Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 1 (1.1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ijfnupfpn;1 >-MM- Üsrltwj ■ä ■&* Km. KÖN IQ Jf a vECK B f PA-N D^ E R; nehmen jetzt mit Spannung, was der Autor selbst über die Begründung seines Werkes und dessen Schicksale erzählt. Dabei spricht Bloch so sachlich, ruhig und bescheiden. Man fühlt. seine Ueber zeug urig ruht auf gewissenhaft durchstu-- studierten Tatsachen,' er weiß, das; er die einfache Wahrheit zusammengetragen und in ihrem ganzen Umfang mitgeteilt hat." Das Werk vom Haag wird vielleicht noch lange Zeit brauchen, bis es seine Früchte für die Menschheit trägt. Bloch hat über Las Grab hinaus dafür gesorgt, das; seine Provagandaarbeit nicht aufhört fortzuwirken. Am 7. Juni 1902 wurde in Luzern das von ihm gestiftete und ansgestattete .Internationale Kriegs-- nnd Friedensmuseum" eröffnet, welches den Beschauern in wirkungsvoller Werse den Krieg und alle seine Schrecknisse sowie alle Mittel zu dessen Bekämpfung vor die Seele führt. Das Testament, welches Bloch seiner Familie hinterließ, und in dem er die Summe seiner Lebensarbeit zieht, beginnt mit dem Bekenntnis: „Ich war Zeit meines Lebens ein Jude und sterbe als Jude!" Er durfte das mit Recht von sich sagen, denn er hat den Gott Israels, den Gott der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Güte, des Lebens und des Friedens mit ganzem Herzen und ganzer Seele geliebt, und hat ihm mit ganzer Kraft gedient. Und nicht viele htzben für die Ehre und das Wohl des jüdischen Volkes tapferer gekämpft als er. Zu Dr. Kirfchsteins 100. Geburtstag. Moritz Kirschstein wurde am 3. Januar 18-26 in Chodfttefeit (Kolmar) in Posen geboren. In frühester Jugend von seinem Vater in Bibel und Talmud eingefübrt. setzte er das Talmud-Studinm in Danzig fort und bereitete sich daneben privatim für die Prima eines Gymnasiums vor. Im Jahre 1847 ging er nach zweijährigem Besuch der Prima des Katholischen Gymnasiums in Groß-Glvgau mit dem Reifezeugnis nach Berlin, um klassische und orientalische Philologie zu studieren. In deren weitem Bereich wandte er sich in den späteren Semestern besonders der Religionsphilosophie und Bibelexcgese zu. Diesen beiden Gebieten hat Dr. Kirschstein seine Lebensarbeit gewidmet. Auf ihnen betätigte sich eindringeuder Scharfsinn und seine hervorragende Fähigkeit, sich in den Geist der Bibel, in die Seele der Erzählungen und der lyrischen und didaktischen Poesie sowie in die Erhabenheit der prophetischen Reden zu versenken und das Wesen der Prophetie zu erfassen. Das bezeugen Vorträge, die er gehalten. und Abhandlungen, die er veröffentlicht bat.*) Seine Studien zeitigten aber nicht nur fachliche Ergebnisse, sie wirkten auch wahrhaft bildend auf seine Gesinnung, fein Gemüt, seinen Charakter. Sie traten zu Tage in seiner Welt- und Lebensanschauung nnd deren Betätigung, in fernem unbeirrbaren Wahrheits- und Gerechtigkeitssinn, in der Güte und Stärke seines Wittens, in seiner Humanität. Sein mannhafter — so gearteter — Charakter und seine mitteilsame, liebenswürdige Natur samt seiner Gelehrsamkeit erwarben ihm die Verehrung und Freundschaft bedeutender Menschen sso gehörte er zu dem engsten Freundeskreise von Leopold Zunz). Seine tiefe Religiosität und seine Begeisterung für die Lehren des Judentums drängten seinen Lehrtrieü, zu deren Verbreitung mit aller Kraft beizutragcn. Das tat er *) Dr. Moritz Kirschsteins Wissenschaftliche Abhandlungen, Borträge und Ansprachen, Berlin 1902. zunächst privatim, ab und zu auch auf der Kanzel?) Nachdem er zwei Jahre an einer höheren Knabenschule den Religionsunterricht erteilt hatte, wurde er 1896 Religionslehrer an der Knabenschule und 1867 der Leiter