Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-07-24 · 30 (24.7.1925) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
30 (24.7.1925)
Date
1925-07-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613818--1422-2618782
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

5. Lehrgang Kummer SO Beilage 24. Juli 1925 Massen zur Tagung des Landesverbandes. Don Dr. Walter BreSlauer, Berlin. I. >/3n deutschen Dingen deutsch, in Mischen Dingen jüdisch." Die erste Tagung des Landesverbandes war einigermaßen von der Unfertigkeil der Organisation beeinträchtigt. Der Rat konnte erst um letzten Tage, und auch mit zur Konstituierung, zusammentreten. Don den Ausschüssen, in denen bei Parlamenten im allgemeinen die Hauptarbeit geleistet wird, kamen nur der Haushaltsausschuß und der soziale Ausschuh zusammen. Ueber die Aufgaben der Dollversammlung gingen die Meinungen auseinander. Die Liberalen zeigten das Destreben, praktische Arbeit zu leisten und haben es auch durchgesetzt, daß in der wichtigsten M Erörterung stehenden Frage, der des neuen Judengesehes, AichÄimep für die weiteren Verhandlungen innerhalb des Verbandes und mit der Regierung geschaffen worden sind. Dem- SÄber legte die jüdische Dolkspartei den Hauptwert auf die de programmatischer Erklärungen und konnte es sich nicht gen, von mehreren ihrer Redner Variationen zum Thema Deutschtum und Judentum vortragen zu lassen, so daß die Liberalen sich schliehlich veranlaßt sahen, ihrerseits mit grundsätzlichen, roohlabgewogenen Ausführungen Dr. Ludwig Holländers zu erwidern. Mr sind nicht der Ansicht, daß die Tribüne der Berbandslagungen dazu gebraucht werden sollte, Redeturniere über Religion 1» Volkstum zu veranstalten. Aber da die Weise einmal erklungen ist, wollen wir sie hier einmal ein wenig weiter spielen. Etwa seit dem Erfolge der Balfour-Deklaration sucht der Monismus in ollen Landern den jüdischen Dingen und Organ!- Mionen den Gedanken einzuhämmern, daß der Aufbau Palästinas ««mehr nicht mehr Sache einer nationaljüdischm Partei, nein, Herzens- und Willensangelegenheit des ganzen Judentums sei. Wem» wir ihren Berichten glauben dürfen, haben sie hiermit in manchen Ländern, deren jüdische Bevölkerung der national- Mischen Doktrin stets ferngestanden hat, wie England oder Amerika, sichtbare Erfolge erzielt: — in Deutschland hat ihr Bemühen trotz gewisser Teilerfolge im großen und ganzen positive Ergebnisse nicht gezeitigt. Woher der Unterschied? Run, einfach desh<üb, weil der größte Feind des Zionismus, der ihm den Boden unter den Füßen abgräbt, die deutschen Zionisten selbst sind mit ihrer nationalMifchen Jntransigeuz und ihrer weiten jüdischen Kreisen tief unsympathischen Galuthpolitik. Die uferlosen Utopien früherer Epochen des Zionismus scheinen verflogen zu sein. Keim verständiger Zionist bestreitet mehr, daß Palästina ln einem Zeitraum, mit dem Politiker rechnen können, jagen wir 20, 30, allerhöchstens 50 Jahre, nur einem geringen Teil der Judenheit Heimstätte werden kann — ein so unverdächtiger Zeuge wie Felix Pinner beziffert die Zahl der in den letzten 5 Jahren wirklich angefiedelten Juden auf 3500—4000 und vermag «in »vesentlich stärkeres Tempo für die Zukunft nicht vorauszMagen. Jeder verständige Zionist gibt daher zu, daß die große Maste der Judenheit sich für Gegenwart und Zukunft im „Galuth" «inrichten muß. Auf der anderen Seite gibt es kaum einen Juden, dem die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte für d ie Juden, die in ihrer bisherigen Heimat eine Existenz nicht mehr finden ■ können oder wollen, zuwider wäre, da es doch nachweislich viel mehr solcher Glaubens- oder Stammesgenossen gibt, als Palästina nnd andere EmigrationSländer fassen können. Mancher mag Palästina nicht für das geeignete Kolonisationsland hatten, ans sehr wohl durchdachten