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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-07-17 · 29 (17.7.1925) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
29 (17.7.1925)
Date
1925-07-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Liberaler Sabbat. Bon Rabbiner Dr. Albert Kahlberg. Einer der schwersten Vorwürfe, ü-rr immer wieder — namentlich auch während des letzten jüdische!'. Wahlkampfes — dem jüdischen Liberalismus gemacht wird, ist seine Gleichsehung mit dem Indifferentismus. Aber wer diesen Vorwurf erhebt, ber begeht den logischen Fehler, alle die Juden, die weder Zionisten noch Orthodoxe sind, einfach den Liberalen hinzuzuzählen. In Wirklichkeit ist die Zahl der Indifferenten unter den eingeschriebenen Mitgliedern der liberalen Vereinigung doch wohl keineswegs größer als unter denen der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" und der zionistischen Vereinigung. Der Hauptgrund für diese Verkennung des Liberalismus scheint mir darin zu liegen, daß itjnt der rechte geistige Austrieb, die begeisternde, namentlich nach außen hin in Erscheinung tretende Idee fehlt. Die Orthodoxen oder, wie sie sich lieber nennen, die Gesetzeslreuen haben solch ein Ideal im „Gesetz", das um jo wirksamer ist, als feine Erreichung an der Realität des Lebens vielfach scheitert, jedenfalls hinter dem idealen Streben weit zurückbleibt. Bei den Zionisten liegt es ähnlich. Von dein „Lande der Vater" schwärmen sie in der Jugend und reißen diese begeisternd unb begeistert mit sich fort, nicht obwohl, sondern errade weil nur ein kleiner Teil in der Lage ist, skr sich dieses Ideal zu verwirklichen. Was aber haben wir, welches Ideal vermag der jüdische Liberalismus aufzustellen? Nun, wir betonen immer voller Stolz die reine Glaubensanschauung der jüdischen Religion und weisen aus die erhabenen Menschheitsideen hin, die bereits vor Jahrtausenden jüdische gottbegeisierte Männer, hauptsächlich unsere Propheten gekündet haben. Aber diese gewiß hohen Ideale sind doch nicht spezifisch liberal. Gibt es doch — von den zahlreichen Zionisten, die religiös aus liberalem Standpunkt stehen, abgesehen — auch unter den Gejetzestr-eueii einige, die in Glaubenssachen durchaus nicht orthodox, sondern aufgeklärt, liberal denken. Auch sie sind davon durchdrungen, daß des Judentum keine Dogmen im Sinne von verpflichtenden Glaubenssätzen kennt. Ihre rellgionsphilosophische Weltanschauung ist daher oft so frei, daß man staunen mutz. Um aber den prophetischen Idealen, Menschenliebe, Wahrheit und Gerechtigkeit nachzustreben, oder um Mord, Ehebruch, Diebstahl, Lüge usw. zu verdammen, braucht man kein liberaler Jude zu sein. Diese Ideale sind deshalb praktisch auch von zu geringer Bedeutung. Das .Judentum ist aber nun einmal die Religion der Tat, also der Praxis. Daran müssen auch wir Liberalen festhaltcn. Aus diesem tzViste heraus sind vielleicht nicht zum wenigsten seinerzeit wohl euch die „Richtlinien" entstanden. Daß ihr Erfolg ein so bedauernswert geringer ist, scheint mir u. a. auch daran zu liegen, daß sie dem Menschen zu sehr enlgegenkommen, daß sie viel zu wenig von ihm verlangen. Religiöse Betätigung aber erfordert, wie jedes Ideal, Opfer. Gewiß ist manche Leistung des Liberalismus, die negativ zu sein scheint, durchaus als positive Tat zu werten. Aber die Modernisierung des Gottesdienstes, hie Einführung deutscher Gebete, des Chores und der Orgel usw., Einrichtungen, die in gewisirm Sinne heute schon vielfach „konservativ" geworben sind, alles dies mag wohl manchem, der am Althergebrachten hing, in der ersten Zeit nicht gleichgültig gewesen sein, ein Opfer ist es wohl kaum für irgendeinen geworden, sich