Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 39 (25.9.1925)
- Date
- 1925-09-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Messias. Eine historische Erzählung vom Ausgang des 11. Jahrhunderts. Von Walther Kahn. . (Fortsetzung) Schimon und sein Weib hatten drei Kinder. Rüben war der älteste, dann folgten Deborah und Mirjam. Rüben half dem Vater bei den Geschäften und war die Stütze seines Alters. Die Töchter lebten streng und sittig im Hause und erfreuten der Eltern Herz, Besonders Deborah — die ältere — war wie Rahcl, von der die Schrift sagt: „Sie war schön von Gestalt.“ Mit Anstand hätte sie ein Diadem tragen können, und ein Fürst aus Asiens Zaubergärten hätte sich ihrer nicht zu schämen brauchen, Schimon hatte es zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Fleiß und Emsigkeit langer Jahre hatten ihm Hab und Gut vermehrt. Als er noch jung war, führte ihn manche Reise ins Morgenland, wo er kostbare Gewürze, Perlen und Edelsteine einhandelte, um sie den Großen und Mächtigen im fernen Vaterlande zu bringen. Jetzt zwang ihn das Alter, die Geschäfte in die Hand seines Sohnes zu legen. Allein Menachem vermißte in dem Gemache, wo sie weilten, jede Ueppigkeit, ja jede Behaglichkeit. Als Kind eines anderen Himmelsstriches, als Sohn eines reichen Hauses war er es gewöhnt, von Prunk und Bequemlichkeit umgeben zu sein. Hier aber herrschte Kargheit. Das Zimmer: eine finstere Höhle; klobige, klotzige Möbel. Nichts, was dem Schönheit suchenden Auge Ruhe bot. Nur die Leuchter auf dem Tische und der Pokal waren aus edlem Metall gefertigt und schienen wertvolle, altertümliche Stücke zu sein. So lebten die Söhne Jakobs damals. Sie kannten nicht die satte Ruhe des Geborgenen, der sich mit Kostbarkeiten umgibt. Unstet und flüchtig waren sie. Rasch konnte der Verfolger einbrechen, und sie in die Ferne, ins Ungewisse treiben oder das Wort Gottes erging an sie: „Auf! Kehret zurück in das Land, das ich eueren Vätern zugeschworen habe!“ Und dann mußte gering ihre Habe, leicht ihr Gepäck sein. Aber Menachem spürte nicht die Kümmerlichkeit der Umgebung. Er empfand nur die innige Herzlichkeit dieser Menschen; und sein Herz wurde weit. „Habet Dank“, sagte er mit zitternder Stimme, „habet Dank, daß ihr mir den Schutz eueres Hauses gewähret. Sonst hätte ich in der Herberge vorlieb nehmen müssen, wo ich wohl für einen Spanier, aber nicht für einen Juden gelten darf. Denn es scheint, als ob wir schlimmen Zeiten entgegengehen. Allerorten gärt es im heiligen römischen Reich. Ihr wißt es. Jerusalem — die Strahlende — soll aus der Hand der Türken befreit werden. Zum Kreuzzuge rüstet sich die Christenheit, Aber auch gegen die Ungläubigen im eigenen Lande, ’ gegen uns Juden ziehen blutdürstige und beutehungrige Horden.“ Unglauben, Erstaunen, Entsetzen malte sich auf den Gesichtern der Lauschenden. Seit langen, langen Jahren hatten die Juden in Ruhe und Sicherheit im Lande gewohnt, Aus Urvätertagen nur erklang ihnen die schauerifolle Kunde von Verfolgungen, die ihre Väter qm des Glaubens willen erlitten hatten. Und da kam der Fremde und Genosse des Glaubens und kündete ihnen solches. Noch schützte sie die starke Hand des Bischofs, des Herrn der Stadt und der Landschaft. Aber die Zeiten waren wechselvoll, und das Geschick schwankend. Wer heute groß war, war morgen klein, und die mächtigen Quadersteine der Mauern lagen bald in kläglichen Trümmern umher, „Nur wenige Tagereisen von hier“, fuhr Menachem in düsterem Tonfall fort, „zieht der Priester Gottschalk mit