allgemein politischen, be-völkerungspolitifchen oder wirtschaftlichen Gründen; deshalb braucht er den anders Denkenden nicht entgegenzutrelen. Auch die Bestrebungen zur Förderung jüdischen geistigen Lebens in Palästina können a. priori einer Sympathie der gesamten Judenheit gewiß sein, soweit sie nicht eine jstdischnationale Beeinflussung des Galuth- Judentums bezwecken. Die Vorbedingungen für die „Befriedung" des jüdischen Lebens scheinen somit gegeben — aber im Wege steht nach wie vor die nationaljüdische Galuth Politik. Und in diesem Augenblick hören wir bei der Landesoerbandstagung von zionistischer Seite Ausführungen, die Beseitigung auch dieses Hindernisses erhoffen lassen können. Wir meinen die Ausführungen Alfred Klees, des Führers der Jüdischen Dolkspartei, die - in den Worten gipfelten: .Zn deutschen Dingen deutsch, in jüdischen Dingen jüdisch". Gegen diese Formulierung läßt sich vom Standpunkt derjenigen Gegner des Nationaljudentums, die ihr Deutschtum besonders zu betonen lieben, wenig einwenden. Eigentlich nur das eine, daß erst die Abgrenzung der .cheutschen Dinge" im Sinne des Redners von den „jüdischen Dingen" erweisen muß, ob man einander näher gekommen ist. Biel eher können diejenigen Gegner des Rationalismus an der Formulierung Anstoß nehmen, denen wie dem Unterzeichneten die pronunziatorische Betonung des Nationalen an sich unsympathisch ist. Die die Kultur- und Schicksalsgemeinschaft mit dem gesamten deutschen Volke wahren, die Glaubensgemeinschaft und den geschichtlichen Zusammenhang mit der Gesamtzudenheit aufrecht erhalten wollen; die aber meinen, daß im Geiste gerade jüdischer Lehre nicht das fluchwürdige moderne Dogma ,,wri-ght or vrrong my country“ lebensbeherrschende Macht sein soll, sondern Gerechtigkeit, Duldsamkeit, Menschentum. Aber da es dem Redner ja nicht darauf ankam, sich mit dieser Auffassung aus einanderzusetzen, so mögen diese Einwendungen gegen die Formulierung Klees hier zurückgestellt werden. Run sind wir aber nicht naiv genug, um anzunehmen, daß mit einer geschickten oder glücklichen Formulierung in der Politik viel gewonnen ist. Ein solches Bersammlungswort bindet niemanden, — kaum den Redner, der es, wenn es ihm angebracht erscheint, so auszudeuten in der Lage ist. daß der Inhalt sich völlig verändert — vgl. Michaelis: wie ich es ausfasse. Auch ist allgemein bekannt, daß Alfred Klee zwar Führer der Jüdischen Dolkspartei in der Berliner Gemeinde und Landesverbandsversammlung ist, in den maßgebenden Gremien des deutschen Zionismus aber weder Sitz noch Einfluß hat. Denn er hat zu der seinerzeit im Binjan Haarez organisierten Opposition der Gemäßigten gegen die streng nationalistische Leitung des deutschen Zionismus gehört. Aber das Bedenken gegen die Verbindlichkeit der Kleeschen These für seine gesamte Partei ist nicht einmal das Wesentliche. Denn wenn wir die Distanz zwischen der Jüdischen Dolkspartei und uns Liberalen abmessen wollen, dann messen wir praktisch naturgemäß die zwischen den beiderseitigen Flügelmännern, — wobei wir selbstverständlich uns hüten müssen, statt der in Reih und Glied stehenden Flügelmänner uns an zwischen den Reihen lrrlichtern.de Gestalten zu halten und so die Distanz künstlich zu verringern. Wesentlich ist es. zu prüfen, inwiefern nicht im Schlagwortmätzigen, sondern im Tatsächlichen die Anschauungen noch abweichen -und zu unterschiedlichen Handlungen führen.' Es mögen, ohne daß auf Vollständigkeit irgend ein Anspruch gemacht würde, drei Gebiete betrachtet werden, das der Jugenderziehung, das der Miiarbeit im öffentlichen Leben Deutschlands und das des jüdischen Gemeindelebens. Auf dem Gebiet der Jugenderziehung enthält der Kampf um die jüdische Volksschule — der demnächst eine besondere Betrachtung gewidmet werden soll — nicht das Wesentliche. Die