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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-10-16 · 42 (16.10.1925) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
42 (16.10.1925)
Date
1925-10-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Pöbel, anderer Völker. Die entscheidenden Verwandtschaften sund Gegensätze) geben quer durch Völker -und Rassen: weshalb die „Juoenfrage", wie jede andre Nationalfrage, im Grunde u n i n t e r e s s a n t ist! Kurl Walter Goldschmidl: Auf Ihre freundliche redaktionelle Anfrage hier nur aus Arbeitsfülle heraus die notgedrungen knappe und eilige Antwort: Der Einfluß der „Rasse" tdie ich im Gegensatz zu den Ueberreizungen der Zeit weder übernoch unterschätzet scheint mir einerseits zu Len selbstverständlichen und darum unüiskutablen, andererseits zu den einigermaßen heiligen Dingen m gehören, die man am besten so wenig wie möglich „bespricht". — Man rührt hier an Irrationales, Antinomistisches, das sich menschlichem Wähnen und Wünschen entzieht. Irgendwie sind wir alle der Rasse hörig — auch dann und gerade dann, wenn wir sie als Problem empfinden, an ihr leiden, ihr widerstreben. Im allgemeinen ist dies sogar gerade das typische Verhältnis überlegenen und schöpferischer Geister zu ihre? Mutter-Rasse: Gegensatz aus Verflochtenheit, Liebeshaß und Haßliebe. Im Seelischen, wie in allem wahrhaft Lebendigen, sind die Dinge eben nicht säuberlich auseinandenzulegen. Der große Prophetenzoru, der sein Volk züchtigt, weil er es liehhat, ist auch eine und wohl die ethisch reinste Aeußerung dieser Seeleulage. — Dies eine aber bleibt über allen Zweifel erhaben: so gut wie persönliche Artung und Umwelt, so gut wie Deutsches, Europäisches, Modernes ist natürlich auch das Jüdische eine der großen im Unbewußten wirkcirden Bildkräste, die unser Wesen und Schaffen bestimmen und färben. Und darüber hinaus: in weiterem Ringe der große, ewige, unergründliche Orient. Aus den Gemeinden B ♦»♦»4» »♦♦♦♦♦♦»» »»♦»♦»»»»«»»»♦♦♦»«♦♦<>< an einen 'GüneinLerabbiner oder 'Lehrer für eine Studienrette nach Palästina angenommen. Prof. Türk spricht im Namen der liberalen Fraktion für eine Vertagung der Wahlen zur Repräseutanteuversammlun«. Nachdem seitens der Regierung den Frauen aktives und passives Wahlrecht eingerarrmt sei. müsse» neue Wahllisten Sergestellt werden. Die Herstellung dauert zirka drei Monate, und daher werden die Neuwahlen vor Februar nächsten Jahres nicht stattfinde it können. Moritz A. Lveb schließt sich dem Vorschläge an. und beantragt Vermehrung der Mitglieder der Repräsentantenversaarmlung und dcS Vorstandes. Da hierzu aber eine Veränderung des Gesetzes von 1847 notwendig ist. kann bis Februar die Genehmigung der Regierung nicht erfolgen. Justizrat Sonnenfeld bittet ungeachtet der Entscheidungen des Ministeriums die Vorbereitungen zu den Wahlen nicht auszuschieben. Die Einrichtung eines zweiten Freitagabenögottesbienstes in den Synagogen Fasanen-, Lützow- und Levetzowstraße wind vorläufig auf zwei Monate stattsinden. Herr Marcus schildert hierauf die Mißwirtschaft bei der Plätzevermietung. Wie jedes Jahr, so sei auch dies Jahr der Andrang an den Schaltern in den letzten Tagen vor dem Feste enorm gewesen. Während auf der einen Seite Tausende aus Plätze vergeblich warten, seien andererseits in einigen Synagogen Sie Plätze unvermietet