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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-08-14 · 33 (14.8.1925) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
33 (14.8.1925)
Date
1925-08-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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r. jrvrw rvrffrwn v^ivy^"/ 8* Jahrgang Nummrr 33 IWchlibemleZMW Beilage 14. August 1SLS Glossen zur Tagung des Landesverbandes III. Ävr Austrittsfrage: für GewiffeuSfreiheit und für Erhaltung der Gemerudeo. .Als wichtigste Aufgabe des VerbandstageS erschien es von vornherein, Richtlinien für die Mitarbeit des Verbandes an «ex Schaffung eines neuen JudengefetzeS m geben. Dieser Ausgabe hat sich die Versammlung auch nicht entzogen, Für ft* l&r »?on der Geschäftsführung vorgclegte Vorlage zu oiefem Punkt war freilich außer der kleinen Mittelpartei« lichen Gruppe keine Partei einzutreten iu der Lage. Die lwerale Partei legte vielmehr von ersten Sachkennern, de« liberalen Ratsmitgliedern Justizraten Lilienthal und Ma« k^ver auSgearöeitete. eigene Richtlinien vor. die mit ge« rmgfügigcn Aenderungen auch von der konservativen Partei übernommen wurden und mit den Stimmen dieser beiden Parteien gegen Jüdische Volkspartei und Mittelpartei An« «ahme fanden I» de, abgelehnten Vorlage war als dringlichste Forde« rnng für eine Revision des bisher für die Synagogen« gemeinden in Preußen geltenden Rechts die Aenderuna der Astrittsg-esetzgebuna bezeichnet. Wir Liberalen waren der Meinung, daß es ein Armutszeugnis für das Selbst« vertrauen -er Jüdischen Religionsgemeinschaft bedeutet Hatte, diese Frage derart in den Vordergrund zu stellen. Doch ist an ihr nicht vorbeigegangen worden. Ziffer 1/8 -er angenommenen Richtlinien sagt hierzu: „Diejenigen, welche die Erklärung abgeben. daß ihr Austritt aus der örtlichen Gemeinde lediglich wegen religiöser Gründe erfolgt, können eine Personalgemeinde öffentlichen Rechts bilden oder ihr beitreten." Die Bedeutung dieses Beschlusses, wie sse ssch aus dem Inhalt der Verhandlungen ergibt, soll kurz erläutert werden. Es ist ein seit dem Gesetz vom 28. Juli 1878 bestehendes Sonderrecht der jüdischen ReligonSgemeinschaft. daß ein Jude, ohne aus dem Judentum auszuscheiden, seinen Aus-. tritt aus der Synagogengemeinde seines Wohnsitzes erklären kann. Vollkommen rechtsirria ist es. wenn die Orthodoxie behauptet, daß die Rechtslage bei den christlichen Kirchen die gleiche sei. Der Ehr ist. der aus der Landeskirche oder der katholischen Kirche ausschcidet. mag religionsgeseblich Christ bleiben. Nach dem Rechte des Staates ist er konfessionslos. Voraussetzung für das Recht zum Austritt aus der Synagogengemeinde ohne Ausscheiden aus dem Judentum war nach dem erwähnten Gesetz die Abgabe der Versicherung. daß ber Austritt ans religiösen Bedenken beruhe. Diese Voraussetzung ist von dem zur Zeit geltenden Gesetz vom 30. November 1920 fallen gelassen worden, so daß die Angabe irgend eines Grundes nicht mehr nötig ist. Darüber, daß dieser Anstand beseitigt werden mutz, der geradezu dazu anreizt. zum Zwecke der Steuerersparnis die Gemeinschaft der Bekenner des Judentums zu verlassen, ohne doch das Recht zu verlieren. sich als Jude zu bezeichnen. — darüber besteht wohl allgemeines Einverständnis. Darüber waren auch die abgelehnte Vorlage und der angenommene Antrag einig. Man hätte weitergeben und im Interesse der Einheit des Judentums völlig- Beseitigung des Rechts mm Austritt aus der Synagogengemeinde verlangen