Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 30 (24.7.1925)
- Date
- 1925-07-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Werbt auf der Reise für uns! Der „Ewige Jude“ am Fenster (Aus den „Geschichten vom Mühlendamm“) Von Max Rosenfeld Jahrein, jahraus sah man täglich an einem Fenster im ersten Stock über den Arkaden des alten Berliner Mühlendammes einen weißbärtigen Juden sitzen, meist war er in einen dicken Folianten vertieft, oftmals schrieb er auch emsig. Dabei rauchte er ständig aus einer langen Pfeife. Der alte Jude war jedem Vorübergehenden eine gewohnte Erscheinung, und ich hörte damals als Knabe, daß man ihn den „Ewigen Juden am Fenster“ nannte. Der Mann mußte sehr alt sein, das schneeweiße Haupthaar war schon sehr dünn, jedoch sein Silberbart prangte in üppigster Fülle. Ich starrte häufig zu dem Alten empor, mit meinem Skizzenbuch unter dem Arm, und ich dachte, er müsse ein wunderschönes Modell abgeben. Sah er einmal vom Fenster herab, dann fesselten mich seine seelenvollen Augen, seine wohlgeformte große Nase; aus seinen Gesichtszügen sprach ein ganzes Menschenschicksal. Einst, als ich wieder emporstarrte, guckte der Greis zum geöffneten Fenster heraus, winkte mir und winkte wieder. Ich glaubte zuerst nicht recht gesehen zu haben, er rief jedoch: „Komm doch mal herauf! Geh unten durch den Makulaturladen und sage: Großvater Levi hat mich herauf gerufen!“ Ich nickte freudig erregt und trat sogleich unten in den Laden, wo ungeheure Ballen alter Zeitungen, halbzerfetzte Bücher und Aktenstöße aufgestapelt waren. Einige Leute sah ich beim Sortieren dieser Makulatur. Ein ebenfalls schon weißbärtiger jüdischer Herr fragte, was ich wolle. „Großvater Levi hat mich heraufgerufen!“ wiederholte ich die Worte des Alten am Fenster. „So geh die Wendeltreppe hinauf!“ sagte der Herr im Laden und wies in die Ecke des Gewölbes. Ich stieg eine Anzahl eiserner Stufen hinan und gelangte auf einen Treppenflur. Aus einer Tür, die einen Spalt weit geöffnet war, drang Tabaksrauch hervor, das gab mir sogleich die Gewißheit, wo ich den „Ewigen Juden“ zu suchen hatte. Nachdem ich geklopft und das „Herein!“ abgewartet, trat ich in ein von blauem Tabakrauch erfülltes Zimmer, das ebenfalls veiler alter Bücher und Zeitungen lag. Am Fcnsicr erblipktp ich nup 4ep „Ewigen Juden“ zum erstenmal aus nächster Nähe, ttr saß an einem mit Schriften bedeckten Schreibpult und hatte ein dickes Buch aufgeschlagen, worin ich hebräische Zeichen erkannte. Der Alte sah mich mit seinen großen dunklen Augen gütig an. „Du bist der kleine Maler? Zeige mir doch einmal dein Skizzenbuch!“ Ich reichte es ihm, er blätterte lächelnd darin und nannte einige seiner jüdischen Glaubensgenossen, die er in meinem Skizzenbuch erkannte. „Warum siehst du denn immer zu mir herauf?“ Ich wurde verlegen, gestand aber dann: „Ich möchte Sie so gern zeichnen, Herr Levi.“ „Wenn ich dabei lesen darf, kannst du das. Aber möchtest du mir vorher nicht einen Gefallen tun? Hier hast du Geld, springe doch mal schnell nach der Breiten Straße hinüber und hole mir von Wilhelm Ermeler ein Paket holländischen Kanaster!“ „Ich weiß schon,“ sagte ich eifrig, „im weißen Paket mit dem federgeschmückten Mohren.“ „Richtig! Du weißt, was ich meine.“ Als ich mich zur Tür wandte, fesselte mich ein großer Kupferstich, der an der einen Wand hing. „Sieh dir nur ruhig das Bild an,“ sagte Herr Levi. „Ich habe ja noch zu rauchen.