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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-10-09 · 41 (9.10.1925) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
41 (9.10.1925)
Date
1925-10-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Frankfurt a.M. (S16 c t ft I e t GottesLrenst.) Der V«rftand der Israelitischen Gemeinde hat auch dieses Zahr wiederum einen Zweig-gottesdienst nach dem liberalen Ritus in der Aula -es Philanthropin abha-lten lassen, der sehr «ut besucht war. Als erster Borbeter amtierte Herr Naschcelewitsch, ein Schüler von Naumow-Fleischnmrm, der über eine seh^ eindrucksvolle Stimme verfügt und der sich mit großem Eifer seiner Aufgabe entledigte. Frankfurt a. M. iP r o f c s s o r S ch w a r z g e st o r 6 c n.) nt Stifter von 74 Jahren starb der langjährige Lehrer am Philanthropin, Professor Tr. Julius Schwarz. 38 Jahre 'hat er als bewährte Kraft in treuer Pflichterfüllung feine bedeutenden Kenntnisse -er Jugenderziehung gewidmet. Rabbiner Tr. Horovitz schilderte am Grabe die AieberiSwürdigkeit und Bescheidenheit des allseitig geachteten Gelehrten. Ihr die Frankfurt-Loge widmete Lehrer Gut dem Verblichenen ehrende Worte treuen Gedenkend, und Dr. Julius Hbxter gab im Namen der Bereinigung jüdischer ReligionLlehrer und -Lehrerinnen der Trauer um den Heimgang des geschätzten Berufsgcnossen beredten Aufdruck. Frankfurt a. M. «G e f a h r e n d e r I u d e n m i s s i o n.) Herr Tipl.-Kausmonn Gustav Kahn schreibt uns: Eine große Gefahr, insbesondere für unsere Jugend, stellt die sogenannte Juden Mission dar. Diese wird weniger von katholischer als von evangelischer Seite auö betrieben. Besonders letztere hat eigene Vereine und Gesellschaften, die cK sich zur Aufgabe machen, Juden zum Christentum zu bekehren. ES besteht z. B. in Frankfurt a. M. der Verein der freunde Israels, in Berlin gibt eS eine Gesellschaft zur Förderung des Christentums unter den Juden, in Leipzig existiert ebenfalls eine Judenmissionsgesellschaft. In Hamburg wirb eine .Zeitschrift „Ter Messiasbote" von dem bekannten Pfarrer Schäfer herausgegeben, ferner treibt ein Pfarrer v. Harling ebenfalls diese Seelenfangarbeit. ES ist m. E. von höchster Wichtigkeit. wenn man sich einmal mit diesen Verbänden näher beschäftigt und die Tätigkeit derselben im Auge behält, damit keine größeren Gefahren entstehen. Besonders ist es Pflicht der jüdischen Verbände und der Rabbiner, auf diesem Gebiete ousklärend zu wirken. Hamburg. IT a S Heine-Denkmal.) Der Magistrat der Stadt Altona stellte an die städtischen Kollegien den Antrag. .Ms» Mark zu bewilligen, damit das in dem Kontor- Haus Parkhos zu Hamburg stehende Heine-Denkmal, das der Familie Campe gehört, und das wegen wiederholter Beschädigungen durch hakenkreuzlertsche Elemente jetzt dauernd hinter einem Bretterschutz sieht, nach Altona qebracht und dort ausgestellt wird. Das Denkmal wird wahrscheinlich im Tonnersparl am ehemaligen Mausoleum aufgestellt werden. Harburg. lT o d des G e nt e i n d e v o r st e h e r s.) Ter erste Vorsteher der Snvagogen-Gememde. Herr Max Neufeld, ist im Alter von 74 Jahren aus einem arbeits- und erfolgreichen Leben geschieden. Das Vertrauen seiner Glaubensgenossen berief ihn zum Repräsentanten und ersten Vorsitzenden, und m beiden Aemtern hat er seine großen geistigen Fähigkeiten in den Dienst der