Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 44 (30.10.1925)
- Date
- 1925-10-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWUWWWWV Der Unglücksprophet. Erzählung aus der Zeit des Propheten Jonas; Von Hans Janson. (Fortsetzung) Wie Frau Amat-Sula, so hielten auch sie das Ungeheuer zunächst für eine Insel, die plötzlich aus dem Meere aufgetaucht war, wie es nicht selten geschah. Dann bewegte sich das Riesentier, hob den gewaltigen Kopf über die Wellen, und sie erkannten ganz deutlich die hoch auf dem Scheitel gerückten Nasenlöcher, die sich zu einem halbmondförmigen Spritzloch vereinigten. Merkwürdigerweise aber schleuderte das Tier kein Wasser von sich, wie es diese Gattung der Meerungeheuer, die Achardise im großesLMeer, in dem die Stadt Sidon liegt, wenn auch kleiner, gesehen hatte. Als das Tier näher kam, sahen sie auch deutlich die kleinen, an den Mundwinkeln stehenden Augen. „Jedenfalls“, sagte Beidur zum Freunde, als sie gegen Abend von der Sternwarte hinabstiegen, „mußt du dem König das Erscheinen des unbekannten Fisches melden.“ „Ich habe nur über den Lauf der Gestirne zu berichten,“ erwiderte Achardise, dessen bartloses, scharfgeschnittenes Gesicht sich bei den Worten Beidurs verfinsterte. „Der König, unser Herr, erwartet, daß du ihm alles berichtest, was von Bedeutung ist,“ sagte Beidur scharf, sodaß Achardise, der auf der abwärtsführenden Rampe voranschritt, überrascht stehen blieb und dem andern ins Gesicht blickte. „Was hast du, Beidur?“ fragte er dann, weitergehend. „Ich wollte dich an deine Pflicht erinnern,“ entgegnete dieser in weniger scharfem Tqne. „Du hast einen Fisch von auffallender Größe gesehen, weißt nicht, zu welcher Gattung er gehört und willst dem König sein Erscheinen verschweigen? Ist es nicht bedeutsam, daß du ihn zunächst für eine Insel, also für Land hieltest?“ Achardise gab keine Antwort und Beidur fuhr fort: t,Auch andere haben den Fisch wahrscheinlich gesehen und ihn gleichfalls für ein Land gehalten, das natürlich dem König gehört wie das Meer. Ein kluger Deuter wird sich freuen über den Bericht, den er nach Ninive senden kann.“ ' Beidur hatte mit Eifer gesprochen. Achardise blieb wieder stehen und sah dem Freunde in das blasse, von schwarzen Brauen belebte Gesicht. „Ich wäre begierig, welche Deutung ein kluger Mann dem Erscheinen des Fisches geben würde. Und du bist, ganz ohne Schmeichelei, ein sehr kluger Mann. Was aber mehr ist, du bist ein guter Freund, der immer und immer an den Vorteil des Freundes denkt. Und — was würdest du Rammannarari schreiben?“ „Willst du es wissen?" „Warum nicht? Schlimmes wird es nicht sein.“ „Aber meine Deutung wird dich kränken,“ „Sprich nur. Ich werde nicht vergessen, daß es nur eine Deutung und keine Wahrheit ist. „So höre,“ entgegnete Beidur, „was ich nach Ninive berichten würde: Das Ungeheuer, das wir sahen, hielten wir zuerst für Land. Dann hob es den Kopf und wir erkannten, daß es ein Fisch war, wie sie im Me-re Sidon leben, nur größer. Am Meere Sidon aber wohnen Menschen, die der König haßt. —; Willst du, daß ich weiterrede?" „Sprich nur, ich weiß schon jetzt, daß ich dem Könige in deinem Sinne nicht berichten werde. Es liegt mir fern, ein Volk zu verachten, weil es vom Fischfang lebt.“ „Nun hat dich meine Deutung doch gekränkt.