Konservativen um M. 31 Loeb, die Mittelparteil-er um Reumann, die beide die Mische Volksschule unbedingt wollen, wir Liberalen, die wir uns unter gewissen Umständen und Bedingungen, die aufzuzeigen sein werden, mit einer solchen abfiniden würden — sie alle wollen deutschen Kulturinhall (und jüdischen Glaubensinhall) in dieser Schule geben — die Bolksparteiler. auch die „Gemäßigten" wie Klee, erstreben eine nationaljüdische Volksschule. Sie wollen mit hebräischen Kindergärten beginnen — sie haben begonnen! —, sie wollen vielleicht heute noch nicht das Hebräische als Unterrichtssprache in der Volksschule, aber sicherlich ist die hebräische Unterrichtssprache ihr Ideal; sie wollen guten deutschen Unterricht -- aber nur. weil man ja auch fremde Sprachen, die man nötig hat, gut erlernen sott, nicht eine Lehre des Deutschen als der beherrschenden Drache für das künftige Leben der Kinder; sie wollen jüdische höhere Schulen — gewissermaßen als Vorstufe für die Universität in Jerusalem. Und das ist, was wir alle, auch wenn wir keineswegs nationaldeutsch oder üSutschnational sind, nicht wollen. Und zwar nicht zum wenigsten im Interesse unserer Kinder. Denn da der Zionismus nur den wenigsten von ihnen eine neue Heimat geben kann, wollen wir nicht, daß er die große Mehrheit in eine geistige und seelische Disposition verseht, die es ihnen erschwert oder unmöglich macht, dort ihren Platz auszufüllen, wohin sie das Schicksal gestellt hat. Das Problem der „Synthese zwischen Deutschtum und Judentum", wie Holländer es aus-örückt, -er „Assimilation", wie es die Zionisten abfällig bezeichnen und wie wir es ohne Schimpf nennen wollen, ist gewiß nicht leicht. Aber schon hat die große Mehrzahl einer Generation es verstanden, es ohne Aufgabe eines selbstbewußten Judentums zu meistern. Wenn der Einzelne nicht damit fertig wird, — wenn er glaubt in Palästina zur Einheit zu gelangen, — Glück aut den Weg. Hundertfach schwerer aber als die Probleme der Assimilation sind die Röte der „nationalen Minderheit", die ihre wirkschaftlichen Interessen hier, ihre geistigen und seelischen jenseits der Grenzen, ja weit über den Meeren hat, — und davor, sich ohne äußeren Zwang, aus freiem Entschluß, in ein solches geistiges Ghetto zu begeben, wollen wir d i e Mehrheit unserer Jugend bewahren, der der Zionismus eingeständlich doch nicht die neue Heimat geben kann. Die Einstellung aber, die wir der Jugend vermitteln wollen, wünschen wir erst recht von der jetzt schon herangewachsenen Generation. Freilich wird bei den Erörterungen hierüber hüben und drüben unseres Erachtens viel gesündigt. Es erscheint uns ebenso abwegig, den Nationaljuden vorzuhalten, daß das Fehlen eines (100 % igen? 98- oder 51 "Ligen?) Patriotismus sie zu Staatsbürgern minderer Qualitäten mache, noch auf der anderen Seite etwa darauf hinzuweisen, daß die zionistische Jugend sich in Kriegszeiten staatsbürgerlich bewährt habe. Was man aber mindestens während eines Jahrzehnts an seinen guten nationaljüdischen Freunden und Bekannten immer wieder nicht mit Borwurf, sondern mit Schmerz feststellen konnte, war das eine: daß ihr Interesse an ihrer Sache sie den hiesigen Interessen entfremdete. Der politisch Interessierte kannte aufs genaueste die Richtungen des Ralionaljudentums in Amerika oder Palästina — deutsche Politik aber war ihm höchst uninteressant; der Jurist beschränkte sein über das Berufliche hinausgehendes Maß von Interesse auf jüdisches Recht; mit dem Lehrer, dem Volkswirt lag es nicht anders. Ein Symbol: man hißt in Deutschland statt der schwarz-rot-goldenen die blau-weiße Fahne. Obwohl viel mehr Bekenntnis auch zum Judentum darin liegt, wenn man als Jude die „Iudensahne" zeigt und nicht das Zeichen. Lessen Bedeutung hier nicht verstanden und das vielleicht von Völkischen sympathisch als Bayernfayne