leben, daß die einzelne Persönlichkeit, die Führernatur am stärksten gemeinschaftsbildend wirkt, stärker als die verschiedenen Konfessionen. Sichtbaren Ausdruck fand diese Tatsache in der Entstehung von hunderten von Sekten, die zwar irgendeine Besonderheit gegenüber den anderen aufweiscn, in Wirklichkeit aber das persönliche Werk und der Ausdruck von Einzelnen sind. Das gleiche gilt für die verschiedenen Gottesdienste, übrigens auch in den jüdisch-orthodoxen Kreisen. Nicht daß der Strenggläubige in den liberalen Tempel ginge, obwohl auch dies ausnahmsweise einmal vorkommt! Aber innerhalb der orthodoxen Gemeinschaft hat, wie in der liberalen, jene Gemeinde den stärksten Zulauf, welche die größte Attraktion aufzuweisen hat, sei es in der Gestalt eines sprachgewaltigen Redners, eines mit hervorragenden Stimmitteln ausgestalteten Vorbeters oder aus ähnlichen Gründen. Im sog. „Neuen Ghetto" in der 116. Straße z. B. steht eine streng orthodoxe Synagoge, welche die Scharen der Zuhörer nicht zu fassen vermag, weil ihr Kantor ein berühmter Tenor ist, dem vor Jahren sogar ein Engagement an der Metropolitan-Oper augeboten wurde, das er aber nur deshalb ablehnen mußte, weil er sich seinen Vollbart nicht abschneiden lassen wollte. Dies alles jedoch nur zur Illustration der Behauptung. daß in den einzelnen amerikanischen Gemeinden viel mehr die Person des Leitenden beherrschend und von den anderen Synagogengemeinschasten unterscheidend wirkt, als etwa bei uns in Deutschland, wo der Kultzweck sin orthodoxer oder liberaler Ausprägung) die Hauptsache ist, der seine soziologische Form in der „Gemeinde" und ihren Beamten findet. Weil Redner und Thema bei diesen Feiern den Hauptanziehungssaktor bilden, so ist es fast selbstverständlich, daß die Zuhörerschaft allen Konfessionen angehört, wie es auch gar nicht selten ist, daß Geistliche oder sonstige bedeutende Persönlichkeiten anderer Bekenntnisse als Gastprediger auftreten. Besonders starken Anteil nimmt die Jugend, weil die Vorträge ihr verständlich sind und zahlreiche Anregungen zu bieten vermögen. sFür den Ausländer stellen sie den besten englischen Sprachunterricht dar!) Um 11 Uhr beginnt die Feier, stets eingeleitet durch Orgelspiel. Der weitere Aufbau ist bei den einzelnen Gemeinden verschieden, natürlich auch in der Betonung des Religiösen. Dr. Kraß, einer der geistvollsten Redner Ncwyorks, der Rabbiner des Tempels Emanu-El au der 5. Avenue, pflegt, wenn die einleitenden Akkorde verklungen sind, aus der Bibel oder auch aus einem modernen Buch einige passende Stellen vorzulesen, welche einen Hinweis auf das jeweilige an diesem Tag behandelte Thema bilden. Bevor jedoch der Redner seine meist knapp einstündigen Ausführungen beginnt, trägt der Ehor noch klassische Gesänge vor. Dann erst spricht der Rabbi, in freier Rede und stets von der ersten bis zur letzten Minute fesselnd und anregend. Die Themata behandeln selten einen rein religiösen Vorwurf. Meistens greifen sie mitten in das praktische Leben und in Erziehungsfragen (auch von Erwachsenen) ein, zuweilen auch auf das Gebiet der Politik hinüber. Da wird das Problem besprochen, ob religiöse und geschäftliche Moral miteinander vereinbar sind, wie die Jugend zu erziehen sei, was man zur Rasseufrage oder zur Mischehe