Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 44 (30.10.1925)
- Date
- 1925-10-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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^WWWWWWW»- W'.111 >W«>!WWWWWWWW> t Erkennen können, wo Deine Schwestern von heute, vom Jahre 6686, noch nicht einmal alle darum wissen? — Deine Schwestern, die doch den Weltkrieg erlebt haben. Die Fried-> rich Hebbel, den Ausbeuter, den heutigen Menschen erlebt haben sollten, der der Witfrau aus Bethulien, Judith, deiner betriebsameren Schwester, zurief, daß „das Meid Männer gebären, nicht Männer töten" solle.) . # » * Mutig, aufrecht, bekennerhast hingegeben dem Werk und darüber Dich selbst vergessend, so magst Du, Esther, stehen als «in Vorbild der jüdischen Frau von heute. Clementine Krämer, München. Die unbenannte $tm Sprüche 81, 10—81. Der Dichter besingt das brave Weib: höher denn Perlen ist ihr Wert. In treuer Liebe ist sie ihrem Manne zugetan; mit unermüdlichem Fleiß schafft und wirkt sie; in tätigem Erbarmen nimmt sie sich der Armen und Dürftigen an; mit klugem Weitblick sorgt sie für Glanz und Würde ihres Hauses; lernend und lehrend ist sie auch geistige Führerin. „Es treten ihre Söhne auf und preisen sie, Und ihr Mann rühmt sie. Viele Frauen haben sich brav erwiesen; Du aber gehst über alle. Nichtig ist die Anmut und eitel die Schönheit; Ein Weib, das den Herrn fürchtet, verdient Lob. Gebet ihr von der Frucht ihrer Hände; An den Toren rühmen sie ihre eigenen Werke." Von edlen, klugen, tapferen Frauen erzählt die Bibel, ln grauer Vorzeit und im hellen Lichte der Geschichte. Aber neben Großem und Gutem berichtet der Erzähler auch von Menschlichem, Allzumenschlichem, von Schwächen und Fehlern, die mehr oder weniger neben dem Glanze, der diese Frauen umstrahtt, als tiefe Schatten erscheinen. Das Ideal der jüdischen Frau sind sie wohl in Einzelzügen, nie als Ganzes. Anders der Spruchdichter. Er nennt keinen Namen, er bringt die Frau, die er malt, in keine Verbindung zu irgendwelchem Geschehen oder Erleben. Hoch über allen menschlichen Beziehungen und doch tief in ihnen wnrzelird, glänzend, ohne Schatten ersteht das Idealbild der jüdischen Frau, lieber die Jahrhunderte leuchtet es hin in die Gegenwart, mahnend und an feuernd, Weg und Ziel zugleich weisend; Höchstes fordert es stets aufs neue. Nicht als abstraktes Sollen, sondern als lebendiges, kraftvolles Müssen klingt es der Frau an jedem Freitag Abend aus dem Munde des jüdischen Mannes entgegen, wenn er gläubig mit den Worten des Spruchdichters dei^Sabbath begrüßt. Bertha Falke nberg, Berlin. Debora. Die Bibel erzählt: Debora saß unter der Palme zwischen Mama und Bethel, und die Kinder Israel kamen zu ihr hinauf vor Gericht. Wenige Worte zeichnen hier die Gestalt der Frau, die als Richterin in Israel gepriesen war. Debora waltete ihres Amtes in Zeiten der Not, in Kriegszeiten, und das Volk ehrte in ihr eine Prophetin. Welches ist die Tat der Debora gewesen? Als Barak im .