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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-08-21 · 34 (21.8.1925) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
34 (21.8.1925)
Date
1925-08-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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seiner Familie dagegen obenan, reugwse uns vvl» kische Interessen smb ihm Heku^a. Wenn man Liese GrimdeinsteÜung im Auge hat. so ergibt sich, daß die Gegenmatzregeln, die man vorgeschlagen hat, mehr oder minder utopistischer Art sind, so vor allem, wenn man die Inden wieder zum einfachen Leben aufs Land zurückfiihren will. Eher wird der moderne großstädtische Jude dazu bereit sein, als Fabrikant nach Jerusalem zu ziehen, wie als Bauer aufs Land'. Die Volkswirtschaft läßt sich ebensowenig rückwärts schrauben wie die Weltgeschichte. Sollen wir nun auf die Emanzipation verzichten und ins Ghetto zurückkehren? Diesen Dingen gegenüber ist also eine gewisse Resignation nötig. Der Jude, welcher der Segnungen der Kultur teilhaftig geworden ist, muß eben auch ihre Schattenseiten mit in Kauf nehmen. Nur daß sich diese bei ihnen noch schärfer auswirken wie bei der Umwelt, vor allem öeswegen, weil sie eine Minderheit darstellen. Sexuelle Pädagogik. Bon Professor Ludwig Vasnizki. Heiüeliberg. Das Rühr'-mich-nicht-an der Erziehung war von ieher Die sexuelle Aufklärung. Selbst heute in unserer von allerlei Ausklärnna dnrchströmten Zeit, sind es verhältnismäßig »venia Stimmen, die sich auf diesem Gebiet Gehör verfcfjaPieit und Gehör verdienen. Einesteils ist dies erfreulich: denn auf keinem Erziehungsgebiet kann von Erwachsenen größeres Unheil augerichtet werden durch Unverstand oder falsch verstandene Anfklärungsmanie, und nirgends in der Pädagogik gilt die alte Wahrheit: JSSer erziehen will, mutz selbst erzogen sein" mehr als hier. So wenig wie jemand zum tüchtigen Juristen wird, wenn er schon mehrfach mit dem Gefängnis Bekanntschaft machte, so wenig taugt er zur sexuellen Aufklärung unserer Jugend etwa deshalb, weil er das Sexualleben in seinen mannigfaltigen Erscheinungsformen gründlich durchgekostet hat. Eingehende psychologische Kenntnisse, sichere Urteilskraft und reine Menschenliebe sind die Voraussetzunen für das Gelingen der sexuellen Aufklärung, wie überhaupt jeder Erziehungsarbeit. Welcher Art sind nun die sexuellen Regungen in den verschiedenen Alters- und Entwicklungsstufen? Wie äußern sie sich der Umwelt gegenüber? Welche vorbeugenden und erzieherischen Maßnahmen sind zn treffen, um das Sexualleben in normale Bahnen zu lenken? Die moderne Psychoanalyse ordnet schon dem Kleinkind gewisse sexuelle Regungen lim Unterbewußtseinj zu, deren Beachtung und Lenkung nicht vernachlässigt werden soll. In der verstärkten Neigung der Buben zur Mutter, der Mädels zum Baker, in dem Wunsch eines dreijährigen Kindes, sich mit dem Vater oder der Mutter zu verheiraten, will man die Wurzel von Sexualtrieben erkannt haben. Wir müssen bekennen, daß wir an solchen Folgerungen starke Zweifel hegen, zumal die Erfahrung keineswegs io eindeutige Ergebnisse liefert, wie sie eben angeführt wurden. Wenn ich von meinem naturgemäß sehr engbegrenzten Veobachtungsgcbiet sprechen darf, so konnte ich einwandfrei fcststellen, daß die verstärkte Neigung zum Vater oder zur Mutter periodischen Schwankungen unterworfen ist. so daß ein Tvchterchen bald Mama- Drall bald Papa-Drall zeigt, wie ich es scherzhafter Weise als ehemaliger Artillerist nenne. Die Gründe hierfür sind vermutlich in irgendeiner stärker ins Gedächtnis eingedrungenen Erziehungsmaßnahme zn suchen oder unterliegen ganz und gar blindem Zufall. Keinesfalls sollte man von der Sexualität des Kleinkindes