Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 1 (1.1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Jahrgang Nummer l IMchGemkZeibmL Beilage I. Januar 1926 Die jüdische Gegenwart Die Tagung des Kantorenverbandes. Der Ausschuß des Allgemeinen deutschen Kantorenverbandes (D.Ä. V.) hatte zu Sonntag, den 27. d. M., nach Berlin zu einer Hauptversammlung eingeladen. Trotz der ungünstigen Verhältnisse versamelte sich in dem von der Berliner Gemeinde zur Verfügung gestellten Sitzungssaale in der Rosenstratze eine bedeutende Anzahl der deutschen Kantoren aus allen Landesteilen. Auch das Rheinland war diesmal vertreten. Galt es doch, den Kantorenverband nach langer Pause wieder neu zu fundieren nnd die in der letzten Zeit immer brennender werdenden Standesfragen einer Lösung entgegen zu führen. Die Tagung wurde eine imposante Kundgebung für das deutsche Kantorat. — Der Vorsitzende des Ortsausschusses, Oberkantor Asch-Berlin, begrüßte in der Abendstunde die überfüllte Bersammlnug und sprach die Hoffnung aus, daß von dieser Stunde an das Zusammengehörigkeitsgefühl erstarken und neues Leben in und aus dem Verbände entströmen möge. Der Verbanösvorsitzcnde. Herr I. B. Levy, gab in beseelten Worten seine hohe Anschauung von der Stellung des Kantorats innerhalb des Judentums und des jüdischen Gottesdienstes, sowohl bet Konservativen wie bei Liberalen, kund. Herr Levy knüpfte daran die Notwendigkeit, die Stellung des Kantors auf das Niveau seiner traditionellen Notwendigkeit zu heben,- sowohl in ideeller als auch — und das mit besonderer Betonung — in wirtschaftlicher Beziehung. Bei der Begrüßung der anwesenden Senioren der deutschen Kantorenschast, der Herren Aron Friedmann und Emanuel Kirschner-München, wurde diesen eine minutenlange spontane Ovation dargebracht. — Der ganze Abend war dem Andenken des erst kürzlich verstorbenen Ehrenvorsitzenden des Verbandes, Moritz H e n l e - Hamburg, gewidmet. Ergreifend war, als der Oberkantor der Tempelgemeinde Hamburg — der Dienstnachfolger Henles — Herr Körnitz er, in Anwesenheit der Witwe des Verstorbenen, ein Lebensbild des Menschen und Künstlers zeichnete. Das persönliche Verhältnis des Redners zu Heule, daS ihm zum Erlebnis geworden war, hob sich aus seinen Aussührungen wunderbar hervor. Mit einem Doppelquartett illustrierte der Redner seinen Vortrag durch Ausführung der wichtigsten Kompositionen des Meisters. Wie ans seligen Gefilden mahnende Sphärenmusik erklang daS „socharti loch" und der Hallel-Psalm „bzes israel", wohl die reifste Arbeit Henles. Ein Schüler Henles, Oberkantvr Groß ans Frankfurt a. M., sang vor Erregung in schluchzenden Tönen das hebräische Requiem dem Meister, das die große Versammlung stehend entgegen nahm. Sodann kamen die Delegationen zu Worte. Wir hebeu einige daraus hervor. Der Vertreter des Deutschen Rabbinerverbandes, sein erster Vorsitzender, S. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Baeck, sprach in längerer Ausführung von der Stellung des .Kantors zum Rabbinat und zur Gemeinde. Herr Dr. Baeck wies darauf hin, da nicht der Rabbiner und nicht der Kantor oder gar vielleicht der Chor, sondern die Gemeinde der bestimmende Faktor des jüdischen Gottesdienstes fei;.— aber der Kantor sei der „schiiach zibbnr", der B ö ne der Gemeinde an heiliger Stätte. Und zum Rabbiner stehe der Kantor im Verhältnis der kommunizierenden Röhren: Die gehobene Stellung des Rabbiners verfange gebieterisch auch die gehobene Stellung des Kantors — dahingegen eine herabgewürdigte Stellung des Kantors die Erniedrigung des Rabbinerstandes mit sich ziehen müsse. — Daran schloß sich der Vertreter des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Herr Goldschmidt, und versprach, der Stellung der Kantoren eine erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Im selben Sinne mahnte auch der Vorsitzende der Repräsentanten-Versammlung, Herr Rechtsanwalt Stern. Als Vertreter der jüdischen Lehrervereine in Deutschland betonte Herr Michael Abraham, daß diesen schönen Worten auch Taten folgen mögen, platonische Liebe in dieser Sache sei ganz und gar nicht angebracht; der Kantorenverband möge mit dem Rabüinerverbänd und dem Lehrerverband sich zu einem Verbände zusammenschließcn. um den gemeinsamen Interessen des Judentums