-»Kampf gegen den Heeressührer Sisera erlahmt, da gibt < Dehora den Rat, auszuharren. Barak zögert und will, daß Debora mit ihm den Kampf wieder aufnehmen solle. Mer Debora will im Hintergründe bleiben: „Es wird dein Ruhm nicht sein, daß durch die Hand eines Weibes Gott den Sieg verschafft." Barak bleibt mutlos. Da zieht Debora mit hinaus, und sie erringt den Sieg. In begeisterlert Worten stimmt sie ihr Dankgebet an. In ihrem Siegeslied i st der Weckruf enthalten, der die innige Bezieh» n g der biblischer: Frauenge st alt zu der jüdischen Frau der Vergangenheit und Gegenwart begründet. „Aus, sei wach, sei wach, Debora, sei wach, sei mack) und sing ein Lied." In der Geschichte LeS Judentums ist btt alttestamentarische Gedanke, der in der Frau Ratgeberin und Erhalterin in Zeiten der Not preist, in die Erscheinung getreten. Ungezählte Male wiederholen sich jene trüben verwirrten Zustände, in denen das Volk unter dem Joch der Unterdrückung und Knechtung zusammenbricht. War dieser Weckruf hinter den Ghettomauern eingeschlafen? Die Ghettojüdin verbrachte ihr einförmiges Leben in Ausübung ihrer religiösen Pflichten und in der Sorge um Mann und Kind. Mer gerade in dieser Sorge liegt das ständige „sei wach" verankert. Schon an der Wiege des Kindes singt die Mutter jene ergreifenden Worte „Wie oft schon hat gehangen über dir das scharfe Schwert, wie oft tat man verlairgen, dich wegzusogen von der Erd'." Dieses Wörtchen „w i e o f t s ch o u" hielt und hält die Frau im Judentum wach. Die GHettojüdn: mußte gleich der Debora die Zeiten der Gefahr erkennen, um wachen Auges den Wog in eine neue Heimat zu suchen. Daß trotz des Bernichtun-gskampfes der Antisemiten daS Judentum sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat, begründet Nahida Ruth Lazarus in der Persönlichkeit der jüdischen Frau: „Es ist der jüdischen Frau gelungen, zur Erhalterin ihres Volkes zu werden: das soll ihr Ruhm sein, nicht nur in der Vergangenheit, sondern gerade in der Gegenwart und Zukunft." Der Geist der Debora lebt weiter in den Tagen der Gegenwart. Der aufreibende Kamps der Judenhasser läßt die jüdische Frau nickst zur Ruhe kommen. Nach wie vor ist es Aufgabe der Frau geblieben, auf die Worte der Bibel ihr Leben einzustellen. „Sie bewacht die Wege ihres Hauses, und Brot der Faulheit ißt sie nie." Debora singt am Schlüsse ihres Siegesliedcs: „An den Bächen Rubens, da wurden große Entschlüsse gefaßt. Warum saßest du zwischen den Hürden, horchtest auf die Schalmeien bei den Herden; an den Bächen Rubens da war große Beratung!" In eindringlichen Worten ergeht hier noch einmal der Weckruf und fordert zum Handeln auf. Debora selbst ist das treueste Vorbild des Handelns: Es ist wie eine neue Erfüllung des prophetischen Geistes der Debora, wenn in der Gegenwart die Frau nicht mehr abseits steht, wenn große Entschlüsse gefaßt werden. Frauenstimmrecht und Frauenleistung haben zu den großen Beratungen auch der Frau den Weg gebahnt. Im jüdischen Gomeindeleben ist jetzt das Mitbestimmungsrecht der Frau anerkannt. So wird der Geist der biblischen Frauengestalt der Debora in neuer Auswirkung auferstehen. Margarete Fried, Berlin. Ruth. Es erscheint beinahe vermessen, die hehren Frauengestalten aus den: Buch der Bücher, die seit Jahrtausenden aus lichtvoller Höhe aus die Generationen herniederblicken, zu einen: Vergleich mit der jüdischen Frau der Gegenwart heranziehen zu wollen. Die Frauen der Bibel haben nach vielfacher Richtung hin das Ideal des jüdischen Weibes geprägt, in ihnen lebten die Eigenschaften, die, wie es im Talmud heißt, ein „wackeres Weib zur Krone des Mannes" machten. Der Gedanke, ob dieses jüdische Frauenideal der biblischen Vergangenheit unserem Gegenwartsleben entspricht, die