damit abzusinden. Haben wir liberalen Juden also kein Ideal, das geeignet wäre, Begeisterung auszulösen und dem religiösen Betätigungsdrang zu entsprechen? O, es gibt im Judentum eine Füll« von Ideen, deren Ewigkeitswert unbestritten ist, so daß auch der moderne, aufgeklärte, der liberale Jude ihre Bedeutung für die Gegenwart durchaus bejaht. Hierzu gehört an erster Stelle die Heilighattung der Idee des Sabbats und der Festtage. Run besteht allerdings über die Art der Feier dieser Tage eine große Meinungsverschiedenheit zwischen den religiösen Richtungen im Judentum. -Wir liberalen Juden vertreten zumeist den in den „RichÄMten" niedergelegten Standpunkt, daß am Sabbat nichts als verboten gelten kann, was seine religiöse Weihe nicht beein- Widjtögt, während für den Orthodoxen der Talmud und Schulchan aruch mit ihren Verboten der 39 Haupt- und vieler davon abgeleiteten Reben-„M'lochaus" maßgebend ist. Aber in einem stimmen wrr all« überein, daß nämlich die berufliche Tätigkeit am Sochhat verboten ist. Das müssen auch die „Richtlinien" zugeben. Aber diese begehen dabei den Fehler, daß sie wiederum Konzessionen machen. Sie wünschen, daß man den Freitagabend mit besonderer Feierlichkeit begeht. solange die Helll-ghaltung des Sabbats durch Arbeitsruhe an den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen scheitert. Damit ist <io facto die religiöse Forderung wieder aufgehoben. Man könnte einwenden, daß jc^ auch die Konservativen den Sabbat nicht mehr halten, daß auch sie die Harle Notwendigkeit zwinge, am Sabbat den Berufsgeschäften zu obliegen. Allein das ist nicht stichhaltig. Denn der konservative Jude hält den Sabbat, hält ihn nur nicht völlig und nicht im liberalen Sinne. Aber er unterläßt an diesem Tage doch vieles, was der Schulchan aruch zu tun verbietet. Wenn wir diese Vorschriften für z. T. überlebt und für nicht mehr maßgebend halten, so ergabt sich doch für uns die unabweisbare Pflicht, dir Forderung aufzusteilen, den Sabbat im liberalen Sinne zu halten, also an ibiü nichts zu tun, was wir ''löst für Arbeit und deshalb für verboten halten. Aber das ist doch eine ganz unmögliche Forderung, eine vollkommene Utopie! Das mag sein, allein eine idoa-le Bewegung, eine religiös-sittliche Forderung darf sich nicht um die praktische Durchführbarkeit kümmern. Wenn unsere Propheten von der messiauischen Zeit sprachen, wenn Kant über den ewigen Frieden schrieb, waren das keine Utopien? Und liegt die unsterbliche Größe dieser Männer nicht gerade in der Tatsache begründet, daß sie Utopisten oder, besser gesagt, Idealisten waren? Können wir ferner nicht mit großer Genugtuung fesistellen, daß im Lause der Jahrhunderte diese Ideen doch schon Fortschritte gemacht haben und wenigstens teilweise Wirklichkeit geworden sind? Haben wir nicht ein Völkerrecht, mag es auch häufig verletzt worden sein? Existiert nicht sogar die Einrichtung des Völkerbundes, mögen ihr auch noch viele Mängel anhasten? Sehr lehrreich wirkt auch ein Vergleich mit dem Zionismus. Als Theodor Herz! daran iwdrie, Palästina als rechtlich - gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk von der Türkei zu Kausen, da nannte man diesen Plan mit Recht eine Utopie. Aber Herz! ließ sich nicht irre machen, auch nicht, als nach dem Sturz des Sultans Abdul Henridurch die Iungtürken jede Hoffnung geschwunden war, daß diese türkischen Patrioten auch nur einen Fuß br-eif ihres Landes freiwillig hergeben würden. Herzt schrieb sein „Altneulanü" mit dem Motto: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen!" Und heute? Grade wir Gegner des Zionismus sollten uns hüten, die gewaltigen Erfolge der zionistischen Idee zu verkennen und immer