ein solches Wesen machen, wie es von Freud und seiner Schule uns vorgezaubert wird. Mit dieser unserer Anschauung steht es keineswegs im Widerspruch, wenn wir eine wohlverstandene und wohlüberlegte sexuelle Aufklärung schon bei dem Kleinkind vorbereitet sehen möchten. Wenn ein vierjähriges Mädchen nach der Geburt eines neuen Brüderchens jene lausend und abertausend Kragen stellt, die eine unverständige Mutter in Verlegenheit bringen, einer verständigen aber Gelegenheit bieten, neue Keime der Kindesliebe in das vierjährige Mäüchenherz zu pflanzen, so wäre es das Verkehrteste von der Welt, solche Kragen nur mit Lügen. Ausflüchten und Heimlichkeiten zu beantworten. Man wird natürlich nicht plump heraus den kleinen Frager mit Dingen überschütten, die sein kleiner Verstand noch gar nicht zu fassen vermag, sondern vor allem darauf bedacht sein, jetzt schon in dem Kinde jene Heiligkeit der Gesinnung zu erwecken, die das ganze Sexualgebiet verlangt. „Ziehe deine Schuhe aus. denn der Ort, da du stehest, ist heiliges Land." Ist der Grund zu einer solch heiligen Auffassung 2er Liebe vom Bater zur Mutter, deren Frucht die Kinder verkörpern, an dieser Stelle richtig gelegt, so ist die spätere Aufklärung nicht mehr allzu schwierig. Auch wird sowohl verhindert, baß ein dermaßen abgestimmtes Kind bei jeder Gelegenheit seine erlangte Weisheit bet anderen zum besten gibt, als auch der Wille und das Vertrauen in erhöhtem Maße geweckt werden, mit niemandem, wer e8 auch se über alle derartigen Frage» zu sprechen, als mit der Mutter oder dem Bater. Hat erst einmal ein Kind dieses Vertrauen gefaßt, so ist die sexuelle Erziehung ein leichtes, vorausgesetzt allerdings .daß die Eltern die geistige Fähigkeit hierzu besitzen. Weit mannigfaltiger und schwieriger sind die ErscheinungS. formen sexueller Natur bet dem Heranwachsenden Kinde, insbesondere im Pubertätsalter. In diesem Stadium ist eS nicht so einfach. Normales von Annormalem. Gesundes von Krankem zu unterscheiden. Wer wie der Verfasser im Lehrberuf tätig ist. der kennt die Depressionszustänöe. den Starrsinn, die' Faulheit. die Eitelkeit, die Schwärmerei, die Lust nach fernen Ländern auszuwanbern und noch viele andere Dinge der Heranwachsenden Schuljugend; er weiß auch, daß das mutwillige Eimverfen von ein paar Schulfenstern einem Triebleben entspringen kann, daß nicht einfach bestraft, sondern verstanden und ergründet sein will. Im Pubertätsalter schreitet die Geschlechtsreife mächtig voran und verlangt nach irgendwelcher Betätigung. Gerade bei gesunden und Willensstärken Knaben und Mädchen, nimmt dieser innere Kampf zwischen den Regungen des Körpers und den entgegengestellten äußeren Hemmungen oft das ganze GemütSleben in Anspruch, so Latz sich die oben erwähnten Kriterien unserem Auge darbietcn. Gelingt es uns in diesem Zustande nicht, durch Aufklärung und ablcnkende Betätigung das Vertrauen des Kindes zu erringen, so sind die schwerwiegendsten Folgen möglich, als deren höchste Potenz wir den Schülerselbstmord ansehen müssen. Denn diese inneren Kämpfe im Pubertätsalter können zu geradezu fanatischen Haßgefühlen gegen Eltern. Lehrer und Schule führen. Es ist daher unbedingt zu fordern, daß jeder Erzieher sich vertraut macht mit den Komplexen des Pubertätsaltcrs, damit er gegebenenfalls die möglichen Hilfeleistungen anzuwenöen imstande ist. Datz diese wohlgemeinte Hilfe häufig mit Spott und Hohn abgelehnt wird, wissen wir alle nur zu genau. Wenn aber die Aufklärung und die Grundstimmung. wie wir es oben angedeutet, schon in frühem K iudesalter ein setzt, und von Stufe zu Stufe planmäßig gefördert wird, wenn auch die Schule vor allem im biologischen Unterricht nicht allzu scheu an den mit der