Allgemeinheit gestellt. Auch die kommunalen Angelegenheiten fanden in ihm den eifrigen Förderer. So würde die freiwillige Feuerwehr von ihm ins Leben gerufen und geleitet. Sein Leichenbegängnis fand daher unter außergewöhnlicher Beteiligung aller Bevölkerungsschichten statt. Feuerwehren gaben ihm neben Sanitätskolonnen und Kriegervereinen das Geleit. Vertreter des Magistrats und Stadtverordnetenkollegiums folgten seiner Bahre. In den Roden des Lehrers Bachenheimcr. der im Trauerhause sprach, des Gemeinde- Vertreters S. Hirschfeld und der Rabbiner Tr. Lübarsch und Dr. Urias-Hamburg, klang die allgemeine Trauer um den Verlust des seltenen Mannes wider, dessen Andenken in hohen Ehren gehalten bleiben wird. Kitziuge». lAmtsjubiläum des Kantors Bamberg e r.) Unter reger Beteiligung aller Gemeindeange- Hörigen beging Lehrer und Kantor N. Bamberger die Feier feines 25jährigen Ortsjubiläuuts. Ter Jubilar, der sich auch literarisch durch Herausgabe einer „Geschickte der Juden in Kitzingen" betätigt hat, erfreut sich in allen Kreisen der Bevölkerung großer Sympathie, was in mancherlei Beweisen von Aufmerksamkeiten zum Ausbruch kam. Tie ^1- MWWMMWB—BWWBMMCTMWMBWHWHMM—WB1 it60e0en«$emtht&e erkannte die Zufriedenheit mit dem Wirken ihres Beamten durch Gewährung einer GeHaltScrhöhüng an. ftfoifttttt*. lDer Arie-Hof vor dem Könias-- tor.) &mn fünfzigjährige» Bestehen des israelitischen Be» gräbnisplatzes vor dem KönigStor hat Direktor JosctH Rosenthal eine Broschüre hera-uSgegeben. Sie enthält im ersten Teile mannigfache Daten von lokalgeschichtlichem Interesse. Die Begründung der neuen jüdischen Begräbnisstätte wurde zu einer Notwendigkeit, als unter dem 4. Oktober 4871 die behördliche Verfügung auf Schließung des innerhalb der Stadt gelegenen alten, schon vor 220 Jahren auf dem Tragheim errichteten Begräbnisplatzes erfolgt war. Der Erwerb de, neuen, ursprünglich acht Morgen umfassenden BeeröigungSstätte erfolgte im Jahre 1874 zum Preise von 4360 Talern sspäter wurden noch weitere 8 Morgen für 12 000 Mar-8 stinzugekauft): die Einrichtung kostete rund 5500 Taler: die Einweihung des neuen Begräbnisplatzes erfolgte am 14. November 1875 mit einer Feierlichkeit unter Anteilnahme auch nichtjüdischer Gäste, unter denen sich der kommandierende General, der Festungskommandant, der Polizeipräsident, der Oberbürgermeister, der Stadtverordnet envorsteher und andere prominente Persönlichkeiten der Stadt befanden. — Bis zum Jul! dieses Jahres fanden auf der jüdischen Begräbnisstätte vor dem Königstor 6008 Beisetzungen statt. Laupheim. 13 m eih u n d e r t j ä h r i g c s B c st eben der jüdischen Gemeinde.) Die Lauvheimer jüdische Gemeinde feierte kürzlich ihr zweihundertjähriges Bestehen «durch einen erhebenden Festgottesdienst. bei dem Rabbiner Dr. Straß-burger-Ulm die Festpredigt hielt. Nach ihm entbot Stadtrabbiner Tr. Nieger-Stuttgart im Auftrag des israelitischen Oberrats und der Religionsgemeinde Württembergs Grüße und Glückwünsche. Ten Beschluß der Feier bild-rta ein Familienabend im Gasthos „Zirm Kronprinzen", bei dem der enge Zusammenhalt der Gemeinde hervortrat. Das Stadtschultheißenamt Laupheim hat anläßlich des Festtages an das israelitische Kirchenvorsteheramt folgenden Brief gerichtet: „Die israelitische Gemeinde Laupheim feiert heute die 200. Wiederkehr der Gründung ihres konfessionellen