können. Die Vorlage war nicht so weit gegangen, wollte aber immerhin den Ausgetretenen unter Umständen^ die Pflicht auserlegen. Steuern au den Landesverband zu entrichten, sie also, wenn auch nicht an die Ortsgemeinden, so doch an deren Gesamtorganisation fesseln. Mit Recht hat die liberale Fraktion jedes Beschreiten dieses Weges abgelehnt. Und zwar aus praktischen und aus ideellen Gründen. Diese Gründe bestanden — das sei vorausgeschickt — nicht etwa in dem Bestreben, der separatistischen Orthodoxie gefällig zu sein. ES wäre verlorene Liebesmüh', von ihr durch Konzessionen Entgegenkommen erkaufen zu wollen. Man lefe im „Israelit" vom 2. Juli 1625 die Glossen der Redaktion zum Berbandstag. Hier werden zwar die Liberalen wegen ihrer Haltung gelobt und man kann mit Befriedigung konstatieren, daß „der Orthodoxie in den gegenwärtigen Zeitläuften eine Zusammenarbeit mit den Vertretern des Liberalismus viel eher möglich ist. als mit den zionistischen Zwangspolilikern und ihrem Exponenten Dr. Jsmar Freund."**) Aber wenn man weiter liest, daß „mit Befriedigung registriert" wird, daß das Dozenten-kollegium des orthodoxen Rabbinerfeminars. „also die geistige Repräsentanz des Seminars, im Rate des Verbandes nach der Ablehnung Rabbiner Dr. Weinbergs nicht vertreten ist" (dies neben anderen „Freundlichkeiten" an die Adresse des Verbandes, die zu zitieren hier zu weit führen würdet, dann sieht man. daß Sie Mitarbeit des Separatismus in keiner Weise zu erreichen ist. Praktische Gründe — sagten wir — sprachen mit. die darauf beruhten, daß die Verwirklichung eines Zwangsverbandes aller Juden — auch die in der abgelehnten Vorlage enthaltenen weniger weit gehenden Ziele — bei den bestehenden parlamentarischen Machtverhältnissen nicht durch- -uführen sind. Im Gegenteil schien die Verfolgung derartiger Pläne geeignet, auch das für erreichbar Angesehene, die Anerkennung des Landesverbandes als Körperschaft öffentliche« Rechts, das Besteuerungsrecht dieses Verbandes usw. zu vereiteln. Entscheidend waren aber die ideellen Gesichtspunkte. Wir Liberalen versprechen uns nichts davon, die aus religiösen Gründen widerstrebenden Teile der Orthodoxie durch Gesetzeszwana in die jüdischen Gemeinden zu pressen. Wir hatten das für illiberal. Wir glauben, daß nur die freie Ueberzeugung von der Einheit des Judentums, nicht staatliche Gewalt, den Separatismus zur Gemeinsamkeit mit der großen Mehrheit des Judentums zurückführen kann. Wir sind uns außerdem aber auch bewußt. Laß die Entwicklung Ler jüdischen Verhältnisse sehr wohl einmal die Notwendigkeit eines liberalen Separatismus — io bedauerlich das wäre — herbeiführen kann. Daß z B. eine Gemeinde. die sich eine einseitig ostiMisch-chassidische Leitung erwählt, kulturelle und religiöse Bestimmungen treffen könnte, di« den ihres Judentums voll bewußten liberalen Juden Veranlassung geben, aus Gewissensnot urid ans grund ihrer religiösen Gesinnung aus ihrer örtlichen Synagogengemeinöe auszutreten. Möge es niemals dazu kommen. Indessen: der kluge Mann baut vor. Mußte so die Entscheidung der Liberalen zugunsten LeS AnStrittsrechtS fallen, so waren und sind wir uns andererseits doch der Pflicht bewußt, die Jüdischen Gemeinden vor dem Verfall durch eine AuStrittSbeweguna zu bewahren. Mit einem Austritt größerer Massen auf Grund wirk, licher religiöser Gewissen sbedenken ist — von dem oben unterstellten Fall einer liberalen AuStrittSbewegung ab« *) Wen« sie nämlich nicht einer bereits bestehenden snicht erst