Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 41 (9.10.1925)
- Date
- 1925-10-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IMchMeraleZeilma Organ der Bereinigung für das liberale Judentum e. B. Bezugspreis durch die GeschLftsftelle »F jährlich M. 2.80 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 Mr die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: :: im Mitgliedsbeitrage enthalten, r: :: :: Chefredakteur: Dipl.Ing. Bruns Doyda. Die „lüdisch-liderale Zeitung" erfdjetnt jeden Srettag. Reöaktion u. 6efd)ättsfteUe: Berlin SW, Wilhelmstr. 14T. fernruf: Amt Lützow nr. 9160-61 Poftf cbecfchonto: Berlin n\VT llr.moö» (Vereinigung für Bas liberale Judentum Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Rebafctton gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeile 0,45 Goldmark, die Reklamezeile 3.0S Goldmark, bei :: :: :r Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: ..Jüdisch-liberale Zeitung" Snseratenabteilung: Berlin SW 48. Wilhelmftraße 147 (Lützow: 9160-61). sowie sLmtl. AnnoncenExpeditionen. Nr. 41 Berlin, 9. Oktober 1925 5. Jahrgang Gesetzesfreude. Der Glaube an unsere Sendung. Zum Feste der Gesetzesfreude. Bon Rabbiner Dr. N 0 r d e u. Es geschah vor bald dreihundert Jahren, daß die jüdische Gemeinde m Amsterdam den jugendlichen Philosophen Baruch Spinoza, einen der erleuchtetsten Geister und edelsten Menschen aller Zeiten, unter den furchtbarsten Flüchen und Verwünschungen aus ihrer Mitte stieß, weil er Gedanken ausgesprochen hatte, die angeblich dem Judentum zum Schaden gereichten. Zwar sind es die religiösen Führer jener Gemeinde gewesen, die den Bann über den großen Denker verhängten. Aber sie taten es ja in öffentlicher Versammlung: und da von keiner Seite gegen den verhängnisvollen Irrtum Widerspruch erhoben wurde, fällt die Verantwortung nicht auf die Gelehrten allein, sic fällt auf die ganze Gemeinde, die das schwere Unrecht stillschweigend gebilligt hat. Eins aber — das gebietet uns unser Gerechtigkeitsgefühl hinzuzusügen — müssen wir denen zugestehen. die das Unrecht begangen, und denen, die es geduldet haben: ihr Unrecht i st h e r v 0 r g e g a n g e n aus einem ö e 11 i ö e it Eifer für ö i c Gedankenwelt des Judentums. Diese Gedankenwelt glaubten sie bedroht. Um sie zu schützen, ließen sie sich iu ihrem Uebereifcr zu einem schweren Unrecht Hinreitzen. Wenn wir nun einen Blick auf die jüdischen Gemeinden der Gegenwart, werfen, dam: dürfen wir wohl, ohne Widerspruch zu finden, behaupten: Aus allzu großem Eifer für das Judentum wird sich heutzutage so leicht keine Gemeinde ir, unserem Lande etwas zu schulden kommen lassen. Heute liegen die Vergehungen der Gemeinden in' gerade entgegengesetzier Richtung. Nicht zuviel des Eifers zeigen sie. sondern zu wenig. Das ist das Uebel, an dem unsere ganze westeuropäische Judenheit krankt. Unsere Gemeinden haben allmählich a u f g e h ö r t, sich als Hüterinnen. Pflegerinnen. Verbreiterinnen der jüdischen Geisteswelt zu fühlen. Wir legen keinen Wert mehr auf unsere weltgeschichtliche Sendung, mir glauben auch nicht mehr an sie. Die Kraft des Glaubens ist uns verlorengegangen, des Glaubens daran, daß das Judentum den Völkern der Erde noch eine Botschaft zu bringen hat. des Glaubens daran, daß cs, selbst der Erlösung so bedürftig. selbst der Erlösung harrend, selbst um Erlösung betend, daß eben dieses Judentum dazu bestimmt sein soll, der ganzen Welt noch einst Erlösung zu bringen. Dieser Glaube an unsere Sendung, der Stolz, der Ruhm, die Hoffnung nuferer Väter, dieser Berge versetzende Glaube ist uns vcrlorengegangen: fürwahr ein ungeheurer Verlust. Daß Gleichgültigkeit ei n gerissen i st in unsere Gemeinden, daß 3! üH - t e r u h e i t e i n g e t r c t e n i st dort, w 0 früher B e g e i st e r n n g herrschte, daß kalte Zweifelsucht Platz gegriffen hat dort, wo früher warmer Glaube