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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-10-02 · 40 (2.10.1925) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
40 (2.10.1925)
Date
1925-10-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Der Messias. Eine historische Erzählung vom Ausgang des 11. Jahrhunderts. Von Walther Kahn. (Fortsetzung) III. In der Judengasse zu Salonichi herrschte lebhafte Bewegung, große Erregung. Es schien, als ob der Strom des Lebens, der ohnedies an dieser fast morgenländischen Stätte in zahllosen Wirbeln schäumte, heute besonders heftig strömte. Schreie, Gesten, Unruhe, Bewegung, Buntheit, das war der ewig wechselnde Hintergrund des Bildes, welches die Judengasse heute dem Beschauer bot. „Achtzig Jahre hat Gott, der Herr, mich werden lassen, daß ich diesen Tag erleben konnte," frohlockte ein Greis. „Unerhörtes bereitet sich vor . . ." „ . . . keine Kopfsteuer, kein Census . . „ . . . kein Census, wo bleibt der Steuerbüttel . . „Die Kinder Israel werden nicht mehr durch harte Steuern bedrückt, die Stunde der Befreiung ist nahe. Lobet Gott! Hallelujah!" „Hallelujah, hallelujah!" „Der Messias naht! Der Messias!" Solche und ähnliche Rufe schwirrten durcheinander. Ein Fremdling bewegte sdch durch das Gewühl. „Weshalb frohlocket das Volk?" fragte er den Greis. „Freue dich, Bruder, so du von Jakobs Söhnen stammst und wenn nicht, so freue dich auch; balde wird anbrechen der große Tag der Erlösung, wird erscheinen der Gesalbte Gottes. Gott hat dem Kaiser befohlen, uns nimmer mit Kopfsteuer und Census zu bedrücken. Frei und ledig sind wir von heute. Freue dich, freue dich mit uns!" Es war kein anderer als Menachem ben Eliha, zu dem der Greis also sprach. Nach langer, beschwerlicher Reise war er heute in Salonichi angelangt, und solch froher Gruß war ihm bereitet. In Fron und Knechtschaft schmachteten die Juden in der Romania, im byzantinischen Reich, in Salonichi, der Hauptstadt des Judenhasses. Und nun herrschte hier eitel Friede und Freude. Ein messianischer Gottesfriede war vom Himmel herabgestiegen. Keiner wagte es auch nur, einen Juden zu kränken. Eingehüllt in ihre Gebetsmäntel gaben sie sich Fasten und frommen Werken hin. Messianische Traumgesichte erfüllten die Seelen vieler Juden und selbst Christen, Und nun hatte der Kaiser Alexitts Comnenus befohlen, daß die Juden aller Steuern frei und ledig sein sollten. Schon nahezu vollendet schien das Werk der Erlösung; denn kein anderer als der Herr der Heerscharen konnte dem Kaiser solches zu tun geboten haben. Menachems Herz klopfte in schnelleren Schlägen, als er die freudige Kunde vernahm. 0, welch unausdenkbares Glück! Wahr und wahrhaftig wurde, was bislang nur in unbestimmten Gerüchten Herz und Sinn der Judenheit verwirrt hatte. Konnten noch länger Zweifel bestehen, daß das große Werk der Erlösung angebrochen sei. Die Zeit seines Aufenthaltes in Salonichi wurde Menachem zum Erlebnis. — Eine nie gefühlte religiöse Ergriffenheit erfüllte sein ganzes Wesen. Es war ihm, als verstünde er erst jetzt die Menschen, hätte ein Urteil über ihr Tun. Er sah die Messiasbegeisterten in ihrem Fasten und bei ihren Kasteiungen. Die Beter und Träumer im Hause und auf der Straße. Der Wunder unwahrscheinlichste ließen sein Herz in ungeahnter Ehrfurcht erschauern. Fürwahr, es war eine seltsame Zeit! Die Sinne der Menschen schienen sich zu verwirren. Wer wußte noch, was gerade oder ungerade, schön oder häßlich, erlaubt oder nicht erlaubt? Die Welt war in einem Taumel, der Juden und Christen mit gleicher Gewalt ergriff. „Der Messias" hieß das Losungswort jener Tage. In seinem Namen geschah alles, was geschah. Nicht nur in Salonichi, sondern auch in Smyrna, Konstantinopel, Adrianopel, in Abydos und in vielen anderen jüdischen Gemeinden Asiens und Europas rüstete man fieberhaft zum Aufbruch ins heilige Land. Kein Tag verging, der nicht Kunde von neuen Zeichen und Wundern brachte, von Messiastrunkenen, die den Propheten Elias — den