Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 42 (16.10.1925)
- Date
- 1925-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMchMraleZeitung Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle ^jährlich M.SL0 Einzelnummer 0.20. Bei freier Ausendung i. Inland SL8 §ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis r: :: im Mtgliedsbeitrage enthalten, r: s Chefredakteur: Dipl.-4ng. Bruno Doyda. Die „JiiötfdHlberale Bettung“ erscheint jeden Srellog. ReDaktlon u. Oefdjflftsftelle: Berlin BW, Wllbelmftr. I4T. fern ruf: Am« Cüfcow nr. 9 t 60-61 Ppftfctjeckfeonto: Berlin fl\V7 nr.lS7060 (Vereinigung für das liberale Judentum Nad)bru<k sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorherige* Genehmigung Der Rebahtlon gestattet. Anzeiaenpreifer Die 12gespaltene Nonpareillezeile 0,45 Goldmark, die Neklamezetle 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: «Ndisch - liberale Zeitung" NsteratemrbteUung: Berlin SW 48. Dilhelinstraße 147 «tzo«: 0100—61). sowie sämtl. AnnoncenExpeditionen Rr.42 Berlin, 16. Oktober 1925 5. Jahrgang Sw Wische in meinem wesen uub Schassen. Antworten auf eine Rundfrage von: Max Brod, Kurt Walter Goldfchmidt, Georg Hermann, Kurt Hiller, Siegfried Iacobsohn, Isidor Landau, Ernst Liffauer, Jakob Loewenberg, Arthur Silbergleit, Ernst Toller, Arnold Zweig, Stefan Zweig. Wir hatte» uns an eine Anzahl hervorragender Vertreter der deutsche» Literatur, die zugleich Bekenner des Judentums sind, mit der Frage gewandt, was sie iu ihrem Wesen and Schaffen als aus jüdischer Wurzel stammend empfänden. Dies die Antworten: Arnold Zweig: Als ich Ihre Frage in'mich hineinsallen liest, selber neugierig, wann und wie lautend.die Antwort heraufdringen werde, wußte ich mich besten Willens, auf eine Frage auch eine Auskunft zu geben: besprechbar erschien sie wir durchaus. Erst glaubte ich, mit einiger! präzisen Sätzen zum Zentrum des Falles Vordringen zu können: .dann schienen mir ein paar kurze Abschnitte zur Lösung zu führen: dann stand ich kurze Zeit ratlos, denn einen solchen Seinskvmplex thevretisieremd zu umreisten hatte ich mix ja wohl noch me vorgenommen. Und mit diesem Worte „Seinskomplex" endlich, ward für mich Licht. Einen Seinskvmplex kann ich, da ich wesentlich Gestalter bin, nur gestalthaft abbilden und transparent machen: ja, lösbar, auslösbar, dem Verständnis und der inneren Anschauung erschlossen, sehe ich solche Fragwürdigkeiten nur durch Gestaltung. Die Kunst nämlich bat unter anöerm auch eine Aufgabe innerhalb des menschlichen Erkenntniskreises: sie schafft Erkenntnis durch Gestalt, Anschauung, durchleuchtete Abbildung, und zwar in Wesensfällen. Nun, das ist ein weites Feld. Die Bedeutung des Jüdischen in meinem Wesen und Schaffen? Aber das heißt ja, die Frage nach mir selber stellen, nach dem geistigen, deutschen Juden! Eine Romanthematik anschlageu, die, wie ich gut weist, auf mich wartet und noch einige Zeit wird warten dürfen. So wie meine ganze Person bis in die Schristzüge dieses Manuskripts hinein, da mein Denken in deutscher Sprache geschieht, durckädert ist von deutschem Element, — worüber ich mir einige Rechenschaft legte, als ich „Lessing, Kleist, Büchner" schrieb — so, nur noch unterhalb dieser hell beleuchteten appollinischen Schickt, durchwaltet mich das Indische: arandios und entstellt, dionysisch tief und mit der vollen Realität und auch Gewöhnlichkeit des Wirklichen, ein Reichtum der Beheimatung, eine Zugehörigkeit zum mediterranen Klima und zum nordischen: kurz, eine Fülle und Ausgabe, die unverständlich ist. auch mir selber, bis ich sie gelöst habe: durch Gestalt. Es fehlt noch einiges bis zum Stadium der Vorreise solchen Unternehmens, es fehlen vor allein noch alle Vorbedingungen künstlerischer Kristallisationaber eines Tages wird dieses Werk, wenn ich und Sie es erleben, da