Bedeutung und Wertung der jüdischen Frau im Talmud, ihre Stellung innerhalb der Religionsgemeinschaft, die Errungenschaften aller Rechte im öffentlichen Leben, die ihr die Neuzeit brachte — all' diese Momente rechtfertigen vielleicht den Versuch, unsere biblischen Frauengestalten in Beziehung zur jüdischen Frau der Gegenwart bringen zu wollen. Da drängt sich zunächst die Frage auf: Hat sich das jüdische Frauemdeal gewandelt im Laufe der Zeiten? Nicht im Sinne äußerer Geltung, die ein Produkt historischer Entwicklung ist, sondern in der Auffassung ethischer Eigenschaften, die unsere Stamm-Mütter zu den Jdcalgestalten echt jüdischer Weiblichkeit stempelten. In Bibel und Talmud sehen wir schon die höchste Wertschätzung der Frau, allerdings nur innerhalbdes Hauses und in der Ausübung des häuslichen Berufes. >,$){< Weisheit btt Frau baut SaS Hau? und Torheil fif, ihren Händen zerstört es", heißt es im Talmud. Gefährtin -es Mannes, Mutter der Kinder, Hüterin des Hauses —• diese hohen Aufgaben kennzeichnen die Stellung der jüdischen Frau in frühesten Zeiten. Demut und Opferwilligkeit, aber auch hohe Klugheit und Güte, Mut und Tapferkeit, unerschütterliche Treue zum angestammten Glauben, tiefe , Frömmigkeit und Anhänglichkeit verbinden sich in den biblischen weiblichen Erscheinungen, die die Ueberlieferung uns nennt. Als lebendige Verkörperung die-ser Ideale taucht die Ltchdgestalt Ruths vor uns auf. In ihr sehen wir wohl eine der lieblichsten Frauen der Bibel, die treueste Tochter, die das wunderbare, an Hingebung unerreichte Wort sprach: „Wo D-u hingehst, da will ich auch hi »gehe», und wo Du bleibst,da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und Dein Gott ist mein Gott. Wo Du stirbst, da sterbe ich auch; da will ich auch begraben werden — nur der Tod soll mich und Dich scheiden." Und als Ruth die Aehren auf dem Acker des Goas sammelte, bewies sie ihre Liebe und Opferivilligkeit, ihre Reinheit und Tugendhaftigkeit'. Sie ist das Sinnbild treuester AnhäMlichkeit und rührender Innigkeit. Tie hohe Achtung, die hier dem treuen, opferbereiten Weibe gezollt wirb, drückt sich wohl bezeichnend in den Worten aus, die das Volk zu Naenü sprach, als Ruth dem Boas einen Sohn gebar: ,-denn deine Schwiegertochter, die dich lieb hat, hat ihn geboren, sie, die dir mehr wert ist als sieben Söhne." Ist es nun möglich, diese Lichtgestalt dem FrauentypuS unserer Zeit gegenüberzustellen? Vermessen wäre cs — denn Ideale bleiben unerreicht, sie schweben unö vor als leuchtendes Beispiel, ihnen nachzuahmen, nachzueifern in Erfüllung eigener Pflichten und Ausgaben. Jahrtausende find dahingezoge:: seit der Geschichte Ruths — und ihr Leben ist noch heute das Vorbild höchster Reinheit, weil ihre Ethik unerschütterlich ist. Die Zeiten und auch die Frauen innerhalb des Judentums haben sich gewandelt. Das Leben hat sie aus dem Hause in die Oeffentlichkeit geführt, die Frau ist nicht nur die Gefährtin des Mannes, sie ist ihm gleichgestellt in allen Rechten im öffentlichen Leben. Im Judentum ist diese Wandlung langsamer vor sich gegangen, und obwohl Reichstag, Landtag und Kommunen den Frauen aktives und passives Wahlrecht eingeräumt haben, stehen noch viele jüdische Gemeinde-Verwaltungen in Deutschland in dieser Beziehung zurück. Der Liberalismus hat allerdings nie gezögert, den Frauen Gleichberechtigung znzuerkennen. Ilnd