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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-09-18 · 38 (18.9.1925) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
38 (18.9.1925)
Date
1925-09-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Der Messias. Eine historische Erzählung vom Ausgang des 11. Jahrhunderts. Von Walther Kahn. „Jauchzet in Wonne ob Jakobs, Jubelt an der Spitze der Völker, Verkündiget, lobsinget und sprechet: Errettet hat der Ewige sein Volk. Den Ueberrest Israels." Brechet, ihr Sklavenketten, Fall ab, niedrig Gewand; Denn der Erlöser ist nah. Neu aus dem Staube entsteht meine Seele Und leget an Festtagsgewänder. Das Haus der Knechtschaft Wird zum Tempel der Freude, Und die Hütte des Gedrückten Zum Vorhof der Herrlichkeit. 'Aufrichten sich die Gebeugten Und spielen (den Kindern gleich) Sorglos am Bache des Lebens. Denn dein Gesalbter, o Herr, Wird erscheinen. In Pracht wird er nahen, In Herrlichkeit. Schon leuchten in hellem Schein die Finsterberge, Und deine verlorenen Brüder Rüsten Botschaft den Landen. Elia, der Prophet, kündet den Weisen des Volkes Neues Heil von Angesicht zu Angesicht. Balde, gar bald bricht an Der Frühling des Erlösers, des Sprossen Davids. Welch’ schlimm' Erwachen nach solch sel'gem Traum; Voll war die Tenne und der Schnitter kam: Entmenschter Mordlust sinnlose Begierde Hielt blut'ge Ernte im Haus Israel. Viel Leiber töteten vertierte Horden, In breiten Strömen floß so kostbar Blut, Doch nimmer starb der holde Glauben, Daß balde der Erlöser naht. Du täuschst dich nicht, o Volk so langer Leiden. Es kommt der Tag, wo Lohn wird deinem Streiten. I. Es war im Jahre 1095, — Die Sonne eines klaren, milden Frühherbsttages ging hinter den westlichen Bergen zur Rüste. Schräg fielen ihre goldenen Strahlen auf liebliches Land. In tausend Reflexen sprühten die Wellen und Weilchen des Rhein* strpmes magisches Licht. Ein keckes Fischlein in dicht geschmiedetem Schuppenpanzer grüßt zum Abschied das leuchtende Tagesgestirn. Wenige Augenblicke noch, und das Gewölbe des Himmels erstrahlt in Tinten, die der begnadetste Maler mit kühnster Palette nicht hervor-, zaubern könnte. Und sichtige Dämmerung verhüllt dann die Landschaft: die Rebenhügel, die Berge, Wälder und Felder, und den Pfad; die Nähe in geheimnisvolle Ferne rückend, und die Ferne anderen Welten und Reichen zu- ^iieg^L ,££$r«jlann die Nacht all Kd die Arme nimmt und U^den. Mantel der Liebe oder des Hasses einhüllt. Dunkel und still ist's dann überall, und nur der Strom rauscht seinen alten Weg zum grauen Meer. — Durch diesen wundervollen sinkenden Herbsttag wänderten zwei Männer. Es schien, als wollten sie vor Sonnenuntergang die Stadt erreichen, welche eine knappe .Wegstunde noch entfernt lag. Sie schritten rüstig aus. „Es reget sich unter unseren Brüdern, zerstreut über das weite Rund der Erde," sagte der Aeltere von den beiden, wohl in seinem Gespräch fortfahrend. .Menachem ben Eliha, so hieß der, welcher gesprochen hatte, schien eine weite Reise heute getan zu haben; denn Schuhe und Gewand waren weiß vom Staub der Straßen. Aus einem edlen, von der Sonne des Südens gebräunten Antlitz blickten zwei schwarze Augen mutig in die Welt, Seine Bewegungen hatten etwas vornehm Gemessenes, welches in vollem Einklang zu seinen .Worten stand. Anders war Ruhen ben Schimon. Kleiner von Wuchs als Menachem, von