Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 2 (8.1.1926)
- Date
- 1926-01-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613841-2613843--1652-2619035- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sarai. Erzählung aus dem alten Aegypten von Max Rosenfeld. (Fortsetzung) „Sarai heiße ich — bin erblüht an dem Ufer des Euphrat, die Hand des Schöpfers führte mich ins fremde Land Abram jedoch schnitt ihr das Wort ab. >„Mit mir, ihrem Bruder Abram, zog sie aus Chaldäa nach Kanaan, doch trieb die Teuerung uns nach Aegyptenland." , Der König, in Sarais Anblick verloren, erhob sich von der Sänfte. . „Sarai — tritt näher zu mir! 0 ihr Häupter, was ist sie schön! Ich war leidend und ohne Trost, doch ihr Anblick macht mich wundersam genesen. Es ist, als gingen Strahlen göttlichen Segens von ihr aus. Ich bin wie neu erschaffen. Fort die Sänfte! Bringt Matten und Ruhesitze!" Des Königs Befehl wurde ausgeführt. Sklaven brachten kostbare Matten und Sessel. Bewundernd blickte Apappns Sarai an. 1 „Sarai —• ich konnte bisher kein Weib betrachten ohne Groll, doch du hast Gnade gefunden vor meinen Augen. Herme mir einen Wunsch, ich will ihn dir erfüllen," Doch Sarai schüttelte abweisend ihr Haupt. „Herr, laß mich mit meinem Bruder Abram friedlich von dannen ziehen!" „Ja, König von Aegypten, laß uns ziehen, wir sind friedliche Menschen!" fiel Abram wieder ein. Doch Apappus blickte immer Sarai an. „Nein, Sarai, du bleibst bei mir. Je mehr ich dich anschaue, um so mehr fühle ich, daß du die Hoffnung meines Lebens bist. Wohlauf, ihr beide seid meine Gäste. Fremdling, du mußt mein Freund und Bruder sein, um deiner Schwester willen.“ Und zu seinem Gefolge gewandt, rief er aus: „Lasset Wein und süße Früchte bringen! Lasset uns fröhlich sein, denn ich habe heute mein Leben wiedergewonnen!'' Alle nahmen rings die Ruhesitze ein. Sklaven eilten bin und her und reichten Wein und Früchte. Pharao Apappus schien wie umgewandelt, die Züge seines Gesichts hatten sich belebt, seine Augen leuchteten freudig. , „Trink, Fremdling," rief er, „trinkt alle und seid heiter! Sarai, du schönste unter den Weibern, dieses trinke ich dir!" Und er hob einen gefüllten Becher empor und leerte ihn mit einem Zuge. „Wie schüchtern stehst du vor mir, Sarai, und schlägst die Augen nieder. Sieh mich an, holdseligstes Geschöpf!" Unbefangen und frei blickte ihn Sar*i an. „Ja, mein König." Des Pharao Erregung steigerte sich, seine Worte wurden immer glühender. „Schön bist du, schamhaft, lieblich, wie die Lotosblüte auf weichen Wasserwellen. Schön hist du, mein Mädchen, o du bist schön. Schmiegsam und schlank bist du, wie die Gerte der Weide am Nil und dennoch von ebenmäßiger Fülle. Dein Antlitz ist das Paradies meiner Wonnen! Deine Stirn leuchtet wie der Morgenstreif, deine Brauen sind herrlich gewölbt, deine Wangen schimmern zart, gleich der Köfo'd^toqfigebpnenen Tages. Du bist ohne Makel, ja du schön. Wie die tiefen Nächte deiner Augen mich geheimnisvoll andunkeln — wie die schwarzen Fluten deines Haares mir entgegenkühlen — ein allgewaltiger Wunsch, dich zu besitzen, steigt in meinem Herzen auf, Sarai —" Abram, der ihn immer voller Unruhe unterbrechen wollte, vermochte sich nicht länger