“ „Ich kenne sie nur halb. Laß mich wissen, was das Volk der Juden von dem Erscheinen des Fisches zu befürchten hat, wenn ein kluger Deuter, wie du sagst, dem König in deinem Sinne berichtet." „Nun, ganz einfach," erwiderte Beidur kalt. „Ein kluger Deuter wird dem König schreiben: Der Fisch, den ich für Land hielt, bedeutet das Land der Fischer am Meere Sidon. Es wird kommen an die Grenze deines Reiches und Assyrien vergrößern." Die Freunde hatten jetzt die Plattform der obersten Terrasse betreten und standen am Sommerhaus, als Achardise mit großem Nachdruck sagte: „Höre, Beidur, wenn dieser Fisch vom Meere Sidton das Land der Juden bedeutet, dann müßte Ninive im1 Bußkleid sich erheben und ihm wie einem Gesalbten entgegengehen." Beidur zuckte die Achsel. Dann sagte er: „Ich will den Sklaven die Abendbewässerung befehlen, während du deinen Bericht schreibst. Nachher will ich ihn mit meiner Säure härten, denn mir dünkt, er hat noch Wert für kommende Geschlechter.“ * # Das Zimmer, das Achardise wenig später betrat, war ein einfacher Arbeitsraum, wie ihn auch die Könige neben ihren Prunksälen liebten. Die glatten, schmucklosen Wände zeigten keine Arabeskenverzierung, nur oben und unten je einen breiten schwarzen Rand. Die Decke war durchbrochen und mit einem weitmaschigen Holzgitter versehen, um Luft und Licht einzulassen. Der Boden bestand aus festgeschlagener Tonerde. Was aber außer der denkbar einfachen Einrichtung des Gemaches am meisten befremdete, war das gänzliche Fehlen von astrologischen Instrumenten, die sich alle im Arbeitszimmer Beldurs befanden. Ein hohes Gestell, vom Fußboden bis zur Decke reichend, enthielt dagegen eine Menge Tontäfelchen, von denen stets mehrere zusammengebündelt waren und ein Buch bildeten. Manche dieser Bücher bestanden aus siebzig und mehr Tafeln. Neben diesem Gestell stand ein luftdicht verschlossener Behälter, der Tontafeln zum sofortigen Gebrauch enthielt. Sie waren feucht und weich und ließen sich mit einem/Elfenbeingriffel leicht beschreiben. Achardise ließ sich auf ein Ruhepolster nieder, nahm ein elliptisch geformtes Brett auf die hochgezogenen Knie und schrieb in eines der weichen Tontäfelchen an den König: „Dem Könige, meinem Herrn, Dein Diener Achardise. Friede dem Könige, meinem Herrn! Mögen Nebo und Merodach dem Könige, meinem Herrn, gnädig sein. Lange Tage, Gesundheit des Leibes und Freude des Herzens mögen die großen Götter dem Könige, meinem Herrn, gewähren.“ Achardise überlas die wenigen Zeilen. Nein, er hatte nichts versäumt. So wie er geschrieben, so hatte schon sein Vater die Berichte an dep König eingeleitet, mit einer Anrufung der Götter, der niemand eine Bedeutung heimaß. Warum sollte er es ändern? Achardise schrieb weiter: „Am 27. v. M. ist die Mondstellung aufgenommen worden. Am 28., 29. und 30. v. M. stellte ich Beobachtungen, wegen der erwarteten Sonnenfinsternis an. Die Sonne trat indes nicht in den Schatten. Am 1. und diesen ganzen Monat Sebat (Januar) hindurch war der Mond bei Tag über dem Merkurius sichtbar, worüber ich bereits dem Könige, meinem Herrn, berichtet habe. Während der fünf Tage, in welchen der Mond Anu heißt (vom 1. bis zum 5.), erschien er abnehmend im Bering des Sternes Himmelsschäfer. Des Regens wegen ließen sich die Hörner nicht klar erkennen. Demgemäß habe ich während der gedachten fünftägigen Periode, worin der Mond Anu heißt, dem König, meinem Herrn, über seine Konjunktion bereits Bericht erstattet. Er stand deutlich sichtbar unter dem Stern Denebola. Während der fünftägigen Periode, in welcher der Mondlauf'Bel heißt (vom 10. bis 15. Tag), ist derselbe bestimmt worden. Er nahm seinen Lauf um den Stern Denebola. Seine Konjunktion damit kam nicht zustande, jedoch seine Konjunktion mit Merkurius, welche in die fünftägige Periode Anu fiel, und worüber ich dem Könige, meinem Herrn, bereits eigenen Bericht erstattet habe, war nicht gehindert. Möge der König, mein Herr, Frieden behalten!" Die Vorderseite des Täfelchens war mit diesem ziemlich umfangreichen Bericht noch nicht ganz gefüllt, da sich in den Keilschriftzeichen auf