einer Rotte von wilden Menschen, Bauern und Leibeigenen, welche mit listigen Worten aufgestachelt wurden, gegen die Juden; Tod und Trauer, Brand und Mord und Gewalttat bezeichnen die Spuren der Bestien." Mit einem Klagelaut verhüllte Schimon sein Haupt. Dumpfes Schweigen herrschte im Raume. — Angstvoll suchten die schwarzen Augen der schönen Deborah den Fremden, als könnte nur er Rat und Hilfe bringen. Menachem spürte den Blick und umfaßte in wehmutsvollem Schauen die zarte Gestalt des Mägdeleins. Lange ruhten seine Augen dann auf ihr. „Der Ewige straft sein Volk hart", murmelte Schimon. „Aber die Güte Gottes ist unendlich. Hört denn, ich tue euch frohe Botschaft kund“, rief Menachem mit heller Stimme. „Der Erlöser ist nah. Bald wird er erscheinen. In Pracht und Herrlichkeit wird er heranziehen und sein Volk ins Land der Verheißung, nach Zion führen.“ „Der Messias!“ riefen alle in verhaltener Bewegung. „Ja, der Messias, der Gesalbte Gottes, wird erstehen. In Scharen werden die Kinder Israel das Land ihrer Geburt, die Ruhe ihres Hauses, die Gräber ihrer Lieben, verlassen, um gesammelt dem Tag ihrer Befreiung entgegenzugehen. Rüstet, ja rüstet euch, Brüder, denn der Tag der Befreiung ist nahe!“ Doch Rüben schüttelte abweisend den Kopf: „Warum sollen wir unsere Heimat, unser Vaterland verlassen, um einem Gerücht, einem flüchtigen Gedankending nachzujagen? Hier hauseten wir seit Zeiten. Hier ist Ruhe und Sicherheit. Die Widrigkeiten der Stunde gehen vorüber. Aber wohin führt uns jener Weg, was wird sein Ende sein? Bedrohen nicht tausend Tode den, welcher ihn beschreitet?“ „0, ihr Kleingläubigen,“ rief Menachem erbittert aus, „vertrauet auf Gott, den Herrn, der uns bisher so wunderbar geführt.“ „Höret“, sagte Schimon bedächtig, obwohl ein edles Feuer aus seinen Augen strahlte, „höret, Menachem und auch du, mein Sohn Rüben; dem Alter ziemet sorgsame Ueberlcgung. Die Stunde ist ernst. Schon rötet sich der Himmel von Brand und rauchet die Erde von Mord, da klammert sich der Mensch an seine Hoffnung. Wenn die Verheißung erfüllt und die Stunde der Erlösung nah, dann treibt's uns fort, von Haus und Hof, um ins heilige Land zu wandern. Allein ist die Zeit schon gekommen? Täuscht nicht ein dunkles Gerücht die sehnsüchtigen Herzen?" „0, ihr Verzagten!" rief Menachem zum anderen Male. „Darum ist mein Rat“, fuhr Schimon fort, „erwartet Kunde von den Brüdern, verstreut über das weite Rund der Erde. Zeichen und Wunder werden geschehen; denn in Pracht und Herrlichkeit wird der Gesalbte erscheinen. Dann — Tränen der Ergriffenheit traten dem Alten ins Auge — „dann ruft das Land unserer Väter.“ Die Frauen weinten und auch Rüben wurde vom Anhauch einer großen Hoffnung seltsam berührt. „Auf! Rufet die Juden in die Synagoge, nützte Menachem den Augenblick, „laßt jung und alt, groß und klein zusammentreten, damit ich ihnen balde die frohe Botschaft künde.“ „Noch nicht,“ sagte Schimon, „noch ist die Zeit nicht reif. Aber ich zweifle nicht, daß sie es in Kürze sein wird. Geduldet Euch ein Geringes noch. Ihr sollt mit Zedekia, dem Arzt, sprechen und beratschlagen. Er ist ein vielgereister Mann und seine Verbindungen reichen weit. Es kann nur unser aller Nutzen sein. Dieses Jahr im Hause der Knechtschaft, nächstes Jahr aber Kinder der Freiheit.“ „Kinder der Freiheit,“ jauchzten alle voller Hoffnung. II. „Gott will esl Gott will es!