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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-09-04 · 36 (4.9.1925) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
36 (4.9.1925)
Date
1925-09-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Die Daviduhr. Von Max Rosenfeld. Unter dem alten Berliner Mühlendamm befand sich zu Anfang der 80er Jahre der Laden des jüdischen Trödlers Landsberger. Auf einem Schild über seinem Schaufenster stand geschrieben: „Pfandleihe. An- und Verkauf von Uhren, Gold, Silber und Juwelen." - Wer im Sommer des Jahres 1884 auf der Schwelle dieses Ladens ein kleines, schwarzlockiges Judenmädchen von etwa fünf Jahren spielen sah und es lieblich singen hörte, der ahnte wohl nicht, daß der hartherzige Wucherer Landsberger der Vater dieses Kindes war. Die kleine Naemi hatte ihm seine zweite Frau geschenkt, aber sie wurde ihm selbst bei der Geburt dieses Spätlings entrissen. Der Alte liebte das Kind deshalb sehr, ja, er hätte wohl alles für seine kleine Naemi hingegeben, so geizig und hart er auch sonst war. £inen Sohn aus erster Ehe besaß Landsberger noch, einen jungen Mann von 24 Jahren, der Sally hieß. Zum Leidwesen des Alten hatte der Sohn nicht seine Geschäftstüchtigkeit geerbt, was er ihm täglich vorwarf. An jenem Sommervormittage waren beide Landsberger im Laden in Meinungsverschiedenheiten. „Du hast e Herz," sagte der Alte, „und e tichtiger Kaufmann darf nicht haben e Herz." Sally hatte währenddessen durch die Schaufensterscheibe auf die vorüberhastende Menge gestarrt und sagte plötzlich: „Vater, draußen geht schon ein paarmal ein junges Mädchen mit einem Paket vorbei und guckt hier herein, sie zögert, als ob sie sich nicht getraut näherzutreten." „Nu, so geh' hinaus und frage, ob sie was hat zu verkaufen!" . Der junge Mann ging vorsichtig an der kleinen Naemi vorbei und trat auf die Gangbahn des Mühlendammes. Das fremde Mädchen mit dem Paket hatte sich hinter eine Säule gestellt und lugte ängstlich, wie ein scheues Vögelchen, hervor. Sally trat mit freundlichem Nicken auf sie zu. „Wollen Sie etwas verkaufen, Fräulein? Oder vielleicht etwas verpfänden?" Das Mädchen wurde rot vor Verlegenheit. „Ich hätte eine Standuhr, auf die ich gern etwas Geld leihen möchte. Aber ich wagte mich nicht in den Laden, weil ich Angst vor dem alten Herrn habe." „Vor meinem Vater? Der tut Ihnen ja nichts zu leide. Kommen Sie nur herein, liebes Fräulein, es geschieht Rinen nichts!" " ' Er führte das schüchterne junge Mädchen in den Laden. Der alte Landsberger hatte gerade seine kleine Naemi auf den Arm genommen und wollte mit ihr die Wendeltreppe emporsteigen, die nach der Wohnung im ersten Stock führte. Sally trat schnell auf seinen Vater zu und raunte ihm etwas ins Ohr, dann kam er wieder zu dem jungen Mädchen, das aus dem Papier eine bronzene Standuhr wickelte und sie auf den Ladentisch stellte. , / „Es ist unsere alte Daviduhr," sagte sie. „Ich wollte Sie.Jütten, mir darauf Geld zu leihen. Meine Mutter liegt krank, wir sind in großer Not." *vjl)/e Uhr nahm das ganze Interesse der beiden Landsberger in Anspruch. Der Alte hatte die kleine Naemi wieder Hinuntergelassen, das Kind blickte ebenfalls die Uhr an, 'die das fremde Mädchen in Gang brachte. Das Gehäuse der Uhr hatte die Form eines maurischen Tempels, wies aber unter dem Zifferblatt eine hebräische Inschrift auf. Oberhalb des Zifferblattes befand sich ein Altan. Schlug nun die Uhr die volle Stunde, so tat sich die Tür dieses Altans auf, König David mit der Harfe war »u sehen, er ließ die