Kortpflanzung der Pflanzen und Tiere zusammenhängenden Kragen vorübergeht, wenn sie beispielsweise ein sehr zugängliches Gebiet, die Entwicklung des Hühnereis mit dem wundersamen Aussch lüpfen der Kükelchen, die Schüler wenn irgend möglich einmal miterlcben läßt, dann ist die Krönung der Aufklärung vor dem kritischen Pubertätsalter wohl zur Genüge vorbereitet, und die Pubertätskonslikte sind einer ihrer unheilvollsten Schärfen beraubt. Tie jüdischen Knaben, und vielerorts auch die jüdischen Mädchen, begehen nach Vollendung des 13. Lebensjahres das Kcst der Bar-Mizwa, das Kcst der religiösen Mündigkeit und damit der Verpflichtung treuer Gesetzesbeobachtung. Dieses Kcst krönt somit einen bedeutsamen Lebensabschnitt und weist in seinem Zeremoniell und ganzen Verlauf auf die weit ernstere Zukunft hin. Ein solcher Festtag sollte in keinem jüdischen Hanse vorübergchen, ohne daß vom Vater oder von der Mutter mit dem religiös-mündigen Kinde ernste Zwiesprache gepflogen wird über einige sexuelle Grundfragen. Der Knabe ist in diesem Alter gerade an der Schwelle der Klegeljahre, und das Mädchen kann in der nächsten Woche schon von der ersten Menstruation überrascht werden. Geschieht von seiten der Eltern auf dieser Altersstufe nichts, gehen sie mit der herrkömmlichcn Prüderie an solchen Kragen sorglos vorbei, so kann es gar nicht aüsbleiüen, daß das Kind von anderer Seite, auf schmutzigem Wege, in weniger ernster und eindringlicher Form aufgeklärt wird, was schließlich zn Heimlichtuerei und Mißtrauen den Eltern gegenüber führen kann, die doch sonst mit allerlei äußerlichen Forderungen der Erziehung schnell bei der Hand waren. Es ist hier nickt der Ort spezielle Ratschläge zu erteilen, in welcher Form diese eigentliche sexuelle Anfklärnng erfolgen soll. Wer sich auf desenr. Gebiet unsicher fühlt und liebevollen, praktischen Rat holen will, dem kann nur empfohlen werden, sich in das vom Dürerbund hcrausgcgcbene Buch „Am Lebcnsanell" zu vertiefen: er wird dort für alle Lebenslagen, für iede Geistcsstnse sicher Erfrischung und Belehrung finden: und wer das Problem auch von der wissenschaftlichen Seite her öurchdringen will, dem seien die Bücher von Fr. W. Förster über „Jugendlehre", „Sexualethik und Sexualpädagogik^ genannt, in welchen von höchster Warte *u£ alle Erziehungs- und Grenzfragen -es Sexualgebiets erörtert werden. Nur auf et» Uebel soll noch htugewiesen werden: auf den: Zusammenhang der Sexualsphäre mit der körperlichen Züchtigung. Rousseau äußert über seine Erzieherin: „Ziemlich lange ließ sie es bei der Drohung bewenden, und diese Androhung einer mir ganz neuen Strafe versetzte mich in großen Schrecken: aber nach ihrer Erduldung fand ich sie weniger schrecklich, ja, waS noch eigetttümlicher ist. diese Züchtigung flößte mir noch größere Zuneigung zu der ein. die sie mir erteilt hatte . . . Denn der Schmerz und selbst die Scham war mit einem Gefühle von Sinnlichkeit verbunden gewesen, daS in mir eher das Verlangen, es von derselben Hand von neuem erregt zu sehen, als die Furcht davor zurückgelassen hatte... Wer sollte glauben, -aß diese in einem Alter von acht Jahren von der Hand eines Mädchens von 30 Jahren empfangene Züchtigung, über meine Neigungen, meine Begierden. meine Leidenschaften, über mich selbst für meine ganze übrige Lebenszeit entschieden hat?" Nun sind natürlich nicht alle Kinder frühreife Rousseaus: aber niemand weiß, ob nicht gerade in dem eben verprügelten Subjekt durch diese Art Massage Sexualtriebe ausgelöst werden, die bislang im Körper schlummerten und auf die Weckung durch äußere Eingriffe warteten. Kurz und klar: wenn wir die Prügelstrafe aus hygienischen und moralpädagogischen Gründen verwerfen. so müssen