“ Der Stich stellte eine düstere Landschaft dar. Der erste Eindruck war eine irre, unstäte Lichtwirkung. Wie vom Blitz in der Nacht wurde eine Gruppe von Steinsarkophagen und Grabmalen beleuchtet. Es war also ein Kirchhof dargestellt. Auf einem grell beschienenen Grabstein sah man eine verwitterte hebräische Inschrift, demnach mußte es ein jüdischer Friedhof sein. Der Todesfrieden wurde aber nicht allein durch das Gewitter gestört, nein, sogar ein aus seinem Bett gedrängter wilder Gebirgsbach zwängte seine sprühenden Wassermassen durch die Gräber, als wenn die Toten selbst an ihrer Begräbnisstätte keine Ruhe finden sollten. Herr Levi nickte mir zu, als ich ihn einen Augenblick fragend an sab. „Es ist ein Stich nach dem ,Judcnkirchhof‘ des niederländischen Malers Ruysdael in der Dresdner Galerie, das schöne, gewaltige Kunstwerk, worüber Goethe bereits einen geistreichen Aufsatz verfaßte. Ich halte das Bild für ein landschaftliches Symbol des .Ewigen Juden*. Der Grund, warum Ruysdael diese Komposition geschaffen haben mochte — denn es ist eine freie Schöpfung, wenn auch Teile des alten Amsterdamer Judenfriedhofes benutzt wurden — der Grund ist meiner Vermutung nach darin zu suchen, daß der Künstler irgendwie mit den alten Marranen ' verwandt war, den in Spanien zwangsweise getauften Juden, die vor Jahrhunderten in den Niederlanden eine gastliche Aufnahme fanden. Der Maler selbst hatte die Vornamen Jakob Isaaksoon, sein Vater hieß Isaak, sein Oheim Salomon, und es will nichts besagen, daß er zu denMononiten hielt,die den fast verhungernden Künstler spärlich unterstützten. Und wenn er nicht dem alten Volke entstammte, so bewies er mit diesem Kunstwerke, daß er Verständnis und ein warm fühlendes menschliches Herz hatte für das Schicksal Israels, wie es ja auch der große Rembrandt bekundete.“ Der alte Levi trat näher an das Bild heran. „Ja, Ruysdaels .Judenkirchhof* ist ein landschaftliches Symbol des Achaschwerosch. Hier heißt es: ,Wach auf, ewiger Jude, du findest selbst im Grabe keine Ruhe! Fliehe weiter durch die Welt, du Schicksalsschatten!* Und dennoch, — trotz des Weltendonners, den man aus dem Bilde zu vernehmen meint, hat der Künstler einen Trost gelassen: Links oben zeigt sich am Himmel ein Regenbogen, als wollte er die Zuversicht künden, daß im Glauben eine ewige Brücke emporführt.“ Ich hätte dem Greis stundenlang zuhören können, da aber jemand von seinen Verwandten ins Zimmer trat, benutzte ich die Pause, schnell nach der Breiten Straße zu springen, um das Paket Tabak zu holen. Der Verkäufer in dem Ermelerschen Geschäft fragte beiläufig, für wen der Tabak sei. „Für den ewi . . .,“ ich verbesserte mich rasch, „für den alten Herrn Levi am Mühlendamm“. Der Verkäufer nickte einem anderen Herrn des Geschäftes bedeutungsvoll zu. Der andere sagte: „Der alte Levi ist unser ältester Kunde, schon in den dreißiger Jahren soll er Tabak bei uns gekauft haben.“ Man händigte mir das weiße Tabakpaket aus, und der ältere Herr gab noch ein Päckchen Schnupftabak dazu, indem er meinte: „Eine Zugabe für Herrn Levi. Grüße ihn schön von uns!“ Ich dankte und lief wieder nach dem Mühlendamm zurück. Als ich von unten, wie sonst so oft, den „Ewigen Juden“ am Fenster sah, war ich fast stolz, daß ich ihn nun näher kennengelernt hatte und zu ihm hinaufgehen durfte. Herr Levi freute sich über die Zugabe. Von dem neuen Paket Rauchtabak stopfte er sich sogleich eine Pfeife und sagte: „So, nun kann die Zeichnerei losgehen!