in unserer neuen Zeit, in ihrer Zerrissenheit und Unruhe, in der Vielfältigkeit ihrer Aufgaben, in der Notwendigkeit ' einer: Beruf zu ergreifen, mußte notgedrungen auch ein neuer jüdischer Frauentypus entstehen, der nicht nur durch die Jahrtausende, sondern auch durch die Lebcnsanschannngen durch Welten vom biblischen Fraucnideal getrennt ist. Und doch — so weit cs scheint, so mcerestief der Unterschied auch ist — ein Gleiches ist geblieben zwischen der jüdischen Frau der Vergangenheit und der Gegenwart, ein Gleiches, das wir fcsthalten wollen mit allen Fasern unseres Herzens, um emporblicken^zu dürfen zu Ruths lichter Gestalt. Möge die jüdische Frau von heute kämpfen im öffentlichen Leben an der Seite der Männer, möge sie im Beruf stehen, eintreten für ihr Recht — sie erfüllt damit die Forderungen, die eine neue Zeit gebieterisch verlangt. Aber sie bleibe Frau, jüdische Frau! In dieser Tradition, in der Erhaltung unseres Glaubens, in. dem Fcsthalten au uns^tLr wunderbaren Religion, in der Treue an die Ucöerltcfa-^jff besteht die ewige Verbindung zwischen den jüdischen Fränsn der Vergangenheit und-Gegenwart, zwischen dem biblischen und dem neuen Frauentypus. Wir besitzen die hehren Vorbilder, die leuchtenden Frauengeftalten unserer Bibel, deren unwandelbar weibliche Eigenschaften unser Ideal bilden, ein Ideal, das auch die kühnsten Frauenrechtlerinnen anerkennen, das unerreicht, daher immer zu erstreben ist, ein Jdealtnpus, der für alle Zeiten gilt, weil er echt jüdisch und weiblich ist. v 1 Stephanie F'orchheimcr, Frankfurt a. M. \ vom 12. Lebensjahre ab zu Ostern eines jeden Jahres eine Kopfsteuer von drei Pences zahlen. Bon allen gewohnten Erwerbsquellen ausgeschlossen, verfielen die Juden auf ein anderes. Mittel. Sie beschnitten das Geld, ein Betrug, der nicht leicht zu entdecken war, so lange man erlaubterweise die Silberpfenuige in halbe und Viertel zerschneiden durfte. Wenn man nach der Strafe urteilt, so muß das Verbrechen damals allgemein unter ihnen gewesen sein. Alle verdächtigen Juden wurden an einen: bcstinunten Tage eingezogen, weil die Entdeckung des beschnittenen Geldes in ihren Wohnungen als Beweis gegen sie galt. Eine besondere Kommission war einige Monate mit der Untersuchung beschäftigt. 280 Männer und Frauen wurden in London und wohl ebensoviel in: übrigen Lande gehängt. Auch hier zog der König die Häuser und Güter der Hingerichteten ein. Noch immer hatten die Leiden des unglücklichen Volkes ihr Ende nicht erreicht. Im Jahre 1287 wurden an einem vorher bestimmten Tage alle Juden in England ohne Unterschied des Alters und Geschlechts ins Gefängnis geworfen, bis sie ihre Freiheit durch ein Geschenk von 12 000 Pfund Sterling an den König erkauften. Dann befahl ihnen dieser bei Todesstrafe, innerhalb von zwei Monaten das Land zu verlassen. Da wanderten 16 511 Menschen aus, denen der König freies Geleit und Mitnahme der nötigsten Reiseausrüstuna gestattete. Tie liegenden Güter, die Häuser und Guthaben nahm er für sich in Beschlag. Während der See- 'reise sollen noch viele Juden durch die Habsucht und den Hatz des Schiffsvolks umgekommen sein; allerdings sollen mehrere dieser Seeleute dafür wohlverdiente Strafe erhalten haben. Noch manche Klagen wurden unter Eduards Negierung gegen die Juden vorgebracht und recht häufig die altbekannte, daß sie Christenkinder