heller Gesichtsfarbe, rothaarig; seine etwas stechenden Augen blickten aufmerksam umhör. Es durfte ihm nichts entgehen, was sich irgendwo ereignete. Er hatte in gespannter Erwartung seinem Weggenossen gelauscht und wandte jetzt ein: „Bewegung ist gut, doch Ruhe taugt besser. Jetzt ist unsere Heimat hier am schönen Rheinstrom, wo unsere Väter seit undenklichen Zeiten wohnen. Mich zieht’s nicht in die Ferne. Hier bin ich, und hier hoffe ich dereinst, wenn die Zahl meiner Tage erfüllt ist, die Augen für immer zu schließen." „Dir steht solche Rede wohl an, der du sicher und geborgen bei den Deinen sitzest. Ich aber, der ich unstet durch die Lande ziehe, weder Freund noch Bruder mein eigen nenne, hänge mich mit klammernden Organen au die große Hoffnung. Wer weiß, ob nicht auch du noch den trunkenen Blick zum Lande der Verheißung richtest, ob nicht auch dir noch ein Tropfen Begeisterung ins Blut fällt." Mit kaum verhaltener Erregung hatte Menachem gesprochen; seine Stimme zitterte; seine Augen strahlten in einem edlen Feuer. Doch Rüben schüttelte lächelnd, zweifelnd den Kopf: „Märchen, nichts als Märchen. Noch ist der Tag der Erfüllung nicht angebrochen. Wir erleben ihn nimmer." Schweigend schritten sie weiter; ein jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Die Sonne war tiefer gesunken und rötete mit letztem goldenen Scheine Türme und Zinnen der jetzt gäflz naheliegenden Stadt, In kurzer Zeit hatten sie das Stadttor erreicht. Der Torwächter stand vor seiner Stube und beob*- achtete das Treiben; denn jetzt war Leben und Bewegung hier. Der Bauer, welcher draußen gearbeitet hatte, schob, da es Abend werden wollte, seinen Karren durchs schützende Töf der sicheren Hausung entgegen. Mit seinen Gesellen kehrte der Handwerker heim; über Land hatte er gewirkt. Da ist eine Henne mit ihren Küchlein, nein, eine Mutter mit ihrer Kinderschar; sie hätte den schönen Tag dazu benützt, um einmal wieder die Gevatterin zu besuchen, die draußen vor dem Tore wohnte, Denn gar bald war es Winter, und wer könnte dann noch über die tiefverschneiten Wege und Stege wandern? Aber auch mancher Landfremde, manch fahrender Gesell oder einer mit unehrlichem Gewerbe benützte den allgemeinen Wirrwarr, um, sich ungesehen durchs Tor zu drücken. Der Torwart aber hatte ein scharfes Auge. „Wen führst du denn da an deiner Seite, Jude Ruhen?" rief er ihm zu. „Einen Freund und Gast meines Vaters, laßt ihn in Frieden." „Halt, so schnell geht's nicht," lachte der Schnauzbärtige grimmig, „habt Ihr einen Brief oder gütiges Schreiben," wandte er sich an Menachem. Dieser wies ein gesiegeltes Papier vor. Das genügte dem Gestrengen, denn Lesen konnte er nicht. „Nun, so zieht; das Weitere mag der Rat entscheiden." Rüben führte seinen Gast sicheren Schrittes durch die winkligen Gassen des Städtchens. Bald gelangten sie an ein zweites Tor, das sie aber ungehindert passierten. „Seit mehr denn zehn Jahren wohnen wir von den übrigen Bewohnern der Stadt getrennt. Den Juden zum Schutz und zur Sicherheit hat der gute Bischof Wall und Graben ziehen lassen. Wir sind am Zieh Tritt ein in das Haus meines Vaters." Sie standen in schmutziger, menschenleerer Gasse vor einem niedrigen Giebelhaus. Durch einen kurzen, finsteren Gang gelangten sie in ein kleines, dunkles Gemach. Für gewöhnlich war dieser Raum ein Ödes, elendes Loch, nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Ein