Vesser die.nen zu können. Der folgende Tag war den Beratungen gewidmet. Der Berbandsvorfitzenöe Levy-Frankfurt JL?atc in einem zweistündigen Referat die Geschichte und Die Tätigkeit des Verbandes seit seinem Bestehen vor. Der Verband war in der Inflationszeit vollkommen eingeschlafen, nud nur durch die tatkräftige Führung der Herren Levy, Asch, Zivi usw. gelang es in knapp üreiviertel Jahren, ihn wieder ins Leben zurückzurufcn. In der rheinischen Hauptstadt Köln war der Grundstein bei der letzten Tagung des Lehrerverbandes gelegt worden, und viel Mühe hat es gekostet, um diesen sechsten Berbandstag vorznbereiten und durchzuführen. — Gegen 3 Uhr mittags konnte man erst zu den Wahlen des Ausschusses schreiten, die folgendes Ergebnis zeitigten: Levy- Frankfurt, Zivi- Elberfeld, K o r n i tz e r - Hamburg, Nußbanm-Wiesbaden, Asch, Guttmann und Kaiser-Berlin und Wollheim-Königsberg. Die Debatte zog sich endlos lang. Ansichten und Meinungen wurden vorgebracht, verworfen und widersprochen, bis sich endlich eine Resolution ergab, wonach der Ausschuß die Abschaffung der Kasualien propagiert, dafür höhere Einstufungen der Besoldung und entsprechende Entschädigungen verlangt. — Bei dem Thema „Fachorgan" wurde auch von einer, sich „offiziös" gebärdenden Berliner Seite ein kleiner Vorstoß gegen die „Jüdisch-liberale Zeitung unternommen, und zwar im Anschluß an die von uns in der vorletzten Nummer veröffentlichten Aufsätze über „Synagogale Musik". Die besten Kantoren Berlins wandten sich aber entrüstet gegen eine solche Anmaßung, die freie Meinungsäußerung in einem wissenschaftlichen Artikel zu unterbinden und setzten sich für die Ausführungen unserer Mitarbeiter ein. Es folgte noch ein wissenschaftlicher Vortrag über „Die Wiederholungen I der kantoralen Melodien" von Herrn Oberkantor Guttmann - Potsdam. Die energische, selbstlose und zielbewußte Arbeit des Vorsitzenden I. B. Levy setzte jeden in Erstaunen. Sicherlich wird unter solcher Führung der Kantorenverband und damit auch der Kantorenstand die Stellung einnehmen, die seinem Führer vorschwebt, und andererseits können den jüdischen Gemeinden Beamte erstehen, die, erfüllt mit Berufsfreudigkeit und Verantwortuugsbewnßtsetn, dem Judentume zur Ehre gereichen werden. Eine jüdische Predigt über christliche Ethik. Die Union orthodoxer Rabbiner Amerikas veröffentlichte soeben eine Protestresolution gegen Rabbi Stephen S. Wise, die im jüdischen öffentlichen Leben Amerikas großes Aufsehen erregt. Rabbi Wise hat am letzten Sonnabend im Tempel seiner Gemeinde eine Predigt gehalten, die an das bekannte und vielumstrittene Werk von Dr. Joseph Klausner- Jerusalem „Das Leben Jesu" anknüpfte und dabei ausführte. die Juden müßten Jesus als einen aus dem Judentum hervvrgegangenen Lehrer.anerkennen und seinem ethischen Kodex zustimmen. Die Juden seien weit mehr als die Christen dazu bestimmt, diese ethischen Ideen in die Wirklichkeit nmzusetzen. Rabbi Wise lobte rückhaltlos Klausners Werk, welches vor kurzem vom Priester der St. Georgs Kathedrale zu Jerusalem, Danby. aus dem Hebräischen in das Englische übertragen und hcrausgeacben worden ist. Die Union orthodoxer Rabbiner Amerikas nennt in ihrer offiziellen Protestresolution Rabbi Dr. Wise einen Ketzer und Verführer und fordert kategorisch, daß Tr. Wise. der von der. zionistischen Organisation Amerikas zum Prä- , sidenten des Komitees für die Aufbringung von fünf Millionen Dollar für den Palästina-Aufbau gewählt worden ist. diese Würde unverzüglich niedcrlegen solle, da sich die Union sonst veranlaßt sehen würde, die Judenschaft Amerikas znm Boykott dieser Kampagne aufzufordern. Herr Dr. Stephen S. Wise sandte an die Jüdische Telegrafenagentur eine Erklärung, in der es u.a. heißt: „Ich verstehe diese Erregung nicht. Keiner; der mir zugehört hat, könne es wagen zü behaupten, ich hätte die Juden aufgeforöert, ihren Glauben zu verlassen und Jesu Lehre anzunehmen. Es bleibt aber die Frage, weshalb es einem Juden nicht gestattet sein soll, objektiv über die Lehre eines, galiläischen Juden zu sprechen, wo es doch gilt, jene Völker, die sein Dogma angenommen haben, daran zu mahnen, daß sie gegenüber den Inden ein unchristliches Benehmen an den TM legen. Es ist traurig, daß es einem Juden nicht gestattet