kleinem Raume sehr viel aüsdrücken ließ. Dennoch schrieb Achardise als Gustos für ein zweites Täfelchen in die Ecke: „Weiter habe ich dem König, meinem Herrn, zu berichten:“ Die gleichen Worte setzte er an den Anfang des zweiten Täfelchens und fuhr fort: „Ein riesiges Ungeheuer, das ich zunächst für eine über Nacht entstandene Insel hielt, und das sich vermutlich vom Meere Sidon in das Meer des Königs, meines Herrn, der es eroberte und zur Grenze seines Reiches machte, verirrte, sah ich. Das Meer war windstill, aber die Wasser gingen hoch. Noch ehe Lamas erwachte, war es heiß wie um Mittag. JJm diese Zeit aber verfinsterte sich die Sonne, ein schwefliger Schein, der dennoch alles deutlich erkennen ließ, trat an ihre Stelle. Das Ungeheuer lag ruhig auf dem Wasser. Dann aber bewegte es sich landwärts. Plötzlich hob es den Kopf und stand eine Zeitlang auf den Hinterflossen. Es hatte, wie ich deutlich sah, eine runzelige, fast körnige Haut, scharfe, nach hinten gerichtete Stacheln und, wenn mich der Schatten, der plötzlich über das Ungeheuer hinfiel, ehe es versank, nicht^täuschte, zwei Rückenflossen; demnach war es ein Tiger des Meeres (Menschenhai). Dieser Annahme aber .widersprechen die hoch auf den Scheitel gerückten Nasenlöcher, die sich zu einem halbmondförmigen Spritzloch vereinigten, und die kleinen, an den Mundwinkeln stehenden Augen des Riesenfisches, obwohl auch dieser in einer Größe von fünfzig bis sechzig Ellen nicht Vorkommen soll. Vielleicht ist es darum eine Art von Menschenhai und RiescÄisch, die ich nicht kenne. Die seltsamen Naturerscheinungen aber, ich meine das Verfinstern der Sonne,’ ein leises Beben der Erde, die Unruhe des Wassers und das Aufleuchten des Schwefellichtes, bestimmten mich, dem Könige, meinem-Herrn, das Auftauchen des unbekannten Fisches zu melden, Möge sein Erscheinen für den König, meinen Herrn und das Land Gutes bedeuten." Achardise schob den Elfenbeingriffel, mit dem er den Bericht geschrieben hatte, in den Gürtel seiner Tunika und überlas die Tafeln. Dann siegelte er sie und legte sie in eine fensterartige Oeffnung dicht unter der Decke, damit die Luft sie antrockne. Fast in dem Augenblicke, als dies geschah, trat Beidur ein. Es war, als habe er, hinter dem Türvorhang stehend, gewartet, bis Achardise den Bericht beendet und gesiegelt hatte. Mit lebhafter Freude meldete er nun die Ankunft der Frau, Amat-Sula und fügte, als eben ein mit Seesalz vermischter Windstoß in das Gemach strich, hinzu: „Die Bewässerung habe ich einstellen lassen. Der Himmel wird die Arbeit der Sklaven besorgen." Achardise aber sagte verweisend: „Sprich nicht so. Es ziemt dem Menschen nicht, das Wirken der Gottheit mit dem Händewerk des Sklaven zu vergleichen.“ „Nun denn," entgegnete Beidur mit spöttischem Lächeln, „so will ich deine Tafel brennen, daß sie ewig dauern — ein Menschenwerk mit Götterleben.“ Beidur war allein. Wie Gier und Heißhunger zuckte es in seinem gelblichen Gesicht mit dem dünnen schwarzen Bart. Aber er bezwang sich, bis Achardises Schritte verklungen waren. Dann sprang er auf das Polster, um nach den Tontäfelchen zu greifen, denn er war kleiner von Gestalt als Achardise, Ohne sich Zeit zu nehmen, von dem Polster hinabzusteigen, begann er zu lesen. Aber je weiter er las, desto enttäuschter wurde sein Gesicht. War das der Bericht, den er in Stein brennen wollte, damit er ewig daure? Länger, umständlicher als sonst, hatte Achardise berichtet. Was er ehedem nie getan; er knüpfte einen Segenswunsch an den sachlichen Bericht. Warum? Sagte ihm die innere Stimme, von der er so gerne sprach, daß er hier etwas von sich selbst opfern müsse, weil es das Volk der Juden galt? Beidur lachte bitter. „Das .Volk der Juden ist dein Grabstein, und das Mädchen aus dem Hebräerland dein Sarg.