die Seelen beschwingte: das i st u n s e r Unrecht, n i ch t das Unrecht e i n z e ln e r, sondern das Unrecht unserer G e s a m t - heit. Dies ist für uns aber um so beschämender und niederdrückender, als wir beobachten können, mit welch starker Glaubenskraft die heutige christliche Kirche ihre Sendung erfaßt und bekundet. Davon hat die große Äirchcnversammlung beredtes Zeugnis abgelegt, die vor wenigen Wochen iu Stockholm stattfand und die in der ganzen Welt berechtigtes Aufsehen erregte, nicht so sehr wegen ihrer Ergebnisse, die wohl hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind, als vielmehr wegen des Mutes, mit dem die dort Versammelten die Dinge beim Namen nannten, wegen der Unerschrockenheit, mit der sie zu den brennenden religiösen Fragen Stellung nahmen. Was für Probleme waren es denn nun. die dort zur Erörterung gelangten? Da war einmal die soziale Fra§§' da war ferner die Frage der Bölkerversohnung, die Frage der Abschaffung der Kriege. Wenn wir diese Probleme aber bei Lichte besehen, so erkennen wir. daß es eigentlich jüdische Probleme sind. Ist es denn nicht Mose, unser jüdischer Gesetzeslehrer. der der sozialen Frage einen so breiten Platz in der Thora eingeräumt hat? Ist er es nicht, der sich so unendlich gemüht hat, die Frage einer befriedigenden Lösung cntgegenzusiitzren? Und sind cs denn nicht unsere jüdischen Propheten, die das Aushören der Kriege und die Versöhnung der Völker als das höchste Ziel wahrer Gottcsvcrehrung hingestellt haben? Mit Wehmut müssen wir gestehen: Die Kirche erörtert heute Probleme, die u, u b e st r e i t b a r der jüdischen Gedankenwelt zn eigen sind. Das Judentum aber schweigt, als hätte es mit diesen Fragen nichts zu schaffen. Wen trifft da die Schuld? Es wäre unrecht, sie lediglich auf die Schultern der F üh r c r des Judentums abzuwälzen. In der Kirche arbeiten doch an dem heiligen Werk die Angehörigen der verschiedensten Berufe. Nein, unsere ganze Gemeinschaft trifft die Schuld, daß sie ihre Sendung vergessen hat, die Sendung, der Menschheit die Wege zu weisen zu höchster sittlicher Vervollkommnung. Der jüngst stattgehabte Zionistenkongretz, so achtunggebietend er an sich auch war. kann hier nicht als Gegenbeweis angeführt und mit der Stockholmer Kirchenkonserenz in Parallele gestellt werden: denn der hatte nationale und wirtschaftliche Fragen zu behandeln. In der Pflege der höchsten Ziele der Menschheit jedoch haben uns zu unserer tiefen Beschämung andere den Rang abgelaufen. Das darf so nicht bleiben. Wir müssen wieder heraus aus unserer Gleichgültigkeit, aus unserer Nüchternheit. aus unserer unfruchtbaren 'Negation, ans unserer kalten Zweifelsucht. Wir müssen uns wieder auf die großen Dienste besinnen, die das Judentum in der Vergangenheit den Völkern geleistet hat, und auf das, was es ihnen in Zukunft zu leisten noch schuldig ist. Wir müssen uns daraus b e s i n n e n. daß das Judentum das 'Recht und die Pflicht hat, W e ltr elig i0u zu werden, nicht gerade durch das Wachsen der Zahl seiner Bekenner, sondern durch laute, m u - tige. kraftvolle Verkündigung der jüdischen Botschaft, aus der den Völkern der Erde noch e i u ft dauernde r Segen erblühe » soll und dauernde Beglückung. Das Judentum darf nicht mehr gleichgültig oder schmollend beiseite sichen. In dem st0lzen Bewußtsein seiner sittlichen Kraft muß es hin ei« ins Getriebe der Welt, m u ß Stellung u e h m c rr zu den weltbewegenden religiösen Fragen, muß wieder tonangebend und wegweisend werden in den Fragen über Gott und Welt und Bk e n s ch h e 11. Wenn wir solchermaßen uns unserer geschichtlichen Aufgabe wieder .zuwenden, wenn wir wieder mit der ganzen Kraft unserer Seele an die Sendung des Judentums glauben: dann werden wir auch wieder in unserer Selbstachtung steigen und in der Achtung der Völker der Erde. Das Fest der Freude. Von Rabbiner Tr. Bruno I t a