kreuzigen. Man merkte bald, daß es bösartige Erdichtungen waren. Mehr Grund schien bei einer anderen vorhanden gewesen zu sein, nämlich der. daß sie die christlichen Osterprozessionen verspotteten. Daher war ihnen auch bei dieser Gelegenheit der Aufenthalt auf den Straßen verboten. Ohne Erlaubnis des Königs durften sie ihre Schulden nicht verkaufen, und den Christen war verboten, mit ihnen zu essen und ihre Aerzte zu befragen. Wenn vorher die Mißhandlungen der Juden die -Folgen der Pöbelwut oder der Habsucht einzelner Fürsten waren, so traten jetzt systematische Verfolgungen auf. So waren die Juden 366 Jahre aus England vertrieben. Da sandten sie den Rabbi ben Israel Manasiah zu Cromwell mit der Bitte, die Einwanderung zu gestatten, und Cromwell und das Parlament gingen daraus ein. So durften sie sich wieder in England niederlassen. Im Jahre 1753 wurde ein Gesetz eingebracht, das ihnen gestattete, sich naturalisieren zu lassen. Nach langen Kämpfen sing es durch, mußte aber halb auf Drängen des .Volkes. zurückgenommcn werden. Später erhielten die Juden natürlich auch in England die Gleichberechtigung in: Staate, und jene schaurigen Ereignisse und Zeiten sieht man immer mehr an als finstere Verirrungen des Menschengeschlechts, deren Wiederholung wohl niemals wieder Vorkommen dürfte. Gswald Spengler und die Iudenfrage. Von Sanitätsrat Dr. Scherbe! in Lissa i. P. In seinem Buche „Preußentum und Sozialismus" lC. H. Beckscher Verlag. München) sagt Oswald Spengler in dem Kapitel über Marx: „Der Glaube an die Einheit des sozialistischen Ziels ist stärker als die Wirklichkeit und er haftet wie immer im Abendlande an einem Buche, an dessen absoluter Wahrheit zu zweifeln ein Verbrechen ist." Gemeint ist natürlich das theoretische Hauptwerk von Karl Marx „Das Kapital". Oswald Spengler, der Verfasser des weitverbreiteten Werkes „Der Untergang des Abendlandes". urteilt hier absprechend über den Glauben an ein Buch. Aber bald darauf zeigt er, daß dieser Glaube nicht weniger mächtig in ihm selber ist. Er schreibt nämlich: „Bei der Abfassung seines Manifestes unterstützte Marx sein jüdischer Instinkt, den er selbst in seiner Schrift über die Judenfrage gekennzeichnet hat. Der Fluch der körperlichen Arbeit am Anfang der Genesis, das Verbot, den Sonntag durch Arbeit zu schänden, das machte ihm das alttestamentliche Pathos des englischen Empfindens zugänglich. Und deshalb sein Haß gegen die, welche nicht zu arbeiten brauchen. Er hat dem Proletariat die Mißachtung der Arbeit eingeimpft." Oswald Spengler meint die Schrift von Karl Marx „Zur Judenfrage" die zuerst in den deutsch-französischen Jahrbüchern Ruges erschienen und neuerdings von dem Verlage Ernst Rowohlt in Berlin wieder herausgegeben worden ist. Der Herausgeber Stefan Grotzmann spricht von Marx als „einem reisen Geist der Vergangenheit, dessen Nus, an keine Zeitlichkeit gebunden, klärend und erlösenitzin unsere verwirrten Tage klingen soll". Und wie ist es in Wirklichkeit gewesen? Als Karl Marx, Enkel des Rabbiners Marx Lew: in Trier, sein Urteil über das Judentum und über die Berechtigung der Judenemanzipation niederschrieb, war er kaum 26 Jahre alt. Nur in geistiger Unreife und Unerfahrenheit konnte er das Geld für den Gott Israels, den Eigennutz für den weltlichen Grund und Kultus -es Juden und seine Befreiung davon als die erste Bedingung der