Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 49 (4.12.1925)
- Date
- 1925-12-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Der Unglücksprophet. Erzählung aus der Zeit des Propheten Jonas. Von Hans Janson. (Fortsetzung) Ära anderen Morgen aber brachte die Haremssklavin der Frau Amat-Sula eine Tontafel, und das Mädchen war so aufgeregt, daß es zitterte. „Mein Vater", vermochte es nur zu stammeln. Dann barg sie das Gesicht an der Erde und schluchzte mit zuckendem Körper. Währenddem las Frau Amat-Sula die Tafel. Razu schrieb ihr, daß der König ihrem Sohne eine dreitägige Frist gestellt habe, um einen Traum zu deuten. Gegen die Ränke des Oberpriesters aber, der mit Beidur in Verbindung stehe, sei Achardise machtlos. Nur die Flucht könne ihn retten. Er wolle aber nicht fliehen, bis er seine Mutter und Esther geborgen wisse. „Alls ich dies hörte," schrieb Razu wörtlich weiter, „ließ ich ihm durch Inu-Sin, den Sohn meiner Schwester, sagen, daß die Frauen geborgen seien. Er aber meldete mir: Sorge für meine Mutter und Esther. Ich darf nicht fliehen. Ich weiß auch, daß meine Flucht vergeblich wäre; denn deutlicher als je habe ich erkannt, daß ich tue, was ein anderer will, der mächtiger ist als ich. Rette die Frauen ins Gebirge." „So seid denn bereit zur Flucht," schrieb Razu am Schluß. „Es ist die letzte Nacht. Nebo und Merodach sage ich Dank, daß er mich in das Haus meiner Schwester führte und Inu-Sin finden ließ. Er kennt die verborgensten Wege im Palast und weiß von allem, was darin vorgeht, Darum seid guten Mutes. Wir werden euch retten und Achardise, meinen Herrn, wollen wir mit Gewalt entführen, wenn er nicht fliehen will." Als Esther diese Nachricht vernahm, war sie sehr bleich geworden. Aber es war nicht die Angst, die das Gesicht der Frau Amat-Sula entstellte und Libeja zittern ließ, die ihr das Blut zum klopfenden Herzen trieb. Mit einer Begeisterung in der Stimme, die Frau Amat-Sula nicht begriff, sagte sie plötzlich: „Sorge nicht! Dein Sohn steht am Berge, und das Licht des Herrn ist über ihm." Dann ging sie in einen Winkel des Gemaches und betete, bis die Nacht kam. IX. Ueberraschend schnell hatte Beidur den Siegeszylinder fertiggestellt. Noch vor dem Beginn der letzten Nachtopfer brachte er ihn Istar-Iddina. Indes ließ dieser dennoch die Nachtopfer beginnen. Als aber auf dem Altäre die ersten Weihrauchkörner brannten und die Priester niederknieten, um die Opfertiere zu töten, ging er zum König. Als dieser erfuhr, daß der Siegeszylinder fertiggestellt sei, befahl er, die Opfer einzustellen. Dann ließ er alle Palastbeamten in den Thronsaal rufen. Auch die Königsfrauen mußten sich in einem Gemach des Serails versammeln. Zuletzt wurde Achardise in den Saal geführt. Er sah sehr bleich aus, war aber ruhig und gefaßt. Er wußte, daß er mitten unter seine erbittertsten Feinde trat. Doch daran dachte er nicht. Der Tod hatte keine Schrecken für, ihn, seitdem ihm in der Einsamkeit seiner Zelle immer hinter geworden war, daß ein Mächtiger in ihm wirkte. Kaum hörte er, wie der Oberkämmerer auf Befehl des Königs die Tafel der Grausamkeiten verlas. Dennoch blieben einzelne Worte in seiner Seele haften, und so stark ihn der Glaube an die Macht Jehovas machte, so schwach machte ihn der Gedanke an seine Mutter und Esther. Um diese bangte er. Er kannte ja Rammannarari, der tausendmal mit wilder Wollust den Tod gab, als wolle er den Gott des Todes durch immer neue Opfer versöhnen und die kalte Hand abwehren, die sich an seinem alternden Herzen schon fühlbar machte. Der Kämmerer hatte die Tafel gelesen, und Achardise erwartete, daß der König ihn nach der Deutung des Traumes