Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-09-18 · 38 (18.9.1925) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
38 (18.9.1925)
Date
1925-09-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613826--1492-2618860
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ist Um ihre Seele zu retten, hat Gott sie erlöst aus -er UmUammeruna, mit der Aegypten sie gefangen hielt: Israel, der Knecht der Menschen, er sollte der Itknecht Gottes werden. „Rette Deine Seele", das tst her tiefste Sinn aller Prophetenredey, das der Sinn aller Mahnungen und Warnungen, so lange Israel noch unter eigenen Herrschern tm eigenen Lande wohnte, dader Sinn der Trostesworte, die die Gottesboten ihm mitgaben für seine Wanderschaft in die Fremde. „Rette Deine Seele, mein Jude," so sprachen keine Propheten, seine Lehrer zu ihm eindringlich, sorllernd, beschwörend. „Wenn Du Deine Seele rettest, Last Du allegerettet, wenn Du Deine Seele verlierst, hast Du alleverloren!" Und der Jude verstand, was feine Führer meinten. Die Versuchung trat an ihn heran in dem lockenden, strahlend schönen Gewand griechischer Kultur. Betörend flüsterte sie ihm zu die Lehren des Heidentums: nicht Gott, sondern der Mensch ist der Mittelpunkt der Welt, nicht Pflicht, sondern Genuß ist die Aufgabe des Menschen hier auf Erden. Aber lauter als alle Stimmen der Welt, die Ihn riefen, sprach zu ihm die Stimme des Gottesgebotes: „Du sollst lieben den Ewigen Deinen Gott mit Deinem ganzen Herzen und mit Deiner ganzen Seele und mit Deinem ganzen Vermögen." Und mit Hiner gewaltiaen Kraftanstrenaung zerriß der Jude in den MakkabLerkümpsen das Netz, mit dem die hellenistische Kultur ihn umstrickte und rettete seine Seele. Und neue Versuchung lockte. Rom und Israel begegneten einander. Der Römer, der Vertreter der Macht, der Jude, der Vertreter der Kraft, der Römer glaubend an die Gewalt der Zahl, der Jude glaubend an die Gewalt der Idee. Rom will Israel zu seinem Glauben hinüberziehen. Israel widerstrebt. Da schlägt der Römer zu, brutal, erbarmungslos, wie der Römer die Völker zu schlagen gewohnt war; aber, o Wunder. er schlügt nur tote Mauern, er trifft nur kalten Stein, ben Geist deS Juden trifft er nicht, die Seele des Juden schlägt er nicht, die steigt gerettet aus den Trümmern empor und zieht unsterblich wie Jener, der sie schuf, lebendig weiter durch die Welt zu neuen Opfern, neuen Kämpfen und neuen Siegen. Nun kam das Christentum. Wieder begann der Kampf. Es war derselbe Kampf und doch ein ganz anderer. Jetzt ging es bewußt um die Seele des Juden. Der Heide — er glaubte nicht recht an die Seele trotz der Häufigkeit, mit der seine Priester, seine Philosophen davon redeten; Seele, das war ihm im Grunde nur ein Wort, ein Phantasiegebilde. Gab es iraenöeinen Menschen, der eine Seele schon einmal geschaut hatte- — Aber dem Christen — dem war es ernst um die Seele, das Heil der Seele galt auch ihm — genau wie dem Juden — mehr als alle Güter der Welt. Und so begann nun jener Kampf des Christen um die Seele oeS Juden, die er vermeinte, retten zu können, nein, retten zu müssen aus der Not des Unglaubens, retten zu müssen aber auch von den ewigen Qualen der Hölle, die nach des Chrksten Meinung