begrüßt wird. — Aber auf diesem Gebiet scheint sich bereits ein Wandel anzubahnen, der besonders sichtbar ist in den Personen der „Regierungszionisten" wie Badt oder Goslar. Ich verstehe nicht, warum diese Persönlichkeiten von manchen Anlizionisten als besonders unerfreulich betrachtet werden. Es mag parteipolitisch unbequem, sein, daß sich die zionistischen Kreise so guter Verbindungsmänner zu den maßgebenden Stellen erfreuen können, — aber das ist kein sachlicher Gesichtspunkt. Ideengeschichtlich begrüßen wir es als einen richtunggebenden Fortschritt, daß Führer des Zionismus so wenig nationaljüdisch sind, daß sie an -den Geschicken des deutschen Volkes nach besten Kräften Mitarbeiten. Wohl versiehe ich es — ich bitte mir die persönliche Bemerkung zu gestatten — als -einfacher unorganisierter Wähler der S. P. D. nicht, daß ein Abgeordneter der Partei wie Badt im jüdischen Leben stich als Nationalist betätigt. Aber immerhin, seine und Goslars unangefochtene Betätigung in der allgemeinen Politik gibt doch der Hoffnung Raum, daß nicht mehr wie vor 15 Jahren ein Schriftsteller von den Zionisten umjubelt wird, der feinen deutschen und jüdischen Fachgenossen zum Vorwurf macht, daß sie .den geistigen Besitz eines fremden Volkes verwalteten", daß vielmehr das neue Deutschland sich das Interesse und die Mitarbeit der wertvollen Kräfte, die der deutsche Zionismus birgt, weiter zurückgewinnen wird (niemand wird ihnen verargen, wenn sie sich daneben für jüdische Kolonisation in Palästina interessieren). Wie aber ist es im Gemeindeleben? Seit Jahren bemühen sich die Zionisten um Einfluß, um Mehrheit in den Gemeindestuben. Aber die Politik, die sie dort treiben, trägt ebensowenig wie ihre Schulpolitik den Realitäten Rechnung. All ihr Bestreben läuft auf Absonderung, auf Lockerung der kulturellen Zusammenhänge mit der Außenwelt hinaus — in der Idee, daß der Weg vom jüdischen Ghetto leichter nach Palästina führt als aus einer, sagen wir einmal: -europäischen Gemeinde. Daher die Unterstützung aller orthodoxen Wünsche durch liberale, womöglich areligiöse, Zionisten, daher das Interesse für beinahe absonderliche Dinge, wie den Wiederaufbau einer jüdischen Gerichtsbarkeit, eines Beth-Din. Nur dieser, vom engsten Nationaljud5ntum hergeholte Geist ist es. der die Zionisten als Jüdische Volkspartei parteimäßig bindet. Bezeichnend ist, daß, wie wir hören, die Dolkspartei zu den sahungsgemäßen besonderen Ausschüssen des Landesverbandes für orthodoxen und liberalen Kultus einen dritten nationaljüdischen verlangt, weil ihre nationaljüdische Einstellung auch die religiösen Auffassungen richtunggebend beeinflusse. Solche Dinge lassen einen Ausgleich der Gegensätze zum deutschen Zionismus noch nicht als bevorstehend erscheinen, trotz Klees geschickter Formulierungen. Wir wollen ihm unsere Auffassung entgegenstellen: Wenn der deutsche Zionismus bestrebt sein wird, der jüdischen Jugend jüdisches Wissen und Interesse für seine Kolonisationsarbeit zu vermitteln, aber vermeiden wird, ein den Interessen und dem Leben der Umwelt fremdes Geschlecht, eine nationale Minderheit, die sich im Galuth fühlt, heranziehen zu wollen. wenn die Masse der deutschen Zionisten demgemäß mit teilhastig sein wird des Strebens der Gemeinschaft, in die sie das Leben gestellt hat und der sie — die Masse — gar nicht entsiiehen kann, wenn die Zionisten im Leben der jüdischen Gemeinden im Geiste eines lebendigen Judentums Mitarbeiten werden, ohne sich als natioiraljüdische Partei abzusondern und als solche ihre Spezialität in der Konservierung abgestorbener Zwerge des Judentums zu sehen, — dann, ja dann, werden wir zu der Gemeinschaft jüdischen Strebens kommen, die die Gegenwart vorerst nur schwach erhoffen läßt. _ Wiener Brief. Geistige Seuchen. Die Anfrage der verehrlichen Redaktion über die