geblieben. Er verlange Aufklärung und Abstellung der Mißstände im nächsten Jahr. Rechtsanwalt Kollenscher antwortet, daß die Verantwortung Ser Gemeindevorstand trage. Er bedauert die Szenen, welche sich abgespielt haben, bemerkt jedoch, daß in keinem -er vorhergehenden Jahre sich die Abwicklung der Vermietung so glatt vollzogen habe wie in diesem. Allerdings seien die Preise diesmal etwas zu hoch gewesen, aber bei Festsetzung derselben Anfang des Jahres habe man angenommen. daß die wirtschaftliche Lage sich bessern werde, und konnte den Umschwung her Wirtschaft nicht vor'aussehen. Es seien aber für nächstes Jahr gewisse Abänderungen vorgesehen, z. B. die Erneuerung der Bormerk-Listen. Vermehrung des Personals und der Räume und Abänderung der Preise. An die öffentliche Sitzung, die um 9 Uhr beendet war, schloß sich die geheime Sitzung an. Berlin. kW oh l t ä ti gke i ts schw i nd l e r). Zu der in unserer letzten Nummer unter dieser Spitzrnarke veröffentlichten Nachricht bittet uns Herr Erich Aronsohn um die Feststellung, daß sein Sohn Curt Aronsohn, Berlin W. Frankenstr. 2. nicht mit dem Schwindler identisch ist. , Berlin, l A ene S y n a g o g e n e i n b r ü ch eh Die Berliner Synagogen sind seit einiger Zeit ein beliebtes Tätigkeitsfeld für Einbrecher. In den letzten Wochen wurde in sechs Berliner Synagogen eiugebrochen. wobei verschiedene Kultgegeustäude von beträchtlichem Wert den Einbrechern zur Beute sielen. Bisher konnte bloß einer der Einbrecher bei einem Einbruchsversuch in der Lützowstraße festgenommen werden. In einer der vergangenen Nächte wurde — dies ist der siebente Synagogen-Einbruch — die kleine Synagoge in der Gipsstraße heimgesucht, die im Seitenflügel eines Gebäudes liegt, und deren Zugänge nur wenig gesichert sind. D:c Schrank, in dem die gottesdienstlichen Geräte aufbewahrt werden, wurde von den Einbrechern erbrochen. Sie erbeuteten aus diesem Schrank zwei silbervergoldete Frenndschaftshände. Gesetzestafeln, außerdem eine Opferbüchse, die sie von der Wand abrissen. Berlin. lD i e R cp r ä s e n t a ut e n v e x s a m m l u n g vom 8. Oktober.) Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung mit einem Nachruf für den verstorbenen Herrn Emil Plotke. Er hebt sein aufrichtiges Wesen und seine Verdienste um die Gemeinde hervor. Er gedenkt ferner des Geheimen JustizvatS Eugen Löwe, welcher mit besonderer Hingebung zuerst als Repräsentant und dann viele Jahre als Mitglied des Vorstandes tätig war. Stach einem kurzen Hinweis auf den 75. Geburtstag des Geheimrat Minden wird in die Geschäftsordnung eingetreten. Nach widerspruchsloser Annahme einiger kleiner Anträge wird die Vorlage betr. Bereitstellung eines Reisestipendiums Berliv. kB reitbart gestorben.) Vor wenigen Tagen ist in der Berliner Universitätsklinik der weltberühmte Artist Sigmund Breitbart. 42 jährig, gestorben. Breitbart, der als Sohn einer jüdischen Artisteufümilie in Polen geboren wurde, hat in allen Ländern der Welt durch seine kraftstrotzende Erscheinung wie durch seine unerreichten Leistungen höchste Bewunderung erregt. Bor einigen Monaten zog er sich eine kleine Fußverletzung zu, die er unbeachtet ließ. In der Folge erkrankte er an einer Blutvergiftung, der er nach monatelangem schweren Leiden erlag. Noch im letzten Augenblick versuchten die Aerzte. durch eine Amputation des kranken