ihr drohten und sie dafür emporzusühren zum Himmel, entgegen den unbeschreiblichen Frouden einer ewigen Seligkeit. Hier standen zum ersten Male einander gegenüber aletchartige Gegner, die beide ihre Kraft schönsten ans dem geheimnisvollen Quell einer höheren Welt. Ueberzeuaung stand wider Überzeugung, Glaube wider Glaube. Das war eS. was dem Kampfe seine Gewalt, das aber war es auch, waS ihm seine Tragik verlieh. zember 1815 wegen der Befürchtung der Bildung eines „aus dergleichen Msonderungen entstehenden Sektenwescns" aeschlossen werden sollte, wurde, da die Synagoge schadhaft und ausbesserungsbedürftig geworden war. bis zu ihrem Umbau als Einrichtung der Gemeinde weitergeführt. Die Ausführung deS Dnuagogenbaus rief indessen größeren Zwist tn der Gemeinde hervor. Von dem Besuche des Beer'schen knachmalvgen Gem.-Jnterims! TemvelS hatte sich ern nicht unbedeutender Teil der Gemeinde-Mitglieder ausgeschlossen. Eine Einigung konnte trotz der Bemühungen der Aeltesten nicht erzielt werden, so daß sich im Verlauf deS erhobenen Streites wieder die Regierung mit der Angelegenheir zu befassen hatte. Auch zogen sich tm Verlaufe der Zwistigkeiten die Verhandlungen über einen Um- bzw. Neubau der Synagoge erheblich in die Länge. Die Orthodoxen die ihre religiöse Ueberzeugnng an dem Betuche des HnterimSgottesdienstes hinderte, petitionierten bei der Regierung darum, wenigstens kleine Reparaturen an der Alten Synagoge vornehmen zu dürfen, um den Neujahrs- und Versöhnuugstag-GotteSdienst abhalten zu können. DieS wurde ihnen, trotzdem die Behörden sich ablehnend verhielten. von den Aeltesten. die sich nicht als intolerant zeigen wollten, gestattet. Durch den tm Jahre 1828 beendeten Umbau der großen lAlten) Synagoge waren genügend Plätze für sämtliche Gemeiudemitglieder geschaffen worben, so daß sich vorderhand wieder jede Sonderveranstaltung von Gottesdienst erübrigte. Tie Privatbetstuben wurden auf Befehl des Königebenfalls geschlossen. Erst vom Jahre 1845 ab hören wir wieder von interimistischen Veranstaltungen der Gemeinde für den Gottesdienst an den hoben Feiertagen. Der BerivaltnngSbericht aus den Jahren 1348—58 besagt u. a. darüber: „Dg an den sogenannten hohen Festtagen die Hauvtsynagoge öurchauö nicht für die Zahl der Besucher zurekchte, so würben schon tn früheren Jahren Lokale zur Verrichtung des Gottesdienstes an diesen Feiertagen gemietet: so 184.5 und 1848 ein Wollboden, 1647 und 1848 der Saal Köntgstraße 32, 1849 der Baal des GeseNschastsbaujeS. Doch wurde daS Un* passende, das in diesen nothgedrungen wandelnden Gottesdiensten und in ben sonstigen Restimmugen der Lokale lag, tief empfunden. Im Jahre 1860 wurde in dem Garten des Hauses Gr. Hamburger Straße 11 von Privatleuten ein geräumiges Gebäude als Supplement-Synagoge errichtet und der Gemeinde zur Aushilfe an den Feiertagen zur Verfügung gestellt. Am 1. Sevtcmber 1850 wurde dies Gebäude, das ca. 1800 Sitzplätze enthält, eingeweiht und seitdem lmit wenigen Ausnahmen) an allen Feiten des Jahres Gottesdienst darin gehalten: die Leiter derselben, zu welchem Amt zwei Synagogen-Borsteher deputiert waren, bemühten sich, durch Verstärkung des Sängerchors, durch Verkürzung des ^ebetiituals und durch