l i e n e r - Tarmstadt. Tie fromme Sitte unserer Väter, nach Ausgang des Versöhnungstages — noch am Abend — die erste Hand anzulegcn an die Aufrichtung der Sukkoh. der Laubhütte, war mehr als eine bloß äußerliche Handlung: sie war ein Symbol, sie sollte gleichsam die Verbindung Herstellen zwischen dem Geist des Versöhnungstages und dem des Laubhüttenfestcs. Auf den ersten Blick erscheint diese Verknüpfung nicht recht möglich, bedeutet cs etwas Gewaltsames, die ernsten und strengen Tage der Buße in Verbindung zu bringen mit dem heiteren und lieblichen Fesie. das der Jude wenige Tage später begehen soll, und das so sehr auf Freude gestimmt ist, daß es in unseren Gebeten kurzweg als „L'man Simchosfeuu" „Zeit unserer Freude" bezeichnet wird. Und doch ist mit den letzten Worten bereits das angcdeutet, was die Verbindung darstellt zwischen der ernsten und der heiteren Festesgruppc. Wenn oer Jude noch am Abend des Versöhnnungstages den ersten Pfahl für die Laubhütte einschlng, das Herz noch erfüllt von der Seligkeit der Ncilahstunde. noch wundersam erhoben von dem unbeschreiblichen Glücksgefühl, das ein recht erlebter Versöhnungstag in des Juden Seele auslöst, dann empfand er. das Fest, das er nun erwartete, war im Grunde kein anderes: es war trotz der so heiteren Hülle im Grunde der gleiche Geist, der ihm aus dem Laubliüttenseste entgegcnwehte. Nur das Kleid der beiden Feste ist verschieden. Das Acußcre des Bersöhnungstages ist streng, ist würdevoll, ist tiefster Ernst: aber daß dieses nicht das ganze Wesen des Tages ausmacht, daß vielmehr die Freude, die reine und tiefe Freude der Seele vor Gott eine der köstlichste» Blüten dieses an Gaben so reichen Tages bildet, das kann man alljährlich aus dem Munde so manches Juden hören, der den Bersöhmmgstag — trotz der körperlichen Kasteiung, die er fordert, — immer wieder als den „schönsten" Feiertag des ganzen Jahres bezeichnet. Und daß das nicht nur ein Wort, sondern wirklich empfunden ist, das bestätigt uns jeder Jom kippur aufs Neue: Wir sehen es ans dem seltsamen Leuchten der Augen, wir hören es aus der Inbrunst, mit der die Gebete gesprochen werden, wir verspüren es an der Träne, die sich uns ins Auge drängt, die aber nicht etwa der Schmerz hiueingetrieben hat. sondern die Freude, eine wunderbare tiefe Seligkeit in dem beglückten Ahnen unseres eigentlichen Teins, des tiefsten Duells unseres menschlichen — nein, unseres göttlichen Wesens. Beim Laubhüttenfcst geht unser Gefühl den umgekehrten Weg. Das äußere Bild ist durchaus heiter, und das ist klar, wenn man bedenkt, daß Suckes ja ursprünglich ein Naturfest, ein Erntedankfest war. woran der Feststrautz mit seinen verschiedenen Fnrchtarten ja noch deutlich erinnert. Dieser heitere Charakter ist gleichsam Tradition. Wieviel Frohsinn, wieviel Poesie webt für denjenigen, dessen Heimat in einer kleinen Stadt oder aus dem Lande liegt. — wo die Errichtung einer Laubhütte viel weniger Schwierigkeiten bereitet als beispielsweise iu der Großstadt — um die Sukkoh —: ihren Ban, ihre Ausschmückung, ihre Weihe — es ist gleichsam ein »Nachklang jener heiteren Freude vor Jahransenden in Jerusalem, von der der Talmud bemerkt, daß. wer diese Freude am Lanbhütieufcste nicht gesehen hätte, nicht müßte, was rechte Freude sei. lind doch — diese heitere Seite des Festes ist gleichsam nur das äußere Gewand, hinter dem sicb ein tief religiöser Gedanke — ja, so seltsam es zunächst klingen mag —^ei:r tiefer Ernst verbirgt. Wie ist das zu verstehen? Sind Ernst und Freude nicht Begriffe, die sich gegenseitig ansschließen? »Null, nur für denjenigen. der nicht weiß, was Freude ist. Man kommt dem Verständnis näher, wenn man Witz und Heiterkeit dem „Humor" gegcniiverstellt. Es gibt manche witzige, es gibt viele heitere Menschen, aber wer von uns hat Humor? Der Humor entspringt einem tiefen Ernst, einer tief sittlichen