sei. über Jesus, der in vollkommen jüdischer Umgebuna gelebt hat. und aus der jüdischen Lehre heraus seine Ethik für seine Zeit und kür alle Zeiten geschaffen hat. zu sprechen. Diese Ethik Christi ist ia unsere Waffe gegen alle Anfeindungen und Verfolgungen, die wir durch die christlichen Völker zu erleiden haben." Wie wir bei Redaktionsschluß hören, dauert die Erregung über diesen Vorfall in den Vereinigten Staaten an. Sie ist allerdings schwer, vielmehr nur dann zu verstehen, wenn man die Anmaßung der orthodoxen Minderheit berücksichtigt. Auf die jüdische Kanzel gehören alle Fraaen des Lebens, und besonders notwendia ist eine Auseinandersetzung mit den ethischen Anschauungen unserer Umwelt. Diese werden aber sehr stark von den im Neuen Testament ntedergelegten Grundsätzen Christi bestimmt. Gerade in einer Zeit, in der die verschiedenen christlichen Kirchen besonders auf den Fang jüdischer Seelen ausgehen, ist die Belehrung der Synagogenbesucher über das Wesen des Christentums erforderlich geworden. Mit ihr bleibt der Rabbiner, der ja vorwiegend Lehrer der Gemeinde fein soll, durchaus im Rahmen der jüdischen Tradition, die im allgemeinen eine Verketzerung der anderen Religionen nicht gekannt hat. Und immer wieder müssen wir darauf Hinweisen, daß die von unseren Mitbürgern so oft im Munde geführte Ethik des geborenen Juden Jesus sich mit der Ausgestaltung ihres Lebens nicht vereinbaren läßt. Damit erreicht ein liberaler Rabbiner wie Stephen S. Wise im Kampfe gegen den Judenhaß mehr, als die orthodoxen Juden mit ihrer ständigen Schürung des Kampfes der jüdischen Gruppen. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" hat im übrigen schon wiederholt darauf hingewiesen. daß der Geist des Judentums so umfassend ist. daß alle Fragen ohne Schaden für seine Bekenner vor fein Forum und damit auch in die Synagoge gebracht werden können. Politischer Boykott — ein Verstoß gegen die guten Sitten. Vor einiger Zeit batten verschiedene jüdische Kaufleute in Norden einen Zivilprozeß gegen den Völkischen Bund wegen Boykotterklärung angestrengt. Die Völkischen hatten nämlich ein Flugblatt verbreitet, in dem es am Schluß hieß: „Kauft nicht beim Juden!" In der mündlichen »♦♦♦♦»♦♦»♦♦»«»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦»♦♦»»♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦»♦♦»♦»»» Sendet den fälligen Beitrag für das erste Vierteljahr 1926 in Höhe von 2,50 Atark einschließlich Bezugsgeld für die „Jüdisch-liberale Zeitung" an das Postscheckkonto der Vereinigung für das liberale Judentum E.B., Berlin NW. 7, Nr. 137 069 sofort ein! Da. wo Ortsgruppen bestehen, sind hiervon 1.— Mark an diese abzuführen; wo keine bestehen, ist der volle Beitrag von 2.50 Mark an die Unterzeichnete Vereinigung zu zahlen. Sind mehrere Angehörige einer Haushaltung Mitglieder der Vereinigung, so ermäßigt sich der Mindestbeitrag für das zweite und jedes weitere Familienmitglied aus 1.50 Mark; von diesem Betrage sind da, wo Ortsgruppen bestehen, 0.50 Mark an diese abznführcn. Tic ordentlichen Mitglieder der „Jüdisch-liberalen Jugendvercine" haben nur 1.— Mark vierteljährlich für den Bezug der Zeitung zu zahlen. Bon den Mitgliedern in Aachen, Augsburg. Be Jli Berlin. Bingen a. Rh., Bochum, Jli WpMftM Cassel. Danzig. Dortmund. Dresden, Elberfeld,. F f u r t a. M.. Freiburg i. Br.. Fürth. Gelsei?kirchön. I i n W bürg, Heidelberg. Herford i. W., Kaiserslautern, Bad Kissingen. Köln a. Rh.. Königsberg. Konstanz. Leipzig, Liegnitz. Jli Liegnitz. Lünen, Magdeburg. Jli Magdeburg, Mainz. Mannheim. Münster i. W.. Jli Münster, Offenbach a. Main, Ohlau. Oppeln, Ratibor. Rheydt. Schneidemühl, Stettin. Ulm a. D.. Wattenscheid und Wiesbaden wird der Beitrag durch die örtliche Organisation (Ortsgruppen, Liberale Vereine. Jüdisch-liberale Jugendvereine oder Vertrauensleute) eingezogen. Diese Mitglieder haben einen direkten Beitrag an die Zentrale also nicht zu leisten. Alle anderen Mitglieder unserer Vereinigung fordern wir auf. den Beitrag umgehend direkt an das Bureau. Berlin SW 48, Wilhelmstraße 117. Postscheckkonto: Bereinigung für das liberale Judentum c. B.. Berlin Nr. 137 069, mittels Zahlkarte einzusenden. Vereinigung für das liberale Judentum E. 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