wir sie, auch aus sexualpäöagogischen Gründen ablehnen. Dies sei vor allem solchen Vätern und Müttern, Lehrern und Lehrerinnen ins Ohr geraunt, denen Schimpfen. Ohrfeige und Stockhiebe wesentliche Erziehungsmittel bedeuten. Wieviel sittliches Empfinden wird ertötet, wieviel Selbstachtung erniedrigt, wieviel sexuelle Irrungen können durch eine solch mißverstandene „schneidige" Pädae gogik hervorgerufen werben? Dasselbe gilt auch von dem im Pubertätsalter weit verbreiteten Uebel der Onanie. Sehr viele an Geist und Körper gesunde und kräftige Kinder merken ia sehr bald, Latz diesem heimlichen Spiel, das sie treiben, Lustlosigkeit und» Abgespauntheit aus dem Fuße folgt: sie empfinden starke Scham und Haben die Energie, sich selbst von diesem Uebel zn kurieren. Biele aber, die solche geistige und körperliche Energie nicht ausbringen, bedürfen unserer behutsamen Leitung und Belehrung. Wer nun hier mit dem Donnerwetter des Prügelpädagvgen hineinfährt und dem abwegigen Kinde seine lasterhafte Minderwertigkeit ins Gesicht brüllt, begeht einen selten wieder gnt zu machenden Fehler und wird das Gegenteil von dem bewirken^ was er wünscht. Nur durch Zuspruch, -er geeignet ist das Vertrauen des Kindes zu gewinnen. so daß es zur Ueberzeugung gelangt, der Erziehen habe die heilige Absicht, das Triebleben in glücklichere Bahnen zu lenken, nur durch solche Güte ist dem Uebel der Onanie beizukommen. Ein willkommener Bundesgenosse ist hierbei der Sport jeder Art, -er mit seiner intensivem Muskelbetätigung und Kraftäußerung auch der Sexualpsyche das notwendige Gleichgewicht verleiht. Insbesondere ist eS -aS Baden und Schwimmen, das die wohltätigste Wirkung im jeder Hinsicht auSübt. was leider noch zn wenig gewürdigt wird. Wenn heute, infolge der antisemitischen Verhetzung» unserer Mitwelt, die jüdische Ingend sich in eigenen Sportvereinen betätigt, so erblicken wir hierin ein Zeichen dafür, daß auch sie das Mittel gefunden hat. das ihrer körperlichem und sexuellen Erziehung in gleichem Maße förderlich ist. Auch der religiös-irrationale Kern, der in der modernere jüdischen Jugendbewegung steckt, vrag uns mit Befriedigung erfüllen. Wenn die Religionslehrcr und Rabbiner diesem Drang nach Höherem, Göttlichem auszuwerten verstehen, ja werden sie ihrerseits manchen Baustein auch 'Ijfvi sexuellen Aufklärung der Heranwachsenden und der auM-§ wachsenen Jugend beitragen können. An geeigneten An* knupfnngspunkten fehlt eS gewißlich nicht: denn unsere Thor« ist erfüllt mit Wahrsprüchen, die geradezu herausfordern, sich in deren Deutung zu vertiefen. Gleich im ersten Buch Moses spricht der Herr zum Weibe: „Ich will dir vielr Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst: du sollst miii Schmerzen Kinder gebären . . ." Dem Religionsunterricht, fällt beispielsweise die Aufgabe zu. diesen Schmerz in die Sphäre des Erhabenen zn entrücken, auf daß dem wachgewordenen Kinde klar wird, daß nur höchste Liebe jenen Schmerz zn ertragen weiß. Bei solcher Lenkung wird dann die Ueberzeugung immer mehr geweckt, daß die Beziehungen der Geschlechter zueinander nicht zu frivolem Spiel ausarten dürfen, sondern daß nur innigste Liebe zur Zeugung be^ rechtsgt: oder wie es an anderer Stelle heißt: „Wenn Mann und Weib einander wahrhaft lieben, so lernen sie Gott schauen: und die Erkenntnis Gottes weckt im Mutterleib einen neuen Menschen zum Lebe»:." verlieren!" Die Kriegserklärung des größten germanischen Kulturvolkes an seinen germanischen Brudcrstamm. wirtschaftlicher Ursachen wegen, mar eine solche Gelegenheit! — Die Sänger der Krcihcitskrjege haben noch ganz andere Haßgesänge versaßt, ohne deshalb undeutscher Gesinnung geziehen zu werden. Wer kennt nicht Kleist's Haßgesang