Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 34 (21.8.1925)
- Date
- 1925-08-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ffVWWPWffqi>^WVj»j.IMGWIl Ul'l).l, l^il^P IW11'1' ->V^ ., (\ \ IMchMeraleZettma Organ -er Vereinigung für das liberale Lu-entum e. V. Bezug-Preis durch die Geschäftsstelle»/«jährlich Sk. 2.5Ü Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: im Mtgliedsbeitrag« enthalten. :: :: r: Chefredakteur: Dipl.Fng. Bruno Doyda. Die „Jüdisch-liberale Settung erscheint jeden Sreitag. Nedaktion u. SeschÜttsfteUerVerUn S1V, V/ilhelmflr. 147. Errnruk: amt Lützow Nr. 9160-61 Postsch.cKKonto: veriinNwr Nr.i,r»S» (V«r«litlgunfl für da» liberale Judentum Nachdruck sämtlicher Orlglnal-BeitrBge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillerette 0,45 Goldmark, die Nrklamezeile 3,00 Goldmark, bei r: :: :r Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: «Südisch-liberaleZeitung" Inserat enabteilung: Berlin SV 48. Dilhelmstraße 147 (Lützow: 9160-61). sowie sämtl. AnnoucenExpeditionen. Nr. 34 Berlin, 21. August 1925 5. Jahrgang Oie sexuelle frage Die sexuelle Frage im Spiegel der jüdischen Religion. Bon Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Berlin-Lichtenberg. „Einstweilen, bis den Gang der Welt Philosophie zusammenhält, Erhält sich das Getriebe Durch Hunger und durch Liebe." Dieses Dichterwort zeigt uns die machtvollen Gewalten, von denen die Welt regiert wird: Hunger und Liebe. Ohne sie können wir uns keine Entwicklungsphase kulturhistorischen Erdenwallens denken, sei es, daß Evolutionen die festgefügte Ordnung der Dinge einer Neugestaltung zuführen, sei es, daß Land und Leute in gewohnter Arbeit friedlich den Bau der Einigkeit Stein um Stein weiter errichten. Der Hunger, dieser Kampf ums Dasein, in dem der egoistischen Moral ungeahnte Möglichkeiten offengelassen werden, und Liebe, jene Sehnsucht, die zerstörend und beglückend ihre Ziele stecken kann, sind die beiden flutenden Lebensmächte, die dem Individuum und der Allgemeinheit unbezwingliche Widerstandskraft entgegerrstellen. Größere Schwierigkeiten bereitet uns das Problem der Liebe, der sexuellen Frage, die uns so schwerwiegende Rätsel aufgibt. Wenn wir einen Teil dieser unerschöpflichen Frage vom religiösen Standpunkt aus zu lösen versuchen, so werden Pädagogik und Biologie mit zwingenoer Notwendigkeit hierbei ein Wort mitznreden haben, ebenso, wie es ünnröglich ist, von dem Gebiet der Ethik in unserem Seelenvermögen Logik und Aesthetik zu trennen.- Nichts macht auf das Gefühl eines normal empfindenden Menschen, einen störenderen Eindruck als ein Vorgang, wonach die Natur in gesetzwidrige Bahnen gelenkt wird. — Die Schöpfungsgeschichte enthalt die Harmonienlehre von den göttlichen Absichten, das Chaos und Dunkel zu lichter Ordnung zu gestalten. >,Der G e i st Gottes schwebte über den Wassern . . . Und Gott sah, daß gut war" alles, was er gemacht hatte. Diese Schöpfung ist also bewußte weise Gesetzgebung, Sonderung der Weltgeschöpfe und ihre Ausprägung. Der Weg führt vom Unorganischen bis zum Menschen als Stellvertreter seines Bildners. Er soll die Welt veredeln, nicht sich ins Tierische verlieren. Darin besteht das Wesen seines göttlichen Ebenbildes. Gott hat die Geschöpfe getrennt, schuf „ein jegliches nach seiner Art", er hat sie „männlich und weiblich" gebildet. So gehört die geschlechtliche Sonderung zum heiligen Weltenplan. Diese Sonderung soll freilich nicht zu ungesundem, freudlosem Entsagen führen. Als berechtigte Forderung wird die Ehe geradezu als göttliche Institution und höchstes Ziel menschlicher Gesittung gepriesen. „E s i st nicht gut, daß der Men sch.allein sei", läßt sich eine Himmelsstimme vernehmen. Zweck des Bestrebens, sich fortzupflanzen, ist die Erhaltung unserer Art. Das ist der sexuelle Trieb, geweiht durch das Wort der Religion: „Seid fruchtbar und mehret Euch!" Solch ein Eros erhebt und begeistert und beseelt das Menschengeschlecht mit neuer Kraft. Tritt jedoch an Stelle des gesunden reinen Empfindens eine die Natur entstellende Auffassung, da ist das höhere sexuelle Triebleüen vernichtet und zerrt die Gottesebenbildlichkeit des Menschen in Staub und Schmutz hinab. — Nicht den Gelüsten der Augen und terzen nachwandeln, nicht grenzenloses Ausleben! as wäre unsittlicher Selb st zweck,zerstört die Art und führt unfehlbar zur endgültigen gegenseitigen Verachtung von Mann und Weib. — Esu feiner Beobachtung des biblischen Erzählers wird daher gerade die Erkenntnis des geschlechtlichen Triebes in der Paradiesgeschichte als gefährlicher Augenblick hingestellt.-- Die Phantasie ist eine ebenso große Freundin wie Feindin des Menschen. Sie kann negative Kräfte entfesseln, indem sie das Liebesleben auf abschüssige Wege hindrängt. Z u derartigen Verirrungen werden wir leider in recht vielen Fällen durch Untätigkeit veranlaßt. Man soll eine höhere Sorge im Herzen tragen und als Adelswort vom verführerischen ParadieseSgarten ins dornenreiche Leben mitnehmen das Motto: m Schweiße Leines Angesichtes sollst du Lein Brot essen!" Hier steht die Arbeit als Gegengewicht da zum planlosen geschlechtlichen Wüten, das vielleicht in der Vermischung des Männlichen mit dem Männlichen, des Weiblichen mit dem Weiblichen, des Menschen mit dem Tier und in der Onanie nach einer ernsten Befürchtung der Religion seinen schlimmsten Höhepunkt erreichen könnte. — Wenn dieses höhere Sorgen, von dem ich soeben sprach, in unserer Einstellung zum Kampfe um Sein oder Nichtsein seine erste Zielangabe einnimmt, so bringt noch ein zweites Heilmittel die Gesundung des Menschengeschlechtes mit sich, und das ist geistiges Interesse, über die Schranken des Alltags hinausgehend. Im Büche Josua heißt es: „Du sollst darüber n a ch s i n n e n Tag und Nacht." Wenn diese geisttge Tätigkeit vergoldet wird durch die Sonne religiöser Gefühlswärme, dann erhebt sie erst recht mit erzieherischer Sicherheit den Menschen über das bloße Triebleben. — Die von Geist und Herz getragene Verbindung Israels mit Gott im Bilde der Ehe, der Abfall im Symbol ehelicher Unzucht findet im Prophetenbuch Hosea ergreifenden Ausdruck. Wahrer Gottesdienst tut sich in Heiligkeit kuNd. Diesen gottgefälligen Wandel predigt unnachaWbar Las neunzehnte Kapitel des dritten Buches Mose in fernen priesterlichen Keuschheitsgesetzen, die unsere Sinne und Handlungen weihen sollen. Unser Zeitalter, das in seiner Ueberseinerung aller Genüsse und nervenzerrüttenden Hast auch die Begriffe von Recht und Sittlichkeit einer ungesunden Revision