der (damals noch einzigen) Religionsschule der jüdischen Gemeinde zu Berlin. An diesen beiden Gemeinüeanstalten hat Dr. Kirschstein (wie später daneben am Sophicn-Gymnasium) bis zu seinem Lebensende (am 16. Dezember I960) eine überaus segensreiche Wirksamkeit entfaltet. Da erwies er sich als ein Meister in der Weckung religiöser Gefühle und in der Anleitung zur Erkenntnis religiöser Wahrheiten, eröffnete er feinen Schülern begeistert und begeisternd das Verständnis der Reden der Propheten und verstand es, sie anznregen, im Geiste der Propheten zu denken und nach ihren Worten zu handeln. Durch seinen so mit ganzer Seele erteilten Unterricht wirrte er nicht nur auf seine Schüler, sondern auch wegweisend aus die Lehrer, die an der von ihm geleiteten Schule tätig waren. Wie er über die Aufgabe einer Religionsschnle dachte, mögen einige seiner „Antrittöworte, gesprochen am 1. April 1867 vor dem Schul- und Talmud-Tvra-Vorstand" zeigen: „Die ewige ununterbrochene Strömung im Geistesleben der Menschen schließt jede Erstarruna und jede Stabilität aus. Daß es auch mit dem Judentum und seinen Rcligionssätzcn stets so gewesen, daß auch das Judentum in seinen Glaubenssätzen, ja sogar in seinen Religionsvorschriften eine beständige Fortentwicklung — und zwar nicht immer gerade zum Besten hin — erfahren hat, erweist eine unparteiische Vergleichung schon der einzelnen Stücke in den alten heiligen Büchern und noch mehr die Vergleichung dieser Bücher mit dem späteren traditionellen Schrifttum, welches letztere wiederum durch die verschiedenen Generationen und Jahrhunderte in stetem Flusse sich darstellt. Aus diesen Gründen erweist es sich vom echt jüdischen, wenn richtig gewürdigtem Geiste als unstatthaft, die Einwirkung der fortschreitenden Idee auf das religiösjüdische Denken und Fühlen ausschließen zu wollen. Manche Sätze und auch manche Satzungen, die eine Zeitlang für heilig gehalten wurden, können in unserer Zeit als solche nicht mehr betrachtet werden, und sie müssen den Anspruch ausgeben, von dem ReligionSlehrcr in das widerstrebende Gemüt seiner Zöglinge gepflanzt zu werden. Aber neben diesen, von dem berechtigten Geiste der Zeit ausgeschieüenen Elementen enthält unsere heiliae Religion nnd unsere wunderbare Geschichte unendlich Vieles, von dem wir ohne Widerspruch sagen können: Chossamo schel Hakadosch baruch Hueniess, es trägt das göttliche Gepräge, das Gepräge ewiger Wahrhaftigkeit an sich. Diesen ewig wahrhaftigen. diesen ewig göttlichen Geist des Judentums in die Deelen unserer aufwachsenden Generation hinüberzuleiten, das ist die Aufgabe unserer Anstalt, die Aufgabe unseres Religionsunterrichts. Insbesondere aber ist cs von höchster Wichtigkeit in meinen Gingen, diese ewig wahren Sätze in der Sprache, in der sie niedergeschrieben, in der Sprache, in welcher sie bisher unter unseren Glaubensgenossen eine bleibende Geistcsstätte gefunden, weiter zu verpflanzen." (Vgl. Wissenschaftliche Abhandlungen usw.. S. 157 f.) Daß eine solche Persönlichkeit sich auch über den Lohrerveruf hinaus um unsere Gemeinschaft verdient gemacht hat, ist begreiflich. Wie Kirschstein schon als Student ein eifriges Mitglied des Vorstandes des Studienbcsörderungsvereins war, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, junge Leute, zumal aus *) Sieh Predigten von Dr. Moritz Kirschstein, Berlin, Verlag von Albert K'atz, 1902. dem Osten, die sich dem Rabbiner- oder Lehrerberuf widme» wollten, geistig und materiell zu unterstützen, so diente er als Gelehrter mit seiner gewandten Feder sowohl der Berliner Gemeinde, als auch unserer gesamten Glaubensgenossenschaft. So wurde er nach dem Tode Abraham Geigers in die Kommission berufen, die 1873 von den