gegen den „Erbfeind": „Schlagt sie tot. das Weltgericht fragt nach enren Gründen nicht!", oder seine Ausführungen über den Hatz gegen die Franzosen im „Erzfeind!" — Die ellenlangen Erörterungen über das Thema, ob Haß oder Zorn, wann oder wo eines von beiden a) einem Menschen, b) einem Christen, c.) einem Inden gestattet werden könne, wurden seinerzeit beinahe schon zum Biernlk! Und genau so töricht ist die Verunglimpfung deutscher Kultur- und Kunstleistungen, die von Juden stammen. Jeder Mensck ist das Produkt des Landes und des Milieus, in dem er ausgewachsen ist. Was man Nationalität nennt, stellt nur eine Summe von Charaktereigenschaften dar. hervorgegangen aus der SchicksalsgerneinsHast, die durch territoriale Gemeinschaft, unter gemeinsamen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen, entsteht. Die Juden sind allüberall mit die ältesten Bewohner der deutschen Städte! Und den berühmten „Rassebegrisf" sollten die Hetzer aller Parteien doch lieber einer voraussetzungslosen Wissenschaft überlassen: diese ist nämlich der Meinung, daß in Deutschland verschiedene Rassen aufgegangen sind, 1z. B. die slawischen im Osten), die dem ganz reinen, kaum noch vorhandenen Germanentum viel ferner stehen, als die Juden. Sind doch unter den hitzigsten Patrioten und Nationalisten aller Länder sehr viel Juden ru finden! Ist jemandem — um nur ein Beipiel anzuführen — im Ernst ie eingefallen, etwa Chamisso oder Theodor Fontane für schlechtere deutsche Dichter zn halten, weil sie von Franzosen abstammen. oder gar unseren John Henry Mackay für einen sremüstammtgen Poeten zu erklären, weil er als Kind schottischer Eltern mit drei Jahre« nach Deutschland kam, und nur deutsch spricht und schreibt!? Jedes Volk, jeder Stamm, jede Rasse hat seine besonderen Vorzüge und Fehler: alle Buntheit. Farbigkeit, Differenzierung entsteht durch Kreuzuug. Vermischung, gegenseitige Befruchtung und Anregung von Verschiedenheiten. Ohne diese gäbe es nur eure entsetzlich graue und reizlose Eintönigkeit! Theodor Fontane, ein urdeutscher Dichter, hat als Erbteil seiner französischen Borfahren ein köstliches Eauseria-Talent in die deutsche Literatur gebracht, daß ohne ihn lm deutschen Schrifttum eben fehlen würde!. Wer hat deutschesten Volksliedton so wundervoll zu treffen gewußt, wie Heine, den Delimel in seinem Gedicht „Heinedenkmal" nennt "... den großen Künstler, der unsere deutsche Muttersprache mächtiger sprach, als alle deutschen Müller oder Schultzens", nnd in dessen Wesen sich unzählige Spuren guten und schlechten Judentums finden, dessen Schaffen als Ganzes jedoch eine außerordentliche Bereicherung unserer Literatur üarstellt. Alle Hoffnungen, die antisemitischen Verdreher irgendwie zu überzeugen, sind vergeblich: man soll und braucht sich mit Bezug darauf gar keine Mühe zu geben! Aber ebenso wenig können jene Leute ja auch die überwältigend große Anzahl von Tatsachen weglcugneu, die beweisen, daß Deutschtum und Judentum iwohlgemcrkt. gutes Deutschtum nnd gutes Judentum) keine G e g cn s ä tz e sind, sondern richtig verein, neue sehr wertvolle Nuancen und damit eine willkommene Bereicherung dcö Vorhandenen ergeben! Welches Ereignis war für die Entstehung und den Gebrauch unserer hente gesprochenen Muttersprache am wichtigsten? Tie Lutherische Bibelübersetzung! Also von vornherein die Mischung von etwas der jüdischen Psyche Entstammendem mit deutscher Kultur. In unseren Tagen ist das dichterische Schaffen gerade Lissauers einer der zahlreichen und vollgültigen Beweise für die längst bekannte Wahrheit, daß die beiden geistigen Emanationen „Deutschtum" und „Judentum" eine ganz vortreffliche und glückliche Ehe miteinander eingehen können. Fragt man nach den Fermenten indischen Wesens in Lissaners Werk, so wird man vor allem die in seinem ganzen Wesen und Gedicht immer wieder hervorlenchtende Re ligiosität nennen müssen, die sein gesamtes Schaffen wie ein goldener Faden durchzieht, ferner sein immer gegenwärtiges, pantheistisches Gottgefühl, das so oft zu Hymnen, zu Psalmen, zu- Gebeten wird. Man lese nur einmal als Proben dis schönen. . religiösen Gedichte „Dunkelste Stunde" und „Moses", die der Dichter in diesen Blättern veröffentlichte. IJüd.