zu bemerken habe. Mehr religiös, aber kaum mehr konfessionell eingestellt sind etwa die Predigten „Jüdische und christliche Weihnachten" oder „Eine jüdische Predigt zur Feier des Waifen''tillstandes". Anscheinend ganz areligiös sind demgegenüber wieder die Besprechungen der modernsten Romane, die gewöhnlich starken Eindruck ausübten, weil namentlich Dr. Kraß, ohne ausgesprochen literarisch zu werten, stets eine vorzügliche Einführung in das Wesen des betreffenden Romans zu geben wußte und dabei vom rein Stofflichen aus Beziehungen zu allgemein bewegenden Gegenwartsproblemen knüpfte. Stets wurden von ihm jedoch auch Fragen der Religion oder der Religiosität mitberührt, oft kaum merkbar und unausgesprochen, immer aber, bewußt oder unbewußt für den Hörer, das religiöse Gefühl zu wecken suchend oder mindestens den ethischen Gehalt betonend. Anders in seiner Art, impulsiv, draufgängerisch, Schauspieler in Wort und Gebärde, gab sich Dr. Wise, der zweite berühmte Newyorker Rabbi, der die sog. „Freie Synagoge" um sich gesammelt hat. Seine Sonntag-Morgenfeiern sind die hauptsächliche religiöse Betätigung seiner Gemeinde und daher etwas stärker religiös verankert, soweit dies der weltliche Rahmen der Carnegie-Hall zuläßt. Während der Woche nimmt er übrigens seine Anhänger außerordentlich in Anspruch, vor allem durch Borträge vor üen Studenten, dem Frauenverband oder dem Jugenbkreis. die er auch oft durch geistliche oder weltliche Redner anderer Konfessionen halten läßt. Das soziale Moment wird aber gleichfalls nicht vernachlässigt, und das Tänzchen nach getaner Arbeit wird keineswegs verschmäht. Diese Beispiele mögen genügen, nur sei zu ihrer Ergänzung noch ein Auszug aus dem Wochenprogramm der „Freien Synagoge" abgedruckt, das den Besuchern bei Eintritt überreicht wird. Leutra! auä Free Synagogues. Wochen Programm Januar 5—11, 1925 Sonntag Morgen, 11. Januar um 10.45 Uhr. Carnegie-Hall. Dr. Wise predigt über „Der Jude und -er amerikanische Schmelztiegel". Eine Diskussion von Feststellungen, welche Dr. Elliot und andere kürzlich machten. Ein freundlicher Willkomm wird allen geboten, besonders den Fremden in der Stadt. Man erwartet von -er Gemeinde, daß sie die Würde des Gottesdienstes wahrt und bis nach dem Priestersegen auf den Plätzen bleibt. Musikalische Vorträge am Sonntag, de« 11. Januar 1925. 1. Orgel: Pastoralsonate.Rheinberger 2. Choral: Nun laß jede Zunge Dich anbeten . Bach 3. Solo: O Herr leite mich.Händel 4. Etz Chayim .. . . . Naumburg 5. (vor der Predigt) Fürchte nichts, o Israel . Spicker Gottesdienste der Woche. Freitag Abend 5.30 Uhr: Central Synagoge. Samstag Morgen 10.15 Uhr: Central Synagoge. Predigt: Dr. Wise. Sonntag Morgen 10.45 Uhr: Carnegie-Hall. Predigt: Dr. Wiie. Ferner enthält das Programm ziemlich ausführliche Mitteilungen über: Geschenke für soziale Zwecke, Todesfälle, Vorträge, Theateraufführung (Cid), einen Tanzabend ufw. Ist nun die Predigt beendet, so werden, während die Orgel wieder spielt, Zettel verteilt, auf welchen jeder Besucher Fragen niederschreiben kann, die nicht unbedingt Bezug auf das Thema des betreffenden Tages haben müssen. An jedem Sonntag werden so 20—30 Anfragen gestellt, die der Prediger sofort beantwortet, eine Aufgabe, welche an sein Wissen und oft auch an