Berliner Gemeindebehörden behufs Revision des Gebetbuchs für die Neue Synagoge ernannt worden war, nnd ihm wurde ein wesentlicher Teil der deutschen Bearbeitung übertragen. Im folgenden Jahrzehnt war er ein maßgebendes Mitglied der Kommisiion von Berliner Fachmännern, die auf Veranlassung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebunöes unter Professor Steinlhals Vorsitz einen Normalplan für de» Religionsunterricht ausarbeiten sollte. Unvergeßlich war der Eindruck, den bei der Besprechung dieser und anderer Pläne in der Delegiertenversammlung von Rabbinern und Schulmännern (im Dezember 1884) Kirschsteins Darlegungen und Verteidigung seines Standpunktes auf die Zuhörer machte. Und noch weitere Kreise sollten seine- Geistes Hauch verspüren. Als 1883 eine Reihe von Männern hicrselbst berufen war, zum Zwecke der Abwehr die Hauptgrundsätze der jüdischen Sittenlehre klar und faßlich zusammenzustellen, wurde Kirschstein mit der Ausarbeitung des Entwurfs betraut. Er überreichte ihn mit einem Vorwort, dessen Anfang lautet: „Es gibt eine Zeit zu schweigen, und es gibt eine Zeit zu reden. Heute, da Bosheit und Unwissenheit sich verbunden haben, das zu verunglimpfen, was allen Juden das Heiligste ist, die Sittenlehre deS Judentums, wird es zur Pflicht, solchen Angriffen entgegenzutreten und diese Lehre in ihrer Reinheit und für alle Juden ausnahms- und bedingungslos geltenden Verbindlichkeit darzulegen." Dieser feilt Entwurf liegt den fünfzehn Sätzen der jüdischen Sittenlehre zugrunde, deren Verbreitung dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde zu verdanken ist, und die sich im Anhang unserer Gebetbücher befinden. So lebt der Geist Moritz Kirschsteins fort, von dem daS Prophetenwort gilt, das auf seinem Grabstein in der Ehrcnreihe in Weißensee zu lesen ist: „Lehre der Wahrheit war in seinem Munde." Sendet die fälligen Beiträge Kalendarium fär die Zeit vom 2.1. d. 9.1.1926. Januar 1926 Terves 3688 Sonnabend 2. Sonntag 3. Montag 4. Dienstag 5. Mittwoch 6. Donnerstag 7. Freitag 8. Sonnabend 9. 16. Wochen-Abschnitt: Wajechi (1. B. M. Kapitel 47,28—50,26) Haftarah: 1. Buch Könige 2,1—12 17. 18. 1 19. 20. 21. 22. 23. Neumondwcihe Wo ch en- Abs chnitt: Sch'mauß (2. B. M. Kapitel 1,1-6,1) Haftarah: Jesaia Kapitel 27,6 bis 28,13, 1—13, 29,22-23 lin Trastevere. heute nicht mehr zugänglich) von der Dia Labicana, der Via Nomentana, der Porta Portuense u. a. Im ganzen hat man bis heute sieben indische Katakomben, die alle so ziemlich rund um Rom herum liegen, wieder ausgesunden. Während die vom Monte Verde schon länger bekannt waren, hat man die übrigen erst in den letzten 5 oder 6 Jahrzehnten entdeckt. Sehr verdient hat sich in dieser Be-. ziehnng der gelehrte Pater Raffael» Garrucci gemacht, der die bisher größte und am leichtesten zugängliche — eben die an der Via Appia — anfangs der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts anffand und eingehend beschrieb. (Oescririone ckel cimeterio ebraico di Vigna Randamm sulla via Appia. Civ. Catt. seric V. vol III. Roma 1862, pag. 87/97, Nuove epigrafi giudaiche. Civ. Catt. Serie V. vol. VI. 1863. pag 102—119.) Diese Gräberstätte ist auch dadurch besonders bemerkenswert. daß in ihr hübsche farbige Malereien, worunter auch D a r st e l l u n g e n von m e n s ch l i ch e n F i g u r e n sich befinden. Man nahm es damals offenbar nicht so genau mit dem diesbezüglichen mosaischen Verbot. Diese Malereien befinden sich in seitlich der Gänge aus dem Tuff ausgehaucnen größeren Kammern von meistens annähernd quadratischem Grundriß, die zum Teil wohl als Familiengräber anzusprechen, zum Teil aber auch zur Aufbahrung der Leichen und zum Verrichten der Tvtcngebete benutzt worden