Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-11-06 · 45 (6.11.1925) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
45 (6.11.1925)
Date
1925-11-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613833--1558-2618933
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Der Unglücksprophet. Erzählung aus der Zeit des Propheten Jonas. Von Hans Janson. (Fortsetzung) HI. Frau Amat-Sula hatte ein böses Vorzeichen, als sie spät in der Nacht ihr Gemach betrat. Ihr Omenhund lief ihr voran und legte sich auf ein Polster. Wenn das ein ganz gewöhnlicher Hund tat, bedeutete es Unfrieden, Zank und Streit. Wenn das aber ein wohlerzogener Omenhund tat, schwebte geradezu ein Unheil, ein Verhängnis über dem Hause. Und das Viehchen streckte sich, leckte der erschrockenen Herrin die Hand, als wolle es sagen: „Bliebst du lang71 Alle haben mich vernachlässigt. Auch Beidur, der mich in Obhut nehmen sollte." Beidur? Erst jetzt besann sich Frau Amat-Sula, daß sie ihn nur flüchtig gesehen hatte. Sie wandte sich nach dem Eingang, um eine Dienerin nach ihm zu schicken. Aber, als habe Beidur diesen Befehl erwartet, trat er in demselben Augenblick ein, als die Dienerin sich entfernte. „Wo warst du?" empfing ihn Frau Amat-Sula, noch erregt von den bösen Vorzeichen. „So lange?" „Ich habe den Bericht deines Sohnes gefälscht, und das braucht Zeit." Der Ton, in dem Beidur die Worte sprach, veranlaßt« Frau Amat-Sula, ihn aufmerksamer zu betrachten. Dann erbleichte sie. War das der kriechende Mensch, den sie in ihr Haus nahm, der da lächelnd, mit der reichberingten Hand den dünnen Bart streichelnd, vor ihr stand? „Wo ist der Bericht?" fragte sie ebenso zornig wie erschrocken. „Auf dem Wege zu Istar-Iddina," erwiderte Beidur gelassen. Dann erstaunte er aber doch, als Frau Amat-, Sula, ohne ein Wort zu sagen, an ihm vorüberging. * » * Achardise war kaum überrascht, als seine Mutter noch tief in der Nacht in seine Bibliothek trat. Das geschah oft, wenn draußen ein Unwetter war wie heute. Frau Amat- Sula, sonst eine mutige und entschlossene Frau, fürchtete sich vor dem Gewitter. Deshalb fragte Achardise auch nicht, was sie so spät noch zu ihm führe, und deshalb war er bestrebt, das Buch, in dem er soeben las, auf die Seite zu schieben, ehe die Mutter den Titel lesen konnte. Aber Frau Amat-Sula schien in dieser Nacht keine Gewitterfurcht zu kennen. Scheinbar ruhig fragte sie den Sohn: „Du liest wieder den großen Sintflutbericht?" Achardise wies auf den Titel des Buches: „Offenbar sei dir Izdubar, die Kunde meiner Rettung." „Es ist eine seltsame Schrift für diese Nacht," sagte Frau Amat-Sula, nahm die vierte Tafel des Buches und las. In Wahrheit aber waren ihre Gedanken anderswo. Beldurs Sicherheit hatte sic zu Tode erschreckt. Noch aber wußte sie nicht, wie sie ihrem Sohne von Beldurs Absicht, Istar-Iddina, dem Feind ihres verstorbenen Mannes, zu dienen, Mitteilung machen sollte. Nur eines stand bei ihr fest, Achardise durfte niemals erfahren, daß sie seine Berichte durch Beidur fälschen ließ. Frau Amat-Sula griff nach einem andere« Buche. Es war ei« bekanntes astrologisches Werk mit dem Titel: „Als die Götter Anu, Hu." . „Auch darin, solltest du lesen, um eine Deutung für das Erscheinen des seltsamen Fisches zu finden," sagte sie mit sanftem Vorwurf, indem sie die Hand auf die Schulter des Sohnes legte. Achardise seufzte. Dann sagte er: „Aus diesem Buche hat mein Vater dem König ein großes Land verheißen, und sein Wort hat sich erfüllt. Ein Krieg stand aber damals bevor, und mein Vater glaubte an die Macht und den Sieg der Assyrier. Kann das der Sohn vom heutigen Ninive?" „Warum nicht, Dise? Ist Rammannarari nicht mächtig, sein Reich zu vergrößern? Dehnte er es nicht aus bis an dieses Meer? Alle Könige des Landes Kaldi zahlen ihm Tribut. Alles Land zur Linken des Euphrat bis an die Küste des Westmeeres unterwarf er. Ungeheure Beute führte er aus Damaskus fort. In Calach, der alten Königs« stadt, verkündet die Statue des Nebo seinen Ruhm. Babylon und die Grenzprovinzen wagen keine Erhebung. Ist es nicht klug, einem Mächtigen ein fremdes Land zu verheißen? Dazu ein Land, das er haßt?" „Mutter," erwiderte Achardise ernst, „ich