nur die Schwierigkeiten zu sehen, die allerdings der völligen praktischen Durchführung noch entgegenfieheit. Wenn wir solche Erwägungen auf unser Thema übertragen, dann dürste uns die Verwirklichung der Idee des liberalen Sabbats vielleicht nicht mehr so ganz unmöglich erscheinen. Wir wissen, daß man in England schon seit langer Zeit die Einrichtung des sogenannten „weck ond" hat, und daß diese immer mehr Boden gewinnt. Auch in Deutschland beginnt sie einzudringen. Darum gilt es. die Juden mit dem heiligen Willen zur Sabbathrillaung schon jetzt zu erfüllen, damit d'-ese Wirklichkeit wird, wenn einmal die äußeren Schwierigkeiten geringer geworden oder gänzlich geschwunden sein sollten. Roch ein Ernwand könnte erhoben werden: Von dem Bewußtsein erfüllt, daß die staatlich eingerichtete Sonntagsruhe doch zweifellos einen Erfolg der alten jüdischen Sabbo.tidee darstellt, könnten wir doch den Schwierigkeiten, die sich uns bei der Absicht ihrer völligen Verwirklichung eutgegenflellen, am besten begegnen, wenn wir statt am Sonnabend am Sonntag den Sabbat ganz streng (im liberalen Sinne natürlich) hielten. Was dagegen vom rein jüdischen Standpunkt anzuführen wäre, bleibe hier unerörtert. Rur der rein religiöse Gesichtspunkt soll an dieser Stelle nochmals hervorgehoben werden: Jeder Tag känre als Sabbat in Betracht, nur nicht ber Sonntag. Denn diesen Tag durch Arbeitsruhe zu feiern, ist kein Opfer, sondern Beobachtung eines Staatsgesetzes, und sollte diese Beobachtung einmal großen Schwierigkeiten begegnen, so läßt der Staat mit Recht Ausnahmen zu. An den letzten Sonntagen vor Weihnachten z. B. wird die Sonntagsruhe unterbrochen. Für eine religiöse Einrichtung darf es natürlich, ebensowenig wie für eine sittliche Tlusnahmen geben. Wie aber würben sich die Vertreter einer Sabbatruhe am Sonntag dazu stellen, daß sie an den letzten Sonntagen vor Weihnachten ihre Geschäfte geschlossen halten mühten? Müßte dieses Opfer aber unbedingt gebracht werden, so dürfte^es rättich-rr sein, an der jüdischen Art der Durchführung der Sabbatidee möglichst festzuhalten. Ich bin mir sehr wohl bewußt, daß die Verwirklichung dieser Gedanken noch im wetten Felde liegt. Aber es kann m. E. dem liberalen Judentum nur zum Vorteil gereichen, wenn über diese Frage einmal ernstlich diskutiert wird. Wir reden doch jo häuft z vom jüdischen Optimismus. hier ist Gelegenheit, ihn zu beweisen. Wir müssen nicht nur an das Judentum, sondern auch an die Iudenheit glauben, müssen ihr Zutrauen, daß sie nicht allein materiell, sondern auch rd-ral zu denken und zu handeln vermag, und müssen ferner hoffen, daß auch im ideellen Sinne einmal andere und bessere Zeiten kommen werden. Auch in unserem Zeitalter aber werden wir um so mehr erreichen, je höher wir unsere religiösen Forderungen stellen. Das geringe Verlangen der „Richtlinien" wild für viele alsdann ein Mindestmaß der Forderungen sein, die sie an sich selbst stellen, und durch ihr Beispiel werden diese manchen Laufen aufrütteln und so die Zahl der Indifferenten immer mehr verringern, die der liberalen Juden immer mehr erhöhen. Aus der Bewegung. SH »♦4 Berlin. Zu Anfang des Monats Jom hat sich im Osten Berlins ein-e Bezirksgruppe des Liberalen Vereins der jüdischen Gemeinde zu Berlin gebildet. Die Leitung des provisorischen Vorstandes liegt in Händen von Rechtsanwalt Frl. Dr. Bereut, Landsberger Straße 32, Fernruf Alexander 5364. Anfragen und Anmeldungen den Bezirk Osten einschließlich Lichtenberg betreffend, sirrd an diese Adresse zu richten. Die Mitglieder des Liberalen Bezlrkvereins Osten werden gebeten, eine rege Werbetätigkeit zu entfalten. Für Ende August ist eine größere Versammlung