Rolle, welche die derzeit im Berliner Nelson-Theater gastierende Wiener Truppe Leopoldi-Wiesental hier spielt, muß ich leider dahin beantworten, daß sie sich in den hiesigen Kreisen, die man in der zur Bescheidenheit auf allen Gebieten nötigenden Nachkriegszeit als den „gebildeten" Mischen Mittelstand ansieht, einer gewissen Popularität erfreut. Diese Popularität spricht aber durchaus nicht f ü r die Künstlerschar, sondern nur gegen den Geschmack unseres jüdischen Mittelstandes. Wenn das Berliner Publikum ein feineres ästhetisches Empfinden und vor allem mehr Gefühl für jüdische Ehre zeigen sollte, würden dies hier jene Kreise, die seit Jahren gegen die Verseuchung des jüdischen Geschmacks durch die Zote -und die Abstumpfung gegen die jüdische Selbsterniedrigung des Jar-gonwihes zu Felde ziehen, als eine Aneiferung empfinden, die nachgerade schon sehr notwendig geworden ist. Denn der Plan mit dem dieser Feldzug seinerzeit, als noch die berüchtigte „Budapester Orpheumgescllschast" im Zenit ihres GlanzeS stand, begonnen wurde, bat seither erheblich nachgelassen. Ja, cs mutz sogar die betrübliche Tatsache festgestellt werden, daß auch solche Persönlichkeiten, die in diesem geistigen Kriege früher eine führende Position innchatten, ins andere Lager übergegangen sind mid mit den Wölfen heulen oder besser gesagt: mit d-en Schweinen gvunzen. Ich habe erst in einem meiner letzten „Wiener Briefe" auf die Wandlung des jüdischnationalen Schriftstellers Beda (Dr. Fritz Löhner) hingewiesen und sein launiges Geständnis Zitiert, daß -er es jetzt nicht mehr, wie einst als Jüngling, auf den Parnaß, sondern nur mehr auf Parnotze abgesehen habe. Dieser einstige Vorkämpfer jüdischer Geisteskultur und jüdischen Selbstbewußtfeins hat — nicht nur als äußerst gewandter Textdichter von Operetten und Chansons — den Weg zur Zote gefunden, sondern veröffentlicht auch in der „Wiener Sonn- und Montagszeitung" Gedichte, die ebensogut in einem antisemitischen Witzblatt stehen könnten und sich in nichts von jenen Geistesprodukten unter- ' scheiden, gegen deren Vortrag dereinst zionistische Studenten regelrechte Theaterskandale herausbeschworen. Für die Wandlung, dir hierin erfolgt ist, ist bis zu einem gewissen Grade Herr Karl Kraus, der berühmte Herausgeber der „Fackel", verantwortlich. Als das bekannte Lustspiel „Die fünf Frankfurter" im Wiener Burgtheater — damals noch k. u. K. Hosbühne — das Licht der Rampen erblickte, schrieb der Kritiker eines „vornehmen" Blattes empört, durch Annahme dieses Stückes, in dem — man denke! — gejiidelt wird, habe sich die erste deutsche Bühne ans das Niveau der „Budapester Orpheumgefellschaft" begeben. Dieses Wort griff der Fackel-Kraus auf und schrieb zur ungeheuren Verblüffung von Iud und Christ, die Erreichung des Niveaus der „Budapester" wäre für das Burgtheater künstlerisch keine Erniedrigung, sondern eine — Erhöhung. In diesem senfationellen Artikel wurde das damals einzige jüdische Jargonoariet.'- mit seinen Darstellern und seinen Hausdichtern für das litcrarifd;e Wien entdeckt — das nichtiiterarische hatte schon längst in immer wachsender, durchaus nicht auf die Anhänger einer Konfession beschränkter Zahl hingefunden. Nun kamen auch die Aeslheten und literarischen Snobs. Die zionistischen Studenten erinnerten sich, daß sie nicht nur ihrer Ration, sondern auch ihrer Geistigkeit gegenüber Pflichten hätten und luden den früher von ihnen angefelndeten Komiker Erfenbach auf die — Universität, wo er im Nahmen des politisch Indifferenten, aber von Jüdischnationalen geleiteten „Akademischen Verbands für Literatur und Musik" Vorträge hielt. Er rezitierte den roten Itzig aus Beer-Hofmanns ,Oraf von Charolais", den Shylock usw. Zum Glück besaß er aber neben seinem ohne Zweifel ganz ungewöhnlichen schauspielerischen Genie auch genug