seine diplomatische Gewandtheit starke Anforderungen stellt. Gefühlsmäßig werden viele Leser mit mir diese Art „Betrieb" aülehnen. Aber die Tatsache läßt sich nicht leugnen, daß diese Einrichtung viel dazu beiträgt, das Interesse der Zuhörer wachzuhalten und einen persönlichen Kontakt zwischen Führer und Gemeinde herzustellen. Kein schlechter Beweis für die Beliebtheit der Reden von Tr. Kraß ist es z. B. auch, daß jedesmal an ihn stereotyp die Anfrage gerichtet wurde, ob die Predigt im Druck erscheinen werde. Den Abschluß der Feiern bilden wieder allgemein Chorgesänge, ein Gebet in englischer Sprache und das Kaddisch, das erst in Hebräisch und dann in der Landessprache gesagt wird und dem der Priestersegen folgt. Nach eineinhalb bis eindreiviertelstündiger Dauer ist dann der Gottesdienst zu Ende, der wohl jedem seiner stets zahlreichen Besucher wenn nicht Erbauung, so doch mindestens Anregungen vermittelt hat. Zurückblickend erscheint als wesentlich, daß der ganze Zuschnitt sich den Anforderungen und Gegebenheiten des täglichen Lebens anpaßt, so in der Tatsache, daß der Sonntag gewählt wird, dann in dem Zeitpunkt des Beginns, in der Dauer und vor allem auch in der Wahl der Themata. Gerade hier scheint mir der springende Punkt zu liegen. Sie schöpfen aus dem modernen Leben, schaffen Beziehungen zu Tagesproblemen und suchen die Antwort auf Gegenwartsfragen zu erteilen. Gleichzeitig aber wurzeln sie stark in der altjüdischen Ethik unter fast völligem Verzicht auf rein Rituelles. Diese Feiern sind nicht konfessionell, aber sie legen mit einem jüdischen Quellen entsprossenen Ethos den prüfenden Maßstab an die Verhältnisse, Sorgen und Genüsse des modernen Menschen an. Und wo sie keine Antwort zu geben vermögen, da regen sie doch wenigstens zu eigenem Nachdenken und zu persönlichem Urteil an. Dies wird auch ihr unmittelbarer Zweck sein. Mittelbar verfolgen sie zweifellos die Absicht, dem heutigen Menschen, welcher vielfach religiösen und ethischen Fragen ganz entfremdet ist, auf angenehme und für amerikanische Verhältnisse vielleicht allein mögliche Weife in einem gewiffen Kontakt mit der jüdischen Gemeinschaft zu erhalten, auch wenn er noch so lose sei. Ob dieser Zweck mit den geschilderten Morgenfeiern erreicht wird, und ob ein voller Erfolg die geleistete Arbeit krönt, darüber fehlt mir ein abschließendes Urteil, das nur auf sehr langer Beobachtung und Erfahrung aufgebaut sein könnte. Jedenfalls aber haben wir es hier mit einer im äußerlichen, wie im inneren Gehalt für Amerika recht typischen Einrichtung zu tun, deren Studium, mag man sich zu ihr stellen, wie man will, auch für uns recht interessant ist. Wassernöte und Erdstöße am Rhein Die furchtbare Bedrohung so vieler Rheinufergemeinden scheint — mit Ausnahme einiger Dörfer im Clever Grenzvezirk — jetzt beseitigt. Diese neue Schreckenszeit wird in Ausmaß und verheerender Wirkuna fast durchweg mit den Unglückstagen zu Beginn des Jahres 1784 zusammengestellt. Rheinische Chronisten aus allen Bekenntnissen haben die Schrecknisse jener Zeit lebensvoll dargestellt. Aus ihren Auszeichnunaen hat Karl Brisch in seiner „Geschichte der Juden in Köln und Umgebung" besonders jene Einzelheiten zusammengetragen, welche die Not der in Mitleidenschaft gezogenen jüdischen