fragen werde. Dann wollte er sagen, was die Stimme in seinem Innern sprach: „Leg* ab deine Laster, Rammannarari, und rette Ninive!" Aber der König schien seinen Traum vergessen zu haben. Er winkte Istar-Iddina, damit dieser mit der Zeichendeutung beginne. Der Oberpriester trat an den Siegeszylinder, den der Kämmerer über ein Feuerbecken in der Mitte des Saales gestellt hatte, und winkte den Priestern und Traumdeutenn. Hierauf legten einige von diesen Holzkohlen in das Becken. Andere brachten Feuer, wieder andere Weihrauch und anderes Rauchwerk in kostbaren Gefäßen. Istar-Iddina entzündete die Holzkohlen, nahm mit einer silbernen Zange bald aus diesem, bald aus jenem Gefäß, das die Priester ihm hinhielten und warf das Rauchwerk in die Flammen. Dichte, betäubende Wolken von Kalmus, Weihrauch, Gedernholz und Simgar stiegen auf und durchzogen den Raum. Der Siegeszylinder begann sich unter der Einwirkung der Hitze zu drehen. Atemlose Stille herrschte ira Saale. Scheue Spannung lag auf allen Gesichtern, auch auf dem des Königs. Wie würden die Götter reden? Welches Zeichen gaben sie den Menschen? Wie würden sie kundtun, daß sie mächtiger seien, als der Gott der Juden? Wem würden sie das Todesurteil verkünden? Istar-Iddina und seinen Priestern, oder Achardise, dem Freunde der Juden? Ein leiser, singender Ton kam von dem Siegeszylinder. Immer schneller drehte er sich um seine Achse. Da begann Istar-Iddina zu tanzen. Die Füße dicht zusammengestellt, die Arme erhoben, schob er sich in seltsamem Tanze um den Zylinder. Dann rief er zu den Göttern. Sein Tanz wurde immer wilder, rasender, sein Geschrei immer lauter, schriller. Sein Greisengesicht verzerrte sich infolge der körperlichen Anstrengung und der seelischen Erregung zu einer Fratze. Schweiß floß ihm von der Stirn und über die nackten Arme. Auch die Priester und Traumdeuter hoben die Arme und tanzten um den Zylinder, und während Istar-Iddina unaufhörlich die Namen der Götter rief, schrien die Priester und Traumdeuter: „Erhöret uns!" Dabei sprangen sie wie von Sinnen um den Zylinder, der seine Drehungen verlangsamte und dann Stillstand. Istar-Iddina füllte aufs neue das Becken. Mächtig loderten jetzt die Flammen um den Zylinder. Der Oberpriester, aschgrau im Gesicht und sichtlich erschöpft, nahm ein Messer und stach sich in den Arm, daß das Blut herabfloß. Priester und Traumdeuter folgten seinem Beispiel, und mit wahnsinnigem Geschrei und verrenkten Gliedern sprangen sie um den Zylinder. Die Gesichter UNSERE RAISEL-ECKE Streichholzrätsel. Durch Umlegung von vier Hölzchen und Verschie. Len des Buchstaben i an eine andere Stelle erhält man einen Berg in Palästina. Verwandlung. i. In Palästina war's ein Ort, Letzt die Vokale um, und euer ist das Wort. II. „E" hat der Liebe Lehre Gepredigt und geübt. Der „A". so sagt die Märe. Mus; sterben, wenn er liebt. Auslösungen der Rätsel von voriger Nummer 1. Verwandlung. Hillel, Hallet. 2. Zerlegaufgabe. 3. Ergüirzungsriitsel. B a r m i tzwa i 8 i i s y w ii t bstcarö sh eeuhaul to 1 r s a k s t er 4, Was und Wer? Auer Bach — „Auerbach". verzerrten sich, die Augen waren verdreht, §chaum stand ihnen vor dem Munde. Niemand verstand mehr, was sie schrien. Dann war es plötzlich still, so still, daß nur noch der Atem der erregten Menge, das leise Singen des Zylinders hörbar war. Dann verstummte auch dieses Geräusch. Der Zylinder stand still und die Menge hielt den Atem an. Die Priester lagen mit den Stirnen am Boden. Ihre Leiber zuckten. Jetzt mußten die Getter reden. Und sie redeten mit einem leisen, knisternden Geräusch. Die Tafel der Grausamkeiten war zersprungen, die anderen aber waren heil und