die äußere Anordnung die Würde des Gottesdienstes zu erhöben und ben Bedürfnissen der Gegenwart gerecht zu werden. Die Predigten wurden zum Teil von dem Rabbinatsassessor und Gemeindeyrediger Dr. Sachs. zum Tei-l von besonders dazu designierten HilfspreSiöcrit gehalten." Zuerst versuchte es bas Christentum bei dem Juden mit den sanften Mitteln der Ueberredung, dann mit Versprechungen, dann mit Drohungen und schließlich mit Zwang, mit unerhörtem Zwang. Alle Qualen der Hölle wurden in Anwendung gebracht „ben Trotz des Juden", wie man es nannte, zu brechen; und erlebte doch nur, was die Heiden erlebt hatten: Der Aegypter. der Affyrer. der Babylonier, der Grieche« der Römer — daß der Jude starb, aber baß sein Geist lebte. Der Körper deS Juden war von der Folter zerfetzt, aber feine Seele triumphierte. Der Ino« gedachte des fropyetenworteS: „Wohlan, mein Volk, geh' tn Dein ämmerlein und verschließ' die Tür hinter Dir. Verbirg Dich einen kleinen Augenblick. RS der Sturm vorüber ist." Und der Jude ging in fein KLmmerletn; er ging in feine Synagoge und lernte, er ging in fein Haus und betete und wartete geduldtg bis der Sturm vorüber war — und rettete seine Seele. Wir stehen in der Gegenwart. Noch immer kämpft das Christentum — nun bald zwei Jahrtausende — um die Seele des Juden. Aber zu dem alten Gegner haben sich neue gesellt» ja, es will scheinen, als ob all die Fein-e, die schon früher einmal das Judentum bedrängten, sie, die wir längst gestorben wähnten, aus ihren Gräbern wieder auferftanden wären und gemeinsam sich verschworen hätten, die Seele des Juden zu verderben. DaS Heidentum ist wieder lebendig geworden. Unter der MaSke der „Wisienfchaft" tritt es an den Juden heran und spricht zu ihm mit überlegener Miene: Du kämpfst um Deine Seele. Du unmoderner Tor, wer wird heute in unserer Zeit, die alles berechnen, alles wägen, alles zählen kann, noch so einfältig, so ungebildet sein, an eine unsterbliche Seele zu glauben, an etwas, das allen Berechnungen, allen Maßen sich entzieht. Und andere kommen und sprechen: Du bist rückständig, mein Jude. Gewiß, vor drei Jahrtausenden magst Du eine Berechtigung gehabt haben, als Du der heidnischen Welt Deine Lehren kündetest. Aber heute? Weißt Du nicht, daß die Wissenschaft daS Judentum längst als eine Vorstufe, als eine bloße Etappe in der religiösen Entwicklung der Menschheit erkannt hat, weißt Du nicht, daß Dein Glaube veraltet, daß er längst von anderen, viel höher stehenden Religionen überwunden worden ist. Und eine dritte Gruppe kommt und sagt: Dein Kampf ist aussichtslos, das Judentum stirbt. Wir können Dir auf Grund der Wisienschast von der Zahl, auf Grund unserer Kenntnis der Bevölkerungsbewegung mit fast mathematischer Sicherheit berechnen, wann der letzte Jude vom Schauplatz der Geschichte verschwunden sein wird. Und dann kommen wieder andere, und das sind die meisten: Denen ist alle Wissenschaft gleichgültig, alle Theorie ein Greuel; sie nennen sich Leute des „gefunden Menschenverstandes". Sie sprechen: Du willst Deine Seele retten, mein Jude, Du kurzsichtiaer, Du wunderlicher Tor. Sieh, das Leben lie^t vor Dir mit all seinen Genüssen. Warum sonderst Du Dich immer noch ab. gellst Du nun vier