Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-09-18 · 38 (18.9.1925) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
38 (18.9.1925)
Date
1925-09-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613826--1490-2618858
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

IüdMÜbemleZeAma Organ -er Vereinigung für -as liberale Judentum e. V. Vezugsprei» durch die Geschäftsstelle V« jährlich 3R.2.50 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung t. Inland 0^S Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Dezugaprei» :: im Mitgltedsbeitrage enthalten, nur: Lhefredakteur: Dipl.»2ng. Bruno Doyda. Die ».Jüdisch - liberale Zeitung erscheint jeden Srettag. Nvdaktlon u. SeschüttsstvUe: Verttn SW, wlltielmftr. 147t Sernrut: Amt Cfifeow Ar. 9 t 60-61 Postscheckkonto: Berlin n\V7 Nr.1S70Sv (Vereinigung für Vas liberale Judentum NacDOruck sämtlicher Original-BcltrSge nur mit vorheriger Genehmigung Oer ReDaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene NonpareillezeU» 0,45 Goldmark, die Rrklamezeile 3,00 Goldmark, bei :: n :: Wiederholungen Rabatt. rr Anzeigenannahme: »Mdisch-liberale Zeitung- Inseratenadteilung: Berlin SD 48. Dilhelmstratze 147 <Lützow: 9160—61), sowie sämtl. AnnoneenExpeditione«. Nr. 38 Berlin, 18. September 1925 5. Jahrgang Neujtthvögedanken. Zum Jahreswechsel bringen wi.x allen Freunden :: unserer Bewegung die herzlichsten Glückwünsche Lar. <> Der Vorstand des :: Bereinigung für das liberale Judentum E.B. Die Redaktion der „Jüdisch-liberalen Zeitung". Ehrfurcht. Zum Neujahrsfeste. Von Rabbiner Dr. Dienemann, Offenbach a. M. Den Gebeten, die für das Neujahrsfest traditionell find, wohnt eine besondere Kraft inne, die Kraft, hinauszuheben über bas Persönliche, den einzelnen Angehende und hineinzustellen in den großen Zusammenhang des Gemeinschaftslebens. Es hätte so unendlich nahegelegen, zum Hauptinhalt des Gebets an diesem Tage die Gefühle zu machen, die mit dem persönlichen Leben des Menschen in engstem Zusammenhang stehen, im Gebet dem Dank Ausdruck zu verleihen für alles, was man erlebt hat, ftir jede Erhebung, die man erfahren, für jede Tröstung, die man gewonnen, für jede Lebensvertiefung, die einem zuteil geworden ist, der Sorge und der Hoffnung des einzelnen in der Richtung auf sein und seiner Lieben Gesundheit und Wohlergehen Wort zu geben; und das wäre an und für sich in der Tat schon eine Anleitung zur ^Frömmigkeit im edelsten und tiefsten Sinne des Wortes, denn was kann frommer sein als zu bekennen, wie alles Sein, Leben, und Gewinnen und Verlieren in der Hand Gottes ruht und von seiner Fügung abhängt, was kann ehrlicherer und aufrichtigerer Ausdruck einer wirklichen Herzensfrömmigkeit sein als solch ein Gebet, durch das ein Mensch bekundet, daß ex fern ist von dem Hochmut, der ihn sprechen läßt: „meine Kraft und die Stärke meiner Hand haben mir alles erwirkt, sondern daß er die Demut hat, zu wissen, daß es Gott ist, der alles schafft und bewirkt. So wäre also solch ein Gebet schon eine starke und, in seiner Rückwirkung auf den Betenden, erzieherische Bekundung der Frömmigkeit. Trotzdem spielen diese so naheliegenden, so natürlichen, so menschlichen Gedankengänge im Neujahrsgebete eine geringe, ziemlich untergeordnete Rolle, in seinen Höhepunkten will es stets sein: Erziehung zum Gemeinschastsbewußtsein, Begründung eines Gefühls der Gemeinsamkeit in Geschichte