Beines sein Leben zu erhalten, doch es mar zu spät. In Berlin, wo man den berühmten Artisten vor nicht langer Zeit noch in seinem Glanze sah, gibt sich für. sein Schicksal viel Interesse kund. Sogar die rassenantisemitische „Deutsche Zeitung" schreibt: „Wie vielen ist er noch erinnerlich. wenn er mitten in der Manege stand, umflutet vom weißen Licht der Scheinwerfer, wenn er seine Sehnen reckte und die gewaltigen Muskeln spielen ließ. Ein Bild, das allen gefiel, wo jeder rückhaltlos Beifall zollte. Dann nahm er die eiserne Kette zwischen die Zähne . . . und dann — knack — unter dem Klatschen erdröhnte das Haus. — Oder öaS Auto — sekundenlang stand es auf seiner Brust, vollbesetzt, während im Zuschauerraum niemand zu atmen wagte. Wie Draht wickelte er sich dicke Eisenstangen um die Arme, so daß Spiralen daraus wurden. Abend für Abend immer neue Tausende begeisterte er — vorbei — vorbei. Niemand hätte sich an ihn gewagt, aber das schleichende Gift drang durch die Adern und zerstörte den gewaltigen Körper." In mir aber lehnte sich alles auf gegen eine Auffassung, die für das Wesen des Judentums so blind ist. Wie? Wir, w i r oüne Beziehung zu einer anderen, einer höheren Welt? Wir, die wir 6 in reden schon in zwei getrennten Welten leben!! Bon der Kindheit an bis zum Abschied aus diesem Dasein? Ein Abschied, bei dem es Sache eigensten, persönlichsten Empfindens bleibt, ob man den Tod als die Türe zu einem ewigen Leben „mors ianua vitae" ansehen und Himmelfreuderr von ihm erwarten will. Die mohammedanischen Schilderungen von den Freuden des Jenseits, dem moslemitischen Wesen gemäß, und dort also berechtigt, widerstreiten dem positiven Charakter des InnentumS. wie es uns nicht reizt, den Schleierzipfel vom Sais- Bild zu lüsten. In zwei gesonderten Welten lebt unsere alte, jüdische Familie von je! Und wer, wie ich, in ihrer Atmosphäre geboren, in ihrer Ueberlieserung herangewachsen, ihrem Einfluß aber entzogen wurde, noch e&e die Kritik, noch ehe die Einwirkung der Außenwelt einen Samen des Zwiespalts ins Gemüt gesenkt hat, der hat sich dieses Nebeneinander -er beiden getrennten Welten bewahrt. My housc is my castle, sagt stolz der Engländer in Anlehnung an einen alten Rechtsgrundsatz. Nun, wie eine „Burg" sah das alt-jüdische Haus nicht immer aus, aber, fest abgeschossen von dem äußeren Treiben, war es stets. Eine Welt für sich. Eine eigene Welt, in deren heilige Stille der Marktlärm kaum gelegentlich durch einen Fensterspalt, durch eine Türritze dringen konnte. Wie seltsam, daß die Juden so oft. ja zumeist für gewinnsüchtig, für erwerbslüstern gelten, für Profitjäger: der Gehässigkeit vollends, gelten sie für Wucherer. Das Judentum kennt in Wirklichkeit keinen anderen Adel als den Geistes-, den Gelchrteu-Adcl. Der Wissensbesitz gilt unendlich höher, unmeßbar höher als der Reichtum, und kein größeres Lob kann einem weltabgewandten Forscher, einem Gelehrten zuteil werden, als wenn man von ihm sagt, er „kennt nicht das Aussehen der Münzen". Dem Ansehen, das die Gelehrsamkeit verleiht, gleicht nur noch das Verdienst durch die eifrige Vetätigmrg in guten Werken: Fürsorge für Bedürftige, Besuch von Kranken, Tröstung von Leidtragenden. Ueber all dem durfte' der Erwerb freilich nicht vernachlässigt werden. Aber wenn der reich, sehr reich gewordene Kaufmann sich nach einem Mann für seine Tochter