“ Indem ich mein Skizzenbuch öffnete, blickte ich auf ein gerahmtes Bleistiftbildnis, das an der Wand neben dem Ruysdael hing. Es stellte einen schönen jungen Mann in Biedermeiertracht dar. „Kannst du dir denken, wer das ist, oder vielmehr: wer das war? Nein, du kannst es nicht erraten. Das Bild stellt mich in meiner Jugend dar. Tischbein, der Neapolitaner, der Freund Goethes, hat es gezeichnet, als ich 28 Jahre zählte. Es stammt noch aus meiner Schauspielerzeit. Ja, ja, das ist nun über 60 Jahre her. Ich war damals auf dem Wege zum Erfolg, — da trat etwas ein, was mich jäh aus meiner Bühnenlaufbahn warf.“ „Erzählen Sie, erzählen Sie, Herr Levi!“ bat ich in jugendlicher Neugierde. Er nahm rauchend an seinem Pult Platz und sann vor sich hin, „Nun gut, du kannst ja dabei zeichnen; ich werde mich bemühen, beim Erzählen recht still zu sitzen. Es ist aber ein trauriges Erlebnis, und du darfst nicht erschrecken.“ Ich beruhigte den Greis darüber, und während ich meine Skizze begann, fing er an zu erzählen: „Nachdem ich in Berlin meine dramatische Ausbildung vollendet hatte und auch in kleineren Rollen am Schauspielhause aufgetreten war, wurde ich an das Stadttheater einer herzoglichen Residenz berufen. Ich hatte gute Aussichten, gab erste Helden und Liebhaber. Damals war mm dort eine junge, schöne, begabte Kollegin, Cordelia Thorwart, sie wurde mir sehr lieb und teuer. Meine Liebe blieb nicht unerwidert. Die junge Dame wohnte bei ihrer Mutter, sic blieb dadurch vor den Fallstricken bewahrt, die so häufig die Ehre schöner Bühnenkünstlerinnen bedrohen. Die Mutter, eine gebildete Dame, schien mich ebenfalls gut leiden zu können, so stand meinem Glück eigentlich nichts im Wege, wir dachten an eine baldige eheliche Verbindung. Da trat das Verhängnis in der Person eines neuengagierten Schauspielers namens Grosser zwischen uns. Dieser leidenschaftliche Mensch, der alte Helden und Väter spielte, verfolgte vom ersten Tage an meine Verlobte mit Liebesanträgen, so daß ich ihn ernstlich zur Rede stellte. Er antwortete mir mit Hohn und suchte sich an die Mutter meiner Braut heranzupirschen. Ich merkte seinen Einfluß bald daran, daß die Mutter meiner Cordelia mir gegenüber zum erstenmal auf meine jüdische Abstammung zu sprechen kam. Sie erklärte mir mit größter Bestimmtheit, daß sie mir die Tochter nur gäbe, wenn ich mich taufen ließe. Das wäre also das einzige Hindernis, dachte ich. Als ich mit Cordelia offen darüber sprach, meinte sie: „Wenn du mich wahrhaft liehst, kannst du mir dieses Opfer bringen!“ Ich gab ihr zu verstehen, daß es doch eigentlich gleichgültig sei, ob ich Jude bliebe, denn sie heiratete ja den Menschen, den sie liebe, nicht den Juden. Wir könnten uns ja auch nach ihrem evangelischen Brauch trauen lassen. Cordelia war unglücklich, sie weinte und sagte, sic müsse ihrer Mutter wegen darauf bestehen. Ich war also entschlossen, meiner Liebe dieses Opfer zu bringen. An demselben Tage noch suchte ich einen evangelischen Geistlichen auf und trug ihm meinen Wunsch, Christ zu werden, vor. Der Pfarrer, ein würdiger alter Herr, hegte Bedenken, er meinte, es täte nicht gut, seinen Glauben zu wechseln; und wenn es nicht aus wirklicher Ueberzeugung geschähe, solle ich doch lieber davon abstehen. Auf meinen dringenderen Wunsch jedoch führte er mich in die christlichen Lehren ein. Nun ging etwas Sonderbares mit mir vor. Ich war damals in religiösen Dingen sehr gleichgültig, ja, ich muß gestehen, ich war Atheist. Als ich