zu halten. „Sprich nicht so zu ihr, Herr, sie ist noch zu jung, solche Worte taugen nicht für sie. Herr, sprich nicht zu ihr! Blicke sie auch nicht an, Herr, o blicke sie nicht so an! Blicke lieber mich an! König von Aegypten — höre mich, ich will dir Unterhaltung schaffen, ich will dir Märchen erzählen, ich will dir Wunderdinge aus meiner Heimat künden, du wirst staunen. Ich will -rich will —“ Apappus unterbrach ihn verwundert. „Seltsamer Bruder, der also für seine Schwester eifert. Nun, so höre denn, Abram, was ich in meinem Herzen beschlossen habe: ich fühle, deine Schwester ist mir von der Göttin Hathor selbst gesandt — wohlan, gib mir Sarai zum Weibe!" In größter Bestürzung starrte Abram den Acgypterkönig an. „Nein, nein, König, das kann ja nimmer gehen. Sie ist — sie hat — ich habe — ach, laß mich nur besinnen, Herr! — Wir haben ein Gesetz — ja, so ist es, — ein Gesetz, das verbietet gewissen Jungfrauen die Ehe, ja — verbietet — ja — sie dürfen nicht das Elternhaus verlassen — sind durch einen Eid gebunden —* es wäre entsetzlich. Siehst du, König — ein solches Mädchen ist Sarai-" „Du lügst, Abram, ich sehe es an deinen Augen, daß du lügst.“ „Nun, Herr — ach — was sage ich — sie hat — nun denn: sie ist schon einem Manne so ziemlich beinahe versprochen —" Hier vermochte das Gefolge des Königs eine laute Heiterkeit nicht zu unterdrücken. Apappus maß Abram zornig mit den Augen. „Bist du des Weines voll, daß du in einem Atemzuge dich selber Lügen strafst? Glaubst du mit Pharao ungestraft scherzen zu können?" Der Oberstkämmerer trat hervor. UNSERE RÄTSEL-ECKE Weisheit und Schönheit. Wird der „o" mit der „e" zum Paare verbunden, So haben sich Weisheit.und Schönheit gefunden. Die Buchstaben AAAAABBBEEILMNNNOORSSSV sind so in die Felder einzusetzen, daß die senkrechten Reihen Wörter von folgender Bedeutung nennen: 1. Feldherr Sauls; 2. jüd. Monat; 3. Schwager Isaaks? 4. M. Gesetzgeber. Die wagerechte Reihe nennt einen Sohn Davids. 171681 288519 3 5 10 5 11 U 1 1 2 1 3 12 9 2 12 5 6 17 19 4 13 1 14 5 6 8 1 15 6 5 1 Zahlenrätsel. Kleinasiatischer Hafen Mesopot. Wahrsager Bibl. Frauengestalt Gebirge in Ostpalästina Stadt in Mesopotamien Stammvater Stammvater Prophet Frauenname An Stelle der Zahlen sind' Wörter von nebenstehender Bedeutung z-u bilden. Die Anfangsbuchstabe^ ergeben den Namen eines berühmten jüd. Gelehrten. „Pharao Apappus, von Rechtes und Gesetzes wegen hat dieser Mann den Tod verdient, denn er hat ohne Scheu und ohne Befugnis freventlich den Palast betreten. Darauf steht Tod." Sarai schrie laut auf. Es dunkelte plötzlich draußen, die Aegypter wurden von Unruhe ergriffen. Doch Apappus wandte sich an Abram. „Hörst du es, Abram? Du bist in meine Hand gegeben, und ich müßte dich dem Gesetze nach dem Henker überliefern. Doch nichts davon! Du hast um deiner holden Schwester willen meine volle Gnade, wenn du mir ferner ihre Hand nicht weigerst." „Ich muß sie dir weigern, König.“ Der König neigte sich wieder zu Sarai und faßte leidenschaftlich ihre Hand. „Sarai — sprich du! Ach, wenn du sprichst, ist es wie Nachtigallgesang in linden Maiennächten. Sprich, du willst mir zu eigen sein! Du willst es, ja? Du mußt ja mir gehören — meine Liebe wächst mächtig zu dir.