und Zukunft, ein Hinausreißen aus dem schmalen Fluß des Einzellebens, der in der Wüste versandet und versickert, und ein Hineinreißen in den breiten Strom des Gemeinschaftslebens, Anfachung des Willens, die Welt der menschlichen Ordnungen zu erheben zum Gottesreich. So setzt es alsbald ein mit dem in seiner Tiefe kaum zu übertreffenöen uwechen ten pachdecho: „Laß die. Ehrfurcht vor Dir, Ewiger, unser Gott, über alle Deine Geschöpfe kommen, laß die Scheu vor Dir sich ausbreiten über alles, was Du erschaffen hast, damit alle Geschöpfe Dich in Ehrfurcht anbeten und alle Wesen sich vor Dir neigen, damit alle bilden einen Bund, Deinen Willen zu tun mit ganzem Herzen." Nicht von den persönlichen Sorgen, Nöten und Kümmernissen, nicht von Leid und Freud des Menschen in seinem Alltagsleben, seiner Nahrung und seiner Gesundheit ist hier die Rede, sondern von den Erfordernissen des Gemeinschaftslebens, von den Nöten und Zielen der Menschen, als der Bausteine zum Ausbau der idealen Gesellschaft. Von Gott als dem Herrn der Welt, dem einzigen, wirklichen, und von der messianischen Idee ist hier die Rede. Der gleiche Ton wird angeschlagen in jenem bekannten Gebete, das mit den Worten olenu leschabeach anhebt, und ta§ seinen Höhepunkt erreicht in den Worten: „Wir leben der frohen Zuversicht, in Bälde zu schauen, wie Deine Macht und Herrlichkeit erstrahlt, daß alles Widergöttliche von der Erde schwinde und alle Götzen der Vernichtung anheimfallen, daß die Welt sich ordne als das Reich Gottes." Und weil das so ist, darum erheben diese Gebete den Neujahrstag zu einem jom badin, zu einem „Tage des Gerichtes", in einem höheren Sinne noch als der ist, der für gewöhnlich mit diesem Worte verbunden wird, nicht bloß zu einem Tage, an dem Gott über den Menschen oder der Mensch über sich selbst zu Gericht sitzt, sondern zu einem Tage des Gerichts über die Zeit; Kritik an der Zeit zu üben, wird so zum Sinn des Festes. Die Rangordnung der sittlichen Werte im Gedenken an Gott zu finden und zu prüfen, inwieweit die Zeit und der Zeitgeist diese Rangordnung anerkennen und inwieweit wir dem Zeitgeist uns fügen oder ihm uns aus unserer tieferen Einsicht und unserer sittlichen Kraft entgegenzustemmen gewillt sind. Und es wird zum tieferen Sinn der Symbole des Festes, die Empfindungen zu stärken, die Kräfte fteizumachen, die notwendig sind, um diese Prüfung der Zeit vorzunehmen. So werden wir auch das Symbol zu würdigen haben, das mit dem obengenannten Gebete olenu lescbsdeacb verbunden ist und das geeignet ist, auf den es Uebenden oder es betrachtend Begleitenden einen besonderen Eindruck zu. machen. Wenn in diesem Gebete die Worte ertönen: „Wir knien hin, neigen uns und fallen nieder vor dem König aller Könige, dem Heiligen, gelobt sei er", wird tatsächlich niodergekniet. Was man sonst im Umkreis jüdischer Religiosität in unseren Breiten nie tut, seitdem wir uns von den Formen orientalischer Anbetungsart entfernt haben, was uns sonst nicht vereinbar scheint mit dem Wunsch, als freie, ausrechte, ihrer Würde bewußte Menschen vor Gott zu stehen, an diesem Tage geschieht es. Es ist beabsichtigten Ausdruck des Willens zur Ehrfurcht, es soll damit mit Nachdruck bekundet werden daß Ehrfurcht in uns sein muß, weil sie Voraussetzung allen sittlichen Lebens und „Ziel aller sittlichen Erziehung" ist. Je mehr das aber der Sinn des Synrbols ist, um so mehr fordert