Gemeinschaften betrifft. , Seinen Angaben besonders ist folgendes inhaltlich entnommen: Zu Beginn des Jahres 1784 herrschte am Rhein wochevn lang eine so furchtbare Kälte, daß sich schließlich eine 4 bis 8 Meter dicke Eisschicht auf dem Strom bildete. Ende Februar trat Tauwetter ein. doch nicht durchweg. Oberhalb Bonns brach die Eisdecke, unterhalb der Stadt — bei Mülheim. Köln und den weiteren Nieöerrhein entlang — hielt der Frost noch an. Die in Bewegung gelangten Eismassen fanden keinen Durchlaß, sie türmten sich auf und, führten so eine furchtbare Ueberschwemmung herbei. Bonn. Deutz und Mülheim erlitten schweren Schaden. Am stärksten war Mülheim gefährdet. Seine Kirchen-Chronik hat alle Geschehnisse jener Schreckenstage anschaulich uneindringlich dargestellt. Ich wende mich aber wieder den Sonderangaben Brischs zu: In Bonn drang am 27. Februar das Wasser in die Judenhäuser ein. Die Bewohner fanden auch in den oberen Stockwerken keine Sicherheit. Die ungeheuren Eisschollen erschütterten die stärksten Gebäude in ihren Grundfesten. Der Kurfürst Maximilian Friedrich brachte ihnen Hilfe — auch gegen „das plünüe'rungslustige Gesindel, welches immer dergleichen Ereignisse auszubeuten pflegt". Nachdem sie die Thora-Nollen geborgen hatten, fanden die Juden in der oberen Stadt bei christlichen, wie bei einigen jüdischen Mitbürgern freundliche Aufnahme. Ganz besonders taten sich in ihrer Fürsorge der kurfürstliche Leibarzt Moses Wolf und der Vorsteher Baruch ben Simon Mergentheim hervor. — In Deutz fanden die Inden eine Zuflucht in d e t Benediktiner-Abtei, wo ihnen jegliche Unterstützung zuteil wurde. Von hier aus wurde über die Dächer hinweg die Rettung der Thora-Rollen versucht und zum Teil durchgefühct. Am folgenden Tag stürzte die Synagoge zusammen. Am höchste« stieg aber doch die Not in Mülheim. Hier versanken in kürzester Zeit mehr als 160 Häuser, darunter auch die Synagoge. Nach zweitägiger Schreckenszeit löste sich die Eisdecke. Der Rhein trat in seine Ufer zurück. — In der Abtei zu Deutz erscholl der Ambrosianische Lobgesang. Die dort untergebrachten Juden aber „stimmten zur gleichen Zeit einen so verworrenen und lärmenden Lobgesana an. daß die Christen, der hebräischen Musik ungewohnt, davon fast betäubt wurden". — Die erhaltenen Häuser fand man mit Eis gefüllt. Auf der Kanzel der reformierten Kirche lag an Stelle der fortgeschwemmten Bibel eine — mächtige Eisscholle, auf dem Dach eines gebrechlichen Häuschens gar ein verendetes Pferd. — Ein Aufruf des damaligen Landrabbiners Cvhen-Rappaport bewirkte den Zusammenfluß vieler und reicher Geber. Schon 1786 konnte die neue Synagoge in Deutz. 1788 die in Mülheim geweiht werden. — Dreißig Jahre vorher, zu Ende 1755 und zu Beginn 1756, wurden, wie jetzt wieder, die Bewohner der Rheinuferstrecken durch heftige Erdstöße geängstigt und teilweise auch geschädigt. Besonders am Niederrhein wankte der Boden, stürzten Häuser zusammen, fuhren die Hausgeräte auf unnieder. Ueberall wurden öffentliche Bittgottesdienste veranstaltet. Die damaligen Rabbiner in Bonn und Düsseldorf „ordneten -as Beten verschiedener Psalmen und eines eigens für diesen Zweck verfaßten Techinagebetes an". lBrisch.) Die Rheinlande sind Grenzlande und haben als solche ihre politischen