zu bildenden) Personalgemeinde öffentlichen Rechts beitreten. **) Herr Dr. Freund wivö vvm „Israelit" spaßhafterweise das «ine Mal als liberal. daS andere Mal als Expo- »ent zionistischer Politik bezeichnet, was er sich beides mit Recht wivd verbitte» können. gesehen — bei der zahlenmäßigen Schwäche der Orthodoxie praktisch nicht zu rechne». Wohl aber besteht die Möglichkeit. daß auf Grund von Steuerdrückebergerei einmal Gemeindemilglieder in größerer Zahl auStreten und ta'fcl Sie religiösen Gründe lediglich vorschütze», wie eS in Einzelfällen schon öfter beobachtet worden ist. Die Befürchtungen in Lieser Richtung sind in manchen kleineren und Mittelgemeinden recht lebhaft. Bon liberaler Seite ist daher der oben «iedergegebene von der VerbandSversammlung angenommene Antrag von vornherein dahin verstanden worden — und die Begründung des Antrages durch Herrn Justizrat Lilienthal ließ darüber keinen Zweifel — daß dem Recht zur Bildung einer Personalgemeinde oder zum Beitritt zu einer solchen auch die Pflicht hierzu entspricht, daß jeder Jude einer Gemeinde angchören muß. sei es der seines Wohnsitzes, sei es einer Personalgemeinde öffentlichen Rechts, zu der sich die auS religiösen Gründen AuS-geschiedenen. unter sich gleichgesinnten. zufammengeschloffen haben oder zusammenschlietze«. Da dieser Standpunkt zwar auS der Begründung Ler liberalen Anträge, nicht aber aus der angenommenen Fassung zweifelsfrei hervorgeht. habe ick mich an ein hervorragendes Mitglied der konservativen Fraktion gewandt, um sestzustellen. ob hierüber Uebereinstimmuna auch mit den Konservativen besteht. Der Herr bat mir seine persönliche Auffassung (er legt Wert darauf, zu betonen, daß er nur diese äußern könne) dahin präzisiert, daß eine Nachprüfung der Erklärung, daß jemand aus „religiösen Gründen" auSscheide. nicht weiter geschehen könne leine Nachvrüfuna würde in der Tat wohl nicht ausführbar sein). Er fährt fort: „Wer aus solchen Gründen austritt. soll eine neue Personalgemeinde öffentlichen Rechtes bilden oder ihr beitreten, oder auch irgend einer nahegelegenen Ortsgemeinde oder Personalgemeinde. die seinem religiösen Bedenken Rechnung trägt, beitreten können. Freilich wivd ein Zwffckenstadium vorhanden bleiben, denn, wenn in einer Gemeinde 20 Leute auStreten und suchen Korporationsrechte für eine neue Gemeinde nach, so werden sie eine Zeitlang keiner Gemeinde angehören." Ich glaube nicht, daß wir Liberalen dieser Formulierung in allen Einzelheiten beitreten können. Sie schützt meiner Auffassung nach unsere Gemeinden nicht üinreichenL und läßt böswilligen Steuerdrückeberaern Schlupflöcher offen. Aber im Grundsätzlichen dürste hiernach Einverständnis auch mit den Konservativen bestehen und die liberale Mehrheit des Landesverbandes wivö jedenfalls bei den weiteren Verhandlungen alles an die Verwirklichung der Grundsätze setzen, die sie bisher geleitet haben: volle Wahrung der religiösen Gewissensfreiheit und wirksamer Schutz der Gemeinden gegen Steuerflucht. Dr. W. Breslauer. Trostsabbate. Von Rabbiner A. Gottschalk, Berlin. Zu den schönsten Einrichtungen im jüdischen Gemein-deleben gehören die Sabbate, die soeben ihren Anfang nahmen, die sieben Sabbate des Trostes. Es ist. als sollten die erschütternden Bilder, die der Tischoboaw heraufbeschworen, von dem Znkunstsgemäbde überstrahlt werden, das in den Reden bes Trostpropheten, des zweiten Jesarr. vor uns entworfen wird. Es ist etwas Wunderbares um diese Reden. Ein einziger Hymnus sind sie auf das