-Lib.-Ztg. 12 u. 13, Jahrg. 192t.) Lissauers bestes Schaffen erwächst auS immerdar schwingender Mitempfindüng der sich unaufhörlich auSwirkendett göttlichen Schöpferkraft: in diesem Sinne ist all sein Dicksten ganz und gar religiös. In seinen schönsten Gedichten fühlt man nicht nur das atmende Leben auf unserer Erde, sonder» wie Lei Angelus SilefiuS daS Kosmische: man spürt, daß wir auch auf diesem Planeten im Unendlichen weilen. Dann »rag bas außerordentliche sprachliche Können des Dichters einige Wurzeln Im Judentum und t seiner alten Kultur fcäöert. AlS ein mit dem JndeMstm vielleicht zusammenhängendes Negativum möchte ich möglicherweise seine stets wache Ucberbewutztheit. seinen Mangel! an Naivität und das seltene Vorkommen volksliedhafter Einfachheit ansprechen. Ter Autor, der sich selbst mit größtem Fug und Recht als ein deuLscher Dickter bezeichnet, hat sein Verhältnis zum und seinen Ursprung vom Judentum oft dargelegt. „Ich bin der jüngste Sohn einer jüdischem Kaufmannsfannlie in Berlin", schreibt er in einer antpbiographischen Skizze, „der Name meines Großvaters Sam »eh Lissauer. steht unter dem Ausruf vom 2. April 1845. ini dem eine Anzahl Berliner Bürger die europäische Fortgestaltung der jüdischen Glaubensform forderte. Ich habe mich) immer vornehmlich als Deutscher gefühlt, ohne mein» Jndentnm in mir ie zu unterdrücken. Obwohl meine in wirf allmählich klarer wachsenden religiösen Strebungen, vont denen meine kommenden Bischer zeuge» werden, nrich weilt weg vom Judentum nnd vom Christentum hinweggeführü haben, bin ich ans dem Judentum nicht ausgetreten. Meine: „Psalmen" und die Arbeit an einem entstehenden religiösem Buch haben mix selbst erst gezeigt, wie skarkvonj weither kommende jüdische Elemente in mir. wirke n." Programmatisch hat dann Lissauer seine Stellung zuuil Judentum in einem großen Effay entwickelt, der 1V1- „Kunstwart" erschien. Damals hatte der dem Zionismus) nahestehende, bedeutende Schriftsteller Moritz Gold steint — sonst ei» hervorragender Kopf und grundgefcheuter» Mann — seltsam klingende Uebertreibungen in Bezug auf den Anteil der Juden an der modernen deutschen Literatuv veröffentlicht, und eS entstand eine interessante Kontroverse, über Juden und Judentum, bei der viele deutsche Schrift» steiler. u. a. Ferdinand Avenarius selbst das Wort er-» griffen. Außer Jakob Löryeubera und Ltffauer' redeten aber die meisten aneinander vorbei und trafen nicht den Kern der Sache! Lissauer selbst entwarf damals im: großen und ganzen das bekannte Programm jüdischliberaler Gesinnung, das in der Mahn»««: „Jü-i dische Herkunft nie verleugnen, aber dabei gleichzeitig guten Deutscher sein!" anSkkang. Nach dem Kriege hat sich das reiche Schöpfertum des un^ ab lässig schassenden Dichters noch «ach vielen Richtungen -hiw Slücttich ausgebreitet. Es erschiene» dreil große Gedicht», «»de voll erlesener Köstlichkeiten. zwei Musikpoeme vont LLeis«dem Wert, zwei nmndervolli Essaybücher, die aus-z gezeichnete Aufsätze und Betrachtungen enthalten, und überraschend, aber nicht unerwartet kam. die stürmende Im» pulstvität des Dichters wandte sich auch dem Drama »«{ LSchlntz folgt.)!" ✓

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