umsah, wen ersehnte, wen begehrte er? Einen jungen Mann von edler Gesinnung, von feinem Geist und besonders von hoher Gelehrsamkeit. Nur muß man nicht glauben, daß diese Gelehrsamkeit ganz unfruchtbar und ausschließlich etwa dem Talmud wie seinen Kommentaren gewidmet war. Seinen Schiller, seinen „Faust", oft auch seine lateinische Grammatik hatte der „lernende" junge Mann immer neben seinem Talmud. In mein Elternhaus, das ich nach dem vollendeten dreizehnten Lebensjahre verließ, um in die Fremde, in die Ferne zu ziehen, drang ein Hauch von der Geschäftsatmosphäre, in die mein Vater durch seinen Berns als Beamter in einer großen Güter-Verwaltuna gestellt war. Sluch die Aufregungen und Sorgen des Berufs schlüpften manchmal mit zur Wohnungstür herein. Was aber las, was studierte mein Kater in seinen Mußestunden und in der Sabbatruihe? Neben Maimonides und Spinoza mit besonderem Etter Graf Volnays „Ruine", ein Werk, das damals für eine besonders feine Blüte gefährlich freisinniger Religionsphilosophie galt. Währender Pausen oder während minder wichtiger Strecken im Gottesdienst der hohen Feiertage einen Blick in sein Lieblingsbuch. in Montesaniens „Geist der Gesetze" zu tun. hielt mein Vater auch nicht gerade für Sünde, wie er es liebte, mit dem gelehrten Pater Guardian des Bernhardiner Klosters oder mit einem der höheren Verwaltungs¬ oder Gerichtsbeamten religionsphilosophtsche Gespräche zu führen. Bezeichnend für den Geist, der in der Gemeinde herrschte, ist eine kleine Geschichte, die mir in der Erinnerung blieb: Es war zu einer Art von geheiligtem Brauch gewmcden. daß jeder einzelne sich einen „Possek" wählte, d. h. eine Stelle aus der Bibel, am liebsten auö den Psalmen, einen Satz, in dem die ersten Buchstaben der einzelnen Worte den Namen, den Bornamen natürlich, des Betreffenden ergaben. Eine Art Akrostichon also. Diesen Satz sagte man täglich an einer bestimmten Stelle -es gemeinsamen Gebetes her. Ein reicher Kaufmann. Getreidehändler, hatte nun zufällig denselben Vornamen wie der sehr gelehrte Rabbiner des Ortes. Er pürschte sich nun an einem Tage, an dem jenes Gebet laut hergesagt zu werden pflegte, an den Rabbiner heran, um seinen Possek aufzuschnappen. Wie erstaunte man aber, als der Rabbi gar keinen solchen Spruch hersagte! War das nicht unglaublich und fast Ketzerei? Da entschloß sich unser Kaufmann zu eurem Sturmangriff. Er sandte dem Rabbi ein kleines Festgeschenk zur Laubhüttenfeier und meldete seinen Besuch an. .Ich war so unbescheiden," gestand er, „mich neben Sie, Rabbi, zu stellen, um Ihren Possek zu erlauschen, weil wir denselben Namen haben, und weil ich meinte, daß Sie einen besonders seinen und heiligen Vers gesunden haben müssen. Wie erstaunte ich aber, als Sie gar keinen sagten." „Wissen Sie, was der Possek zu bedeuten hat?" fragte der Rabbi mit feinem Lächeln. „Nein!" „Nun. so will ich es Ihnen sagen. Eine uralte Legende, Poesie und nicht Lehre, erzählt, daß nach dem Hinscheiden eines Menschen der Todesengel vor der entschwebenden Seele erscheint und fragt: .Wie ist Dein Name?" Die Seele erschrickt, verwirrt, weiß nicht gleich eine Antwort, um so weniger, da man ja den eigenen Namen selten nennt. Da ist nun die tägliche Wiederholung dieses Namens in weihevoller Stunde, in der Umhüllung eines heiligen Textes, ein sicheres Gedächtnismittel. Sie brauchen