“ , , Beidur las den Wunschsatz der zweiten Tafel noch-, mals. Ehe er ihn fälschte, dachte er nach. Warum war er Achardise in die Einsamkeit gefolgt? Und warum war ihm diese Einsamkeit mit einem Mal ver-. haßt, nachdem er gefunden, was er suchte? Beidur nahm ein Täfelchen aus seinem Gurt, steckte es zwischen Daumen und Zeigefinger der beiden Hände und begann es zu biegen. Dann rollte er es mit der flachen Hand über das Knie. Es ließ sich biegen und beugen, aber, es zerbrach nicht. Beidur lachte. Das war es, was ihm die Einsamkeit verhaßt machte, die Einsamkeit, von der er einmal die Erfüllung seiner Träume erhofft hatte. Gefunden, was er suchte. Was galt ihm nun Achardise? Der Einladung der Frau Amat-Sula waf er mit dem Gedanken gefolgt, die hohe Stellung, die .Achardise infolge seiner Geburt bekleidete, für seine ehrgeizigen Pläne auszunutzen. Und der Ehrgeiz war es, der ihn zum tüchtigen Menschen, zugleich aber auch zum Verräter und zum Fälscher machte. Er stammte aus einer angesehenen, aber armen Familie. Sein Vater war Priester der niederen Aemter und hatte zahlreiche Kinder. Er gab ihnen das Beste, das er ihnen geben konnte — ein tüchtiges Könn&n. Beidur war ein Meister der Siegelzylinder und der Schreibkunst, schon in jungen Jahren. Bereits mit 16 Jahren war er Schreiber in der Bibliothek zu Ninive. Und hier trat der falsche Ehrgeiz in sein Leben. Die Höchstgestellten bedurften seiner Kunst. Warum sollte er nicht sein, was sie waren? Er erwarb sich etwas Reichtum, aber sein Ehrgeiz verlangte nach einer Stelle am Königstor. Zunächst'waren auch die Fälschungen, die er in» Sinne der Frau Amat-Sula besorgte, wirkliche Studien für ihn. Seine Schreibkunst kam ihm vortrefflich zustatten, und für den ersehnten Beruf als Omendeuter gab ihm Frau Amat-Sula Winke, die der Vater Achardise mehr auf seine Frau als den Sohn vererbt zu haben schien. Ja, die Fälschungen waren so sehr im Sinne des verstorbenen Isidnabus, daß Istar-Iddina, der Oberpriester, mit Beidur, den er von seinem Bruder, dem berufenen Verfertiger der, Königszylinder, her kannte, in Verbindung zu treten be-. schloß, . Nun stand Beidur an dem Punkte, wo er sich fragte: Ist es ratsam, Achardise die erlogene Freundschaft zu bewahren. oder ist es klüger, dem Oberpriester, dem Herrn der Omendeuter, zu dienen? Er entschied sich für Istar- Iddina. Wie aber sollte er sich nun verhalten? Wie war es möglich, die Berichte des Achardise zukünftig so zu fälschen, daß der Uebergang von den guten zu des schlechten nicht zu schroff erschien? Darum die Enttäuschung, als er die letzte Tafel las. Was ließ sich daran ändern? Beldurs Augen blieben an dem Schlußsatz haften: „Möge sein Erscheinen für den König, meinen Herrn, und das Land Gutes bedeuten!“, las er mit halblauter Stimme, Im nächsten Augenblick furchte der Griffel in der noch weichen Tafel. Beidur hatte gefunden, was den Freund verderben konnte. (Fortsetzung folgt.) Kalendarium für die Zeit dam 3i.iv. d. 7.11.1925. Oktober 182» Cheschwau 8888 Sonnabenö 31. 13. Wochen-Abschnitt: Lech l'cho (1. B. M. Kapitel 12—17) November. 1825 Haftaratz: Jefaia 40 (27-81), 41 (1—18) Sonntaa 1. 14. Montan 2. 16. TaniI Scheut II Dienstag 3. 16. Mittwoch 4. 17. , Donnerstag 5. 18. Freitag 6. 19. - Sonnabend 7. . 20. -Wochen-Abschnitt: Wajero (1. B. M. Kapitel 18—22) Haftarah: H. Könige 4 (1—37) Sabbat-Ausgang: flll cebr: KÖNIGSTR. ECKE SPANDAUERSTR Vom Montag, den 2., bis Sonnabend, den 7. rot. 6 billige Strumpf tage Zn je 2 Paar Strümpfen 1 Stück echte Grumachs Speaial-Strnmpfseife kostenlos« Das Beste zum Wasoben feiner Strnmpfgewebe.