Emanzipation der Juden (»klären. In scheinbar wissenschaftlichem Gewände findet sich in der Schrift das ganze Rüstzeug der heutigen antisemitischen Literatur und — welche Freude der Antisemiten — von einem Juden zusammengetragen. Me ganz anders Hat Giabriel Rietzer, der klassische Vorkämpfer der Judenemanzipafton, diese Fragen behandelt. Es ist bedauerlich, daß Karl-Marx späterhin, als geistiger Führer der International,; und Begründer der deutschen Sozialdemokratie, nicht Zeit gesunden hat. sich noch einmal mit der Judenfrage zu beschäftigen. Vielleicht hätte er dann doch, in geistiger Reise, gefunden, daß das Judentum noch etwas anderes ist als Egoismus und Schacher, vielleicht hätte er. gleich seinem Mitarbeiter Heinrich Heine, in dessen späteren Lebensjahren, den Wert der weltgeschichtlichen jüdischen Idee und Mission erkannt, die sich nicht in Gelderwerb und Handel erschöpft. Und wenn er heutzutage lebte, wo Palästina zur rechtlich gesicherten Heimstätte der Juden unter den: Protektorat des von ihm vergötterten England geworden ist und der Zionismus seine nationalen Ideen her Verwirklichung nahe gerückt sieht, würde er nicht die Nationalität des Juden als „chinärisch", alö die Nationalität des Kaufmanns, des Gcldmenschen erklärt haben. Bedauerlich ist nur, daß hervorragende Geister, wie Os^ wald Spengler, im „Glauben an ein Buch und seine absolute Wahrheit" sich solche Anschauungen zueigen machen und von „jüdischem Jystinkt" sprechen, der mühelosen Gewinn sucht. Wie man es von: deutschen Volke gesagt hat, so kann man es auch vom jüdischen Volke sagen: Wer cs ricöti/t kennenlernen will, der muß es bei der Arbeit aufsuchen. Kein Fluch der körperlichen Arbeit am Anfang der Genesis war cs, als cs hieß: „Im Schweiße deines Angesichts sollst dn dein Brot essen", nein, es war ein Segen. Denn nur im Schweiße des Angesichts ließ' sich die barte Scholle des heiligen Landes bearbeiten, und was saure, mühevolle Arbeit zuwege, gebracht hat, das zeigen die blühenden Ackerbaukolonien Palästinas, das zeigen die wachsenden modernen Städte und Industrien in diesem gelobten Lande, dessen Kulturschöpfungen und werktätige, technische Errungenschaften durch die g e i st i g e Arbeit der Universität in Jernsalcm noch weiter gefördert werden sollen. Hier bei der Arbeit sollten Oswald Spengler und seine Gesinnungsgenossen das jüdische Volk aussuchen, wenn sie es in Wahrheit kcnnenlernen wollen. Zum Handelsvolke sind die Juden erst durch den Druck und die Verfolgungen des Mittelalters geworden. Und wenn sie am Samstag ruhen, so tun sie es nicht, weil sie fürchten, ihn durch Arbeit zu „schänden". Der siebent« Tag ist als Ruhetag, nach den Worten der Bibel, gesegnet und geheiligt worden. Die Ruhe ist den Juden eine Pflicht, ebenso wie die Arbeit, und der „jüdische Instinkt" hat schon vor tausenden von Jahren gefühlt, daß die Ruhe ebenso ihre sittliche und hygienische Berechtigung hat wie die Arbeit. Nur durch Arbeit und Ruhe sind Zivilisation und Kultur, zu ihrer heutigen Höhe gelangt. Und auf dieser Höhe werden sie nur dann bleiben können, wenn Frieden waltet, jede friedliche Arbeit geschützt wird und die Menschen und Völker sich bemühen werden, einander kcnr^n zu lernen und zu verstehen. Das wirb das beste Mittel sein, um Vorurteile. Hatz. Verachtung und derlei „Teufelswerke" restlos , ans der Well zu schaffen. v