Gemeinwesens. Bei dieser seltenen Feier nimmt auch die Stadtverwaltung Veranlassung, der isr. Gemeinde die besten Glückwünsche Larzubringen. Sie fühlt sich bierzu besonders gedrängt, da das Verhältnis zwischen der isr. Gemeinde als Konfessions-Gesellschaft und der politischen Gemeinde, stets ein harmonisches war. Auf denselben Ton abaesiimmt »st das Verhältnis der isr. Gsmeindeangehörigen zur politischen Gemeinde. Sie waren stets ihrer engeren Heimat zugetan und haben wahrlich nicht zum mindesten dazu beigetragen, daß Lauvheim das ist. was es heute ist. Und wenn draußen in der Welt Laupheim einen guten Klana hat, so verdankt es dies vielfach Angehörigen Ihrer Gemeinde. Wir freuen uns, Ihnen an Ihrem Jubelfeste dies aufrichtig bestätigen zu können. Mochten außerhalb unseres geliebten Laupheim die Wogen fvnsessivneller Verhetzung in den letzteit Jahren auch hoch gehen, der Friede hier blieb stelS bewahrt. Ties beweisen auch die unliebsamen Vorgänge im letzten Jahre, als von außen herein Zwietracht in rrnscrer Mitte gesät werden sollte. Tiefer Saat blieb jegliches Wachstum versagt, weil eben auf unserem Lauvheimer Boden solche Saat nicht aufgehen kann. Heute hoffen und wünschen mir gemeinschaftlich, daß das schöne Verhältnis zwischen Ihrer Gemeinde und den andern slonkessionen, auf das wir bisher so stolz waren, nie eine Trübung erfahren möge, zu Nutz und Frommen der ganzen Gemeinde, unseres geliebten Laupheim." Mainz. (Jüdische Altertümer.) Einige hervorragende Mainzer Juden haben sich zusammengetan, um einen „Verein zur Pflege jüdischer Altertümer in Ma>i»z" ins Leben zu rufen.. Dem Komitee gehören u. a. an Rabbiner Tr. Lcvi, Dr. Karl Ladenburg, K'mnmerzienrat B. A. Maper, Regierungsrat Michael Oppenheim u. c. nt. In dem Aufruf wivb gesagt, die jüdische Kulturgeschichte in Teutschland habe sich als ein wertvoller Bestandteil in das Gesamtbild kulturellen Schaffens eingegliedert. Es soll der Grund gelegt werden zu einer .historischen Sammlung der israelitischen Gemeinde Mainz", die später einmal der Mainzer städtischen! Altertu-m-sckmmiluna unter Währung des Eigentumsrechtes der jüdischen Gemeinde angegliedcrt werden soll. München. s.K o m m e r z i e n r a t Frankel g e st o r * Den.) Am 30. September ist in München «Kommerzienrat Sigmund Fränkcl, Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde, im 71. Lebensjahre gestorben. Kommerzienrat Frankel nahm nicht allein in der Jüdischen Gemeinde, son. dern auch im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben Münchens eine hervorragende Stellung ein. Er war Vize« Präsident der Handelskammer, Mitglied des ReichSeisenbahn« rates und hatte sich insbesondere mit den Fragen der intereuropäischen Eisenbahnverbindungen beschäftigt. Bor zwei Jahren wurden Kommerzienrat Fränkcl und sein Lohn.bei der Rückkehr von einer Reise von Nationalsozialisten .Hitlerscher Prägung im Straßenbahnwagen überfallen und brutal mißhandelt. Dieser Vorfall bat in indischen »trie in christlichen Kreisen Münchens ungeheuere Empörung bervorgeruseu und dazu beiaetragcn, daß die öffentlichen Organe den nationalsozialistischen Ausschreitungen nunmehr schärfer zu Leibe gingen. Prrmzlan. iTodesfall.) Die hiesige «Gemeinde und der Vorstand der Ebewra Kadischa zu Prcnzlan beklagen den Tod des Herrn Salln Selig. Der Vorstand der Svnagogengemeinde Prenzlau