sein, und wenn es gelungen sein sollte, werden Sie es erkennen an der Abwesenheit aller Elemente, die an diese Ihre Umfrage und meine antwortlose Antwort erinnern. Max Brod: „Die Bedeutung des Jüdischen in meinem Wesen und in meinem Schaffen" — ich glaube, ich müßte mein ganzes Wesen, mein ganzes Schaffen durchanalysiereir, um eine erschöpfende Antwort auf Ihre Frage geben zu können. Denn obwohl gewiß auch andere Substanzen und Kulturen als die jüdische an meinen Lebensaußerungen Mitwirken, kam: ich mir doch schlechterdings keine Lehensäußerung, ja keine noch so schwache Regung meiner Seele denken, an der mein Jude-Sein nicht unlösbar mitbeteiligt iväre. Ernst Liffauer: In meinem Aeußeren, Lessen jüdische Merkmale mit den Jahren deutlicher hervortreten. — In der Abwesenheit jeglichen Verständnisses für Trink- und Waid-Freude. — In gewissen Färbungen und Nuancen der Gottesvorstellung, wie wir sie in manchen meiner „Psalmen" und in Teilen eines eben entstehenden religiösen Dichtwerks sichtbar wird. Arthur Silbergleit: Die Geschichte unserer Familie vermag dank der Folgerichtigkeit ihrer Entwicklung Ihre Frage nach der „Bedeutung des Jüdischen in meinem Wesen und in meinem Schaffen" besser als ich zu beantworten. Einer meiner Ahnen war Wünderrabbi in Kowno und erhielt trotz seiner Warnung, immer tiefer ins unwirtliche Steppenreich Rußlands einzudringen, von Napoleon I. eine goldene Denkmünze. Noch mein vielseitiger Großvater, u. a. der Begründer der Reeüen- und Laurahüttenmerke in Oberschlesien, besaß gleich meinem seligen Vater, dessen Lebenslauterkeit mich noch heul mit fast biblischem Sagenglanz anstrahlt, die Kenntnisse eines Rabbiners (und gehörte dem Synagogenvorstand in Gleiwitz an). Solches geistige und seelische Erbe verpflichtet. Die tiefe Mystik des ewigen Wayder- und durch seine heldische Ueberwinduug leidensreicher Jahrtausende auch ewigen Wundervolkes müßte eigentlich einen jeden Schaffenden, sei er Jude, Christ ober Mohammedaner, bezwingen. Ich suche wie ein Taucher ihre versunkenen Schönheiten immer wieder im Seelensee meiner Träume und bekenne mich in ungebundener und gebundener Sprache zu der magischen Macht unserer Glaubens- und Schickfalsgemeinschaft. Georg Hermann: Ihre Frage erinnert mich daran, daß ich einmal bei Liebermann war. und daß er mir einen langen Brief zeigte. „Sehen Sie", sagte er. „da hat mir so ein Professor einen Fragebogen geschickt, was ich beim Malen denke und fühle, und wie ich die Farben mische, und ob ich vorher ein bestimmtes Bild sehe, und was noch sonst alles: fünfundzwanzig Fragen. Wissen Sic, was ich ihm antworten werde?: Lieber Herr, wenn ich all das wüßte, was Sie von mir wissen wollen, war ick kein Kinstler!" Sie wundern sich, was diese Anekdote Hier bedeutet? Nichts anderes als, wenn ich das, was Sie wissen wollen, genau beantworten könnte, wäre ich kein Jude. Sie also wünschen von mir über die Bedeutung des Jüdischen in meinem Wesen und meinem Schassen zu hören: und zwar zudem noch in kurzer Beantwortung. Dazu wäre Voraussetzung, daß der Begriff des Jüdischen feststände, oder daß wir beide darunter das gleiche verstehen, und das es — sagen wir — eine allen Bekennern jüdischen Glaubens oder Kindern jüdischer Rasse (sofern von solcher zu sprechen) innewohnende seelische Einheit gäbe, mit der wir hier operieren könnten. In Wirklichkeit ist es natürlich nicht so. Das Indische bat vielleicht einen uralten geheimnisvollen menschlichen und seelischen Grundklang. Sein Baum aber hat sich in viele Aeste zerspalten, die weit voneinander abweichen in allem, so daß man manchmal gar nicht mehr an den gemeinsamen seelischen Stamm glauben mag. Es ist wie der alte Birnbaum bei meinem Nachbar, der xmal gepfropft ist und nun hier große, da kleine, da harte, da weiche, da bittere, kaum genießbare, da süße