unterzogen hat. sollte in mancher Beziehung lieber den Weg zu Zucht und Einfachheit, zu schlichter Natürlichkeit zurückfinden. Dann brauchten wir keine Angst vor einer sexuellen Aufklärung unserer Jugend zu haben, die so sehr notwendig ist. Vater und Mutter könnten sich dann mit ihren Kindern als wahre Freunde harmlos aussprechen über diese heiligsten Fragen, die Menschengeist und Menschenherz so machtvoll bewegen. Krankhafte Phantasie würde abgeschwächt, Willenskraft zu unerwarteter Höhe anerzogen werden. Ein Mittel zur Abwehr vernichtender Stürme ist die von Len jüdischen Weisen anempfohlene frühe Heirat auf ideeller Grundlage. Wieviel Unglück und maßloses Leid bliebe von jungen Blüten und Knospen fern! Und im Sinne eines Gedankens in Mose ben Maimons „Führer der Irrenden" würde die leidende und schmachtende Menschheit, befreit von Schlacken und Lastern, die leuchtende Bahn zur Gottheit als der Zentralsonne aller menschlichen Sehnsucht emporwallen. Neue Lebensbedingungen werden sich dann für uns erschließen, die einen festen Kurs in schwankende Werte hineintragen. Wir können dann die Entspannung aller Fesseln unserer Seele zu glttckspendender Erlösung alles Schwachen in uns und alles Ermatteten bei unseren Nebenmenschen fördern. Und die Liebessehnsucht der großen Welt wird gestillt werden! Die sexuelle Frage vom jüdischbiologischen Standpunkte. Auf unsere Ausforöeruna sendet uns der bekannte Frankfurter Privatdozent, Herr San.- Rat Dr. W. Hanauer, folgende beachtenswerte Ausführungen. D i e R e -. Das Wort „Frage" im Thema unserer Betrachtungen deutet auf Ungeklärtes, Strittiges, Zweifelhaftes hin, auf Diskrepanzen zwischen Ideal und Wirklichkeit, Tatsächlichem auf der einen, Notwendigem und Wünschenswertem auf der anderen Seite. Spricht man doch von der sexuellen Not unserer Zeit, von der sexuellen Not der Jugend und der Frauen. Das „Sexuelle" umfaßt alles, was sich auf das Geschlechtliche und die Fortpflanzung bezieht. Gibt es nun eine besondere sexuelle Frage im Judentum? Nehmen auch hier unsere Glaubensgenossen, wie auf so vielen Gebieten des sozialen, des wirtschaftlichen und des Bevölkerungslebens, eine Sonderstellung ein? Diese Frage verlangt zunächst eine Beantwortung. Sicher ist, daß eine sexuelle Frage bei den Juden erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ausgetreten ist, vorher war sie, von individuellen Nöten abgesehen, als Massenerscheinung gänzlich unbekannt; bis dahin galt das Bibelwort als Maxime: „Seid fruchtbar und mehret euch!" Wohl unbewußt, instinktiv, als etwas Selbstverständliches wurde sie befolgt. Von den Ahnen überkommen, sah es der Jude als traditionelle Pflicht an. zu heiraten, und zwar möglichst früh, sobald er eine Frau ernähren konnte, und eine zahlreiche Familie zu gründen. In dieser fand er, wenn sie ihm auch Sorgen brachte, sein häusliches Glück, sie bot ihm Ersatz für die Unbill, für alle Verfolgungen und Anfeindungen, der er sich in der Außenwelt täglich ausgesetzt sah. Aenöeruugen traten erst im vorigen Jahrhundert ein, im Jahrhundert der Emanzipation und der in ihrem Gefolge auftretenden Assimilatton der westeuropäischen Juden, und die sozialen, wirtschaftlichen und religiösen Umwälzungen, die sich mit diesen Begrffen verbinden, verhalten