“ Immer und immer wieder ertönte dieser Ruf von begeisterten Lippen. Ein Meer von Erregung, Freud«, Erwartung war die unabsehbare Menschenmenge, welche Straßen und Plätze des Städtchens Giermont bedeckte. Papst Urban der Zweite hatte zum Kreuzzug aufgerufen, zum heiligen Zuge wider die Ungläubigen, die schon so lange — ach, zu lange schon — das heilige Grab in Besitz hatten. Die verbündete Christenheit sollte nun mit starkem Heere Jerusalem befreien und das Kreuz an geweihter Stätte errichten. Wessen Herz schlug da nicht höher, wer richtete nicht die Augen in frommen Schauen andächtig gen Himmel, so er solches hörte? Ritter und Knechte, Edle und Unedle, alle nahmen das Kreuz und hefteten sich das rote Zeichen an die Schulter. Wie züngelndes Feuer vom Sturmwind getrieben, griff die Bewegung um sich. Bald gab es kein Dorf, keinen Weiler mehr, wo sich nicht einer zum Zuge ins heilige Land rüstete. Allein es waren nicht alles ritterbürtige edle Herren, die das Kreuz nahmen, dunkle Elemente, verworfene Menschen, selbst Verbrecher hatte die Bewegung aus der Tiefe an die Oberfläche gespielt. Abenteuerlust, Beutegier oder noch schlimmere Beweggründe hatten eine wüste Schar zusammengeworfen, die auch als Kreuzfahrer durch die Lande zog. Fromme Lieder auf den Lippen, ließ dieser Schwarm eine schlimme Spur hinter sich. Damals war folgendes Pilgerlied in aller Munde: „In Gottes Namen vare wir, Siner Gnaden gere wir Nü helfe uns diu gotes kraft und daz heilige grap di got selber inne he Kyrieleis, Man glaubte den Kreuzzug nicht gottgefälliger einleiten zu können, als wenn man zuerst einmal wider die Ungläubigen im eigenen Lande, wider die Juden zog. Waren sie nicht schuldig am Tode des Heilands der Welt, am Kreuzestode Jesus Christus? „Schlagt die Juden tot!“ schrie wieder einmal der Pöbel. An vielen Orten kam es damals zu Judenverfolgungen und mancher Sohn Israels erlitt den Märtyrertod um des Glaubenswillen. ■ Aber es schien trotzdem in jener Zeit wie Frühlingsahnen durch die Judenheit zu gehen. Wie der Winter •mit Schnee und Eis nicht die kommende Knospe schlagen kann, so raubten Tod und Bedrängnis den Juden nicht ihre Hoffnung, nein, sie stärkten und nährten sogar des Glaubens Zuversicht, daß die Erlösung nahe bevorstände. Ein Gerücht flackert auf, das Sehnen der Masse darstellend. Bald ist es die Sehnsucht aller selbst. Ganz ohne Zutun Menachem ben Elihas fiel das Gerücht, daß der Messias in diesen Tagen erstehen würde, auch in die kleine jüdische Gemeinde am deutschen Rheinstrom. Von hier, von dort, von Osten, von Westen drang Kunde auf Kunde ins Land. Aus allen Teilen der bekannten Welt wurden wundersame Geschehnisse gemeldet. In Salonichi sollte am heliiehten Tage Eliha, der Prophet, sich gezeigt haben und mit Männern, deren Glaubwürdigkeit über jeden Zweifel erhaben war, Zwiesprache von Mund zu Mund gepflogen haben. Jüdische Gemeinden aus Deutschland berichteten, daß das Finstergebirge, welches in ihrer Nähe liege, plötzlich in hellem Scheine erstrahlt sei. — Schon rege es sich bei den verlorenen zehn Stämmen Israels am Sambation zum Aufbrüche, die sich nun nach so langer Trennung wieder mit den Brüdern vereinigen, würden. Kein Ende der Zeichen und Wunder. „Jauchzet in Wonne ob Jakobs!