und anf diesem Ast überhaupt keine Früchte mehr trägt und dazwischen noch allerhand Variationen zeigt. Birnen sind es ja ziemlich alle, aber kein Pomologe, dem man sie vorweisen würde, wird je glauben, daß sie von einem Baum kommen. Und so ist es mit dem Judentum. Sehen Sie, das Judentum, das mir die Grundfärbung gibt, ist ein norddeutsches, mehr noch berlinisches liberales Westjuden tum, das vom Religiösen sich ziemlich weit abgelöft hat, ohne ihm unfreundlich gegenüberzustehen. Ein Judentum, das im Aeußeren, auch in der Denk- und Redeweise stark verpreußt, ja verVerlinert ist, das aber dagegen rassemäßig, gerade bei mir als einem ziemlich rein erhaltenen Mittelmeertyp, völlig nnassimiliert ist. Meine Einstellung ist jedoch trotzdem rein deutsch, dem Svrachgut nach. Und im weiteren Sinne westeuropäisch, der Kultur nach. Meine Sympathien gehen nach germanischen Ländern mit älterer Kultur, wie England, Hollarrd und Dänemark, unter deren, im höheren Sinne rationell-vernünftigen und menschlicheren gebildeten Schichten ich mich wohl zu fühlen vermöchte. An romanischen Völkern, vor allem den Franzosen, reizt mich ihr Differenzierungsvermögen, ihre Beweglichkeit, ihre starke Beeindruckfamkeit Kunst und Natur gegenüber, die Verwandtes in meiner leicht zum Vibrieren zu bringenden, eben wohl doch südländischen Nervenklaviatur anklingen lassen. Die östliche, slavische Welt ist mir fast verschlossen und findet kaum Widerhall in mir. Und mit ihr auch jene Welt, die in jahrhundertalter, naher Berührung vieles von dieser angenommen hat, nämlich die ostjüdische. Das ist kein Werturteil, sondern nur eine Feststcllurig, die zur Umgrenzung meiner Mentalität dienen soll. Ich möchte hier von einer geistigen und seelischen Mentalität im Judentum sprechen und sie beide voneinander trennen. Die geistige Mentalität ist eine Einstellung des Verstandes und füL den jüdischen Kaufnmmr wie für den jüdischen Wissenschaftler bezeichnend. Die seelische ist eine Einstellung des Gefühls und des Empfindens. Die typische geistige Mentalität des Juden, die sich in Denkschärfe, schnellem Erfassen, Zergliedern, sicherem logischen Folgern ansspricht, geht mir völlig ab. Die seelische Mentalität des Juden, die z. B. in dem anderen den Gleichberechtigten sieht^ die nicht herrschen, aber auch nicht dienen will, die sich einordnet, aber nicht unterordnet, die aufrecht und' ungedrückt ist, die die Leistung achtet, die das Leben als der Güter höchstes anbetet und seine Heiligkeit in jeder Kreatur (geschweige denn nicht im Menschen!) zitternd empfindet, die in sozialen Verschiedenheiten keine Gottgegebenheiten sieht, sondern böser Wille und Unzulänglichkeiten, so geändert werden müssen,... die gerne träumend fabuliert.,, und die wohl gerade deswegen eine letzte Fremdheit aller Wirklichkeit dieser Welt gegenüber (ob das Menschen oder Dinge sind) nie überwinden kann . . , diese seelische Mentalität spüre ich in mir als ein sehr altes Geschenk und Erbteil, nicht allein vom Judentum, sondern vielleicht sogar von der späten Antike her. Ich meine immer, wenn sich meine Seele zurüclerinnert, so erinnert sie sich nicht an Moses. Salomo oder David, sondern an die Zeiten des Marc Aurel oder au jene später in Gvanada. Wenn ich maurische Fliesen sehe, so habe ich stets das Gefühl wie der Leutnant iu der Meißen Dame", wenn er den Robin Adair hört. Woher kenne ich diese Melodie nur? Vielleicht aus unferner Kindheit. Ich gebe zu, daß vor 1914 diese Stellung zum Judentum als seelischer Begriff, als Mentalität des Gefühls zwar nicht weniger bei mir vorhanden war, Donnerstag, den ZI. Oktober 19Z5 abends 8 Uhr imVerwaltungsgebfiudeder Synagoge Fasanenstr. 79/80 Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Wilde »Magdeburg Ober Ufl NHlüedir des ltemlm Veretas steil Midi eiogeladeo! Gäste willkommen!