veröl sentlicht folgenden Nachruf: „Plötzlich und unerwartet verstarb gestern Abevd unser Vorstandsmitglied. Herr Salln Selig. Wir verlieren in dem Dahingeschiedencit einen vorzüglichen Charakter, der stets das größte Interesse an der <>iemeinde gezeigt und das gesellschaftliche und religiöse Leben in unserer Gemeinde gesördert hat. Der Verlust ist für uns unersetzlich. Sein Wirken innerhalb unserer Gemeinde und im täglichen Leben wird uns ein mustergültiges Vorbild fein." K—UHMHWKMTA Kalendarium für fite Zeit övm 9.10. bis 17.10.1925. Oktober 1925! Tifchri 588« T Freitag 9. 21. Hofchaua Rabba Sonnabend 10. 22, Schmiui Azercth Sonntag 11. Ä. Simchat Torab Ausgang: 6,04 Montag 12. 24. Dienstag 23. Mittwoch 14. 26. Donnerstag 13. 27. Freitaa 16. •x;. Sonnabend 17. 29. Neumondwcihe Wochen-Ablchmtl: B refchith 11. B. M. Kapitel 1—6. S, 1 Haftarah: 1. Buch Samuel 20 (IS—42) <*■" für kommende Saison neueste Modelle 'JETZT: BikUN-WSQ BAYNXHEkPLATZ 6* ■"'.Tf' V'/, alle die Hände nach „mancia" iTrinkgeld) auöstrecken. Es sind natürlich mehrere Snnagvgen dort, und da es Freitag abend ist, gehe ich hinein. Aber wieder überraschet:-. wie wenig aus Ritus und alte Formen gegeben wird: Kaum irgend jemand erhebt sich bei den heiligen Gebeten. Kinder laufen umher in Lumpen, wie sie gerade von der Straße hereinkommen, ein paar verdächtige Gestalten mit. geflickten Anzügen und Schirmmützen drücken sich in den Gängen herum. Mich treibt es wieder fort, mir ist, als wäre ich hier eingeschlossen, käme nie wieder heraus aus dieser Gyssen unheimlichen Gewirr — ich will zum Canale grande hin — da verliere ich mich in noch engere Straßen — hoch und drohend steigen Hauser um einen kleinen Kanal empor, darüber der dunkle Himmel, nur hier und da ein Licht aus einer Seitengasse — da scheint es mir, als wäre dies hier, i dies hohe Haus mit den Balkons, das früher vornehmer als die anderen gewesen zu sein scheint, das Haus des Shtzlock — jetzt wirft der Mond noch feinen bleichen Schein auf das Wasser — mir ist. als ob alle Schatten lebendig werden, als ob auch der Mohr von Venedig und die arme Desdemona dahergemandolt kämen, fast sehe ich sie in weißem Gewände wie Nebel über das Wasser schweben — ein Geist, der keine Ruhe fand — da — o Erlösung! — liegt breit und lichterfroh der Canale ßrande vor mir und der Dampfer bringt mich in mein Hotel. — Venedig — du Stadt der Träume und der seltsamen Wunder!-7 — Gespräche Spinozas. Von S. M e i f e 18, Wien. Herz und Geist, Charakter und Genie des Menschen offenbart sich am unmitterlbarsten im Gespräch. In der mündlichen Unterhaltung tritt der innere Mensch sichtbar in die Erscheinung. Das Zwiegespräch unter vier Augen ist der wahre Meinungsaustausch, nämlich der Austausch von wahren Meinungen. Denn bei solchem Gespräch fallen die Hüllen der Sprache, das Wort wird frei, der Gedanke durchsichtig und die Gesinnung offenbar. Im gemütlich ungezwungenen Gespräch tut sich dem Seelenkundigen bald da bald dort ein kleines Fenster auf. durch das er ins Innere des Menschen hineinsehen kann. Eckermgnn mar ein genialer Mann, denn er hat als erster den Wert der Goetheschen Gespräche intuitiv erkannt. Andere pflogen mit Goethe einen ausgedehnten Briefwechsel, er aber ließ sich willig in Weimar festhalten und füllte dort dir Zeit mit der fruchtbaren Tätigkeit. jedes gehaltsreiche