geplant. Nähere Mitteilungen gehen den Mitgliedern noch zu und werden auch an dieser Stelle veröffentlicht. Magdeburg. In der am Sonntag, den 28. Juni, slattgefundeuen Versammlung des Jüdisch-Liberalen Iugendbundes „Heimat", Magdeburg, wurde an Stelle des vor einiger Zeit ausgeschiod-enen Kassierers Waldemar Goldschmidt Herr Egon Michel, Gareisstraße 14, Telephon 6023, zum Kassierer gewählt. iT'In Berlin. (Liberaler Synagoacnverein Norden, Sckv.Käufer Allee 162.) Der Gottesdienst beginnt regelmäßig an jedem Freitagabend um 7 Ahr 15, am Sonnabendvormittag'um 10 Ahr. Predigt Rabbiner Dr. Salomonski. Am Mittwoch, den 29. Juli (9. Ab.), abends 7 Ahr 15, Gottesdienst mit Predigt. Karten für die hohen Festtage sind noch in beschränkter Anzahl in unserer Geschäftsstelle (A. Zander, Berlin E 34, Linienstraße 45, Telephon Norden 3233) zu haben. Bestellte Karten müssen bis zum 31. Juli abgeholt werden. Breslau. (Jüdisch-liberaler Iugcndverein „Abraham Geiger"). Sonntag, den 26. Juli Ganztagsansflug nach dem Zinobersee und durch die herrlichen Oberwälder. Sonntagsfahrkarte 4. Klasse nach Laskowitz-Beckern selbst lösen! (Fahrpreis 1,20 M.) Abfahrt 8 Ahr vom Haupkbahnhof, Baynsteig 3. Treffpunkt X»8 Ahr früh vor dem Nordhotel. Führung Georg Jonas, Ohlau. Gäste willkommen. Magdeburg. (Jüdisch-liberaler Iugendbund Heimat".) Ami Sonntag, «dem 19. d. M. findet eine Halbtagsradtour nach dem Pretziner Wehr statt. Treffpunkt: Pünktlich um Ahr am Kaiser-Otto-Denkmal (Alter Markt). Rückkehr gegen 1 Ahr mittags. Beitrag. Mir beginnen jetzt die bisher noch nicht gezahlten^. Mitglieds- und Abonnementsbeitrüge für das dritte Vierteljahr 1925 durch Nachnahme einzuziehen. Wir bitten, im Interesse einer gedeihlichen Fortführung unserer Arbeit für Einlösung der Nachnahmen Sorge tragen zu wollen. Vereinigung für das liberale Judentum E. V. war faß ganz von vier alten Linden verdeckt. Auf der Türsch welle stand Tante Pauline und rief uns ein „Willkommen" entgegen. Das alte Doktorhaus in Klötze — liebe, wehmütige Erinnerung, »eie Meilen hinter der Zivilisation, und doch eine Heimstätte feinster Äatöur, modernsten Strebens und wahren Judentums! Man lebte damals noch in jener idealen Zeit, wo ein Jude .zwar ein Jude war, aber diese Taffache durchaus kernen Grund abgab, pflichtigelreue Menschen als Bürger zweiten Ranges zu bettachten. So ist Onkel Phoebus in den vielen Jahren seines Wttkäis kn diesem kleinen Rest, wo er fast her einzige Vertreter seiner Religion war, immer der Geachtetsten einer gewesen und hat in engster Fühlung mit dem Superintendenten, dem Bürgermeister ttfxt). gearbeitet, ohne je eine Spur seines jüdischen Slam- Msbewuhcheins aufzugeden. Was war er aber auch für ein Mann! Früh des Vaters beraubt, erzogen von einer in Bildung einfachen, aber an Ver- >stand und Herzenstakt reichen Mutter, gefördert von bedeutenden Lchrern, hatte er sich trotz drückender pekuniärer Vechättnisse ein umfasiendes Wissen angeeigne-t. Er war in allen Fächern der Naturwissenschaften von genialem Scharsbück, in alten Sprachen und Philosophie bewandert und besonders eine Leuchte in allem, was Kunde vom Judentum, jüdischer Geschichte und Jüdischer Religions-Philosophie gab. Man hatte ihm eine bedeutende Anwerfttätskarriere prophezeit)t, aber als Jude war ihm dieser Wog verschlossen. Dazu kam eine frühzeilige Verlobung und -Le Verpflichtungen gegen die alternde Mutter. So entschloß er sich „für ein paar Jahre", das sichere Brot in dem 'Weinen Ort anzunehmen, und daraus ist ein ganzes Leben in der Kleinstadt geworden. Es mag ihm anfangs schwer geworden sein, so von allen Anregungen, von allem Austalffch mit Gleichstrebenden abgeschlossen zu sein. Bald