Lebensanschaunng, und iveil dies so außerordentlich selten ist — man redet nicht umsonst von dem goldenen Humor —. darum haben wir wohl manche witzigen Bücher, aber nur sehr wenige von jenem echten Humor, bei dessen Lektüre uns das Lachen nicht, ivie so oft beim Witz, herabzieht, sondern befreit und erhebt. Mit dem Gesagten sind wir dem Begriff der Freude, iwe sie das Judentum lehrt, wohl schon ein Stück näher ge koum men. „Ihr sollt Euch freuen vor dem Ewigen. Eurem Gotte sieben Tage lang." Tie Freude ist, wie bereits ermahnt, für den Juden verbunden mit einem tiefen Ernst. Jeder, der die Sprache der Bibel kennt, empfindet diesen Ernst sofort, wenn er liest „Ihr sollt Euch freuen vor dem Ewige n . E u r e m Gotte": der Begriff Freude verbunden mit dem Begriff Gott, dem Heiligsten und Erhabensten, was den Jude besitzt. Wir empfinden aber auch den Ernst ans der Form, in der uns die Freude ans Herz gelegt wird, nämlich in der Form des Gebotes. Derselbe Abschnitt, der von uns fordert, den Versühnungstaa zu halten, derselbe Abschnitt, der uns das Sabbatgelwt ans Herz legt, derselbe Abschnitt ruft uns auch entgegen „Ihr sollt Euch freuen vor dem Ewigen, Eurem Gotte". Tie Freude nichts Fertiges, kein Geschenk, sondern eine Ausgabe, eine sittliche Ansgabe, ein Glück, das der Mensch sich immer wieder verdienen mutz, das ist der echt jüdische Gedanke des Festes. Vielleicht am deutlichsten empfindet man aber den tiefen sittlichen Ernst, der hinter der Freude steht, wenn nmitjicb einmal die E-nWicklung des hebräischen Wories „Chag" iFestl klar macht. Das Wort kommt von „chvgag", d. h. tanzen, taumeln. Der Taumel, der Taumel der Sinne, das war die Art. ivie das Heidentum seine Feste feierte. Es war ein Rausch, ein Rausch der wildesten Leidenschaften, der nichts Hinterlien als Schalheit und Ekel. Das Judentum hat das Wort „Chag" übernommen, hat ihm aber — dem sagenhaften König der Vergangenheit vergleichbar, der alles, was^er berührte, in Gold verwandelte. — einen ganz neuen Inhalt gegeben, indem cs zu dem Worte „Chag" hinzusügt „dein Ewigen". Das Judentum will damit sagen, es soll ein anderes Fest sein, als es das Heidentum feiert, nicht nur dem flüchtigen Vergnügen, nicht nur dem Taumel der Stunde dienend, sondern dem Ewigen, ein Fest der F c c n d e v v r Gott, der F r e u d e i it G 0 t t. Daß die Freude vor Gott ein Gebot, eine Ausgabe ist, kommt wiederholt in der heiligen Schrift zum Ausdruck, besonders auch an der Stelle, da cs bezüglich des Lanbhnktcnfestes heißt „Du sollst (dennoch) freudig gestimmt sein". Welcher Art die Aufgabe ist. wird uns noch klarer, wenn wir wieder von einer Betrachtung der Ideen des Jom kippur ansgehen. Sein Ziel ist die Versöhnung der Menschen durch die Versöhnung mit Gott, ist die Erweckung einer sozialen Gesilurullg, wie sie in dem berühmten Kapitel des Propheten, das am Morgen des Versöhnungstages verlesen wird, unübertrefflich zum Ausdruck gelangt. Dasselbe Ziel hat die Freude, die das Lairbhüttensest lehrt, sie soll die Menschen verbinden, daher heißt es im fünften Buch Moses, Kap. 16. Vers 14: „Und Tn sollst Dich freuen au Deinem-Feste, Du und Dein Sohn. Deine Tochter, Deiu Knecht und Deine Magd, der Levite, der Fremdling, die Waise und die Witwe, welche in Deinen Toren ist." Die wahre Freude, meint das Judentum, ist nur in der G cntcin 1 ch aft möglich, irr der Verbundenheit mit der Fa in i I i c. mit denen, die a rm und bedürftig sind. Von diesem Gesichtspunkte aus gewinnen auch manche andere religiösen Vorschriften erst die rechte Beleuchtung. Bekanntlich sind die Trauergrbote des Judentums am Feiertag anfgchobeu. wie auch keine Hochzeit an Festtagen stattfinden darf. Ein schöner Sinn: Ter einzelne mit seiner Freude, mit seinem Leid ist meist egoistisch. Der Trauernde denkt gewöhnlich nur an sich, an seinen Schmerz: der Glückliche nur an sich nnö fein Glück,