Vorboten des Messiasfrühlings — gesehen haben wollten. Die Lauen und Schwachen, die Zaudernden wurden durch solche Nachrichten aufgestachelt und begeistert, und bald gab es in der Judenheit kaum noch eine Seele, die nicht in fieberhafter Hast zum Aufbruch gerüstet hätte. Unsere Väter im Lande Aegypten konnten einst am Vorabend des Auszuges nicht erregter gewesen sein, als es die Juden in jenen Tagen waren. Aber sie waren auch voll Gottvertrauen. „Sichtbarlich hat der Ewige uns seinen Schutz bis hierher gewährt, warum sollte er uns nun verlassen?" sprachen sie. Und in felsenfestem Vertrauen auf Gottes gnädige Führung entäußerten sich die Juden all ihrer Habe. Sie verkauften den Grund und Boden, auf welchem sie seit vielen, vielen Jahren saßen, die Häuser, welche ihre Lust und ihr Leid umschlosen hatten, fielen in fremde Hand. Nichts behielten sie als karge Mittel, die ihnen die Reise ins gelobte Land ermöglichen sollten. Selbst die kaiserlichen Behörden unterstützten solches Tun, Man riet den Juden geradezu: „Verkaufet! Entäußert euch eures Besitzes!" Der Weg ins heilige Land schien glatt und eben. War die Furcht vor der großen Macht Israels am Sambation, dem geheimnisvollen Wohnsitz der verlorenen zehn Stämme noch lebendig? UNSERE RÄTSEL-ECKE Zerleg-Aufgabe. .ffjSCS3» Ans heu Teilen des vorstehenden Rechteckes bilde man das Wort „Tebek". Verwandlung. Ums Wort hat Jacob sieben Jahr Gedienet früh und spät. Ein Komponist entsteht fürwahr, Wenn mall die Zeichen dreht. a a d d d i i i m m o 0 r 8 u ü Israelitisches Reich. Edelstein des Hohepriesters. Phönizische Königstochter. Prophet. Kreuz-Rätsel. . 1. Vokal. . . . 2. Finriläudische Stadt. ..... 3. Berühmter Berg d. Alt. Testaments. .4. Stammvater. . 5. Biblische Fraueugcstalt. ' 6. Moderner Brennstoff. 7. Konsonant. An Stelle der Punkte sind Wörter von obiger Bedeutung zu setzkll, deren mittelste senkrechte und wagerechte Reihen den Namen eines Stammvaters ergeben. Auflösungen der Rätsel von voriger Nummer: 1. Silbenrätsel. 1. Sinai, 2. Cyrus, 3. Hebräer, 4. Megiddo. 5. Astarte, 6. Joel. Schwa Jisroel. 2. Streichholzrätsel. Die Buchstaben sind so in die Felder eiuzuordnen, daß Wörter von nebenstehender Bedeutung gebildet werden, die von oben nach unten und von links nach rechts gelesen das gleiche ergeben. Wer und Was? Sie ist, deren Sund' wir büßen, Rückwärts ein lateinisch Grüßen. 3. Zahlerr-Rätsel. Eva: Leviathan; Ebal: Adar; Sichem; Rabbiner. Eleasar. 4. ZusammensetzrLtsel. Sarah, Esther, Hagar, Rahel, Lea, Ruth. Athalia: „Ja, Gott ist mit uns," 80 rief eine dem anderen zu, „geduldet euch ein Weilchen noch und Trauer und Trübsal verwandelt sich in Jubel und Freude. Der Messias ist nahe!" Der begeisterten Seele Menachems war alles, was er in Salonichi sah und hörte, kostbare, erquickende Labe. Der Sturm der Empfindungen, welcher ihn anfangs durchtobt hatte, war allmählich ruhigerer Ueberlegung gewichen. Die seiner Nachrichten harrende Judengemeinde am schönen Rheinstrom trat wieder vor seine Seele. Die Zeit, einen Boten abzusenden, war gekommen, wenn auch im Norden die Frühlingsstürme noch nicht durch die Lande brausten. Aber die Reise war weit und der Weg beschwerlich. Menachem suchte und fand bald einen zuverlässigen griechischen Mann namens Lugos, der es übernehmen wollte, die Botschaft der jüdischen Gemeinde am Rheinstrom zu überbringen. Froh bewegten Herzens schrieb Menachem seinen Bericht. Wenn er auch keinen Augenblick gezweifelt hatte, daß er den Wartenden frohe Kunde melden konnte, so war er doch von der überwältigenden Fülle der Erlebnisse, die er täglich, fast stündlich erschaute, so erschüttert, daß er kaum Worte fand, den Jubel seiner Seele auszudrücken. Und er berichtete ihnen von den Wundern, die sich hier ereignet hatten und noch immer ereigneten. Rabbi Tobija, der allverehrte Rabbiner von Salonichi hatte ihm einen Stab gezeigt, den der Prophet Elias selbst ihm überreicht hatte. Die Morgenröte einer neuen Freiheit zeigte sich am Himmel; war