Hände zitternd über die Saiten gleiten, und man hörte eine feine Glockenstimme einen althebräischen Psalm spielen. Auf der Rückseite der Uhr war der N?tme „Anselm Zadok" eingraviert. „Ich will Ihnen dreißig Mark darauf leihen, Fräulein," sagte der Alte. „Wenn Sie mir aber wollen die Uhr verkaufen, so gebe ich Ihnen gleich fünfzig Mark." „Nein, verkaufen kann ich sie nicht," erwiderte das Mädchen.' „Leihen Sie mir, bitte, die dreißig Mark!" Der alte Landsberger begann einen Pfandschein auszustelleb. „Wie heißen Sie?" . „Lea Zadok. „Wohnung?" „Scharrenstraße 25." Darauf gab ihr der Alte dreißig Mark und den Schein. Das junge Mädchen warf noch einen traurigen Blick auf die Daviduhr, dann huschte sie hinaus. Die kleine Naemi wollte nun immer wieder die Uhr spielen hören, ihr Stiefbruder machte ihr auch noch öfter das Vergnügen. Endlich nahm der alte Landsberger die UHr . und stellte sie in einen Glasschrank. „Der Name Anselm Zadok kommt mir doch so bekannt vor," sagte er zu seinem Sohn. „Ob das irgendwie mit dem reichen Zadok, dem Kommerzienrat in der Potsdamer Straße, zusammenhängt? Ich werde ihm Offerte machen, vielleicht können wir ihm die Uhr gut verkaufen." „Aber' Vater, das junge Mädchen will doch die Uhr nicht verkaufen." „Rede keinen Stuß! Sie is in Not, sie wird nicht können das Geld zurückgeben, sie wird froh sein, wenn sie noch zwanzig Mark erhält." „Das Mädchen sah die Uhr so traurig an, als sie ging, es tat mir ordentlich weh." „Nu, was .... Haste wieder dein Herz? Ich möchte dir reißen das Herz aus der Brust und dir dafür hineinsetzen n Stein, damit du wirst ein kühl berechnender Kaufmann."- Lea Zadok, das geängstigte Vögelchen, flatterte währenddessen von einem Laden zum anderen, um Lebensmittel einzukaufen, denn sie hatte mit der kranken Mutter schon lange Not gelitten. Der Vater, Abel Zadok, ein armer Musiker, war vor vier Wochen gestorben; so lange er lebte, hatten die Klavierstunden, die er gab, wenigstens das tägliche Brot herbeischaffen können. Nun aber waren Mutter und Tochter vor das Nichts gestellt. Die Wohnungsmiete waren sie auch schon zwei Monate schuldig geblieben. Der Hauswirt drohte mit Pfändung, dabei war er von großer Zudringlichkeit der schönen achtzehnjährigen Lea gegenüber. Er hatte am Tage vorher erst gesagt: „Fräulein Lea, Sie könnten es gut haben, könnten mit Ihrer Mutter umsonst wohnen, wenn Sie nicht so spröde wären!" Dabei wollte er das Mädchen umarmen, sie aber entwand sich ihm wie eine Schlange. Als Lea von ihrem Ausgange nach Hause zurückkehrte, kochte sie der kranken Mutter sogleich eine stärkende Suppe. Die Mutter aß auch, es schien ihr sehr gut zu schmecken. Plötzlich fragte sie: „Lea, mein Kind, ist die Daviduhr im Nebenzimmer wohl stehen geblieben? Ich höre sie gar nicht mehr spielen. Das feine Glockenstimmeben fehlt mir, ich kann nur schlafen, wenn ich von Zeit zu Zeit die Daviduhr höre." Lea mußte verschweigen, daß sie die Uhr verpfändet hatte, denn sie kannte der Mutter strengen Grundsatz: nur keine Schande aufkommen lassen! Nach außen immer die Wohlanständigkeit wahren! Deshalb hatte sie sich auch bisher nicht an die jüdische Gemeinde gewandt, die ihr als Jüdin sicher eine Unterstützung hätte zukommen lassen, sie war eben eine verschämte Arme. Lea, das geängstigte Vögelchen, bot alles auf, um vor der Mutter den Schein zu wahren. „Ich habe die Uhr zum Uhrmacher gebracht, Muttchen, es war etwas daran nicht in Ordnung." „Ach, Kind, wird auch das Geld langen?. Du weißt, wir haben nicht mehr viel." Lea wußte es nur zu gut. „Laß