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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-10-30 · 44 (30.10.1925) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
44 (30.10.1925)
Date
1925-10-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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miWVäW M 1 -i'UJinwwppi ""■' "■ i'iyüiiiiMiw.'inp. Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e.D. vszugspreis durch die Geschäftsstelle ^jährlich M. LS0 Einzelnummer V.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0LS Jür die MUglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis s :r u im Mitgliedsteitrage ent halten. :: r r: Chefredakteur: Dipl..Ing. Bruno Doyda. Vis „Jüdifch-NVsralo Ssttung" erscheint jeden Srettag. Nyvaktion u. Ssfchüttsftelie: vsrltn SiV, xHilheimflr. 147. fernruf: Amt Lützow ür. 9160*61 poftfd)«ckkonto: Berlin tlWT Nr.isrooo (Vereinigung für da» liberale Judentum Nad)bruck fAmUldjer Origlnat-Beltrage nur mit vorberlger Genehmigung Dar ReDafeilon gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeile 0,45 Goldmark, die RklamezeUe 3.00 Goldmark, bei :: n :r Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: .Jüdisch - liberale Zeitung" InseratenabteUung: Berlin SD 48» DUHelmstraße 147 (Lützaw: 9160-61». sowie sämtt. AnnoncenExpeditionen Nr. 44 Berlin, 30. Oktober 1925 mammmmmmsmmmammmmmmsmm 5. Jahrgang wammmmmsmümmmammm biblische und moderne Armen. Cva-Chawah. . „Und Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, im Bilde GotteS schuf Er ihn: Mann und Weib schuf er sie." Mit diesen Worten erzählt das erste Kapitel Genesis die Erschaffung der Gattung Mensch. Das zweite Kapitel beschäftigt sich eingehender mit der Belebung des Menschen durch den Odeur Gottes und mit seiner Stellung zur Schöpfung, Hott reicht ihm den Garten Eden dar, daß er ihn baue unH warte und alles, was darin lebt, sich untertan mache. 1>üd nun erschafft Er ihm die Gehilfin, die Gefährtin^ bie Männin Jschah. PNex erst nach dem verbotenen Genuß der Frucht vom Arum der Erkenntnis, nach dem Erwachen aus -er paradiesischen Glückseligkeit der Tierheit, erst mit dem Wissen von Gut und Böse, ersteht der Mensch des bewußten Lebens, des mühseligen Schaffens. Nicht wie im Garten Eden soll Speise und Trank ihm leicht zuteil werden, sondern in harter Arbeit soll er dem Erdboden abringen, wessen er bedarf. Und nun wird Jschah, die Männin, zur Chawah, zur Mutter der Lebendigen, die unter Schmerzen Kinder gebären soll. Chawah, Eval Du wurdest dem Manne die Freude der Nächte, die Gefährtin in seiner Einsamkeit, die Gehilfin bei seiner harten Arbeit. Du wurdest die Menschenmutter! Du warst es, die ihn zum Genüsse lockte, die ihm aber gleichzeitig die Erkenntnis von Gut und Böse verschaffte. Scham und Furcht vor Gott, Mühsal und Streben, Lebenskampf und Lebenszweck und Liebe, Liebe gabst du'ihm, Dir selbst und dem Menschengeschlecht. Und die Jschah und Chawah unserer Zeit? Mehr als in vergangenen Jahrtausenden ist die Frau „Männin", Gleichgestellte, Gehilfin und Gefährtin des Mannes geworden. Der Kampf, um ihr Menschen-, Geistes¬ und ArVeitsrecht, der Zwang und die Not der Kriegsjahre ‘ hat sie zu jeder Leistung ausgerufen und fähig gemacht. Alle Wissens- und Arbeitsgebiete des Mannes haben sich ihr ausgetan. Welche Pflicht an der Menschheit, welche Pflicht in ihrer natürlichen Bestimmung als Chawah, als Mutter der Lebendigen erwächst ihr aus dieser Neu-Erschaffung ihres Rechts als Jschah,. als Männin? Die Frau unserer Zeit soll die Geschichte vom Garten Eden an sich selbst neu erleben. Aus der Geborgenheit des Haus-Paradieses ist sie vertrieben, erkennend die Mächte und Kräfte des Seins. In ein neues Land des Schaffens und der Mühsal ist sie gewandert, hat sich neue Ziele gesteckt. Sie sorge, daß auch ihr diese Vertreibung zum Segen werde. Sie werde eine neue Chawah. Sie bleibe Weib, vermännliche sich nicht; sie werde Menschenmutter eines neuen, höheren Geschlechts, das stark heranwachse in Scham und Gottesfurcht, in Mühsal und Streben, in Lebenskampf und Lebenszweck, in Liebe und Frieden. Sie führe den Mann und die Kinder von neuem zur bitter-süßen Erkenntnis von Gut und Böse, zur neuen Gottähnlichkeit, in der sie vom Schöpfer mit dem Manne gleichwertig geschaffen wurde. Hedwig Rieß, Berlm-Nicolassee.