sein mögen. So sieht man z. B. in einer der Kammern ein Deckengemälde mit einer männlichen und einer weiblichen Figur in der Mitte, in einer anderen sind die vier Jahreszeiten personifiziert dargestellt, wohl mit Bezug auf die verschiedenen Lebensalter u. dgl. mehr. Am ansprechendsten sind aber ohne Zweifel die Inschriften. Sie haben so gar nichts Mittelalterlich-Düsteres an sich, sind vielmehr einfach, innig und natürlich gehalten, ja sie \ atmen ausgesprochenermaßcn antike Heiterkeit und Seelenruhe. Man ist anfangs ein bißchen überrascht hierüber, denkt man doch an die zeitlich noch so nahe liegenden furchtbaren Ereignisse in Palästina, wodurch man geneigt ist. sich die der Katastrophe Entronnenen als gebrochene Menschen vorzustellen. die, gleich ihren Ahnen in Babylon, auch hier „an den Ufern des Tibers saßen und weinten, wenn sie Zions gedachten". Doch ist dem offenbar nicht so gewesen, und das war gut so. Der Untergang des Vaterlandes ist von ihnen sicher als ein großes nationales Unglück angesehen worden, das den einzelnen aber doch nicht so schwer traf, wie die späteren persönlichen Verfolgungen des Mittelalters, die bekanntlich auch auf die Gemütsverfassung der Juden verhängnisvoll einwirkten, so daß Spuren davon heute noch, mehr als man ahnt, vorhanden sind. Judäa war allerdings besiegt und dem römischen Reich einverlcibt worden, dafür waren aber die einzelnen Juden römische Bürger geworden, die mindestens in den ersten Jahrhunderten der Katserzeit persönlich durchaus nicht belästigt wurden, denen vielmehr das ganze Reich offen stand. Ihr Schicksal war gewissermaßen mit dem der Buren zu vergleichen, die ja auch ihre staatliche Unabhängigkeit verloren, dafür aber Bürger des britischen Weltreichs geworden sind. Nachstehend einige Proben der Inschriften (in Uebersetzung): „Dem Archonten und Archisynagogus Safulus, mit allen Ehren bekleidet, dein wohlverdienten Gatten, Rcstitnta. Dein Schlaf in Frieden!" „Zotikus der Archont liegt hier nach einem schönen Leben, allen lieb und befreundet, allen wegen des Anstandes der Mannhaftigkeit und Tüchtigkeit bekannt. Er ruhe bei den Rechtschaffenen!" „Hier liegt Zosimus, zum ewigen Leben, Archont der Synagoge der Agrippcnser. In Frieden sein Schlaf!" „Hier liegt der Maler Endoxius. In Frieden sein Schlaf!" „Eutychetes, ihrem Sohne, der 19 Jahre lebte. Afroöisia, die Mntter. In Frieden dein Schlaf!" „Dnlcitia, der jungfräulichen Braut, seiner Tochter, Pancarins. der Gerusiarch. In Frieden dein Schlaf!" „Hier liegt Irene Parthenike, Gattin des Clodins, Bruders des Ouintus Claudius Synesius. Vaters der Synagoge der Campenser zu Rom. Friede." (Dieses Wort auf Hebräisch, in Ouaöratschrift. Es ist dies das einzige Wort auf Hebräisch, das auf all den wiedergefundenen Inschriften vorkommt.) „Ter Schwester Chrnsidc. der sehr^anmutigen Proselytin. von Mannacius." „Crispina Tochter des Proeopius. fleißig und gesetzlicbend, liegt hier. In Frieden ihr Schlaf!" „Hier liegt Nieodemus. Archont der Sibnrcnser. bei Allen beliebt. 37 Jahre. 42 Tage alt. Sei getrost, lieber Ablabius. Niemand ist unsterblich!'' „Die wohlverdiente Gattin Sabine, welche 18 Jahre, 3 Tage lebte. Germanus, der wohlverdienten Gattin, welche mit ihrem jungen Gatten 3 Jahre, 3 Tage verbunden lebte." „Alexandros. der Wurstmacher, liegt hier, welcher 30 Jahre lebte. Gute Seele, von Allen geliebt. Dein Schlaf unter den Rechtschaffenen!" „Flavia Antonina, Gattin des Dativus, zum ewigen Leben, von der Synagoge der Augustenser." Leider verbietet mir der Raum, noch weitere Grabschriften hier aufznführen. doch dürften die vorstehenden schon genügen, sich von dem gesamten Jnschriftcnmaterial ein ungefähres Bild zu machen. Wie