nun dieses Hilfsmittel, denn sonst könnte es Ihnen begegnen, daß Sie in der Eile und Verlegenheit den Namen eines Ihrer Geschäftsfreunde, etwa eines Bauern, der Ihnen Kartoffeln liefert, nennen. Was Ihnen nicht gerade zum Vorteil gereichen würde. Ich aber brauche einen solchen Spruch nicht. Denn wenn ich im Schreck einen anderen Namen hervorstottern müßte, dann könnte es nur der eines der großen, eines der unsterblichen Gelehrten fein, mit deren Weisheit ich mich stündlich befasse. Es könnte mir daS also nur von Vorteil sein." Breitbart pflegte einen Teil seiner Riesen-Einnahmett zugunsten notleidender Ostjuden zu verwenden. Cassel. kJ u d e n m i s f i o n.) Uns wird geschrieben: Die auS Frankfurt an dieser Stelle kürzlich gemeldeten Versuche des Seelenfangs durch MissionSschrisien, die im Gewände jüdischer Aufmachung erscheinen, lassen fiÄ mich hier feststellen. Insbesondere ist eö ein Traktätchen „Zjons- Harfe", das, äußerlich betrachtet, als jüdische Zeitschrift erscheinen könnte, dem Inhalte nach aber als Bekehrungsversuch evangelischer Fanatiker angesprochen werden muß, die auf diesem nicht ungewöhnlichen Wege ihren Kurrdenkreis erweitern wollen. Ter Schaden, der hierdurch angerichtec wird, dürfte trotz des auf dem Titelblatt angewandten Mögen David kDavidsstcrnk nicht allzuigroß sein, weil dieser plumpe Versuch, für das Kreuz zu werben. Sem Kurrdigen sofort verdächtig erscheinen muß: auch der weniger mit religiösen Dttrgeu Vertrante sollte sich kaum täuschen lassen. Es sei daher vor dem Machwerk gewarnt. Lich iOberhessen). kT o d eine s Ei e m e j n d e v o r -- steherS.) Der zweite Vorsteher nuferer Gemeinde, Kaufmann Chambre, ist nach ei nein arbeitsreichen Leben im 74. Jahre ans dem Kreise seiner Angehörigen geschieden. Die Gemeinde betrauert in dem Verstorbenen einen treuen Sachwalter ihrer Interessen, dem sie über das Grab hinaus ein treues Gedenken bewahren wird. — Seit vielen Jahren ist die hiesige Gemeinde ohne Lehrer und Kultusbcamten gewesen, zum Leidwesen aller derjenigen, die an religiöser Erziehung und Erhaltung der Gemeindeinstitutionen ein lebhaftes Interesse hatten. Um so freudiger ist es zu begrüßen. daß «die Wiederdesetzung der erledigten Stelle bald in Aussicht steht, nachdem die auf etwa 30 Familien awgewachsene Gemeinde den Beschluß gefaßt hat, Lehrer Jakob Härter, früher an der israelitischen Volksschule in Jnsberg tätig, mit den Funktionen eines Äultusbeamten zu betrauen. Der Gewählte, der wegen der bestellenden Wohnungsnot noch nicht hierher übersiedeln konnte, hat an den hohen Feiertagen und auch am Sukkausfeste bereits zur Zufriedenheit der Gemeinde den Gottesdienst geleitet. Es ist daher auch der dringende Wunsch aller Beteiligten, daß er bald dauernd hier fernen Wohnsitz nehmen möchte. Ohlan. sGeschäftsjubiläum.) Unser Mitglied. Serr Georg J-onas, ein geschätzter Mitarbeiter in unserer Bewegung, konnte am 1. Oktober das 75 jährige Bestehen seiner Firma feiern. Wir sprechen ihm aus diesem Anlaß unsere herzlichsten Glückwünsche aus. Schneidemühl. iBerusung eines Rabbiners.) In der Gemeinde Schneidemühl ist seit längerer Zeit die Rabbinatsstelle vakant. Wie wir hören, hat nunmehr unter recht günstigen Bedingungen Rabbiner Dr. Salomonski, früher Frankfurt a. d. Oder, jetzt Berlin, eine Berufung erhalten. Es dürfte jedoch anzunehmen sein, daß