Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-12-25 · 52 (25.12.1925) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
52 (25.12.1925)
Date
1925-12-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613840--1633-2619015
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

",' .'"LU1- '."i?. UNSERE RÄTSEL-ECKE Strahlenrätsel. 2 18 4 5 6 Die Buchstaben AAAAAABEHIJILLMNNORRSSTTT sind an Stelle der Punkte so eirrzusetzen, -atz Wörter, von links nach rechts zu lesen, von folgender Bedeutung entstehen: 1—5 Königin von Juda; 2—6 schädliche Güttin; 3—7 Berg in Syrien; 4—6 Hauptstadt des Reiches Israel. Streichholzrätsel. H Durch Umlegung von fünf Hölzchen erhält man einen Monat. Zahlenrätsel. 15859 10 53 Prophet 2 11 1 10 6 3 12 18 12 7 2 13 12 14 15 12 4 12 8 16 5 7 5 3 10 12 8 6 17 13 5 7 7 12 6 18 10 5 3 17 3 8 12 6 12 Goldlanö Verwandter Isaaks Prophet Relig. Uebung Prophet Stammvater Bibl. Frauengestalt Jüd. Monat Stammutter An Stelle obiger Zahlen sind Buchstaben zu setzen, die Wörter von nebenstehender Bedeutung ergebe». Die Anfangsbuchstaben nennen einen bekannten Feld« Herrn aus dem alten Testament. *• Auslösungen der Rätsel von voriger Rumwerr 1. Götze«. Aprmon — Mammon. 2. Kreuzworträtsel. Der Anfangsbuchstabe von 21 senkrecht, der 3. Buchstabe von 2 senkrecht, die Anfangsbuchstaben von 7 senkrecht, 17 senkrecht, 7 senkrecht, 15 wagerecht, 17 senkrecht, 30 wage recht, 31 wagerecht, 17 senkrecht, 26 senkrecht, 7 senkrecht, 7 senkrecht, der 3. Buchstabe von 2 senkrecht, die Anfangsbuchstaben von 22 wagerecht und 30 wagerecht ergeben: Ntos,es Mendelssohn. Line Geschichte ohne Ende. Von den Brüdern A g u S a k i. Hinter der Mauer der belagerten Stadt Jerusalem schlichen zwei Frauengestalten; ihre Gesichter waren mit schwarzen Schleiern bedeckt. Sie gingen nebeneinander, ohne sich zu unterhalten. Doch aus ihren Bewegungen konnte man sehen, daß eine älter und die andere viel jünger war. Der Wachposten ruft sie an: „Wohin?“ „Wir eilen sehr, Mensch, halt uns nicht aufl“ „Stehen bleiben! Wer seid ihr?“ Die ältere Frau begann zu weinen. „Mein Sohn soll gleich gekreuzigt werden. Bevor er stirbt möchte ich ihn noch sehen.“ „Und wer ist die Andere?“ „Seine Braut.“ „Habt ihr Durchlaßscheine?“ „Wer soll denn wagen, uns nicht durchzulassen.?“ „Hier sollt ihr stehen bleiben, ihr spionierenden jüdischen Töchter 1“ „Laß uns, schlechter Mensch, wir wollen ihn sehen, bevor er stirbt. Raub' uns unseren letzten Trost nicht!“ „Verdammte Juden!“ sagte der gepanzerte römische Soldat zähneknirschend, „wartet nur, bald erscheint ein Posten, da werde ich fragen gehen, ob ich euch durchlassen darf. Aber warum wird er eigentlich gekreuzigt?“ „Weil er wie ein Held an der Festungsmauer gekämpft und sein Vaterland verteidigt hat,“ antwortete mit Stolz die Braut. „Schweig’!“ „Dürfen wir denn nicht ehrenvoll von unseren Helden sprechen?“ sprach die Mutter dazwischen. „Mach* deinen Mund zu, du alte, dumme, jüdische Frau.“ „Rom ist die stärkste Macht der Welt. Und mit Rom wollt ihr Krieg führen?“ „Komm, wir wollen gehen!“ wandte sich die alte Mutter zu der Braut, wir kommen noch zu spät.“ „Wenn ihr Lust habt, aufgespießt zu werden!“ schaute ' der Römer sie mit einem Blick wie von Stahl und Eisen an. „Mein liebes Kind", sagte die Mutter weinend, „mein einziges Kind, mehr als dich hatte ich nicht, und werde ich auch nicht haben. Wie liebte er mich! Mit meinem Namen auf den Lippen ist er in den Krieg gezogen. Täglich kam er von der Festungsmauer zu mir, mein einziger teurer Simeon. Jetzt muß ich dich als Opfer für unser Volk bringen.