es die Frage heraus, ob solche Ehrfurcht selbstverständlicher Besitz unserer Seele ist, eine Frage, auf die die Antwort lauten wird, daß diese Ehrfurcht durchaus nichts Selbstverständliches ist, und zwar deshalb, weil die Zeit im ganzen zur Ehrfurchtslosigkeit neigt. Es wird so zum Sinn des Symbols, in diesem Bezirk sittlichen Lebens Kritik an der Zeit zu üben und den Willen znx Ehrfurcht im Gegensatz zu den Einflüssen der Zeit neu zu entzünden. Was ist Ehrfurcht? Eines ist vorweg sestzustellen. Ehrfurcht trügt zwar, genau wie das hebräische Urwort jirob, das Wort „Furcht" in sich, aber es ist von Angst und Zittern und Sichsürchten weit entfernt. Wo man vor irgendeiner Macht, und sei es selbst Gott, in Zittern und Angst und bebendem Schrecken steht, ist man von Ehrfurcht weit entfernt. Ehrfurcht ist zwar eine Empfindung, in der heilige Scheu vor etwas, das erhabener, reiner und gewaltiger ist, mitschwingt, aber zugleich muß auch Mitschwingen ein Gefühl der Hinneigung, der Zuneigung, des liebevollen Verbundenseins, der Bejahung jener Macht aus dem eigenen Willen und dem eigenen Anerkenntnis, ihre Voraussetzung ist das Bewußtsein der persönlichen Freiheit, der eigenen Würde, die aus der Würde der eigenen Persönlichkeit vor höherer Würde sich beugt. Was ist Ehrfurcht? Es wird vielleicht besser sein, die Frage nicht so abstrakt zu halten, um sich nicht in theoretischen Erörterungen zu verlieren, sondern die Frage so zu stellen: Wer trägt Ehrfurcht in sich und bezeugt sie, wann hat man instinktiv und selbstsicher Ehrfurcht in sich? Ehrfurcht hat als selbstverständlichen Besitz der, der Grenzen, seine Grenzen kennt und auerkeunt, der um seine Abhängigkeit von inneren und äußeren Mächten des Lebens weiß und sie bejaht, der Bindungen fühlt und sie in Freiheit von sich aus bestätigt. Hier ist zu einem Teile die Erklärung dafür, warum der Mensch von heute im Durchschnitt so wenig Ehrfurcht hat. Der Durchschnittsmensch von heute ist Großstädter, von der Großstadt aus wird das Lebensgesühl geprägt, man fühlt in seiner Gefühls-, denkt in seiner Denkform, auch wenn man es, buchstäblich und wörtlich, nicht ist. Er ist anders als frühere Geschlechter, dem Leben in der Natur entfremdet, kennt kaum mehr die Abhängigkeit der Arbeit von den Gewalten der Natur, dem Wechsel von Regen und Sonnenschein, kennt sie nur sozusagen im Sprichwort und in ererbter Redensart. Er ist in einem hohen Maße imstande, die Wirkung seiner Arbeit, seines Denkens und Plauens zu errechnen, vorauszuahnen, zu berechnen, Gelegenheiten auszunützen, und darum rasch verführt, zu glauben, daß sein Rechnen und Planen alles, die Hauptsache ist. Er ist Großstädter, der mit den eigenen Augen das märchenhafte Anwachsen seiner Wohnstätten mit ansicht, der mit ansieht, wie die Stadt in ihre Fangarme ein Stück Landes um das andere zieht, alle Grenzen verfließen, alles Langsame und Bedächtige ist aus dem Leben entschwunden, alles vollzieht sich in vaschester Raschheit, Formen des Leven« von gestern gelten morgen als überholt und überlebt. Er ist der in den Wundern der Technik Großgewordene, vielmehr die Technik ist ihm kein Wunder mehr, sondern selbstverständlich, daher überrascht ihn nichts mehr, die Beherrschung der Natur ist chm selbstverständlich, sie muß sein Sklave sein, es gibt für ihn kein Problem, das nicht lösbar ist, keine noch so schwere Verrichtung, die nicht