würde nie vergessen, daß ich durch meine Lüge Verderben über ein Volk gebracht hätte. Zudem zweifle ich, daß mein Wort Erfüllung fände. Der Gott, der sein Volk Israel bisher so wunderbar führte, wird es in der Stunde der Gefahr nicht verlassen." Frau Amat-Sula machte eine ungeduldige Handbewegung. Was liegt dir am Glück oder Unglück der Juden? Du bist ein Assyrier. „Und Mensch, Mutter." „Ja, ein sehr törichter Mensch, der, an andere denkend, in sein eigenes Verderben rennt. Du warnst das Volk von Ninive vor seinen Lastern. Es wird dich steinigen, wenn der König seine Hand von dir nimmt. Und Rammannarari? Deine Warnungen waren ihm schon einmal lästig. Vergiß das nicht. Vergiß nicht, daß du eine Mutter hast, die dir näher steht als alle. Näher als deine Freunde, denen du blind vertraust. Aber weißt du auch, daß dein Vertrauen dein ärgster Feind ist?'' Achardise hob bei den letzten Worten den Kopf. Es war das erstemal, daß ihn seine Mutter vor seinen Freunden warnte. Früher hatte sie geklagt, daß er den Umgang mit seinen Altersgenossen in Ninive mied. Meinte sie Beidur? Er sprach die Frage aus, langsam, als fürchte er die Antwort. Er hatte Beidur viel vertraut. War es möglich, daß ein Mensch ein solches Vertrauen mit Verrat vergalt? Frau Amat-Sula nickte, Sprechen konnte sie nicht; denn sie wußte, daß Achardise nichts schwerer ertrug, als betrogenes Vertrauen. Draußen krachte noch immer der Donner, rauschte der Regen. Das Licht im Gemach brannte klein und trübe. Achardise hatte das Gesicht in den Händen vergraben, und seine braunen Locken fielen wirr über die schlanken Finger. Frau 'Amat-Sula atmete kaum. So tief hatte sie sich die Erschütterung ihres Sohnes doch nicht gedacht. War denn sein Verhältnis zu Beidur ein herzlicheres gewesen als sie ahnte? Endlich ließ Achardise die Hände sinken und zeigte der Mutter ein bleiches aber ruhiges Gesicht, als er sagte: „Du hast eine Wohnung im Gebirge, Mutter. Dahin ging der Vater oft, wenn er Nachdenken wollte. Auch ich liebe den Ort und habe ihn noch wohnlicher gestaltet, als es der Vater tat. Ja, Mutter," fuhr er erregt werdend fort, indem er sich erhob, „mit kluger Berechnung habe ich es getan, das Gebirgshaus zu einem Zufluchtsort für dich gemacht, den auch Beidur nicht findet. Ich wußte, daß der Tag kommen mußtd, da ich dich bitten würde: Fliehe ins Gebirge!" Mit lauterer Stimme, immer aber mit abgewandtem Gesicht und nach dem Fenster blickend, fuhr er fort: „Nun aber weiß ich die Wahrheit, weiß sie so deutlich, als hätte ich wirklich die Gabe, Verborgenes zu sehen, wie der König vom Sohne Isidinabus erwartet. Beidur hat meine Berichte gefälscht, vielleicht anfangs aus edlen Beweg-, gründen, dann aber —" Erschrocken war Frau Amat-Sula einen Schritt zurück-, gewichen, als Achardise von den Fälschungen sprach. Einen Augenblick sah Achardise die Mutter an. Dann war es, als zuckte sein Gesicht unter einem schrecklichen Verdacht. Sollte die eigene Mutter ihm einen Fälscher zum Freunde gegeben haben? Aber gewaltsam schüttelte er den Gedanken, den er nicht denken durfte, von sich ab. „Mutter," sagte er gepreßt, „auch wenn ich die falschen Berichte anerkennen wollte, was ich aber nicht kann, es ist zu spät. Will Beidur mich beim Könige verderben, so retten mich die Berichte nicht, wenn er auch verschweigt, daß sie falsch sind- Es rettet mich keine Weissagung mehr, und wenn sie Rammannarari den Erdball verhieße." Frau Amat-Sula trat näher. Unter der Bronzefarbe ihres Gesichtes war sie bleich geworden. „Unseliger!" stieß sie hervor, „Was hast du getan?'4 „Ich habe ihm vertraut, weil du ihn des Vertrauens würdig hieltest, Mutter." Diese Antwort, ganz absichtslos gegeben, verwirrte Frau Amat-Sula einen Augenblick. Dann fragte sie fast flüsternd: „Was hast du ihm gesagt?" „Was ich ihm sagte, Mutter, weiß ich nicht mehr. Aber von den Zweifeln meines Herzens sprach ich viel mit ihm. Ich redete von meiner Sorge um Ninive, von dem Verderben, das über die Stadt des Lasters kommen werde.'