“ „Mein teurer Bräutigam, mein Geliebter, mein einziger Lichtstrahl auf Erden. Ich, nach der du dich so stark gesehnt hast und zu der du dich hingezogen fühltest. Ich, die du jeden Tag sehen mußtest und zu der du wie ein Bogenpfeil von den Festungsmauern gelaufen bist. Jetzt werde ich ohne dich bleiben, Simeon. Ohne dich, mein Engel und Beschützer!“ „Seid ruhig, Weiber", befahl der Soldat. „Komm, wollen wir uns dort auf den Stein setzen“, sagte die Mutter. „Komm!" Beide gingen zum Stein und setzten sich. „Ich wollte ihm nur sagen, daß ich von ihm schwanger in^Da^ Kizul werde ich nach ihm nennen, wenn es ein «pge^kxt, Liweon, wenn es ein Mädchen sein würde — imeonah! Und einen Eid werde ich ihm leisten, daß ich mein ganzes Leben nach ihm trauern und keinen andern Mann heiraten werde.“ „Und ich mochte ihm nur sagen,“ seufzte die Mutter, ’ „mein ganzes Leben habe ich erwartet, daß er meine Jahrzeiten mit Bedacht halten wird, doch jetzt kommt das Gegenteil. Ich werde seine Jahrzeiten hüten müssen. „Seid ruhig, Weiber, der Wachposten kommt, Aufstehen!“ Sie standen auf. „Was wollen sie, die Weiber?“ „Sie sagen, daß sie einen sehen wollen, der eben gekreuzigt werden soll!“ „Was haben sie mit ihm zu tun?“ „Die ältere ist die Mutter, die jüngere — seine Braut.“ „Bist du es sicher?“ „Sicher — nein. Sie sagten es nur so.“ „Hast du sie untersucht? Tragen sie nicht verborgene Waffen?“. „Haben sie nicht jemanden von den ihrigen Geheimnisse zu übermitteln?" „Ich weiß es nicht." „Untersuche sie!“ Der Soldat hat seinen Befehl ausgeführt. „Nichts Verdächtiges, Wachposten!" meldete er untertänig. „Lasse eine durch!" „Welche?" „Die von ihnen gehen will. Aber nur eine. Die andere muß als Pfand bleiben.“ Beide Frauen machten eine Bewegung, um sich dem Wachposten zu nähern. „Keinen Schritt weiter!“ schrie er erbost. „Nur eine durchlassen! Die andere muß da bleiben. Wählt, Weiber, eine von euch!“ „Geh du, mein Kind“, sagte die Mutter. „Nein, geh* du, Mutter.“ „Ich gehe nicht, geh’ du!" „Ich entsage dir zuliebe, Mutter." „Geh’ du!“ „Du gehe!“ „Du mußt gehen." „Du!“ „Du!“ Und keine wollte sich vom Orte bewegen. „Wie die Weiber hartnäckig sind,“ lachte der Wachposten zynisch. „Wer von euch wird eigentlich gehen?" „Niemand!" antwortete die Mutter, „wenn du uns nicht beide durchlassen willst." „Wie nennt sich der Mann, der gekreuzigt werden roll?" „Simeon ben Owadiah." „Sacrizius", ruft der Wachposten den Soldaten, der ihn begleitete, „geh zum Schafottplatz und sage: „Ich befahl, daß eine der zwei Frauen zu Simeon ben Owadiah zugelassen werden soll, bevor er gekreuzigt wird, doch soll er sagen, welche von ihnen zugelassen werden soll." „Aha — oh — ohl“ schrien beide Frauen erbittert. „Was wollen sie machen? Wozu quälen sie ihn noch vor seinem Tode?“ „Geh!“ Der Soldat ging. Simeon lag mit dem Kopfe auf dem Gerüst, er wurde geweckt, und man sagte ihm: „Zwei Frauen wollen dich sehen, eine ältere und eine jüngere. Eine wird nur zugelassen werden, welche willst du sehen?" „Nur eine?" „Nur?“ „Bitte für mich, daß er beide zuläßt." „Er will es nicht. Eine muß als Pfand bleiben.“ Simeon ließ den Kopf hängen. „Mensch, was denkst du? In zehn Minuten wirst du zum Baum geführt, sage, wen willst du haben?“ „Beide so lieb, so teuer. Beide gleich füllten mein Leben aus." „Willst du niemanden sehen? Sage!" „Nun, wen, schneller!" „Sage dem Wachposten“, antwortete Simeon, „er sollte zulassen — —-— — —" Wen hieß er zulassen, die Mutter oder die Braut? Welche Liebe hat über die andere gesiegt? Deutsch L. W o 1 f f. Der gute Jude. Von Lucy Avellis. Er heißt Krause, hat ein Geschäft für Gelegenheitskäufe weit draußen in der Vorstadt und ist überhaupt gar kein Jude. „Gut Jontef, verehrte Frau Landsmännin!" Ich war recht erstaunt, diese Worte in unverfälschtem Jargon von Herrn Krause zu hören, als ich zum ersten Mal seinen Laden betrat. Er hatte sie zu der neben mir stehenden Dame gesagt, und von ihr, die ich flüchtig kannte, erfuhr ich dann Näheres über die Inhaber des Geschäftes, Ottokar Krause, von arischer Herkunft, entstammte einer kleinen pommerschen Stadt. Sein Vater war Lotse. Er selbst war als junger Mann viel herumgekommen — sogar in Indien ist er gewesen. Seine Frau — Recha Wohlgemuth, die das kleine Geschäft so glänzend zu führen verstand, daß es sich in der ganzen Gegend allgemeiner Beliebtheit erfreute, hatte sich Krause durch eine Zeitungsannonce erobert. Sie entstammte keiner Lotsenfamilie, sondern einer Gänseschlachterei in Stolp, und in ihr lernte Krause alle ausgezeichneten Eigenschaften, alle Vorzüge des intelligenten, fleißigen, strebsamen Juden schätzen. Er assimilierte sich so völlig und mit solcher Eindringlichkeit, daß er sogar in seinem Aeußercn den jüdischen Typ „unverkennbar" zeigte und daß er sich immer mehr von seiner Herkunft, die man unwillkürzlich mit „Sturm auf hoher See“ verband, entfernte- Dem Milieu der pommerschen Gänseschlächterei wurde er dagegen immer ähnlicher. Ich hatte nach jener eigenartigen ersten Begegnung noch mehrmals Gelegenheit, mit Herrn Krause mich zu unterhalten. Frau Recha, stattlich, rotwangig und tief brünett, war stets so in Anspruch genommen, so mit ganzer Seele dabei, die verschiedenartigsten Wünsche ihrer Kundschaft unermüdlich und liebenswürdig zu befriedigen, daß ihr für „Schmus“, um mit Krause selbst zu sprechen, keine Zeit blieb. Dafür schmuste e r umso lieber. Kaufe nur bei Krause, Da bist du wie zu Hause! Herr Krause verstand es, seinen Kunden die Wahrheit dieses Spruches, der über seinem Ladentisch prangte, fühlbar zu machen. Meist stand er an der Ladentür und begann eine harmlose Unterhaltung mit den Vorübergehenden oder mit denen, die sein Schaufenster betrachteten, bis er sie schließlich hineinbugsierte, ohne daß es wohl ursprünglich immer beabsichtigt war. Sehr gern hatte er es, wenn man an seiner „Echtbürtigkeit“ als Christ zweifelte. Schmunzelnd erzählte er dann, was er, der Goj, für ein Masel gehabt hätte — ausgerechnet er! — — solch eine Frau wie seine Recha zu finden. „So ein Stückchen Gold wie d i e Frau“, sagte er oft, „gibt’s nicht wieder, es liegt ’ne Broche auf allem, was sie anfaßt." Natürlich ging Krause auch an den hohen Feiertagen in den Tempel, obwohl er dem Register naoh Christ geblieben war. „Geschäftsrücksichten", wie er mir auf meine Frage einmal entschuldigend sagte. Ich beschäftigte mich oft in Gedanken mit diesem ungleichen Paar, das, kinderlos, in absolut harmonischer Ehe lebte. Die schönsten Traditionen des Judentums schienen hier verkörpert. Er war voll zarter Rücksicht, voll ständiger Bewunderung für seine Frau. Ihre