gut sein, Muttchen, ich habe ja noch einige Klavierschülerinnen." Dies war wieder eine fromme Notlüge des geängstigten Vögelchens. Sie täuschte häufig zur Beruhigung der kranken Mutter im Nebenzimmer eine Klavierstunde vor, spielte Tonleitern und gab laut Anweisungen, in Wahrheit hatte sie keine einzige Schülerin. Die Mutter hatte eine sehr schlechte Nacht, schlief keine Minute und klagte immer, daß ihr die Daviduhr fehle. Lea saß am Bett der Mutter und grübelte, wie sie wohl die Uhr wiederbekäme. Es schien ihr aussichtslos, da sie schon die Hälfte des Leihgeldes verbraucht hatte. Wenn man ihr die Uhr wenigstens für die Nacht wiedergeben würde, damit die Mutter Schlaf fände 1 Am nächsten Vormittage flatterte Lea wieder an dem Laden unter dem Mühlendamm vorüber. Sie stand in der Ferne und sah den alten Landsberger fortgehen. Das gab ihr Mut, zu dem Sohn hatte sie Vertrauen, er hatte sie mitleidig angesehen, das konnte sie ihm nicht vergessen. Der junge Sally Landsberger hatte Lea schon bemerkt, er trat auf die Schwelle der offenen Tür, „Guten Morgen, Fräulein Zadok! Treten Sie doch, bitte, näher! Wie geht es Ihrer Mutter?" Das junge Mädchen trat zaghaft in den Laden, sie blieb am Eingang stehen, ihre Blicke gingen suchend umher, endlich entdeckte sie die Daviduhr in dem Glasschrank. „Meine Mutter hat eine schlechte Nacht gehabt, ihr fehlt die Daviduhr. Ich habe eine Bitte an Sie, Herr Landsberger: Könnte ich die Uhr nicht abends, bevor Sie den Laden schließen, abholen, und morgens ganz früh wiederbringen?" Sally ging verlegen auf und ab, er sah das Mädchen wieder mitleidig an. „Fräulein Zadok . ... ich würde es unbedenklich tun. Aber mein Vater tut es nicht, er ist in solchen Dingen hart und unbeugsam. Die Sache wäre natürlich anders, wenn Sie inzwischen das geliehene Geld hier deponieren könnten. Aber das wird Ihnen jetzt selbstverständlich unmöglich sein. Ich will Ihnen etwas sagen, Fräulein: Kommen Sie heute abend kurz vor sieben Uhr hier vorüber, sollte mein Vater nicht zugegen sein, so will ich Ihnen die Uhr für diese Nacht zurückgeben; aber Sie müßten sie morgen früh, pünktlich um acht Uhr, wiederbringen, wenn ich den Laden öffne." Lea reichte dem jungen Mann die Hand und blickte ihn dankerfüllt an. „0, Herr Landsberger, ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll .... Ich werde pünktlich sein. Inzwischen leben Sie wohl!" Damit war das scheue Vögelchen schon entflattert. Sally blickte dem Mädchen verträumt nach, bis sie im Straßengewühl verschwunden war. Dann nahm er die Daviduhr aus dem Glasschrank, ließ sie spielen und sah sic lange an. Es fügte sich, daß der alte Landsberger abends nicht im Laden anwesend war. Lea kam kurz vor sieben Uhr, Sally reichte ihr die Daviduhr in Papier gewickelt heraus, und das Mädchen gab ihm den Pfandschein zurück. „Morgen früh, Punkt acht Uhr, bin ich wieder hier," rief Lea. „Auf Wiedersehen!" Dann eilte sie mit der llhr nach Hause. Als Sally am nächsten Morgen um acht Uhr den Laden öffnete, sah er sich vergebens nach dem Mädchen um. Voll Unruhe stand er auf der Schwelle und befürchtete, daß jeden* Augenblick der Vater herunterkommen könne. Der blieb aber heute länger oben, denn die kleine Naemi war plötzlich heftig erkrankt, der schnell hinzugerufene Arzt hatte die damals so häufig grassierende Diphtheritis festgestellt. Der alte Landsberger war ganz verzweifelt, seine Naemi, sein geliebtes Kind, es schwebte in Lebensgefahr! Endlich kam er doch in den Laden herunter, es war schon nach halb neun Uhr. Sally hatte kurz entschlossen