Jahrtausende schon Deine eigene Straße, warum verbitterst Du Dir und Deinen Kindern das Leben, warum seufzt Du unter einer Bürde, die Deinen Abnen vielleicht lieb sein mochte. Deinen Vätern aber schon zu schwer war und Dir und Deinen Kindern von Tag zu Tag unerträglicher wird? Wirf eS ab das Joch Deiner Religion, tauch unter in daS große, weite Meer der Völker, in der-n Mitte Tu wobnft. sei nicht mehr der Knecht, der Ans^estvßene unter ben Nationen, sondern ein Freier unter freien Menschen. So lauten.die Sirenenklänge, öle von rechts und linlS ben Judyn umschmeicheln. Und der Jude hört eS und empfindet schmerzlich die Wahrheit dessen, was unser« Lehrer eßnmal in einem tiefsinnigen Wortspiel zum Ausdruck brachten „jehudi“ ---- „jechidi“, Jude sein, dabedeutet etnsam sein. Auch der Dichter der Psalmen hat bitzse Einsamkeit empfunden. Er nennt die Seele eünmal „Jechidossi", „meine Einsame". Er hat damit dem tiefsten Empfinden des Herzens Ausdruck verlieh«!». denn wo gibt es einen Menschen, der, bineingestellt. in diese große unermeßliche Welt mit ihren tausend Rätseln und Fragen, diese Einsamkeit nicht schon quÄ<end empfunden hätte. Aber selten wohl ist dieses Gefnhl so drückend gewesen wie in der Gegenwart. NW umsonst hat ja Nietzsche, der wie kaum ein anderer moderner Denker dem Empfinden unserer Zeit Äusdruck verliehen hat, die Bersy viedergeschrieoen: ^Die Krähen schreien und ziehen, schwirren FlugS zur Stadt, Bald wird es schneien, Web dem, der keine Heimat hat!" Nietzsche hat recht, der moderne Mensch hat kein- Heimat. Seine Seele hat ketne Heimat. Diese Heimatlosigkeit unserer Seele ist der tiefste Grund für all die Zerrisienhett unseres modernen Lebens, nicht zum wenigsten auch unseres jüdischen Lebens. Jude sein, heißt eine Heimat haben. ES gibt aber für den Juden nur eine wahre Heimat nnL daS ist G o t t. Das ist ja der erhabene Sinn des hebräischen Wortes „El" (®o44), das heißt im eigentlichsten! Sinne „Ziel". Wie alle Wasser im Gebirge hernieder« stürzen zum Bach, wie eS den Bach hinzieht zum Fluß, den Fluß zum Strom, und die Wafser des Stromes nicht eher Ruh« finden, bis das weite, das unermeßlich«! Meer sie ausgenommen hat, so drängt auch all unser Fühlen und Wollen und Sehnen hin zu dem Einen, Unendlichen, Ewigen, bet dem allein der Friede ist, zui Gott. Das ist ja der tiefste Sinn der Feiertag«, daß sie und erlösen wollen aus der Einsamkeit, daß siö uns den Weg zum Frieden zeigen, daß sie von den mannigfachen Jrrgängen unseres Lebens Hinweisen zn dem einen wahren Ziel unseres Seins, zu Gott. Wir lesen in der Bibel: Als die Engel Lot und seiner Familie warnend die Worte entgegengerufen hatten „Rette Deine Seele'", wurde Lots Frau dennoch von dem Verhängnis ereilt. Sie hatte rückwärts geschaut, da traf sie das Verderben. Es gibt Zeiten, meint die Heilige Schrift, in denen man nicht trauernd rückwärtssehen darf auf das, was man verloren hat, in denen es vielmehr nur ein mutiges Vorwärtsblicken gibt. Lots Frau hatte kein festes Ziel, und wer in Zei- .ten, da eine alte Welt stürzt, und eine neue Welt auf« gebaut werden soll, obne ein festes, klares Ziel vorwärts schreitet, der ist nicht wert, -atz er das Neue schaut, der ist reif für den