- Hannah. 1. Samuel 1. und 2. Kap. Am ersten Tage des Rauschhaschono-Festes lesen wir in der Haftarah die Geschichte von Hannah, dem Werbe des Elkanah, die im Zelte Gottes um Kindersegen betet und von Gott erhört wird. Der oberflächliche Zuhörer wird sich gewiß schon oft gewundert haben, daß unsere Weisen diese etwas alltäglich anmutende Begebenheit' gewürdigt haben, an solch bedeutungsvollem Tage an heiliger Stätte immer und immer wieder vorgetragen zu werden. Versenken wir mrS aber tiefer in den Geist der Erzählung, so fühlen wir die Fäden, die vom Beginne eines neuen Jahres hinüberleiten zu Hannah, der Mutter, der Trägerin des neuen Lebens. Wie die Schöpfungsiöee im Schluß und Neubeginn einer Zeitperiode ihren Ausdruck findet, denn Gott sprach: „Es seien Lichter am Himmelsgewölbe, und sie seien zu Zeichen für Tage und Jahre," so finden wir in der Mütterlichkeit die Verkörperung der ewigen Schöpfungskrast. Hannah, die Trauernde, war ausgeschlossen von der Gnade -er Mutterschaft. Die Bibel erzählt von ihrem Gram, „Latz sie weinte und nicht aß," sagt aber -an« weiter: ,War nun der Tag^ da Elkanah opferte, so gab er dn Penninah, seinem Weib/ und ihren Söhnen und ihren Töchtern Teile. Mer -er Hannah gab er ein Teil für zwei, denn die Hannah liebt« er sehr." Und er sprach zu ihr: hannah, warum issest di» nicht und warum ist deinem Herzen weh? *Bin ich dir nicht lieber denn zehn Söhne?" Daraus sollen wir ersehen, -aß nicht die Kränkung über eine äußere Zurücksetzung,. oder die Furcht, wegen ihrer Unfruchtbarkeit von ihrem Manne verstoßen zu werden, Hannah nieöerdrückt, sondern daß nur ihre tiefe, reine Muttersehnsucht sie vor Gott auf die Kniee zwingt und um Erfüllung beten läßt. Wir erfahren dann weiter, daß Gott ihr Flehen erhört. Ihr Gebet gibt der Mutterfreude in der Lobpreisung Gottes ergreifenden Ausdruck. Sie weiht den Knaben Gott, denn „um diesen Knaben habe ich gebetet unZ der Ewige hat mir gewährt mein Begehr. Aber auch ich habe rhu geliehen dem Ewigen alle Tage die er lebt." Als ein Geschenk Gottes lehrt Han nach uns also die Kinder betrachten, die wir nicht im Tode, sondern alle Tage, die sie leben, zu Gott zurückführen müssen. Sie lehrt uns, daß jedes Kind für die Mutter eine Verknüpfung mit der Welt und eine Hinleitung zu Gott bedeutet. Die Bibel erzählt weiter, daß Hannah ihrem Manne drei Söhne und zwei Töchter gebar, wie sie ja stets die Nachkommenschaft verzeichnet und so den Zusammenhang zwischen Familie und Volkstum eindringlich klarlegi. Sie lehrt also schon, den Kindersegen nicht nur als eine Bereicherung und Erfüllung des eigenen Lebens, sondern als die Grundlagen des Volkstums zu betrachten. Diese Gedanken und Erwägungen leiten hinüber in unser Leben, in unsere Zeit. Ja, wir sind mit ihnen schon bei zwei Grundproblemen der heutigen Zeit angelaugt: Der Erschütterung des Volkstums durch die Einschränkung der Kind erzähl, und der Erschütterung des Gottesglaubens durch die Abkehr von der göttlichen Lehre. Das Bild einer Hannah vor Augen, fühlen wir jüdischen Frauen den Wunsch, den Ursachen dieser Entwickelung nachzugehen. Voll Trauer und Beschämung müssen wir gestehen, daß die Geburtenzahl bei den deutschen Juden, im Vergleich mit den anderen Konfessionen unseres Volkes, besonders ungünstig ist. Seit