es da übertrieben, wenn Menachem schrieb: „ . . . gürtet euere Lenden und ergreifet den Wanderstab, wenn es lenzet. Leget ab das Gewand der Trauer und des Trübsais und schmückt euch mit den Kleidern der Freude. Nehmet frisches Grün und Palmenzweige und jubelt ihm entgegen, der da kommen wird in Glanz und Herrlichkeit, dem Gesalbten Gottes, dem Messias. Von Osten kommt er auf einem Löwen reitend, welcher ein siebenköpfiges Ungeheuer im Maule hält, und führt die verlorenen Brüder uns zu. — Lasset euer Land und verkaufet eure Habe und rüstet zum Aufbruch . . Menachem fügte zahlreiche Vorschriften über Ausführung der Reise, Weg und viele andere Dinge, die den Auswandernden von großem Nutzen sein konnten, bei und schloß seinen Bericht mit diesen Worten: Brechet ihr Sklavenketten, Fall ab, niedrig Gewand, Denn der Erlöser ist nah. Balde, gar bald bricht an Der Frühling des Erlösers, des Sprossen Davids.“ IV. Durch tiefverschneites Gebirge stampfte ein Mann. Ein müdes Rößlein zog er am Zaume hinter sich. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und blickte in die Runde. Aber er konnte nichts anderes erblicken als Wald und Schnee. Aergerlich schüttelte er den Kopf und sprach halblaut ein unverständliches Wort. Es klang wie ein Fluch. Die Sonne stand tief am westlichen Horizonte und überhauchte alles mit feurigem Glanze. Der Wanderer blieb wiederum stehen. — „Noch immer nichts zu sehen," brummte er in griechischer Sprache, „wo in aller Welt bin ich denn hingeraten? Heut’ scheint alles verhext zu sein. Ich müßte doch schon längst am Rheinstrome sein." Der kleine Mann mit den südländischen dunklen Zügen war kein anderer als der Grieche Lugos, den Menachem ben Eliha als Ueberbringer der Botschaft an die rheinische Gemeinde auf die Reise gesandt hatte. In ausdauernder Fahrt war Lugos bis nahe an den Rhein gekommen, und hätte er sich nicht verirrt, so läge jetzt seine Botschaft in der Hand des Aeltesten der Gemeinde. — Nun stand er verlassen im öden winterlichen Gebirge. Aufmerksam suchte Lugos nochmals die Umgebung ab, vielleicht entdeckte er doch ein menschliches Wesen, das ihn wieder auf den rechten Weg wies. Er hatte Glück. Keine hundert Schritte entfernt, sah er eine dünne Rauchsäule aufsteigen. Unverzüglich wandte er sich dorthin. Aber er sank vor Entsetzen fast zu Boden, als er vor einer Köhlerhütte eine riesige Gestalt mit rauchgeschwärztem Antlitz und langem weißen Haar und Bart erblickte. Er vermeinte eine Spukgestalt der nordischen Sage zu sehen, die — wie er auch in seiner schöneren Heimat vernommen hatte, — immer noch ihr Unwesen in den Wäldern, Gebirgen und Höhlen des finsteren Germaniens treiben sollten. Aber er wurde doch bald eine» Besseren belehrt, als der hohe Greis ihn also anrief: „Fürchtet Euch nicht, Fremdling, keinem Menschen tut Ulmo etwas zu leide. Tretet ein in meine Hütte und pfleget der Ruhe; denn unwirtsam ist's jetzt im Wald* gebirg." Lugos beherrschte die Landessprache zur Genüge, um sich verständlich machen zu können. Als Ulmo aber vernahm, daß sein Gast Grieche sei, redete er in dieser Sprache mit ihm, zu Lugos größtem Erstaunen, der es nicht begreifen konnte, daß in diesem barbarischen Lande jemand seine Muttersprache verstand. Ob es nicht doch ein Dämon war, der ihn äffte. Lugos trat ein, versorgte das müde Rößlein und streckte bald selbst die ermatteten Glieder auf weichem Tierfeilager. „Wohin des Weges, griechischer Mann," fragte Ulmo, „man hört gern Neues aus der Welt in seiner Einsamkeit." Lugos berichtete ihm von seinem Aufträge und fragte den Alten, wann er wohl im Rheinstädtchen eintreffen könne. „Wenn Ihr morgen bei Sonnenaufgang reiset, seid Ihr schon um die Mittagsstunde am Orte Euerer Bestimmung." (Fortsetzung folgt.) Erhöht anläßlich der Feiertage freiwillig die Beiträge. WUsnacker Str, t9 Oranienstr / Nollendorfplatz — -Ahcir t54 / Königstr.Jl Friedridistr. w mrxvitmamdorfer Sir. Brücfcßrtstr. 6 B / Ml

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