Thema: „Siehe da. mein Knecht wird glücklich fein!" In diesem Gedanken, in diesem Gefühl, in diesem Glauben, der durch nichts zu erschüttern. jubelt Jesata. jauchzt er und tröstet, besänftigt, schmeichelt. beruhigt er uns. Mit fliegendem Atem, den man ganz deutlich hört, sprudelt er seine Rede« hervor. Die ganze Seele ist in Bewegung, um dem geliebten und leidenden Volk immer wieder zu sagen: ,/Sei still, sei still, du wirst glücklich sein!" Wie eine Mutter am Bett des Kindes, welches das Fieber durchrast und durchschüttelt, ihm immer wieder Gesundung verheißt, weil es an diele Gesundung glaubt, also predigt auch unser Prophet, ruft er dem Volk, das heimaikrank ist. das schwergebeugt in Gefangenschaft schmachtet, das den Tempel verloren, immer wieder und wieder sein Trosteswort zu: .Siehe da. mein Knecht wivd glücklich sein!" Und damit redet er denn auch zu uns. Denn der Tischoboaw. Len wir kürzlich begingen, es war nicht bloß der geschichtlich bekannte, hat nicht bloß an die Zerstöruna des ersten Tempels und nicht bloß an die -eS zweiten erinnert, nicht bloß an den Barkochbakrieg und an die Vertreibung der Juden aus Spanien, nein erinnerte auch an den schrecklichen Tag, der nun bereits ll Jabre zurückliegt, a« den 1. August 1614. der damals mit Tischoboaw zusammensiel. Das war der Tag, der unsere Heimat und unsere Religion dahin brachte, wo wir sie heute stehen sehen: gehetzt und angefeindet wie selten, noch immer blutend, noch immer kämpfend! DaS war der Tag, der Gemeinden zerstörte. Menschen entwurzelte. heimatlos machte — wie wir es jetzt von neuem erleben. Und weil wir also den Trauertag feiern, so sollen wir als Kinder unseres Propheten die ganze Seele seinem Wort öffnen: „Siehe da. mein Knecht wivd glücklich sein" — einem Wort, das nicht Prahlerei gewesen, nicht von einem Träumer und Schwärmer stammt und auch kein Grund für den Vorwurf sein kann, den nnS ein deutscher Gelehrter macht: von der dünkelhaften Anmaßung unserer Weltmiffio«! Ach nei«. wir waren nie dünkelhaft: aber wenn wir an unsere Weltmffsion glauben, dann liegt das an dem Wort des Propheten, das sich in Jahrtausenden immer wieder bewährt. liegt daS aber auch an den Völkern, die vom jüdischen Ideal meist entfernt sind! Er weiß nnS Gerechtigkeit, u«d wir werden aufhören, „dünkelhaft" zu fein! Erzeig-t u«s Liebe, und wir werden glauben, daß unsere Mission in der Welt „beendet!" Gebt unS erst Frieden und Lebensrnhe, u«d kein Vorwurf erhebt sich mehr gegen euch! Solange aber das nicht geschehen, «ähren wir unS vom Wort des Propheten. fühlen wir die Größe der Aufgabe, mit der Gott »ns einst in die Welt geschickt! Wir sind der PsM im Fleische der Völker, wir sind der Stachel für ihr Gewissen! Und diese Aufgabe kostet unS Tränen, aber sie macht «nS groß, froh und stolz! Wir lachen all ihrer Hetzereien, wir lacken all ihrer niedrigen Feindschaft, wir lacken in jenem Triumvhgefübl. auS dem heraus der Psalmist einst gesungen: im Himmel sitzt, lackt darüber" — mit dem wir aber auch bei Herder vernehmen: Israel war und ist das auSgezeicknetste Volk der Erde. So etwas läßt sich nicht erdichten. ein solches Volk läßt sich nicht erlügen. Seine noch unvollendete Führung ist das größte Rüffel der Zeiten und geht wahrscheinlich biS zur Entwicklung des letzten, noch u«- berührten Knotens aller Erdennationen btnans." Haben wir unS aber mit solchen Gedanken erst einmal wieder vollgesogen, dann werde« wir wissen, wie wir die jetzige Zeit als Jude« würdig zu tragen hüben. Wie