“ Ein dunkel Gähren war in den Seelen der Juden im kleinen Rheinstädtchen, Keiner wußte Sicheres zu berichten, aber man flüsterte und tuschelte erregt miteinander, bereitete fieberhaft irgendetwas vor. Unerhörtes schien in hoffnungsfrohem Keimen zu schlummern. Seit Wochen weilte Menachem ben Eliha in dem Städtchen. Es schien, als ob die Ferne ihren Reiz, das Wandern seinen Sinn für ihn verloren habe. In süßem Nichtstun verbrachte er die Tage, In sich versunken, versonnenen Blickes wandelte er seinen Weg. Deborah, die liebreizende Tochter seines Gastfreundes, war es, die den Unsteten und Flüchtigen an dieses Fleckchen Erde fesselte Von Tag zu Tag sah Menachem die keusche Jungfrau lieber; und er vermeinte auch Anzeichen dafür zu haben, daß er dem lieblichen Kinde nicht gleichgültig sei. Menachem hatte Schimons Rat befolgt und Zedekia, den weisen Arzt aufgesucht. Seit vielen Jahren wohnte Zedekia am Orte. Nun war er alt und grau, aber in seinen jungen Jahren war er weit in der Welt umhergekommen und hatte sich große Kunst und tiefes Wissen angeeignet. Von weit her strömten daher die Kranken und Leidenden zu ihm, und selbst die hohe Geistlichkeit und die Fürsten scheuten sich nicht, den jüdischen Arzt um Rat zu fragen. So groß war seine Kunst, daß das Volk, die abergläubische Menge, ihn für einen Zauberer und Magier hielt. Die ungehemmte Phantasie erzählte die größten Wunderdinge von ihm. Eines Tages sollte Zedekia eine ganze Wagenladung Heu samt Kutscher und Pferde verschlungen haben. Zedekia lächelte nur milde und schüttelte das weiße Haupt, wenn er solche Geschichten und Märchen, die über ihn im Umlauf waren, hörte. — Er war ein bescheidener Mann, der seine Lebensaufgabe darin sah, den Leidenden zu helfen. Menachem traf den alten Arzt in seinem Studiergemache sitzend an. Mit allerlei ärztlichem Gerät, mit Kodices und allen Handschriften war der Raum ange-, füllt. Menachem näherte sich dem würdigen Greis in großer Ehrerbietung. „Ich bedarf Eures Rates, mein Vater," sagte er. „Redet, mein Freund.“ Und Menachem berichtete ihm in begeisterten Worten über die nah bevorstehende Erlösung der Judenheit; verschwieg auch nicht die Zweifel, welche Schimon in seine Seele gesät. — „Die Männer der Gemeinde will ich zusammenrufen," so schloß er, „und ihnen künden, daß der Messias erscheinen tvird. Dann werden sic wandern und nicht eher rasten, bis sie den heiligen Boden unter ihren Füßen haben.“ Es ist in derr Tat Euere Pflicht,“ hub Zedekia an, „die Männer der Gemeinde zusammenzurufen und ihnen Kunde über die bevorstehenden Ereignisse zu geben. An ihnen ist es dann zu entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. Ja, ich weiß es, fuhr Zedekia mit jugendlicher Kraft fort, „die Ankunft des Gesalbten des Herrn ist für diese Zeit für den 256. Mondzyklus vorausgesagt. Der Seher täuscht sich nicht, und das Herz zieht mächtig gen Zion, Unzweifelhaft wird unser Weg sein. Nicht gilt die Stimme der Lauen und Schwachen. Der Ruf ergeht und wir werden folgen. Freuet euch, Brüder, denn Gottes Hilfe nahet im Augenblick.“ So zögerte man nicht lange und rief die Männer der Gemeinde zu einer Versammlung ein, in welcher die frohe Botschaft laut und in beredten Worten verkündet wurde. „Freuet euch, Brüder," so schloß Zedekia, „denn Gottes Hilfe nahet im Augenblick. Fürchteten wir nicht, daß das Ende noch immer nicht herangekommen sei, so hätten wir uns bereits zusammengetan, aber noch können wir es nicht, bis die Lenzeszeit angebrochen sein und die Stimme der Turtel vernommen werden wird und die Heilsboten kommen und für immer sprechen werden: Hochgepriesen sei der Ewige!" Es schien, als ob ein Fiebertaumel die sonst so stille Gemeinde ergriffen hätte. „Was tut uns hier noch not, nächstes Jahr in Jerusalem!