Wort. daS Goethe gesprochen. jede sinnvolle Aeußerung. die Goethe getan hatte, fein säuberlich in sein Notizbuch zu verzeichnen. Go hat er der Nachwelt ein Werk geschenkt, dessen Wertgehalt den aller BriefÄ-nmlungen überwiegt. Auch Briese können intime Lebensäußerungen sein, aber sie werde» stets jener Unmittel, barkeit ermangeln, die den „Gesprächen" eignet. Der Schrei, -ende ist immer an die Form gebunden, und er wird Lei aller Offenherzigkeit unwillkürlich und unbewußt sich zusammennehmen, um sich nicht ganz restlos auszugeben. Ter Redende aber wird seinen Worten freien Lauf gewähren, wenn die Ungezwungenheit der Unterhaltung seine Aufrichtigkeit begünstigt. Und dann: das Schreiben bleibt immer geschrieben, und mag eS selbst den LebenShauch des Schreibenden atmen: dos Gespräch bleibt immer gesprochen, und vuag es später für die 'Nachwelt in Schriftzeicheu festgehalten sein. Schier unermeßlich wäre der Gewinn, wenn wir von den führenden Geistern vergangener Zeiten, von den repräsentativen Männern der Geschichte „Gespräche" in authentischen Auszeichnungen besäßen. Der lebendigste Teil ihres Lebens wäre damit für ave Zeiten lebendig erhalten. Tenn! solche „Gespräche" sind eine Art von in Truck gegebenen Grommophovvlatten. die die Stimme des Propheten. deS Vaters, des Weisen nahezu unveränderlich durch die Zeiten trogen. Authentische Aeußerungen eines Geistesgrößen, sie wogen an Zahl noch '0 gering feit«, bereichern unicr Wissen um seine Persönlichkeit: sie geben uns vom Geistesüeros eine lebendigere Vorstellung und manche Seite seines Wesens und seines Geistes wird erst durch sie erkannt und verstanden. Dies beweisen auch die „Gespräche Spinozas", die im Schluß- Land der im Verlag von Felir Meiner in Leipzig erschienenen Werke Spinozas abgeöruckt sind. Diese Gespräche sind nicht nur ein wertvoller Beitrag zur Charakteristik de.? Amsterdamer Philosophen, sondern auch eine Bereicherung seiner uns überlieferten Lehrmeinungen. Es mar vom Herausgeber, Carl Gebhardt, ein höchst dankenswertes Nnternehmen, dieser herrlichen Spinoza-Ausgabe, die das Gesamtwerk deS Philosophen nebst dem Briefwechsel und den älteren Lebensbeschreibungen enthält, durch den Anhang „Gespräche Spinozas" erst die volle Abrundung zu geben. Mit pietätvoller Umsicht hat hier der Herausgeber alles zusammengetragen. waS uns an authentischen Aeußerungen Spinozas er),dien geblieben ist. Tie Hauptquelle dafür bilden zunächst die älteren Lebensbeschreibungen Spinozas, die uns so manches beglaubigte Spinoza-Wort überliefern: daneben verdanken wir dem Philosophen Leibniz. dkm Gelehrten Ehrenfried Walther Grafen von Tichirnhaus und dem Arminiancr Philipp van Limborch manche Aeußerungen Spinozas, die nicht nur für den Philosophen, sondern auch für den Menschen Baruch de Spinoza charakteristisch sind. Im November 1676. vier Monate vor Spinozas Tode, hat Leibniz dem Denker und Glasschleifer Baruch de Spinoza in dessen Werkstätte im Haag einen Besuch abgestattct. sllcber diese Begegnung hat Ludwig Stein eine besondere Studie geschrieben und die Unterredung der beiden Ebenbürtigen bat Theodor Gomvertz zum Gegenstand einer poetischen Schilderung gemacht.) Leibniz selbst bat später in seinen Schriften aus seiner Unterhaltung mit Spinoza einige markante Aeußerungen des Philosophen mitgeteilt. In der Hauptsache drehte sich daS