vielen Jahren ist das Zweikindersystem „modern". Ms Grund für diesen Zustand wird vielfach der harte Kampf ums Dasein geltend gemacht. Man könnte dem im Prinzip zustimmen. Aber die Erfahrung zeigt, daß gerade in den wirtschaftlich bessergestellten Schichten, denen die Juden ja in erhöhtem Maße angehören, der Geburtenrückgang am größten ist. Wohlleben und Luxus lassen die Frau vor den Beschwerden von Schwangerschaft und Geburt, den Mühen der Mutterschaft zurückschrecken, den Mann eine Beeinträchtigung secuer Lebens- Ansprüche durch eine große Kinderzahl befürchten. Die oft mißverstandene Lehre der modernen Philosophen vom „Recht auf die eigene Persönlichkeit," vom „Geheiligten Egoismus und Individualismus" zeitigt in dieser Ausdeutung unheilvolle Früchte. Der Brunnen der Volkserneuerung war bisher stets die von solchen Gedanken nicht angekränkelte untere Volksschicht. Aber wir dürfen uns nicht verhehlen, daß diese Bolkserneuerung ihre Grenzen findet in der absoluten Unmöglichkeit, einem großen Nachwuchs erträgliche Lebensbedingungen zu schassen. Die Quellen der Muttersehnsucht, auf der einen Seite verschüttet durch Wohlleben und Egoismus, versiegen auf der anderen durch seelische und körperliche Not. Während Hannah Gott auf den Kvieen anfleht, ihr Leben durch die Gewährung des Kindersegens zu heiligen, setzen sich heute Frauen dafür ein, das keimende Leben im Mutterschoß straflos der Vernichtung preisgeben zu dürfen. Es wäre Verblendung, diese Forderung als unmoralisch einfach abtukd zu wollen. Sie wird apch von Männern und Frauen verfochten, die sich der moralischen und sozialen Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit voll bewußt sind, die sogar glauben, sie gerade aus dieser Verantwortung heraus stellen zu müssen. Wir müssen uns aber fragen, ob sie im Geiste der Bibel, im Geiste der Hannah aufrechtzuerhalten ist. Die jüdische Religion sieht im Menschen das Ebenbild Gottes und heiligt das Leben, als von Gott gegeben. Hannah singt: „Der Ewige tötet und macht lebendig." Wie könnte es da in unsere Hand gegeben sein, ö«n lebendigen Keim, den Gott in uns gesenkt hat. straflos zu vernichten? Dieses schwierige Problem läßt sich natürlich mit kurzen Worten nicht erschöpfen. Aber wenn wir in Hannah die Verkörperung der wahren, unbedingten Mütterlichkeit sehen, so leitet die Beschäftigung mit ihr auch zu dieser Frage. Ihre Verneinung, aus der Religion geboren, legt uns auch die Verpflichtungen unseres Glaubens auf: Heiligung des Lebens durch Ehrfurcht vor der Mutterschaft. Auf der einen Seite muß sie ihren Ausdruck finden 'in der Wiedererweckung des Willens zur Mutterschaft — auf der anderen in der Mitarbeit aller Frauen, unsere sozialen Verhältnisse so zu gestalten, daß keine Mutter der Stunde, die ihr die Erfüllung ihres Lebens bringen soll, mit Bangen vor der Zukunft ihres Kindes entgegen zu sehen braucht. Helfen wir so, die körperliche Rot der Mutter kamnen. so machen wir gleichzeitig ihre Kräfte frei zur Erfüllung -er seelischen Ausgaben ihres Mutterberufes. Hannah sprach: „Bis entwöhnt der Knabe ist, dann will ich ihn bringen, daß er erscheine vor dem Antlitz des Ewigen" Diesen Knaben, den sie mit allen Kräften ihres Herzens erfleht hat, sie gibt ihn von sich, sie weiht ihn dem Priesteramt, ,^>enn ich habe ihn geliehen dem Ewigen, alle Tage, die er lebt." In Auslegung des Wortes: ,Hhr sollt mir sein ein Volk von Priestern," muß jeder von uns sein . Leben so gestalten, daß er Zeugnis ablegt für den lebendigen Gott. Und wir Mütter, die wir dem Höchsten verantwortlich sind für das uns anvertraute Leben unserer Kinder, sind in erster Linie berufen, ihnen die Woge des Glaubens zu weisen, die zu Gott führen. Me können wir das aber» wenn wir selbst den Lehren des Judentums fremd geworden sind? Nur wenn wir unser