Untergang. Auch wir haben den Zusammenbruch einer alten Welt erlebt, eine neue soll erstehen. Gehen wir an'S Werk in diesen Tagen. Bauen wir sie auf. die neue ■■ Welt, aber machen wir den Anfang öamit 'rn unserej:' Seele. Bauen wir sie auf — den Blick nrrbetrrbaL^ fest gerichtet auf das eine Ziel, das der Jude kennt, — Gott. Nur mit Gott bleiben wir Juden Sieger auch in der Not der Gegenwart, nur mit Gott schreiten wir unüberwunden weiter durch die Jahrtausende, daS Wort erfüllend: „Rette Deine Seele" am Mit dem fortschreitenden Anwachsen der Gemeinde mußte aitm für weitere Gelegenheiten zur Abhaltung von Gottesdiezckt gesorgt werden. Hier zeigte es sich, daß die Anzahl der-Betlokale meistens in umgekehrtem Verhältnis zur Er« richkmig ständiger Synagogen stand. Ruhte die Gründung neuer.Synagogen längere Zeit, so wuchs die Safil der interimistischen Gottesdienste von Jahr zu Jahr. blieb aber konstant ober ging zurück, sobald eine neue Synagoge eröffnet wovd-an war. Bis zum Jahre 1854 war die Zahl der FestgotteSbtenste neben der Suvolemcnt-Snnagoge auf zwei beschränkt geblieben. doch stellte sich bald wieder infolge der Verzögarmng des Baues einer 2. großen Synagoge ein Mangel an verfügbaren Plätzen ein. Der 1845 erfolgte Umbau der Alten Snnagoae barte nur eine Vermehr,,na von 74 Plätzqn aebracht. Die Klagen der Geinnnde-Miltglieder über die ungenügenden und ungeeigneten Beranstaltunaeu wollten daher nicht verstummen, zumal die privaten Einrichtungen auch damals durchaus nicht den Beifall der arosien Mebrzabl der Gemeindemitglioder finden konnten. 1854 bis 1856 wurde ein drittes Lokal in der Neuen Friedrichstraße 47. 1857 an dessen Stelle das Arnim'sche Etablissement Unter den Linden 44 iwv sich heute das Kleine Theater befindet! gemietet. 1858 trat der Interims-Gottesdienst in der Rosenstraße 12 hinzu, welches Lokal im folgenden Jahre durch daS im Bauhof Nr. 7 bclegene ersetzt wurde. War nun so bis zum Jabre 1860 die Zahl der Interims-Gottesdienste wieder bis auf 4 anoewachsen. so erfuhr sie bereits in den folgenden Jahren eine Verminderung, um sogleich nach der am 5. September 1866 erfolgten Einweihung der Neuen Synagoge weiter eingeschränkt zu werden. Nachdem in den letzten Jahren der Vertrag mit den Eigentümern der Supplement, snnagoge nur von Jahr zu Jahr verlängert worden war. hörte ein Jabr später auch hier der Gottesdienst auf, zumal die bauliche Sicherheit des Gebäudes mehrfach anaezwelfelt wurde und polizeiliche Untersuchungen zur Folge hatte. Während zwei-er Jahre (1867/881 war kein besonderer Gottesdienst für hohe Feiertage einaerichtet worden. Der Gemeindevorstand ergriff deshalb 1869 die Gelegenheit, die von dem Besitzer des Grundstückes Kaiserstraße 29 auf diesem neu errichtete Synagoge für gottesdienstliche Zwecke zu mieten. Sieht man davon ab. daß für den, ursprünglich von Jakobson eingerichteten und später von der Gemeinde als interimistische Veranstaltung übernommenen Gottesdienst eir-e allerdings erheblich von dem herkömmlichen RituS abtveßchen-e Gebetor-nung eingerichtet war. so sind die bei Einrichtung des Gottesdienstes in der Gr. Hamburger Straße getrMenen. obenerwähnten Maßnahmen als dt« ersten Versuche .anzusehen, wenigstens