bereits ermähnt, ist keine der Inschriften auf Hebräisch. Sie sind zu etwas über zwei Drittel auf Griechisch und zu etwas weniger als ein Drittel auf Lateinisch gbgcfaßt. Merkwürdigerweise gibt es auch solche, die wohl in griechischer Sprache abgefaßt. jedoch mit lateinischen Lettern geschrieben sind, und umgekehrt, solche auf Latein mit griechischen Buchstaben. (Man denkt dabei unwillkürlich an das sogenannte Jüdisch-Deutsch.) Auch orthographische Fehler, die möglicherweise mit dem lokalen Dialekt zusammenhingen, sind nicht selten. Dieser Umstand dürste vielleicht für Alt-Philologen von einigem Jntercsic sctrr. Fast alle Inschriften sind mit. den Emblemen des jüdische» Gottesdienstes, als da sind: siebenarmiger Leuchter, Lulab, Esrog. Gesetzesrollen usw. versehen. Beigaben, wie in heidnischen nnd hier und da auch in christlichen Gräbern, fehlen dagegen völlig. Auch sind sie von letzteren durch eine etwas anders stilisierte Schlußformel unterschieden. Hier heißt cs nämlich stets: „. . . meta ton dikaion" (er ruhe) unter den Rechtschaffenen, während bei christlichen Gräbern durchweg die Formulierung: „. . . meta ton hagion" (er ruhe) unter oen Heiligen, bevorzugt wird. Tie unterirdischen Gänge der Katakombe an der Via Appia dürften im ganzen etwa einen Kilometer lang sein, und die Zahl der hier Beigesetzten kann man auf ein paar Tausend veranschlagen Ihre Gebeine liegen in den geöffneten Grüften allenthalben offen zu Tage. Beim Anfassen lassen sich die Ueberbleibsol in der Hand leicht zerdrücken. Ich habe nirgendwo auf Erden. Palästina nicht ausgenommen, einen so starken und geschlossenen Eindruck jüdischer Vergangenheit gehabt, wie hier in diesen römischen Katakomben. und zwar gerade wegen der Inschriften, Hie in ihrer lebendigen Natürlichkeit und Einfachheit so ungemein ansprechend sind. Daß die Hinterbliebenen sie in der Muttersprache, die zuerst griechisch und nachher lateinisch war. verfaßten, erhöht noch ihren Reiz. Die Verwendung des Hebräischen. als einer auch damals schon längst toten Sprache, hätte notgedrungen kouvcntiouell gewirkt und hätte yie den Eindruck der Lebendigkeit hervorgebracht, wie diese rührenden Nachrufe in der Muttersprache. Eins ist sicher: Nom war nicht nur die Zentrale der heidnischen und christlichen, sondern auch der jüdisch-abendländischen Welt. Die Weltstadt Rom ist sozusagen der „Rangierbahnhof" gewesen, den alles passieren mutzte, was von einem Ende des Riesenreiches zum anderen wollte. Nur auf dem Wege über diese Zentrale ist die schon so frühzeitig — sicher aber bereits zur Zeit der Cäsaren — erfolgte Ausbeitung der Juden irr alle Teile des weiten Reichs bis an die fernen Ufer des Rheins und der Donau zu erklären. Es sind sonach die Gebeine unserer direkten Vorfahren, die wir hier erblicken, und wir. als ihre Nachkommen, hätten eigentlich eine Pflicht der Pietät an ihnen zu erfüllen, die anscheinend jetzt vernachlässigt worden ist, demnächst aber hoffentlich nachgeholt werden wird: denn, rvährend sämtliche christlichen Katakomben in kirchlichen Besitz und dadurch vor Profanierung geschützt sind, sind alle jüdischen in privaten Händen, und mähend man zu den christlichen Grabstätten von sachkundigen Patres geleitet wird, besorgt dieses Geschäft in unserem Falle irgendein ad hoc von der Arbeit hcrbeigerufenes Mitglied der Bauernfamilien. die auf den betreffenden Grundstücken ihrem Beruf als Obst- oder Gc- > müsezüchter obliegen. Es könnte und müßte hier eigentlich etlvas geschehen, damit diese einzigartigen Denkmäler jüdischer Vergangenheit der Nachwelt ebenso pietätvoll erhalten bleiben und vor Entweihung und Untergang bewahrt werden, wie dies bei den christlichen Katakomben der Fall ist. -