ganzes Denken und Schaffen in Beziehung setzen zu einem höheren Wesen, wie Hannah es in ihrem herrlichen Gebet tut, können wir den göttlichen Funken in unseren Kindern hüten, dürfen aber auch dann ihr Schicksal vertrauend in die Hände des Ewigen legen, denn: „Keiner ist heilig wie der Ewige,- niemand ist außer Dir und es gäbt keinen Hort wie unseren Gott." Ottilie Schönewalö, Bochum. Sara. Biblische und moderne Frauen? Auf den ersten Blick scheint es, als führe keine Brücke von den Frauen der Urzeit, deren Bild uns die biblische Ueberlttftrmrg durch diü Jahrtausende hindurch scharf und klar bewahrt hat, Jjüu über zu den Frauen unserer Tage. Aber wenn wir uns nicht an der oft nur unvollständigen Umrißzcichnung genügen lassen, die die Schule uns einst übermittelte, wenn wir mit wachem Frauenverstand, gereift durch unser eigenes Frauenschicksal und -erleben diesen Gestalten nahetreten, dann kommen wir zu einer völlig andern Einstellung. DaS Ewig-Weibliche, das Zeitlos-Große, das die jüdische Frau während einer langen, mit Blut und Tränen, aber auch in den Flammenbuchstaben der glirhenden Liebe zu Gott und Glauben, zu Volk und. Familie geschriebenen Geschichte stets verkörperte, tritt uns in diesen Stammüttern, Heldinnen und Prophetinnen lebensnah und keuchtend entgegen. Allerdings genügen die knappen, oft nur andeutendeu Erzählungen der Bibel, so bewunderungswürdig die Bildkraft dieser kurzen Sätze auch ist, nicht, um ihr Leben und ihren Charakter völlig und lebendig vor uns erstehen zu lassen und den oft recht dunkeln Anspielungen die rechte Deutung zu gcben^ Besonders bei der Geschichte der I rauen unserer Erzväter, die die Bibel nur so selten und knapp erwähnt, sollten wir uns zur Ergänzung der rabbinischen Literatur bedienen. Ist sie doch der Niederschlag einer langen, mündlichen Tradition, die in der Bibel nur teilweise in einer nach verschiedenen Gesichtspunkten erfolgten Auswahl, im Midrasch aber in viel reicherer Fülle, in freier Deutung und Dichtung überliefert wurde. Da jedoch, wie die neuesten Forschungen und Ausgrabungen beweisen, der uns heute so sagenhaft anmutenden, aus vielen Kanälen gespeisten Volksüberlieferung zum Teil historische Ereignisse und Persönlichkeiten zu Grunde liegen, so kommt dieser „mündlichen Lehre" mindestens ergänzende Bedeutung zu. Aus dem Doppelspiegel, Bibel und Hagada strahlt das Bild der Stamme mutter des Volkes Israel, tritt uns das Bild Saras, der Gattin Abrahams mit fast überraschendem Glanz entgegen. Der dichtende Volksgeist, dem wir dies Bild verdanken, scheint in seinen Zügen das Ideal der hohen jüdischen Frau und Mutter gezeichnet und für die Ewigkeit bewahrt zw haben. Dieses Bild ist aus Zügen zusammengesetzt, die teils völlig zeitlosen Charakter, teils den der Hirten- und Nomadenkultur jener Zeit tragen, andererseits der ausschmückenden Märchenphantasie ihren Ursprung verdanken. Sie alle ergeben aber in ihrer Gesamtheit das lebendige und lebenswahre Porträt, das ich versuchen,will, in folgendem zu skizzieren. Die erste Erwähnung ihres Namens finden wir, als Savai ihren Gatten Aüram aus dem Zuge von ihrer gemeinsamen Heimat Haran nach Kanaan begleitet, der auf GotteS Geheiß Vaterland und Volk verläßt, um im verheißenen Lande dem Herrn zu dienen. Vor einer Hungersnot flüchten beide nach A-egypten. Abram, der von der Schönheit seines Weibes Gefahr für fein Leben fürchtet, wenn ihre wahren Beziehungen bekannt würben, verabredet mit ihr und seinen * Leuten, sie in Aegypten für seine Schwester auszugeben. Dazu berichtet die Sage ergänzend, Abram habe, als er am „Bache AegypienS" Rast hielt und mit Sarai am Ufer wandelte, im Wasserspiegel, nach anderer Ueberlieferung, öIä sie entkleidet den Mach durchschritten, ihre auSnehmendtz

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