Herr Dr. Salomo«ski, dessen Wirken im Liberalen Synagogenverein Norden allseitig geschätzt und anerkannt wird, die jetzige Stätte feines Schaffens nicht verlassen wird. BB Woraus nebenher zu ersehen, daß sich Legende und Volksglaube sehr lebhaft mit dem Jenseits und der anderen, der „kommenden" Welt befassen. Weiß dach die Sage vom Leviathan, dem herrlichen Fisch, zu erzählen, den Gott seinen Gästen im Jenseits vorsetzt, von dem bei Erschaffung der Welt bereits gepflanzten Wein und dem „Schor habor", dem edlen Rind, 'I>as die Braten liefern soll. Nur zum Glaubenssatz ist diese Legende rricht erhoben. Aus dem altjüöischen Lehen in zwei getrennten Welten, einer geistigen und einer materiellen, die einander nie ins Gehege kommen, erwächst übrigens auch ein ganz absonderlicher vrakischcr Vorteil. Ein treffliches Schlafmittel. Wirksamer als Brom oder Malin. Wie oft läßt der Nachklang der Alltagsaeschäfte, der Aufregungen, das Bohren einer Sorge die Menschen nicht einschlafen. Wer atavistisch noch jener Fähigkeit teilhaftig ist, auch im Gemü t und in Gedanken jene zwei Welten streng zu scheiden, der vermag seine Denkwerkstatt beliebig .zu schließen, den Aufregungen einen Halt .zu gebieten und den Gehirnbetrieb umzustellen. Diesen mehr hygienischen Gewinn aus -,)em Erbe, das uns aus der jüdischen Abkunft zuflicßt, gesellen sich aber wertvolle moralische Legate hinzu. Diese in Fleisch und Blut und Nerven non Generationen fortlebende. Ueber" lieferung heißt uns die Wissens- und Gedankenwelt nach Gebühr Hochhalten und bewahrt uns vor jeder Ueberschätzung äußerer, vergänglicher Güter. Heißt uns. bei Beurteilung der Menschen und Tinge, bei unserer, ganzen Welt- und Zeirbetrachtung die Rücksicht auf den eigenen Vorteil völlig' außer acht zu lassen. Daraus ergibt sich übrigens zum guten Teil auch die Erklärung dafür, daß unsere Priester und Prediger von scher durchaus davon Abstand nahmen, auf eine Belohnung guter Taten im Jenseits, aus die Reize und Freuden einer Wiederbegegnuna mit den Lieben in der anderen Welt Hinzumeisen. Bezeichnend für die Einschätzung der eigenen Interessen im Anspruch aus den Mitgenuß an Len Weltgütern ist der Ausspruch eines bitierarmen, vom Schicksal hart bedrängten älteren Juden. Er meinte: „Diese Welt mit allen ihren Gaben und Freuden ist n n s nun einmal versagt, die gehört den anderen, dafür wird die künftige unser sein." Und nach einer kurzen Weile des Besinnens heiter: „Das herßl. lachen möcht' ich. wenn die andere Welt auch noch jenen gehören würde." Es wäre vermessen und wäre jedenfalls falsch, wenn ich oder wenn irgendwer von sich behaupten wolle, aller« in Wesen und Schaffen von der Atmosphäre des jüdischen Hauses, von der über viele Geschlechter hinweg noch wirksamen Ueberlieferung beeinflußt zu sein. Da, wo sie sich am meisten erhalten knt und am stärksten wirkt, ist sie mcht ohne Nachteile, nicht ohne Schäden. Sie begünstigt die Entwicklung von Gehirmnenschen, die ungeschickt, für Handfertigkeiten untüchtig, sportlichen' UeLungen abgeneigt macht, obwohl hierin die jüngere Generation bereits eine ersreusiche Neigung zum Besseren zeigt. In einer gewissen Ausartung führt jenes Gemütserbe dazu, daß wir alle rremdenl Sorgen zu unseren eigenen machen «nfr nur die eigenen 3«« teressen unZ fremd werden...

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