sich zu den in ihrem Gefolge auftreteuöen Aenderungen wie Ursache und Wirkung. Diese Dinge sind ja im einzelnen so oft und so eingehend erörtert worden, daß ich mich darüber kurz fassen kann. Es handelt sich hier dabei um grundlegende Aenderungen in der Bevölkerungsbewegung der Juden, den Eheschließungen und den Geburten. Ganz langsam, schleichend und jahrzehntelang unbemerkt, hat hie Abnahme der Eheschließungen und Geburten eingesetzt, Sis sie seit Ausgang des vorigen Jahrhunderts eine bedrohliche Form annahm und in der Gegenwart immer mehr zur jüdischen Frage geworden ist. In den Jahren 1822 bis 1840 war die Eheschließungszifser bei den preußischen Juden 7,13 auf das Tausend der Bevölkerung, 1901 bis 1909 in Deutschland 7,2. Man könnte daraus den Schluß ziehen, daß die Eheschließungs* ziffer bei den deutschen Juden in den letzten 80 Jahren nicht abgenommen hat. Dieser Schluß ist aber ein Trugschluß, weil dabei die gänzlich veränderte Altersbesetzung der Juden, die im Laufe der Jahre eingetreten ist, nicht berücksichtigt ist. Infolge der Geburtenabnahme und Abnahme der Kmderzahl haben bei. den Juden die Angehörigen der mittleren, also ehefähigen Altersklassen, ständig zugenommen. Die Zahl der Eheschließungen hätte also nicht gleichbleiben, sondern bedeutend zunehmen müssen,' in diesem Stehenbleiben der Eheschließungszifser dokumentiert sich in Wahrheit eine sehr beträchtliche Abnahme der Eheschließungen gegenüber dem vorigen Jahrhundert. Dieses Faktum würde viel deutlicher zum Ausdruck kommen, wenn man die Statistik der Eheschließungen nicht auf die Gesamteinwohnerzahl, sondern auf die Zahl der Ehe fähigen zöge. Genauer auch wie eine Statistik der Eheschließungen, wäre eine Statistik bet Eheschließenden, weil die Ziffer der jüdischen Eheschließungen nur hie reinjüdischen Ehen "Maßt, die Mischehen aber unberücksichtigt läßt. Tatsächlich ist infolge der starken Zunahme der Mischehen me Zahl der heiratenden Juden größer als sich aus der Statistik der reinjüdischen Ehen entnehmen läßt. Ganz eindeutig ist die Abnahme der Geburtenffer. Noch 1843 konnte I. G. Hoffmann, der Drrek- >r des Statistischen Bureaus in Berlin, in seinem ufsatze „Betrachtungen über den Zustand der Juden tt Preußischen Staat" (Sammlung kleiner Schriften ratswissenschaftlichen Inhalts) hervorheben, es sei ne sehr gewöhnliche Wahrnehmung, daß die Juden rrbältnismäßig zeitig heiraten und ihre Ehen sehr achtbar sind. Es betrug 1820 bis 1840 die Geburtenff-r bei den Juden in Preußen 35,4 auf Tausend, »i den Christen 40. Man sieht, daß schon damals, ie die Eheschließungszifser, so auch die Geburtensfer bei den Juden geringer war une bei der christchen Bevölkerung. 1903 bis 1907 war in Preußen te Geburtenziffer bei den Juden 17,9, bei den Christen;,8. Sie ist also bei den Juden im Laufe von 60 bis 1 Jahren um rund 100 Prozent gefallen. Inder Gegenwart ist die Ziffer noch weiter hermrtergeaanen, nachdem in den ersten Kriegsjahren entsprechend tt Zunahme der Eheschließungen auch ein Ansteigen er Geburten beobachtet werden konnte. Die Statistik gibt nun noch zwei weitere wichtige Ausschlüsse: einmal» daß die Juden in Deutschland, soweit der männliche Teil in Betracht kommt, vrel päte r zu Eheschließungen schreiten wie die Angehö-