“ Er wollte sie an sich ziehen, doch Sarai wehrte ihn ab. „Nein, König, mäßige die Leidenschaft der trügerischen Sinne. Du bist ungestüm, ich will dein heißes Blut besänftigen durch Gesang und Tanz, wenn du befiehlst." Ja, tanze, tanze, leichtfüßige Gazelle! Herbei Saitenspiel und Cymbel — das schönste Weib tanzt heute vor Pharao!" Man brachte brennende Fackeln, Sklavinnen mit Musikinstrumenten setzten sich in einem Halbkreis nieder. Währenddessen schaute das Gefolge des Königs aufgeregt hinaus in die zunehmende Finsternis. Zwei Sklavinnen bereiteten Sarai zum Tanz; sie nahm viel weiße und rote Blumen in ihren Schleier. Der Oberstkämmerer, der in das zunehmende Unwetter hinausgeblickt hatte, kam jetzt wieder auf den König zu. „Pharao Apappus, ein Wunder begibt sich am Himmel — bei hohem Mittage dunkelt es wie tiefe Nacht." Doch Apappus wollte nichts hören. Er beobachtete mit Entzücken Sarai, die sich zum Tanze rüstete. „Laß dunkeln, Freund, laß dunkeln! Was kümmert's mich? Mehr Fackeln! Sarai — du leuchtender Stern meiner Nacht! .... Auf, Sklavinnen, bereitet mir mein Mädchen schön, streut Azurpuder auf ihr Haar, salbt sie mit köstlicher Narde, färbt ihre Fingernägel schön mit | Henna, daß sie wie eine Göttin vor mir erscheine; tanze, tanze, meine Göttin!" Abram lief unruhvoll hin und her. „König — ach — willst du sie wirklich tanzen sehen? Sic soll nicht —" (Schluß folgt.) jffj BÜCHERSCHAU ffff Dr. Botho Laserstein, Das Judentum ist der Friede! Berlin 1936, Preis 1 Mark, Bezugsbuchhandlung „Friede durch Recht'4, Wiesbaden. Haben die Griechen der Welt einst die Kultur geschenkt — die Juden gaben der Menschheit Gewaltigeres und Ehrfurchtgebietenderes: die Ethik, die Religion, die Grundlagen aller irdischen Sittlichkeit, den heftigsten Antrieb zur Ent-Tierung und seelisch-geistigen Höherentwicklung! — Das „dritte Reich“, nach dein sich Nietzsche und die wenigen wahren Propheten einer neueren Zeit wund sehnen — es kann der Verwirklichung nur etwas näher rücken, wenn die ururalten sittlichen Forderungen des Judentums nus der Sphäre des Ideals in die Welt der Praxis überführt werden. Noch dämmerts nicht, trotzdem sich die Nichtbefolgung unserer sozial-ethischen Postulate grauenhaft gerächt hat. Ueber 10 Millionen Tote und viele Millionen Verstümmelte, in Europa, ganze im wirtschaftlichen Zusammenbruch befindliche, allgemein verelendete Länder, Haß, Neid und Unglück, geistige Verflachung und kultureller sowie biologischer Rückgang überall und allenthalben — das sind die Folgen des von den Menschen gegangenen Irrwegs! Aber die Völker wollen aus ihrer entsetzlichen Not anscheinend nichts lernen. Neue Kriege und noch schlimmeres Unglück werden an verschiedenen Ecken und Enden unseres sonst so wohnlichen Planeten vorbereitet! Graf Coudenhove-Kalergi, der dem Pazifismus dient, in dem er unermüdlich die „vereinigten Staaten von Europa“ predigt, hat sich in verschiedenen seiner Bücher mit leidenschaftlicher Beredsamkeit an die Juden gewandt und ihnen immer wieder vorgehalten (vergl. z. B. Coudeni 10 * ♦ Versäumen Sie nicht unser großes auserlesenes Januar-Programm erstklassige Kabarettkräfte 4 Uhr und 8 Uhr (Der Zeit entsprechend herabgesetzte