gesunden Menschenverstand, um von solchen literarischen Extratouren immer wieder in sein eigentliches Darsteller-Metler zurückzufinden, -in dem er schlechthin unübertreffbar war, dem des jüdischen Charakterkomikers. And als solcher konnte er sich nirgends besser ausleben als im Rahmen der „Budapester Orpheumgesellschast", die zwar nach ihrer eben geschilderten ,Entdeckung" ihren Namen änderte und aus der Leopoldstadt in die innere Stadt übersiedelte, in ihrem Wesen jedoch immer dieselbe blieb. Eine kleine, aber berufene Schar von Hausdichtern, deren Hauptvorzng ein freudig zur Schau getragener Mangel an literarischer Ambition war, schrieb Eisenbach und seinen gleichfalls hochbegabten Kollegen mit verblüffender Bühnentechnik und urwüchsigem Mutterwitz die Rollen auf den Leib. Einer von diesen Schriftstellern, der jüngst verstorbene Otto Taussig, übte seinen drastischen Witz sogar überS Grab hinaus, denn er wurde auf dem — katholischen Friedhof bestattet.... Während es die Stärke all dieser Autoren und Schauspieler war, daß sie die Anbiederung der Literaten ohne Schädigung ihrer Eigenart überstanden, kamen die „Schöngeistigen" aus der Berührung mit der Eisenbach-Sphäre nicht so glimpflich davon. Sie verfielen plötzlich dem Hang, ihre feingeschlisfenen Essais mit Jargonausürücken zu „würzen". Bahnbrechend in dieser Beziehung wirkte merkwürdigerweise ein Arier, der Theater- Kritiker und jetzige Herausgeber der „Bühne" Dr. Hans Liebsiöckl. Dieser witzige Kopf und vertreffliche Stilist ist durch besagte Manie geradezu ein Schrecken für jeden Leser mit einigermaßen ausgeprägtem Takt- und sprachlichem Feingefühl geworden. Ueberflüssig zu sagen, daß ihm die zahllosen jüdischen Literat-en nacheifern, ohne indes seine Meisterschaft zu erreichen. Ich erinnere mich, einen Bortrag Anton Kuhs über die Jeßnersche Inszenierung „Richard III." gehört zu haben. Der Vortragende stand in tadellosem Frack auf dem Podium eines vornehmen Saales und auch seine Sprache trug sozusagen große Toilette. Plötzlich fällt wie eine Bombe die Antithese: „Shakespeare und — Eh u z p e" in den Saal . . . Das Wort „Frechheit" hätte natürlich dasselbe -ausgedrückt, aber doch nicht dieselbe Wirkung geübt. Denn bei dem Klange -der in solchem Zusammenhang ganz unerwarteten sprachlichen Lisenbach-RemimSsenz begann unwillkürlich alles zu schmunzeln und Herr Kuh yatte so auf die einfachste Weise eine Wirkung erzielt, die sonst einen größeren Aufwand von Geist zur Voraussetzung hat. Oskar Wilde hat es bei seinem berühmten Hang zu Antithesen nicht so leicht gehabt . . . Diese Feststellung deutet schon die Gefahren an, die dieser Manie immanent sind. Eine Llteratur, der auf so bequeme Art Heiterkeitserfolge beschieden sind, wird immer mehr das Gepräge tragen: ,Zimmer, wo Begriffe fehlen, dort stellt ein — Jargonwort zur rechten Zeit sich ein." Und ein Publikum, dessen Zwerchfell einzig und allein aus Jargon-ausdrücke eingestellt ist, muß naturgemäß alles Jüdische gls etwas an sich Lächerliches empfinden. Ein derartiger Kunstgenuß erzieht also ein christliches Auditorium zum Antisemitismus und bewirkt im jüdischen eine Renaissance der Ghettopsychose. Diese Gefahr wächst selbstverständlich mit der Breite des Auditoriums. Borträoe über Shakespeare-Jnszenierü-noen können deshalb trotz Entgleisungen ä la Kuh nicht solchen Schaden anrichten, wie jene Kabaretts, die das Erbe der „Budapester" angetreten haben. Und unter diesen figuriert die Truppe W i e s e n t a l an erster Stelle. Herr Wiessnbri hat höhere Ambitionen als der selige Erfenbach, denn er nennt sich „Professor". Eisenbach, der gelegentlich, wie oben erzählt, wirklich von einer Unioersitätskanzel herab zu Morte kam, ist so etwas nicht eingefallen. Für ihn war das Witze-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.