klobiger Tisch in der Mitte, rohgearbeitete Bänke an den Wänden. Aber heute lag eine besondere Weihe über diesem kahlen Raum gebreitet. Festesstimmung ging von dem Oellämpchen auf dem Tische aus, strahlte von den Lichtern an den Wänden! Festesstimmung verbreitete der alte Pokal gefüllt mit edlem Wein, entströmte den verschnörkelten Buchstaben in Rollen und Büchern. Und Festesstimmung leuchtete von den Gesichtern der Menschen, die im Zimmer versammelt waren. Denn man wollte den Sabbat begrüßen und hatte nur auf den Ankömmling, auf den Sohn des Hauses, gewartet. „Friede sei mit euch!" grüßte ein hoher Greis in jüdischer Tracht. „Friede!" entgegneten die beiden. „Menachem ben Eliha," führte Ruhen den Fremden ein, „ich bitte dich, Vater, ihn als Gast unseres Hauses zu betrachten." Zum Segen hob der Vater die Hand: „Der Herr segne deinen Eingang. Und nun laßt uns den Sabbat begrüßen." Frieden, Innigkeit, Glück, in diesem Kreise waren sie. Vergessen war die Not des grauen Alltags, versunken die Widrigkeiten des täglichen Lebens, entschwunden war die Fremdheit der Umgebung. Hier war Heimat, trautes liebes Land, wo der Fuß nicht strauchelte und kein Stein Anstoß bot. Inbrünstig ertönte es: L'cho daudi likras kallo! In diesem Winkel Deutschlands, am efihönen Rheinstrom, lebten die Juden in jenen längst, längst entschwundenen Tagen ziemlich in Ruhe und Sicherheit. Noch war das Gift des Judenhasses nicht in die feinsten Blutgefäße des großen Volkskörpers gedrungen, den Riesen im Giftrausch zu furchtbarer Untat zwingend. In ausführlichen Privilegien waren der Judenheit große Rechte zugebilligt worden. Sie besaßen völlige Handelsfreiheit in der Stadt, hatten das Recht Grundbesitz zu erwerben, einen Begräbnisplatz, sogar eigene Gerichtsbarkeit. Später bestätigte der Kaiser — damals herrschte Heinrich IV. in deutschen Landen — diese Rechte der Juden. Aber die Juden waren weit davon entfernt, als Vollbürger angesehen zu werden. Und dabei rühmte sich manche Gemeinde in Deutschland seit undenklichen Zeiten im Lande zu wohnen, länger als die ureingesessenen edlen Geschlechter. Allein was halfs, Der Jude war eben der Fremde, nicht Voll- und Gleichwertige. Selbst der wohlwollendste Fürst mußte die Juden mit Turm und Mauern schützen; denn zu allen Zeiten sah der Pöbel im Juden den Urheber und Bringer alles Bösen. Fast überall, wo sie in der Welt hausten, waren die Kinder Israel von feindlicher Umgebung bedroht. In der Verbannung lebten sie und wie einstens an den Wassern Babels saßen dis und weinten. Noch war der Tag der Erlösung nicht angebrochen, der Messias, der Heilige, der Gesalbte Gottes nicht erschienen, aber in sehnsüchtigen Herzen lebte des festen Glaubens Zuversicht, daß Israel bald zur Tenne gesammelt würde, und der große Tag der Erlösung strahlend aus einem Meer von Elend aufstiege. Keine Enttäuschung konnte groß genug sein, keine Bedrückung so hart, als daß sie den Glauben an den Messias ausgerottet hätte. Ein kleiner Funke nur, und ein Feuer ungeahnter Glückseligkeit erfüllte die Herzen der Juden. Auf seinen Wanderfahrten war Menachem ben Eliha in den vergangenen Wochen hier ein Gerücht, dort ein Wort oder eine Vermutung zugeweht, welche sein Herz schneller schlagen machte. „Jauchzet in Wonne ob Jakobs, jubelt an der Spitze der Völker, verkündiget, lobsinget und sprechet: Errettet hat der Ewige