u»S als Dentche für die Zukunft der Heimat bar Wort des Denkermit Kraft erfüllt: „Ihr sollt an DeuffchlandS Zukunft glauben" und wie wir in so manchen Zeichen den Anfang des Wiederaufstiegs sehen, so kann uns als Juden der Sturm der Kongresse. der seit Momcken schon uns in Atem hält, nur mit «euer jüdischer Würbe erfüllen. Hüben und drüben, rechts und links, jung und alt scheint nur einen Willen zu haben — altneuen jüdischen Lebenswillen!! Jeder scheint von dem Glauben erfüllt, wo immer er JudaS Zukunft erhofft, wie immer er seine Religion auch betrachtet: „Siehe da, mein Knecht wird glücklich sein!" Ja, unwürdig will eS und soll eS uns scheinen, das Wort vom „Untergang" nachzusprechen, fliehen sollen wir all jene Menschen, die nichts vom Jes-aia in sich tragen, die düster und greisenhaft nur noch auf Trümmer» und auf Ruinen zu leben vermögen. Einen Tag nur währt Tischoboaw, aber der Sabbate des Trostes stick» sieben! Und stebcnmal jauchzt denn auch unser; Prophet r-, und siebenmal auck der jüdische Dichter: „GotteS linke Hand Vertriebs. Gottes rechte nimmtS in acht! Ewig, ein Naturgesetz, Dauert es, wie Tag und Nacht!" Die jüdische Gegenwart Unverschämtheit! Die „Jüdische Rundschau", das Blatt der Zionistische» Bereinigung für Deutschland, beschäftigt sich in ihrer Nr. 62 vom 7. August mit dem Fall des deutschen Studenten Kin- Hermann, der in Moskauer Prozeß zum Tode verurteilt wurde. Sie verzapft zu diesem Thema eine» Unsinn, bet dem man nicht recht weiß, ob er mehr aus Dummheit oder aus Dreistigkeit geboren ist. Die AuSfüh'Lmrgen des anomyme» Verfassers gipfeln in folgenden Sätzen: . „Die Ideologie, die das Judentum, das lebendige Judentum, totsagte, ist der Nährboden, auf dem der Typ des nationaldentschen Juden entstehen konnte, dessen logische Fortsetzung der deutsch-völkische Jude ist. Kindermann ist ein Enkel des deutsch-jüdischen Liberalen und ein Sohn des nationaldeutschen Juden." (Von uns gesperrt. Die Red.) So schreiben die Leute, die fortwährend das Soliöaritätsgefühl auf der Zunge tragen. Sollen wir darauf erwidern, daß der jüdisch-evangelisch-katholische Hans Heczl ein Enkel des jüdischen Jndifferentismus und ein Sohn des jüdische» Nationalismus ist? Das hätte mehr Berechtigung als die Feststellung der „Jüdischen Rundschau", da «ach unseren Informationen Kindcrmanns Vater und Großvater dem jüdischen Liberalismus und dem nationaldeuffchen Judentum so fernstehen wie die „Jüdische Rundschau" einer dmständigenr Kampfesweise. Wiener Brief. Antisemitische Phantasten und jüdischnationale Wirklichkeiten Die Interpellation der „Landbund"-Fraktimr im österreichischen Bundesrate, betreffendie „Gefahren" des Zionistenkongresses, mit deren Zitierung und Besprechung ich meinen letzten Wiener Brief geschloffen habe, hat der Bun-< deSkanzler vor einigen Tagen schriftlich wie folgt Veank wortet: „Die Bundesregierung hat. indem sie ihre Zustimmung zur Abhaltung des Zionistenkongresses in Wien gab. sich durchaus im Rahmen internationaler Gepflogenheiten te* halten. Ueberdies hätte sie auch keinerlei politische Bermr-, laffung, den am 18. ü. beginnende» Ziönistenkongretz. der sich' übrigens auf die gewählten Delegierten und geladenen Gäste beschränkt, zu verbieten. Vom allgemeinen politischen Standpunkte aus kann im Hinblick auf die Ziele -es Zionismus dem Kongresse nicht entgegengetreten werden. Der Zionismus, der in seiner modernen Gestalt in Wien seinen Ursprung nahm, bezweckt laut feinem offiziellen und seit Jahrzehnten