aber baute er sich das Lri>en in seinem Sinne auf, und es wurde reich und segensreich. — Seine ärztliche Tätigkeit führte ihn weit über den Bezirk seines Wohnortes hinaus, er wurde in diesem abgelegenen Erdenwinkel der allgemeine Helfer, der Bringer neuer 2deen in seiner Wissenschaft. Sein gütiger Zuspruch, seine leichte Hand waren überall willkommen. Wenn er in seinem Wogen die weiten, endlosen Sandwege .churchmahlte", hatte er stets e>m wissenschaftliches Buch bei sich, und sein nie rastender Wissensörany fand reiche Nahrung in der Lektüre. Daheim war er abends mit literarischen und philosophischen Studien beschäftigt, ober er arbeitete für die vielfachen Veröffentlichungen seines Bruders Ludwig Philippson, oder er war mit der "Abfassung soines großen Romans „Der unbelrannte Rabbi" beschäftigt. — 3ch habe nie begriffen, woher dieser Mann die Zeit nahm, sich >o weiterzubilden und zugleich sich mit Größtem und Kleinstem zu beschäftigen. Er war jo sehr der beherrschende Geist in allem, was in seinen Amkreis kam, daß man ihn am besten aus seinen Wirkungen erkennen konnte. Eine eigenartige Frau hatte er an seiner Seite. Feingebildete Städterin aus gutem Hause, war sie dem geliebten Manne in Oo!} kleinen Ort gefolgt. Sie schien ganz in Wittschaftssorgen auszugehen, aber dennoch war sie stets unterrichtet in allen Tagesftagen, kannte die besten Bücher, interessierte sich für die bedeutenden Forffchritte, welche die Wissenschaft gerade in jener Zeit machte. Ihre einzige Tochter hatte sich früh nach Berlin verheiratet, der Sohn studierte in 3eiia; so war sie fast den ganzen Tag ans sich selbst angewiesen. Sie unterhielt zwar Geselligkeit mit den Mitbürgern, fand unter den Frauen wohl aber keine, die ihr geistig etwas bieten konnte. Auch sie hatte eine wundervolle Kunst der Tageseinteilung, die es ihr ermöglichte, all ihren zahlreichen Pflichten nachzukommen, ohne ihre Privatlnteressen und Studien zu versäumen. Außer „Sanitätsrats" lebten, wie gesagt, nur noch wenige Juden in Klötze, aber eine hübsche, kleine Synagoge befand sich dort. Sie stand als achteckiger Bau in dem Garten des Kaufmanns", der ein wohlhabender Mann und entfernter Verwandter von -uns war. Das Gebäude war ziemlich alt, leider unbestimmbar, und enthielt herrliche uralte Si'lbergeräte, die sich» noch im Besitz meiner. Verwandten befinden, und schöne gestickte ,LHor abänder". Das alte Tempelchen ist in pietätvoller Weise von den Nachkommen jenes Kaufmanns abgerissen worden, als die letzten Juden den Ort verließen, um eine mögliche Profanierung zu verhindern. Die Feiertage versammelten uns damals regelmäßig in dem kleinen alten Gebäude, das soviel zu erzählen gewußt hätte, wenn man nur seine Sprache recht verstand. Jehl ist es vergangen gleich den Menschen, die darin andachtsvoll der Stimme Phoebus Philippsons lauschten, wenn er die Thora vorlas oder aus seinem warmen Herzen eine Ansprache an die wenigen versammelten Glaubensgenossen hielt. Auch sein Roman „Der unbekannte Rabbi" ist so gut wie verschollen. Aeltere Leute haben mir oft von dem Entzücken und der Spannung erzählt, welche dieses im Stil Jean Pauls geschriebene, von reichen philosophischen Betrachtungen durchzogene Werk seinerzeit auslöste. Ein so vielseitiger, hochgemuter und vornehmer Mensch war nicht nur Arzt für den Körper, er war Seelenarzt und Anreger für viele, durch sein Beispiel, seine feine Art der Wohitätigkeit. feine unermüdliche Aufopferung hat er mehr gewirkt, als sonst in dem Bereich des einzelnen liegt, und ist so ein Pionier des Judentums geworden, der bewiesen hat, wie man Jude und dldensch sein soll. (Sin unbekannter Brief Berlhald Auerbachs. Mitgeteilt von M a t