mich nun mit den Lehren der christlichen Kirche eingehend befaßte, stutzte ich, es fesselte mich immer mehr, — denn mich wehten ja vertraute Klänge t.us meiner jüdischen Kindheit an . . . Ich fand unsere jüdischen zehn Gebote im Christentum wieder; ich stellte fest, daß die christliche Religion aus der jüdischen hervorgegangen, fand nur äußerliche Abweichungen, sonst die gleichen sittlichen Anschauungen, die Taufe schien mir nur eine bloße Form. Ich besuchte die Gottesdienste der evangelischen Kirche, hörte dort unsere althebräischen Psalmen in der wunderbar poetischen Uebertragung Martin Luthers; ich saß oben auf dem Orgelchor bei dem Organisten, lauschte seinem hochkünstlerischen Spiel und wurde durch diese Harmonien in eine Welt seelischen Empfindens gehoben. Und nun geschah das Wunderbare: Ich, der Atheist, geborener Jude, fand durch die Beschäftigung mit dem Christentum den Gottesglauben wieder. Jetzt war auch mein Gewissen erwacht, ich kämpfte seelisch mit der nun für mich zu größter Bedeutung gewordenen Frage: sollte ich mich taufen lassen, oder sollte ich dem Glauben meiner Väter treu bleiben? Vor Cordelia verbarg ich meine innere Umwandlung, ich schämte mich. In meinem qualvollen Gewissenskonflikt nahm ich meine Zuflucht zum Gebet, — seit meiner Kindheit betete ich wieder zum erstenmal. Ich bat Gott um ein Zeichen, woran ich erkenne, ob ich mich taufen lassen solle, oder ob ich davon zurückstehen müsse. Ich beobachtete mich selbst und meine Umwelt, — aber das Zeichen blieb aus. Meine Vorbereitung in der christlichen Lehre war so weit gediehen, daß meine Taufe stattfinden sollte. Der Tag war bereits festgesetzt. Am Abend vorher stand ,Emilia Galotti* auf dem Spielplan unseres Theaters. Cordelia hatte die Emilia, ich den Prinzen und mein Nebenbuhler, Grosser, den Odoardo zu geben. Vormittags bei der Probe kam es zwischen mir und Grosser zu einem heftigen Zusammenstoß, wobei er mir in seiner eifersüchtigen Gehässigkeit meine jüdische Rasse vorwarf. „Es ist eine Anmaßung von Ihnen,“ sagte er zu mir, „daß Sic als Jude Helden und Prinzen darstellen“. Ich parierte mit dem Hinweis auf berühmte jüdische Bühnenkünstler, die ja ebenfalls solche Rollen spielten. Der Streit machte mich jedoch sehr nachdenklich. Sollte dieses das Zeichen sein? Ich war nun in dem Vorsätze bestärkt, mich am nächsten Tage taufen zu lassen. Cordelia war glücklich über meinen so großen Eifer. Die Abendvorstellung nahm zunächst einen glänzenden Verlauf, das Publikum ahnte ja nicht, in welchem persönlichen Konflikt die Darsteller sonst Ständen. Bis zum fünften Akt kam ich ja auch nicht mit meinem Feinde auf der Bühne zusammen, — doch eben in diesem letzten Aufzuge mußte es sein. Mir war es schon eine Qual, Grosser bei seinem Auftreten mit den vorgeschriebenen Worten zu begrüßen: „Ah, mein lieber, rechtschaffener Galotti, — so etwas muß geschehen, wenn ich Sie bei mir sehen soll." Es schien mir in der Folge, als ob Grosser seinen Wörter» ganz persönliche Sticheleien unterlegte. (Schluß folgt.) Stalenbarium für bie Zeit »om 25.7. bis 1.8.1925 Luli 1925 Ab 5653 Sonnabend 25. Sonntag 26. Montag 27. Dienstag 28. Mittwoch 29. Donnerstag 30. Freitag 31. August 1925 Sonnabend l. 4. Sabbat Chason Wochen-Aöschnitt: D'worim (5. L. M. Kap. I—III, 22) 5 Haftarah: Fesaia 1 (v 7. 8. 20' Fasttag Tischo b'aw Nacht 8,55 11. Sabbat Nachmur Wochenabschnitt: D'es channan (r. 25. M Kap III, 23 bis Kap. VII, in tzastarah Jesaja Kap. 40- -