festgehaltenew Programm die Schaffung einer ösfentlichrechtlich gesicherte» Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Dadurch, daß Palästina den Juden vom Völkerbund als Heimstätte zngesvrochen wurde und England den Auftrag der Völkern bun-eS erhielt und annahm, den Aufbau dieser Heimstätte zu sichern, ist ein großer Schritt vorwärts ans -em Wege zun Verwirklichung des zionistischen Programms getan worden. Noch energicher und zielbewußter als früher ist seither die zionistische Organisation bestrebt, der Wanderung der Juden die Richtung nach Palästina zu weisen. Es ist nicht eine Frage von Sympathie oder Antipathie, wenn wir auch von einem rein österreichischen Jnteressenstandpunkt den Zionisten einen möglichst vollständigen Erfolg ihrer Bestrebungen wünschen. Gerade Oesterreich ist schon infolge seiner geographischen Lage das nahe Ziel einer besonders starken Ein«< Wanderung solcher jüdischen Elemente, die in ihren Ausentbaltsländern schon lange aus verschiedenen Gründen zur Auswanderung neigen. Wir haben wohl keinen Grund, den zionistischen Bestreu bungen, diesen Auswanöererstrom nach Palästina zu lenken, entgegenzutreten. Es unterliegt nämlich keinem Zweifel, daß die zionistische Bewegung und Arbeit tatsächlich darauf gerichtet sind, die Auswanderung nach Palästina zu fördern, schon wegen -er Ausgestaltung der dortigen jüdischen Siedlung, die immer neuer Arbeitskräfte bedarf. Die mitteleuropäischen Länder, also auch Oesterreich, haben jedenfalls Um fache, die Auswanderung von Juden in die jüdische Heim-< statte und daher die zionistische Bewegung gutzuheitzen. Eine Politik, die der jüdischen Wanderung andere Wege und Ziele als die mitteleuropäischen Länder weist, enffpricht sicherlich den Interessen aller Beteiligten. Es wäre daher nicht zu rechtfertigen, wenn eine Negierung einem Zionistenkongretz Schwierigkeiten, bereitete. Auch die österreichische Regierung ist überzeugt, daß sie recht daran tut, den Arbeiten und Bestrebungen des zionistischen Kongresses nach dem Borbilöe aller anderen Regierungen die volle, ihnen gebührende Aufmerksamkeit zuzuwenden und den Kongreßteilnehmern jene Begünstigungen einzuräumen, die ausnahmslos bei derarti-t gen Veranstaltungen in allen Ländern gewährt werden. Die von den Herren Interpellanten geäußerten Besorg-« msse kann die Bundesregierung nicht teilen. Sanitäre Gefahren sieht sie nicht als gegeben an. Gegenüber den sonst geäußerten Bedenken verweist sie auf die geltenden Vorschriften über Einreise und Aufenthalt. Zur inneren Hau ruhe besteht kein gerechtfertigter Anlaß. Der Zuzug von Kongreßteilnehmern wird in einer so großen Fremdenstadt wie Wien nicht sonderlich auffallen. ES wird allerdings von einigen Orgnffationen eine heftige Agitation gegen den Kon-« greß betrieben. Die Regierung ist aber überzeugt, daß sie dem gefunden, ordnungsliebenden Sinn der Bevölkerung voll vertvauen kann. Zionistenkongreffe habe» bereits in Basel, in London, im Haag, in Hamburg, in Karlsbad und auch schon in Wien statt gesunden und sind durchweg ruhig verlausen. Die Masse der gastfreundliche» Bevölkerung Wiens ist einsichtsvoll und besonnen und wird sich gewitz nicht von unüberlegte« Elementen mißbrauchen lassen, besonders da mit der Abhaltung des ZionistenkonaresseS keine Schädigung der Interessen der bodsnsiändigen Bevölkerung; verbunden ist. der Kongreß vielmehr von der Fremdem« inSustrie, an deren Entfaltung die ganze BevKNeermg

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