durch Maschinen zu leisten, zu vereinfachen ist, alles muß gekonnt werden, nichts ist mehr Wunder und Rätsel. Und in diesem Gefühl des Alleskönnens, Alleswissens, der Modernität im Men Sinne des Wortes, wird ihm alles, was nicht so ist, was Bindungen hat, langsam und bedächtig ist, wird ihm die Lebensform von gestern zu einer Lächerlichkeit, zur Narrheit, er macht seinen Witz darüber. Ein gut Teil hat zu der seelischen Disposition hierfür die Art des modernen Staates, der modernen Ständeschichtung getan, daß —glücklicherweise—die frühere Abgegrenztheit der Stände sich verflüchtigt hat und jedem der Uebergang zu jeder Gesellschaftsschicht möglich ist und niemand mehr in eine Schicht hineingezwungen ist. Es ist nicht zu leugnen, daß der Jude von heute, je mehr er Großstädter wurde und zwangsläufig werden mußte, in besonderem Maße dieser Entwicklung untere worfen war, er verlor seine Bindungen und so «eigte er zur Ehrfurchtslosigkeit, verlor sich, ging Mer Gewesene mit Achselzucken hinweg, Bindung und Form schienen ihm als Kennzeichen des Vergangenen, und alles, was an Bindung und Form sich hält, als Mächte des Rückschritts. Dazu kommt die mit den Einflüssen des rationalistischen Denkens des vorigen Jahrhunderts in uns noch nachwirkende Uöberschätzung des Vernunftmäßigen, die Sucht nur das anzuerkennen, wofür ein vernünftiger Grund zu finden ist. Irgendwann aber muß einmal ein Augenblick kommen, in dem man sich fragt, ob diese Einslüffe denn wie ein unentrinnbares Verhängnis sind, ob man sich ihnen nicht entgegenstemmen kann; wo man erkennt, daß in dem Wandel und Wechsel der Lebensformen Grundmächte des seelischen Lebens als ein Festes öastehen müssen und unentbehrlich sind. Der Form des Lebens von heute kann man sich nicht widersetzen, man kann die Großstadt mit all ihren Einflüssen nicht ausschalten, kann die Technik nicht ausstreichen, kann in der Großstadt das alte Familienleben mit seinen Bindungen nicht einfach erneuern, kann die Einflüsse der Wirtschaft nicht ausschalten, kann die Rationalisierung des Lebens nicht aufhalten, man kann auch den Wunsch nach vernunftgemäßer Begründung geforderter Pflichten nicht einfach ausstreichen und ihm Anerkennung versagen, aber man kann erkennen, daß der Mensch sts insoweit von all diesen Einflüssen freimachen h«rn und muß, daß er sich gegen sie das seelische Grundgefühl der Ehrfurcht zurückerobern muß. Das steht als Aufgabe vor uns. Es ist Aufgabe, die moderne Ehrfurchtslosigkeit zu überwinden, Ehrfurcht zu gewinnen, seine Grenzen zu erkennen, Grenzen anzuerkennen, man gewinnt sie ja wohl nicht von heut auf morgen, sie ist eben Gegenstand der Erziehung, der Selbsterziehung, aber fühlen muß man, daß, wer Ehrfurcht nicht hat, auch der Würde entbehrt; wer anderen Landes Grenze nicht anerkennt, wohnt auch im eigenen Lande nicht sicher und unberührt, erst die Ehrfurcht vor Anderem, Höherem gibt dem, der sie besitzt, das Recht auf sein Eigenes. Bon dieser Woche ab erscheint von der „Jüdischliberalen Zeitung" eine Ausgabe 8, die in Frankfurt a. M. und näherer Umgebung (Bad Homburg, Bad Nauheim, Bergen, Camberg, Cronberg, Hanau, Höchst a. M., Neu-Isenburg, Niedernrsel, Oberkasiel, Offenbach, Ruppertshain, Schnitten, Seligenstadt, Diebel) zum Versand gelangt. Sie enthält als wöchentliche Beilage die frankfurter Jüdisch-liberale Zeitung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.