“ jauchzte einer dem anderen zu. Eine ungeheure Freude erfüllte alle Gemüter. Gerade sie hatte Gott gewürdigt, leibhaftig an dem großem Erlösungswerke teilzunehmen. Aber fern von wilden Freudenausbrüchen, züggellosen Rasereien und noch schlimmeren Dingen, wie spätere Jahrhunderte es wohl sahen, wenn wieder einmal der messianische Glaube neue Hoffnung auf Verwirklichung erhielt, verbrachten die Juden ihre Tage in sehnsuchtsvoller Erwartung des Aufbruches. Wohl waren Zurückhaltende und Laue in der Gemeinde, die warnend ihre Stimme erhoben: „Gehet nicht aus dem Lande, das der Ewige euch zu neuem Wohnsitz auserkoren. Noch ist das messianische Zeitalter nicht angebrochen. Aber einst wird der Name des Herrn an allen Enden der Welt genannt werden, einig, einzig, dann sind die Menschen reif für den Erlöser, dann ist die Zeit erfüllet." — Sie durften so sprechen; denn noch hatte der deutsche Jude nicht die Faust der Verfolgungen mit ganzer Härte gefühlt, noch empfand er nicht den Fluch des Ausgestoßenseins in voller Bitternis. Aber der großen Masse war der Gedanke an die nahe Erlösung ungekannte Seligkeit. Frei! jubelte die Seele. Frei! auf heiligem Boden, im Lande der Väter. Tief, tief wurzelte dieser uralte Freiheitstrieb. Der Vorbereitungen waren gar viele zu treffen, wenn im kommenden Lenz die Sammlung der Kinder Israels vor sich gehen sollte. Vor allem beschloß man, einen Boten an die großen Gemeinden des türkischen Reiches zu entsenden, der genaue Erkundigungen einziehen und ihnen den Weg ins heilige Land bereiten sollte. Und wer wäre da geeigneter als Menachem ben Eliha gewesen, der viel gereist und Städte und Länder wohl kannte. Menachem aber, den Unsteten, zog es nicht in die Ferne. Viel lieber wäre er am Rhein geblieben und im Frühling mit der Gemeinde ins Land der Väter gezogen. Aber der Ruf war an ihn ergangen und er mußte ihm Folge leisten. Zwar blutete sein Herz, wenn er an die Trennung von den Menschen, die er liebgewonnen, dachte, allein die frohe Hoffnung auf Wiedervereinigung leuchtete in naher Ferne. So war der letzte Tag seines Weile ns am Rhein herangekommen. Es war ein trüber unfreundlicher Wintertag. Tief in Gedanken versunken stampfte Menachem durch den Schnee des Leinpfades. Er hatte kaum einen Blick für die .Landschaft. Tiefverschneit lag Berg und Baum. Dumpf gurgelte das träge Wasser zu Tale. Sonst traurige Stille ringsum. Menachem dachte an die Zukunft. Was wird werden? Wird endlich den Bedrückten die Erlösung erblühen oder äfft ein Traumbild, bald in Nichts zerrinnend, die Seelen der Sehnenden? Menachem seufzte tief, aber er trug die Hoffnung im Herzen. Und die Hoffnung goß Süße in den bitteren Trunk des Abschieds. Bald, gar bald war er auf heiligem Boden mit allen, die er liebte, wieder vereint. Dann würde sein Mund sprechen und er würde sich Deborah zum Weibe gewinnen. Liebliche Kinder erblühten ihm im Schatten der Gerechtigkeit. „Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen!“ rief er voller Begeisterung aus. Aber ein bitteres Lächeln überflog seine Züge, als er sich wieder seiner Umgebung bewußt wurde. Er hüllte sich fester in seinen Mantel und schritt dem Hause seines Gastfreundes zu. Morgen mit dem frühesten zog er seinen beschwerlichen Weg gen Osten, der Sonne entgegen. (Fortsetzung folgt.) Von der ,,Jüdisch-liberalen Zeitung" erscheint eine Ausgabe B, die in tfrcutffitrt a. M. nrrd näherer U m g e b u n g (Bad Homburg, Bad Nauheim, Bergen. Camberg. Cronberg, Hanau, Höchst a.M., Neu-Isenburg, Niederursel, Oberursel, Offenbach, Ruppertshain, Schmitten, Seligenstadt, Vilbel) zum Versand gelangt. Sie enthält als wöchentliche Beilage die frankfurter Jüdisch-liberale Zeitung. i