Tüchtigkeit, ihren Fleiß hob er immer und immer wieder hervor. S i e sah in ihm den Inbegriff aller Klugheit und Bildung, weil er mit ein paar Fremdwörtern gut zu jonglieren verstand und einige klassische Zitate geschickt anzubringen wußte. Wie sie sich über die religiösen Fragen einigten, blieb mir ein Rätsel, obwohl Frau Recha am Freitag Abend pünktlich die Lichter anzündete und Krauses zu Ostern nur Mazzos aßen. Aber mir schien es manchmal, als glitte eia Schatten über Frau Rechas frisches Gesicht, wenn ihr Gatte in unverfälschtem Jargon so flott drauf losredete, als stimmte in diesem Punkte irgend etwas nicht ganz in dieser so glücklichen Gemeinschaft. Von einer Reise zurückgekehrt, erfuhr ich unlängst, daß die tüchtige, lebensvolle Frau Recha Krause einer heimtückischen Krankheit in wenigen Tagen erlegen war. Erschreckt dachte’ ich an den Mann, Wie würde er diesen schweren Schlag verwinden? Eine ganze Weile ließ ich verstreichen — ich wagte mich gar nicht hin. Als ich dann endlich, an einem grauen Herbsttag, den kleinen Laden betrat, hantierte statt der so jäh Verstorbenen ein junges Mädchen herum. Krause, im gewöhn-! ten grauen Anzug, mit einem Flor um den Arm, kommandierte gerade: „— Nehmen Se da de Kartons — nein — nich die — jenne — was haben Se für einen Umchain, Fräulein!“ Er sah mich und kam mir entgegen:' „Unbetamt is de Schickse — nich zu sagen — wenn meine selige Frau, wenn meine Recha das würd' sehen —" Hier brach ihm die Stimme. Er drückte sich in einen dunklen Winkel seines Ladens, lehnte den Kopf gegen ein Regal und schluchzte wie ein Kind. Ich trat zu ihm: „Lieber Herr Krause-" „Ich hab’s berufen“, stieß er hervor, „so ein Stückchen Gold wie meine Recha — warum hab’ ich mich nich zu ihr bekannt, öffentlich — vor alle Leute? Da hab* ich gedacht: es ist besser für s Geschäft, wenn ich e Goj bleibe, es möcht’ sich der und jenner dran stoßen, in ein jüdisches Geschäft zu kaufen. Aber jetzt" — er richtete sich plötzlich auf und wandte sich jäh zu mir — „jetzt liab’ ich’s getan. Vorige Woche bin ich beim Rabbiner gewesen und hab’ zu ihm gesagt: „Ich will übertreten zum Judentum.“ „Ueberlegen Sie sich’s wohl, Herr Krause“, hat der Herr Doktor Stein darauf gesagt. Ihre geliebte Gattin weilt nicht mehr unter uns. Vielleicht werden sich Ihnen mancherlei Schwierigkeiten in den Weg stellen, und dann werden Sie den Schritt bedauern, den Sie jetzt in der ersten Aufregung tun wollen.“ „Bedauern, Herr Doktor“, hab ich gesagt, „nein, da kennen Se mich schlecht. Ich bedauere nur, daß ich’s nich längst getan hab. Es ist meiner Recha größter Wunsch gewesen, Zeit ihres Lebens, daß ich übertreten möcht — er hat sie gequält und gewurmt, dieser Wunsch, — ausgesprochen hat sie ihn nie — zu vornehm war sie dazu. Aber sagen Se selbst, Herr Rabbiner, kann ich denn meine arme, geliebte Recha besser ehren? Ich will ein guter Jude werden, so wahr mir Gott helfe!" Warum mich wohl diese einfachen Worte so tief erschütterten? Warum mußte ich dabei an die vielen Lauen und Halben in der Gemeinde denken? Hier war Einer, der sich aus tiefster Dankbarkeit heraus mit seinem kleinen Schicksal dem Judentum verpflichtet fühlte. Der würde wirklich ein guter Jude sein. Noch im Hinausgehen hörte ich ihn durch den dunklen Laden rufen: „Sein Se nich so unbetamt, Fräulein, an Ihnen ist, weiß Gott, keine Broche!“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.