bei den außerhalb der großen Syuazt-äe stoitünbenden Gottesdiensten Aendernngen einzuführen. dir denn auch nicht den Widerspruch erfuhren, den beabsichtige Umgestaltungen des NituS in der Hauvtsyna» goge jek^mal hervorriefen und Hervorrufen mußten, solange dtelie Synagoge alS die einzig offizielle für sämtliche Gemeinde-Mitglieder bestand. Bei Einrichtung des in der Kaiserstraße-Synagoge einzusührenden Gottesdienstes, der in den ersten Jahren nur an den in den Monat Tischri fallenden Festtagen, und zwar nach der durch Gcmcindcdeschluß vom 29. Ju.lt 1856 festgesetzten Synagogen- und Gebetordnung abgehalten wurde, ging man einen Schritt weiter. Vom Gemeinde-Vorstand dazu aufgefordert. gutachtliche Vorschläge über die künftige Gestaltuna der Gebetordnung die tm wesentlichen dem der Alten Synagoge entsprechen sollte, zu machen, wiesen die Rabbiner Aub und Geiger darauf hin. daß*) „schon tm Jahre 1845 der damalige Vorstand erkannt hatte, daß die herkömmliche Art oder Unart des Gottesdienstes in einer Gemeinde- Snnagoge nicht länger bestehen dürfe, wenn die Hauptstadt nicht hinter den kleinsten, an den Grenzen der Bildung gelegenen Orten zurückstehcn wolle". „Wenn man der alten Snnuigoge daS anerose Privilegium einräumt. daß die tn ihr bestehende Snna-gogenordnung ohne weitere Verbesserung gewahrt bleibe, so hat eine neu einzurichtende Synagoge.. wenn man sich auch an die Gesinnung der in ihr zu erwartenden Besucher möglichst anbegncmen will, nicht das Recht anzusprechcn. daß ihr die unumgänglichen Verbesierungcn vorenthalten bleiben. Wir verlangen nun zwar für die Snnagoqe der Kaiferstraße nicht den vollen Umfang der Verbesserungen, die tn der großen Synagoge zu so sichtbarer Zufriedenheit zur Geltung gelangt sind, wir sehen überhaupt von jeder Aendernng hn Inhalte des Gottesdienstes ab. halten uns im Ganzen an das tn der alten Synagoge bestehende, müssen aber 1. aus die strenge Aufrechtcrhaltnng der äußeren Ordnung dringen. 2. einige fernere Kürzungen benorworten und endlich 9. dringend empfohlen, daß d-em deutschen Elemente irgendwelche Berechttgung etngeräumt werde." Durch den AnSvruch des dentsch-französischen Krieges wurde die Durchführung dieser Maßnahmen zunächst verzögert, im wesentlichen aber an den Festtagen deS JahreS 1871 von den Gemeindebehörden awgeordnet. Die Einrichtung bewährte sich. Der Gemeinde-Vorstand war denn auch in der Lage, tn seinem S<hreiibon vom 19. Oktober 1871 der Repräfenianten-Versammlnng die Mitteilung zu machen, daß bet Wiedereröffnung der Snnagoge lKaiserstraßel am vergangenen NeufahrSsoste daselbst die durch Gemein-bebefchluft festgestellten Reformen nicht allein ohne ieg* ltchen Widerspruch, sondern sogar augenscheinlich zur vollen Zufriedenheit der zahlreichen Besucher des Gottesdienstes eingeführt worden sind." Zwar wurde die vom Snnagogenvorstand und den Gemeinde-Mitgliedern angcstrebte AnSdehnung der. Gottesdienste auf alle Sabbat- und Feiertage wegen der erwachsenden erheblichen Kosten einstweilen abgelehnt, im Oktober 1866 aber nach Schaffung einer öeftnttiven Gebetordnung doch üurchgeführt. lSchluß folgt«! *) Gem.-Akten S. 1605,1. September 1870.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.