den Pfandschein Leas auf den Ladentisch gelegt, „Wo ist die Daviduhr?" fragte der Alte sogleich, nachdem er einen Blick auf den Glasschrank geworfen hatte. „Das junge Mädchen hat heute früh schon das Geld und die Zinsen gebracht, — hier ist der Pfandschein," log Sally. „Hm! Das ist mir sehr fatal," brummte der Vater. „Ich war doch gestern schon beim Kommerzienrat Zadok in der Potsdamer Straße. Er interessiert sich für die Uhr, er sagt, sie muß wohl aus seiner Familie stammen. Was machen wir? Er kommt morgen Vormittag her, er will die Daviduhr kaufen." Sally überlegte, dann kam ihm ein guter Gedanke. „Ich werde sofort nach der Scharrenstraße gehen, vielleicht kann ich die Uhr wiederbekommen." „Geh hin, geh schnell, mein Sohn, ich muß die Uhr haben!" Der junge Landsberger machte sich auf den Weg, zunächst ging er jedoch zur Sparkasse, wo er ein kleines Guthaben besaß. Da er das Buch immer bei sich trug, hob er von der Kasse fünfzig Mark ab. Dann wandte er sich nach der Scharrenstraße. Am Köllnischen Fischmarkt kam ihm Lea, das geängstigte Vögelchen, aufgeregt entgegen. „Ach, Herr Landsberger, ich bin verzweifelt. Denken Sie, was geschehen ist! Kurz vor acht Uhr packte ich die Uhr ein, um sie, wie verabredet, zu Ihnen zu bringen. Da, wie ich die Treppe hinuntergehe, kommt unser Hauswirt Herr Schulz herauf, um wieder wegen der Miete zu mahnen. Als ich ihm sagte, er müsse sich noch etwas gedulden, griff er nach meinem Paket und fragte: „Was haben Sie denn da?" Er packte auf und sah die Uhr. „Aha," meinte er, „wollen Sie wohl versetzen? Das gibt's nicht. Ich behalte die Uhr solange, bis Sie die Miete bezahlt haben," Und schon war er mit der Daviduhr in seine Wohnung gegangen. Der junge Mann sah das geängstigte Vögelchen wieder voller Mitleid an. „Wieviel beträgt die Miete, die Sie dem Manne schulden?" „Vierzig Mark für zwei Monate. Ich weiß ja nicht, woher ich sie nehmen soll." „Wo wohnt der Wirt?" „Bei uns im ersten Stock." „Kommen Sie, Fräulein Zadok, wir müssen die Uhr wiederhaben." (Fortsetzung folgt.) Werbt neue Mitglieder! Kalendarium für die Zeit vom 5.9. bis 12.9.1925. September 1925 Elul 5685 Sonnabend 5. 16. Wochen-Abschnitt: Ki howau (8. B. M. Kavitel 26-29,8) Haftarah: Ies. 60,1—22 Sonntaa 6 17. Montaa 7. 18. Dienstag 8. 19. Mittwoch 0. 20. Donnerstaa 10. 21. Freitag 11. 22. Sonnabend' 12. 23. Wochen-Abschnitt: Nizzorvim Wajelech (3. B. M. Kavitel 29.9—31) Haftarab: ftef. 61,10—11; 62.63 Sabbat-Ausgang: 7,14 UNSERE RÄTSEL-ECKE Leistenrälsel. Von aliersher. 1. 2. 3. A A A A B B B C E El E E G H I J L L M N N N N N O O R R R sl s 8 S Obige Buchsbaben sind so in die Felder einzuordnen, daß die senkrechten und wagerechten Reihen Wörter von solgender Bedeutung ergeben: 1. Stadt in Palästina. 2. Sohn Josephs. 3. Etwas versprechen. 4. Heilige Stadt der Inder. 5. Berg in Syrien. 8. Persischer König. Ergänzungsrälsel. Habt Ihr es im Leben zum Wohlstand gebracht, So fordert von euch das Gebot: »Habt Ihr wohl auch -er Andren gedacht, — denen, die Sorg' quält und Not!" Ein „e" dazwischen und Sorge fleht Zum Ewigen droben um Trost im-. Und fügt Ihr noch ein Druckwerk an, Das Ganze euch Andacht geben kann. In „Wörtlein" Esau Linsen aß. Rückwärts ist's der Zeiten Spaß. * Auflösungen der Rätsel von voriger Nummer: 1. Kreuzworträtsel. a|u|e|r|b|a|c|h S O E H A TSR A N HCL E H I M A REN A B EHE B O A S GAS E vlA Z Io A R A S A 2. Kammratsel. Senkrecht: 1. Aaron, 2. Chaim, 3. Elias, 4. Ophir, 5. Hagar. Wagerecht: Arche Noah.

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