* „Unglück vermagst du zu weissagen," erwiderte Frau Amat-Sula bitter. „Tor, der du dein Heil verkennst!" „Es ist keine Weissagung, Mutter. Nur eine natür* liehe Folge des Lasters, eine — „Genug davon,“ unterbrach ihn die Mutter schroff. „Statt an die Folgen, die das Laster den Menschen bringt, solltest du an deine Mutter denken." „Mutter!" (Fortsetzung folgt.) _ grataw M Aufruf Als wir im Jahre 1922 zum ersten Male das deutsche Judentum auf* riefen, am Aufbau Palästinas teilzunehmen, galt es, von dem einigenden Gedanken, der von Palästina ausgeht, trotz der Ungunst der Verhältnisse (das deutsche Judentum nicht auszuschließen. Wir wußten, daß unsere materielle Leistung zunächst geringer sein würde als der ideelle Wert unserer Teilnahme am gemeinsamen Werke. Unser Ruf fand Widerhall. Wir gewannen immer neue Freunde; es gelang uns, die alten festzuhalten, und heute können wir feststellen, daß das deutsche Judentum auch materiell einen seiner Bedeutung entsprechenden Anteil beisteuert. , In schnellem Tempo entwickelt sich das jüdische Palästina. Statt mit; 500 Einwanderern im Monat im Jahre 1922, haben wir es heute mit über 3000 im Monat zu tun. Gab es früher trotz geringer Einwanderung Arbeitslosigkeit, so vermag jetzt die Verwaltung die wirtschaftlichen Möglichkeiten so auszunutzen, daß fast alle Immigranten ihren Platz im Lande finden. Palästina ist das wichtigste Einwanderungsland für Juden geworden, nachdem alle anderen Länder, denen sich der Strom der jüdischen Wanderung zuwandte, ihre Pforten geschlossen haben. Und dieser Drang nach Erez Israel wird sich von Monat zu Monat stärker bemerkbar machen, auch wenn alles versucht und hoffentlich erreicht wird, um die Lebensbedingungen der Juden in ihren Wohnländern durch Berufsumschichtuug zu bessern. Unerschütterlich ist unsere Leb er zeugung, daß die Kolonisation Palästinas durch jüdische Menschen die wichtigste Aufgabe der jüdischen Gesamtheit darstellt. Eine Auslese bester Elemente, die aus eigenem Drang den Weg nach Erez Israel finden, gibt uns die Garantie dafür, daß dort die geistig kulturelle Entwicklung der Juden aufs neue der Welt zeigt., was jüdische Hingabe vermag und was im Geistigen und Sittlichen als echt jüdisch zu betrachten ist. Die Grundlage solcher Palästina-Siedlung kann nur die Landwirtschaft sein. Was wir heute tun, um den Boden Palästinas der Landwirtschaft zu erschließen, den Lauf der Gewässer zu regeln, das Land zu assanieren, alles dient dem großen Ziele, eine Renaissance jüdischen Geistes und jüdischen Lebens herbeizuführen. Der wirtschaftliche Unterbau sichert die lebendige Entwicklung der hebräischen Sprache, wird begleitet von einem weit verzweigten Schulwerk und gekrönt durch die in Gründung begriffene Universität. Die Arbeit für den Keren Hajessod besteht daher nicht nur in der Beschaffung der Mittel, sondern in einer ununterbrochenen gedanklichen Darstellung der Bedeutung eines neuen jüdischen Palästinas für die jüdische Welt und die ganze Menschheit. Das Präsidium des deutschen Keren Hajessod (Jüdisches Palästina- Werk) E. V. hält es daher für seine Pflicht, immer wieder an die deutsche Judenheit her anzu treten und die mit dem Palästina werk zusammenhängenden geistigen und wirtschaftlichen Fragen mit den Mitgliedern des Eeren Hajessod zu erörtern. In seiner Sitzung vom 24. Oktober 1-25 hat das Präsidium des Keren Hajessod beschlossen, die Landesversammlung des Keren Hajessod für Sonntag, den 17. Januar 1926 nach Berlin eiazuberufen. Wir erwarten, daß alle Mitglieder des Keren Hajessod sich ihrer Pflicht auch weiter bewußt bleiben und alles tun werden, um unserem Werk neue Freunde zu werben. Unser Ruf geht an alle Juden in Deutschland. Dir. Alfred Apfel, Berlin, Willy Dröyfuß, Frankfurt a, M. Das Präsidium des Keren Hajessod (Jüdisches Palästinawerk E. V.) Oscar Wassermann, Berlin, Eugen Landau, Di. Arthur Hantke, Berlin, Berlin, Kurt Blumenfeld, Rabbiner Dr. Leo Baeck, Dr. Arnold Barth, Berlin, Berlin, Berlin, Professor Carl Lewin, Alfred Lisaer, Berlin, Hamburg, Justizrat Ludwig Gabens Köln a. EL Fritz Sondheimer, Frankfurt a, M. 447^28674442044454^188982725^72^299924^53595553441868564807^88254446461992824252039024^4877199972551351548999553429^415^54779358524238955567902^3844424294801^^00818464459289088871262^96^88815^ 4107^8698630^^^700^473374875

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.