Preise) Schachsäle Billardsäle ■ , Ifrüh^rÄ | ßLltiS ici hove S. 51), daß „nur aus dem Schoße des Judentums ein neuer geistiger Adel Europas hervorgehen kann“, der wiederum eine gewaltige Mission zu erfüllen habe. Allein seine Worte haben im modernen Judentum leider erst wenig Widerhall gefunden. Im Kriege haben die FelcL rabbiner genau so wie ihre christlichen Kollegen den Sinn der Religion auf den Kopf gestellt, indem sie dem ungeistlichsten Tun in übel-dialektischer Weise eine geistliche Weihe zu geben versuchten, woran freilich der Staat mehr schuld war als jene sonst ganz vernünftigen Gottesmänner. Und nach dem Kriege findet man in der noch immer schwach entwickelten pazifistischen Bewegung Juden und Judentum nur auffallend gering vertreten. Da ist es ein unbestreitbares Verdienst des den Lesern dieser Zeitung nicht unbekannten jungen Juristen Dr. Botho Laserstein, durch eine Broschüre „Das Judentum ist der Friede!“ unsere Glaubensgenossen und religiösen Institutionen auf ihre schweren Unterlassungssünden aufmerksam gemacht zu haben. — In der politisch-ethischen Publizistik hat Laserstein sich durch eine wissenschaftlich-einwandfreie, allgemein anerkannte Ausgabe der Rousseauschen Schriften „Zum ewigen Frieden“ (erschienen bei Engelmann, Berlin), einen Namen gemacht. Immer häufiger begegnet man in letzter Zeit seiner Feder in den bekanntesten Zeitschriften Deutschlands, wenn es gilt, Unrecht zurückzuweisen oder für kulturelle Dinge einzutreten. Im ersten Teil seiner Schrift geißelt Laserstein in tiefempfundener, sittlicher Entrüstung, daß so viele Juden gleichgültig schweigen, da es heutzutage dringender denn je gilt, sich zum Pazifismus zu bekennen und dadurch den drohenden völligen Verfall der Menschheit aufzuhallen. Im zweiten Kapitel untersucht er die Beziehungen zwischen Judentum und Friedensbewegung und stellt mit Recht fest, daß es böswilliges und törichtes Geschwätz sei, das Judentum als eine „Religion des Hasses, des Krieges und der Vergeltung“ hinzustellcn. Er weist überzeugend nach, daß die religiöse Dynamik der Friedensbewegung in keinem Erdreich zahlreichere und stärkere Wurzeln habe als im Judentum. Eine Menge grundlegender jüdischer Glaubenssätze führt er an; er hätte diese noch um Tausende aus der jüdisch-hellenistischen Literatur, dem talmudischen sowie neueren jüdischen Schrifttum vermehren können. Allein von dem, was er zitiert, kann es schon heißen: „Sapienti sat!“ — Im dritten Teil versucht Laserstein, das Gewissen der Führer wachzurülteln, indem er einen offenen Brief an den Allgemeinen deutschen Rabbinerverband richtet. Ganz zuletzt macht er noch praktische Vorschläge, wie die religiöse Friedensarbeit organisiert werden könne. Lasersteins in ausgezeichnetem Deutsch verfaßte Schrift ist eine von glühendem Willen zum Helfen, Bessern, Gutmachen getragene weltliche Predigt, der weiteste Verbreitung zu wünschen ist. Werden seihe Ideen, seine Pläne, seine Forderungen Allgemeingut, versanden sie nicht in der üblichen „Trägheit des Herzens“, dann wird wirklich einmal eine Zeit anbrechen, in der ein Hutten-Nachfolger mit mehr Recht als vor Jahrhunderten jubeln kann: „Es ist eine Lust, zu leben!" -- Dr. L. D a vid s oh n- Berlin. CIGARETTEN