i l b e Reumark, Nürnberg. __ Wenn ich in meinen leider nur allzu seltenen Mußssbunben Einkehr und Umschau halte in meiner „Rarttätemsammlun-g", wenn ich mich zurücksehne ins gold-ene Märchenparadies ewig junger Phanlasiebronnen und -quellen, so gleitet mein Blick über so manch besonders liebgewonnenen Gegenstand hin. And da ich heute wisder einmal trMmverloren meinen Gedanken nachhänge, kommt mir ein ganz hervorragend interessantes Stück Wahrheit in die Han-d, das ich, gerade in unserer egoistischen Zeitströmung, tut Veröffentlichung sehr wohl geeignet finde. Ein Originalbrief Berthold Auerbachs, des bekannten Schriftstellers, ist es, der ja auch Ja unendlich viel zu erdulden und leiden hatte ob seiner echt freiheitlichen Gesinnung und um seines Glaubems willen. Auerbach hat jenen Brief an seinen einstigen Lehrer und späteren besten Freund Bernhard Frankfurter in Nordstetten, dem burtsorte Auerbachs, gerichtet, mit welchem Manne ihn bis zu seinem Ende die innigste, selbstloseste Freundschaft verband. Aus diesem Briefe ersehen wir, wie auch Frankfurter, der durch Mendel Auerbach, des Dichters Bruder, in mancher Beziehung nicht unerheblich geschädigt wurde, wie trotz all der unehrlichen Manipulationen des mißratenen Bruders die beiden Freunde sich treu und gut blieben. Gerade in der letzten Zeit nahm ich besonders lebhaft Veranlassung, um über die Existenz wahrer, uneigennütziger Freundschaft nachzudenken. And ich muß gestehen, dabei zu der Ansicht gelangt zu sein, daß Frauensreundschaften „entre e-ux" meist leider nicht so ernst und heilig genommen werden dürfen als jene unter Männern. Je mehr ich aber hierüber grüble, je stärker ich mich ln dieses Thema Hineinversenke, desto rührender und inniger, desto bewundernswürdiger erscheinen mir jene selbstverleugnende Opferfreu'de und herzliche Hingabe, die aus jenem Briefe sprechen. Eu lautet also: Rochusberg bei Bingen, 29. Mai 1867. Habe ich mir's doch gedacht, Du mußt schwer krank sein» lieber getreuer Freund, da Du nicht wie sonst in allen Erlebnissen mit warmem Zuruf bei mir bist. Ich gehe daher auch über den erschütternden Schreck und die schmerzliche Forlwirkung hinweg, die mir die Kunde vom Tode meines Bruders Mendel bewirkte und bewirkt. Das Peinlichste ist noch dazu» daß seine ständige Angeordnrtheit im Leben mm auch diese jammervolle Zerrüttung im Tode hinterläßt. Du, lieber Freund» weißt am besten von allen Menschen auf der Welt (und auch Dru. weißt noch nicht alles), wieviel ich aufgewendet habe, um meimeut Bruder immer wieder auszuhelfen. Es war vergebens, ia»fo tief aufregend ist es, daß auch Du in Verlust kommst. Ware in der Lage, ich würde Dir sofort Ersatz leisten, aber ich bin jai auch nicht imstanbe, mein Elternhaus vor Verfremdung ji retten. Mein lieber, lebenslang getreuer Freund! Ich wollte, kchi könnte an Dein Lager treten und Dir alte nur erdenkliche Er< leichterong und Erfrischung bieten. Ich wollte, ich hätte die Kraft, die von alten Wundertätern berichtet wird, ich würde Dir zurusen: Schlage Dir alles Schwere aus dem Sinn, es wird wieder geholfen werden, halte Dich tapfer in freiem Gemüts, und bleibe Dir, den Deinen und uttr; Äl mutzt mir die Ho«Ä reichen können, wenn ich wieder nach meinem Heimatorte komme. Sei glücklich im Gedanken, daß Du so brave Kinder hast mch «inen Freund, der Dich treu in Herzen hegt und das ist Dem Berthold Auerbach, ' Bedeutet nicht dieser Brief Auerbachs den btzteu und schönfieü Beweis jenes erhebenden Freundschaftsbuüdes? Von Berthold Auerbach aber gelten wohl wie ka«m von einem Zweiten Sitz ' schonen Worte: „Yen* aasciia ast tanqtMai iaitar wem”»

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