Gespräche um philosophisch» Pro. bleme: zwischendurch wurde auch manche politische Tages, frage erörtert. Interessant ist. was Leibniz über die Ermor, düng der Brüder de Witt berichtet. ,Hch habe nach dem Essen einige Stunden mit Svinoza verbracht. Er sagte mir. er habe sich am Tage der Ermordung fccr Herren de Witt gedrungen gefühlt, in der Nacht herauszugehen und irgendwo, nahe dem Orte der Ermordung, ein Papier auzuhesten. auf dein stünde: „Ulttini barbarorum!" Aber «ein Hauswirt habe ihm das Haus verschlossen, denn er würde sich der Ge-, fahr ausgesetzt haben, zerrissen zu werden." Der Rats- Pensionär von Holland, Jan de Witt, war ein Gönner Spi. nozas. Als dieser Mann vom Pöbel überfallen und buchstäblich in Stücke gerissen wurde, vergoß unser Philosophi Tränen des Schmerzes über diesen beispiellos grausamen Mord. Seiner großen Seele gelang es iedoch bald, die inneren Erschütterungen zu überwinden. Als einer feiner Freunde darüber Erstaunen bezeugte, sagte Spinoza: „WaS würde uns die Weisheit nützen, wenn wir. den Leiden, schäften deS Volkes verfallend, nicht die Kraft halten, unS von selbst wieder zu erheben." Für seinen philosophischen Gleichmut ist nachstehende Aeußerung charakteristisch. Als Spinoza einmal hörte, daß ein Mann, der ihm 200 Gulden schuldig war. Bankrott gemacht hatte, sagte er lächelnd: „Ich muß mich in meiner Gewohnheit einschränken, um diesen kleinen Verlust wieder aus-ngleichen: um diesen Preis kauft man öen Gleichmut." Einen Nietzscheschen Gedanken vor. wegnehmend, äußerte er einmal über das Mitleid: „Zu glauben, daß ein Hebel weniger hart sei. wenn mir eS mit mehreren andern teilen, ist ein großes Zeichen von llnmissen. heit, und man muß wenig gesunden Menschenverstand haben, um die Gemeinsamkeit der Leiden unter die Tröstungen zu rechneir." Zu seinem Hausherrn tat er einmal die einem politischen Bekenntnis aleichkomntcnde Aeußerung: „Ich bin ein aufrichtiger Republikaner und das Wohl der Republik ist mein Augenmerk." Einst fragte ihn seine Hausfrau, ob sie nach seiner Meinung in ihrer Religion wohl selig werden: könne, er beruhigte sie mit den Worten: „Eure Reliaion ist gut: Ihr braucht nach keiner anderen zu suchen, um selig zu werden, meint Ihr nur ein stilles und aottergebenes Leben führt." Nach einer Mitteilung des Spinoza-Biographen Lueas sott unser Philosoph sehr viel darauf geachtet haben, stets schlicht und sauber aekleidct zu sein. Er sagte: „Nicht ein unsauberes und vernachlässigtes Aeußeres macht nus zum Gelehrten: im Gegenteil, diese affektierte Nachlässigkeit ist das Zeichen einer niedriaen Seele, in der keine Weisheit sich findet und in der die Wissenschaften nur Unreinheit und Verderbnis erzeugen konnten." lTcr Hinweis mag für viele interessant sein, daß auch im Talmud inbezug ans die äußere Erscheinunq des Gelehrten eine ähnliche Ansicht ausgesprochen wird.) Spinoza dachte viel über das Leben nach und noch wenige Stunden vor seinem Tode unterhielt er firfv darüber mit seinem Hauswirt: als dieser am 21. Februar 1377 einen geistlichen Redner .in den Nachmittagsstunden büren wollte, sagte er: „Nach der 'Predigt werden Sie. so Gott will, zu diesem Gespräche zurückkehren." Es hat symbolisch einen tiefen Sinn, daß Spi» noza kurz vor seinem Tode ein Gespräch über das Leven geführt hat.

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