Schicksale. Ihre Lage am schönsten Strom Europas und stellenweise am Rand erloschener Feuerberge hat auch „natürliche" Schattenseiten, die fast alljährlich sMbar werden. Doch scheinen die Jahre 1784 und 1925 »Wsonders tiefeingegcabene Merkzeiten darzustellen. S. Andorn-Krefeld. jj Die jüdische Gegenwart Zum 100 jährigen Jubiläum der Berliner jüdischen Knabenschule Anläßlich des 100 jährigen Bestehens der Knabenschule der Berliner Jüdischen Gemeinde fand am Sonntag, den 10. Januar 1926, eine Feier in der Aula dieser Anstalt in der Großen Hamburger Straße statt, die zugleich die Feier des 25 jährigen Amtsjubiläums des jetzigen SchulleUers. des Studiendirektors Dr. Gutmann, war. Die ganze Festlichkeit wuchs zu einer frohen und dabei doch gleichzeitig tiefernsten Ueberfchau von kulturhistorischer Bedeutung empor. Ganze Generationen haben an diesem Schulwerk aufopfernde und hingebende Arbeit geleistet, und ein wichtiger Teil der Geschichte unserer Gemeinde, der größten Deutschlands, ist mit dem Entstehen und der Entwicklung dieser Anstalt sehr eng verknüpft. Unendlich viel Segen hat sie im Laufe des Jahrhunderts gestiftet, und ihren zwei Bestrebungen, in die empfänglichen Seelen der jüdischen Kinher die zwei sich so harmonisch ergänzenden Geisteskomplexe: jüdische Religion und Sittlichkeit und deutsche Kultur zu pflanzen, hat sie unermüdlich gedient! — In dunkelgrünem Lorbeerschmuck prangte die Aula. Bon draußen fiel nach tagelangem Regenwetter wieder Wintersonne in den hohen Saal. Einleitender Chorgesang begrüßte die Gäste, die Vertreter der Behörden und die jetzigen, wie ehemaligen Schüler, die den großen Raum bis auf den letzten Platz füllten. Ein kleiner Schüler sprach zuerst einen schönen, farm* vollendeten, ganz phrasenfreien Prolog, den der Lehrer Brinn verfaßt hatte. Hierauf folgten verschiedene Ansprachen. Kammergerichtsrat Wolfs, der Vorsitzende der Berliner jüdischen Gemeinde, versicherte. Saß die Schule, das Lieblingskind der Gemeindeverwaltung, ihr auch ferner am Herzen liegen würde. Er vertrat ebenfalls den jüdisch-liberalen Standpunkt, daß das Ziel der Schule, an einer Synthese von Deutschtum und Judentum zu arbeiten, ein Kulturideal von höchster Bedeutung sei. Dabei fielen einem Hermanns tiefsinnige Worte ein. der von sich sagte, daß er ebenso wie die Planeten elliptisch um zwei Brennpunkte kreise, um die beiden Zentren Deutschtum und Judentum. Gemeindevorsteher RechtsanwaltKollenscher begrüßte die Anstalt als Verheißung und Erfüllung derjenigen, denen bas Wachstum und die Vertiefung indischer Religiosität nahe stünde. Er sagte mit Recht, daß in den Urwerten unserer Ethik das Alte immer wieder neu würde. Repräsentant Rechtsanwalt Dr. Klee wies in klargegliederter Rede auf den Ursprung der Schule und die leuchtende Gestalt ihres ersten Leiters Leopold Zunz hin. Dieser sei es gewesen, der bas deutsche Judentum an die Spitze des Judentums der Welt gestellt habe. Er schon habe erkannt, daß Treue zur Heimat und Treue zur Vergangenheit zwei gleichberechtigte sittliche Triebkräfte von größtem Wert seien. Der Vertreter des preußischen Kultusministeriums würdigte die Anstalt als einen ausgezeichneten Prototyp der modernen neueren Mittelschul- Sewegung und üöerbrachte die Glückwünsche der Staats-, regierung.