sein Volk, den Ueberrest Israels." Der Messias wird kommen und wird sein Volk erlösen, Für den 256. Mondzyklus sah man seine Ankunft vorherverkündet. Menachems Wiege hatte im schönen Spanien gestanden. Dort hatte er eine sorglose Jugend verlebt, wohlgehütet von den Eltern. Frühzeitig war das Kind in allen Zweigen der Wissenschaft unterrichtet worden; denn es wies eine nicht gewöhnliche Begabung auf. Als der Jüngling dann in das Alter kam, in dem er einen Beruf erwählen mußte, entschied er sich für das Studium der Heilkunde. Als guter Arzt wollte er den Menschen helfen. Da starben ihm kurz hintereinander die Eltern am hitzigen Fieber. Nun stand der Jüngling allein auf der Welt, Geschwister hatte er nicht; und die Anverwandten ruhten längst im kühlen Grab. Er vollendete seine Studien im Heimatlande. In Spanien lebten die Juden unter maurischer Herrschaft frei und völlig gleichberechtigt und hatten nicht selten die höchsten Ehrenstellen des Staates inne. — Aber Wissensdurst trieb den jungen Mann in die Ferne. Noch war die Scholle seiner Heimat nicht für ihn gepflügt. Die hochberühmte Medizinschule zu Salerno im Lande Italia lockte ihn. Auf dieser Wanderfahrt hatte ihn das Gerücht von der nahe bevorstehenden messianischen Zeit erreicht, Er folgte ihm und ward schließlich an den Rhein verschlagen. Hier traf er mit Rüben zusammen. Die wohltuende Herzlichkeit eines jüdischen Hauses umgab Menachem. Lange hatten sein Ohr nicht mehr die altehrwürdigen Worte und Klänge umschmeichelt, die jetzt dem Munde des Hausvaters entströmten, Worte, die sich zu Segenssprüchen formten und dem Schöpfer des Himmels und der Erde dankten und seine Grüße verherrlichten. Ja, er weilte unter Brüdern, mit welchen ihn trotz aller Fremdheit ein Band verknüpfte: die Erinnerung an die große Vergangenheit und der Glaube an die Zukunft. Der Vater hatte das Gebet zu Ende gesprochen. Mit stolzem Blick umfaßte er seine Familie, dann segnete er und sein Weib die Kinder; und auch auf Menachem trat er nochmals zu und sagte: „Ruhet und seid mein Gast, solange es Euch hier gefällt." (Fortsetzung folgt.) UNSERE RÄTSEL-ECKE Bilderrätsel. ’t Wtt'/./J i IaHreszaHlen-Nalsel. 1414 1415 1416 1417 1418 1419 1420 1421 1422 1423 1424 1425 1426 1427' 1428 1429 Die Zahlen sind so zu ordnen, -aß die woge rechten, senkrechten und diagonalen Reihen als Summe je die Jahreszahl 5680 ergeben. Silbenrätsel. Ans den Silben: -hi — cid — e — e — en —> ent — far — fu — go — hu — li — ling — nak — o —, ple —» ri — ri — rod — roh — te — thi sind 8 Wörter zu bilden, deren Anfangs- und Endbuchstaben, jene von oben nach unten, diese von unten nach oben gelesen, dasjenige ergeben, was dem jüdischen Liberalismus am meisten nottut. Die Wörter bedeuten: 1. Morgenland- 2. biblische 'Söldnerschar- 3. Inquisitor,' 4. Riese aus dem Pentateuch- 8. antisemitischer Dalmndsälscher- 6. jüdischer Staatsmann der Türkei- 7. spanischer Ritter und In« denversolger- 8. Gestalt aus dem Buche Hiob. Verwandlung. Ein alter König, längst im Grab, Erscheint dir in den Lettern — Stell auf den Kops ihn, nimm den ab, Dann hörst Du's von den Brettern. Auslosungen der Rätsel von voriger Nummer: 1. Kreuzu-orträtsel. tvr|u 2. Der Tag der Butze. Jeder Dagda kein Mensch weih, wann er stirbt. 3. Ausgefallen. Nachlsicht). 4. Kammrätsel. I s ia i1 re i | gn fh

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