unversehrt. Achardise war besiegt und mit ihm der Gott der Juden. Achardise erwachte in seiner Zelle. Wie er dahin gekommen, wußte er nicht. Nur langsam besann er sich auf das, was im Thronsaal geschehen war. Als ihm aber alle Einzelheiten einfielen, vom Beginn des Tanzes an bis zum Zerspringen der Tafel der Grausamkeiten, war keine Unruhe in ihm. Nein. Durch dieses Gaukelspiel war der Gott der Juden nicht zu besiegen. Wollte der König im Zerspringen einer Tafel einen Fingerzeig der Götter erblicken, dann hatte dieses Zeichen nur Berechtigung, wenn nicht Menschenhand dabei im Spiele war. Achardise mußte zugeben, daß Istar-Iddina klug gehandelt habe, indem er das Geheimmittel Beldurs zu seiner und der Priester Rettung verwandte. Für jeden, der dieses Geheimnis nicht kannte, mußte das Zerspringen der einen Tafel ein untrügliches Zeichen der Götter sein. Für Achardise aber war es ein Gaukelspiel, das seinen Glauben an Jehova nicht erschüttern konnte. Nur eines bereitete ihm qualvolle Unruhe. War er nicht verpflichtet, dem König den Betrug zu enthüllen? War er nun noch verpflichtet, den Schwur zu halten, den j er Beidur geleistet hatte? Mußte er diesen Schwur nicht brechen, um die Frauen, sich selbst, ja, um das Ansehen seines Gottes zu retten? Das Ansehen Jehovas! Da^an klammerte sich Achardises Seele mit aller Kraft. Was würde Esther sagen? Brich deinen Schwur, würde sic sagen, vielleicht rettet dir die Enthüllung des Betruges dein Leben, vielleicht. Sei aber nicht vermesen, und wirf dich nicht zum Ehrenwächter deines Gottes auf. Der Herr wird richten. Im Saale der Göttin Istar hatte inzwischen ein wildes Gelage begonnen, und Istar-Iddina, der in der Nähe des j Königs saß, hatte einen schweren Stand. Denn obwohl die Götter soeben ein Zc’chen ihrer Macht gegeben halten, verhöhnte sie Rammannarari jetzt. Auch Beidur saß an des Königs Tafel. Er war vielleicht der Mäßigste von allen. Dennoch glühten seine sonst so farblosen Wangen im Siegesräusche des Ehrgeizes. Er, der arme Priestersohn, der unbekannte Schreiber der Bibliothek, saß an der Palasttafel, mitten unter den höchsten Würdenträgern. Und diesen Platz hatte ihm Istar-Iddina beim König erwirkt. Nun stand ihm das Tor offen zu den höchsten Aemtern. Istar-Iddina mußte sich immer aufs neue für ihn verwenden Doch eines machte Beidur Sorge. Der Gedanke, daß Achardise um sein Geheimnis wußte, war ein bitterer Tropfen im Becher des Erfolges. Aber auch sonst hatte er sein Geheimnis schlecht gehütet. Bei seiner Flucht aus dem Hause des Achardise hatte er Aufzeichnungen zurückgelassen, die ihn verderben konnten, und nun wollte es das Unglück, daß Rammannarari einen Omendeuter mit Namen Nursamas in das Haus am Meere sandte, um die Sterne zu beobachten. Nursamas aber war der rechte Mann, um einen Fund von Schriftstücken, wie sie Beidur zurückgelassen hatte, rücksichtslos zum eigenen Vorteil auszunutzen. Während so Beidur seinen ehrgeizigen und beängstigen den Gedanken nachging, war es Istar-Iddina gelungen, die Spottpfeile von sich abzulenken. Er legte dem König den Gedanken nähe, am folgenden Tage eine Prozession der Götterbilder abzuhalten. Lebhaft ergriff Rammannarari diese Gelegenheit, sich dem Volke in seiner Eigenschaft älls Oberpriester zu zeigen, und schon jetzt gab er Anweisung, in welcher Reihenfolge die Götterbilder getragen werden sollten. Istar-Iddina schlug vor, den Fischgott im schuppigen Fischhautmantel an die Spitze des Zuges zu stellen. Der König aber befahl, daß Nusku mit Adlerhaupt und Adlerflügeln, Körbchen und Pinienzapfen in der Hand, den Götterreigen eröffnen solle. Die weitere Anordnung der Prozession überließ er dem Oberpriester. Als ihm aber Istar-Iddina das Täfelchen mit den Götternamen zur Durchsicht überreichte, fragte der König erstaunt: „Wo ist denn der Gott der Juden?" „Da weiß ich Rat," sagte der Obermundschenk, der eben aufs neue den Becher des Königs füllte. „In der Nisanstraße wohnt ein alter Jude, der unseren Jünglingen manche bittere Stunde bereitet. Er verleiht Geld und weiß es so einzurichten, daß er das zehnfache der Leihsumme zurückfordern kann. Du würdest dir den Dank unseres Jungvolkes erwerben, wenn du ihn einmal Gott der Juden werden ließest." Von allen Seiten wurden nun andere jüdische Namen genannt, und es schien, als habe jeder Höfling einen per-' sönlichen Feind unter diesem Volke. Zu allen Vorschlägen aber schüttelte Rammannarari den Kopf, winkte seinem Leibdiener und flüsterte diesem einen Befehl ins Ohr. Dann wandte er sich an Istar-Iddina und sagte zu diesem leise: „Du wirst erraten, wen ich mir zum Judengott er*! wählte." Der Oberpriester erschrak. „Doch nicht Achardise?'* fragte er unsicher. „Ich bin kein Tor, der ohne Grund das Volk gegen sich aufreizt," erwiderte Rammannarari mit Nachdruck. „Mein Judengott soll zudem aus dem Lande der Juden sein. Auch Achardise wird er gefallen, wenn er ihn sieht." „Denkst du an das Mädchen aus dem Judenlande?" Der König nickte. „Und wenn ich sie als Judengott gesehen, soll sie meinen Frauenchor verstärken." Islar-Mdma verfärbte sich bei diesen Worten. Rammannarari aber, der sein Erschrecken sah, fragte spöttisch „Dir graut wohl vor meinen Sängerinnen?" „Meine Glieder sind weniger stark als die deinigen," erwiderte der Oberpricstcr. „Ich zittere, wenn ich deine Frauen höre." Die Antwort gefiel dem König. Stark und gesund wollte er sein, obwohl er am Grabe stand, „Du bist der einzige, der um mein Geheimnis weiß," sagte er befriedigt, „und ich erspare dir, mir unter dem Palast Gesellschaft zu leisten," X. Achardise erhob sich von seinen Knien, als der Leibarzt des Königs in seine Zelle trat. Es war noch früh am Morgen, und den dürftigen Raum erhellte nur ein mattes Zwielicht. Der Besuch des Leibarztes war indes nur von kurzer Dauer; denn seine Hoffnung, von Achardise einen wirksamen Rat zu erhalten, erfüllte sich nicht. Als Rammannarari erfuhr, daß Esther geflohen sei, bekam er einen Wutanfall, der ihm fast das Leben kostete. Dann lag er wie gelähmt auf seinem Lager. Dabei zeigte sein Gesicht eine bläuliche Farbe, die Brust war geschwollen, der ganze Körper wie mit Pocken bedeckt. Die Acrzle standen vor einem Rätsel, auch der Leibarzt. Ohne jemanden etwas zu sagen, ging er heimlich zu Achardise. Er schilderte diesem den Zustand des Königs, verschwieg aber die Ursache der Erkrankung, die er für eine besondere Art von Aussatz hielt, Achardise aber erwiderte: „Es ist kein Aussatz. Es ist auch keine Krankheit des Leibes. Die Hand des Judengottes hat den König geschlagen." „Und dir hat er den Geist verwirrt," rief der Leibarzt zornig. „Sonst würdest du den König heilen und dein Leben retten." Bald aber verbreitete sich die Kunde von der Erkrankung des Königs und dem Aüsspruche Achardises in der Stadt. Das Volk rottete sich zusammen und verlangte die Auslieferung des Unglückspropheten. (Fortsetzung folgt.) Baumkuchen 2 Torfen # Feingebäck j mit garantiert reiner Naturbutter I für alle Festlichkeiten S liefert frei Haus 0121 IfMCUCI 1 KemlüereiPättlildliler 1 Ü nimrnimmnHmtHmiiiitimmmmiiiiiiiitutminmmuiiiiiiiiiiiimuimimiiiiiiiiiiinniimimitiu W 1 Gegründet 1827 § | Berlin NW6, Albrechtstr. 19 1 | Telephon: Norden 8011 | ImniKinuituiiiiiniiumnitiiiiiytiitiiHiimmHttaatiHnHtiituttmitmitiiinmiRimmiiifltnuutmiHHimuflHitfniiiisB