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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-07-17 · 29 (17.7.1925) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
29 (17.7.1925)
Date
1925-07-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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i Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. OMMeett durch die 4ef*4ffe{H««jährlich M. 2,50, Sei freier Zusendung im Inland 0,25. 9*r die Mitglieder der Vereinigung ist der Sezugepreie « , « i« Mitgliededeitrage enthalten. » s « Chefredakteur: Oipl.»Ing. Bruno Woyda. Die „Ziidifick-liberale-Leitung" erscheint jeden frcitag, Redaktion u. 6efcbäftantclle: Berlin GM, Mlkeimfitr. 147. fernruf: Hmt L-Qtzow JSr. 91*0-61 portrebedtkonto: Berlin N« 7 Nr. 137069 (Vereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck rämtlldier Original - Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gcftattetl Anzeigenpreise: Die 12gespalteneAonpareilleSeNOi 0,45 Goldmark, die Reklamezeile 3,00 Soldmark, -ei.ä. :: » :: Wiederholungen Radait. Anzeigenannahme: Hermann Baswih, Verlags« abteilung, Berlin SW 63, Lharlottenstr. 96 (Kemfprecherr , Dönhoff 5360 -6S), sowie sämtl. Annoncen'Srpeditionen. Kr. 29 Berlin, II. Juli 1925 5» Jahrgang Der Gabbat. und Wirklichkeit. osenthal, >Pre-iger -er Mischen Reform-Gemeinde zu Berlin. - I. Zwei kragende Ideen haben dem Sabbat die eigenartige Prägung verliehen: der ethische Gedanke der Menschenwürde und der soziale Gedanke des gleichen Rechts aller Menschen auf Freiheit und Ruhe. Die erste Idee findet ihren Ausdruck in der Begründung des Sabbat-Gebotes Ex. 20. 11: „Denn in sechs Tagen machte Gott den Himmel und die Erde, das Meer und alles war darin ist, und er r u h t e am siebenten Tage; darum segnete Gott den Svbbattag und heiligte ihn." Wie der Weltenschöpfer nach vollbrachtem Werk den Rhythmus gigantischen Schaffens unterbrach und in majestätischer Ruhe des Geschaffenen sich freute, jo soll der Mensch dem Wirken der Tat die heitere Ruhe der Beschaulichkeit folgen lassen. Denn im Ebenbild Gottes ist der Mensch geschaffen, und in seiner Gottesebenbildlichkeit ruht seine Menschenwürde. Des soll der Sabbattag ein geweihtes Zeichen sein lEx. 31.17a) für alle Geschlechter, Und Israel, das erwählte Volk, ist der verantwortliche Träg« und Hüter dieses Bundes. So gewiß Arbeit den Menschen adelt, so wenig soll er ganz Knecht seiner Arbeit sein. Einen Tag der Woche soll er in Ruhe nur Gott weihen, ihm sei der Sabbat geheiligt, weil dadurch der Mensch selber geheiligt wird. (Ex. 31,13 u. Ez. 20, 12.) Diese Heiligung der menschlichen Persönlichkeit durch absolute Arbeitsruhe ist eine originale Schöpfung jüdischer Frömmigkeit. Wohl gab es auch im alten Babylon eine siebentägige Woche, aber das Ethos der Beschaulichkeit zum Zwecke der Heiligung des Menschlichen in Richtung auf das Göttliche — dies ist Israels unvergängliches Werk. Im Jahre 1800 schrieb Fichte: „Der Mensch soll arbeiten; aber nicht wie ein Lasttier, das unter seiner Bürde in den Schlaf sinkt und nach der notdürstigsten Erholung der erschöpften Kraft zum Tragen derselben Bürde wieder ausgestört wird. Er soll angstlos, mit Lust und Freudigkeit arbeiten und Zeit übrig behalten, seinen Gei st und sein Auge zum Himmel z »erheben, zu de ssen Anblick er gebild e t i st." (Der geschlossene Handelsstaat.) Was Fichte hier fordert, Erhebung über den Alltag, das hat mehr als zweieinhalb Jahrtausende ftüher Israel der Gesamtmenschheit durch den Sabbat geschenkt. Reben die i d e a l - e t h i s ch e Bedeutung des Sabbat tritt sein sozialer Charakter. Während im Dekalog des 2. Buches Mose die Einsetzung dieses Tages aus öer Ruhe Gottes nach der Weltschöpsung hergeleitet wird, motiviert das Deuteronomium sie mit den Worten, „aus daß dein Knecht und deine Magd ruhen können wie du!" (Deut. 5, 14.) Damit tritt ein rein sozial-humanitärer Gedanke als neues Moment hervor: der Sabbat wird das Symbol für die „Gleichheit alles dessen, was menschliches Angesicht trägt". Dabei wird hier, wie auch bei andern sozialen Vorschriften, mit Rachdruck aus die Befteiung! Israels aus der ägyptischen Knechtschaft verwiesen. (Beut. 15, 15 u. 24, 18.) Die sozialen Unterschiede bei den Menschen finden ihren lösenden Ausgleich in der Institution des Sabbats, der alle, arm oder reich, hoch oder niedrig, ihres göttlichen Ursprungs, ihrer Gottesrbenbildlichkeit immer aufs neue bewußt werden läßt. Schon P h i l o hat den sozialen Charakter der Sabbatfeier deutlich herausgestellt, und in unseren Tagen hat Herm. Eohen gerade ihm entscheidende Bedeutung Zugemesien. Vielleicht ist Cohen der oben skizzierten ersten Bedeutung des Sabbat nicht ganz gerechtgeworden; um so schärfer hebt er das soziale Moment hervor. Er nennt ihn „das scZiale Grundgesetz der europäischen Völker" (Rel. d. Bern, aus den Qu. d. Iud.), und sagt in seinem Aufsatz über den Sabbat (Iüd. Schrift. 2): „Die Einrichtung des Sabbat ist eine Eigentümlichkeit des attisraelitischen Geistes. Seines Aehn- DerSabbai als Idee Von Dr. Karl R Aus dem Inhalt: predig« Dr. Karl Rosenthal-Berlin: Der Sabbat. — Rabb. Dr. Albert Kahlberg-Halle: Liberaler Sabbat. — Dr. phil. Ignaz Maybamn-Berlin: Dom Sabbat. — Dr. Hugo Spirgler-Wien: Wiener Brief. Doris Wittner: Der Jakobs-runnen. — Aula Magnus- Wandsbeck: Phoebus PhÄippson. — Mathilde Reninark-Rürnberg: Ein unbekannter Brief Bertholü Auerbachs. — Koloman Rikszklh: Der Patron. Aus den Gemeinden. — Der jüdische Sprechsaal. — Bücherschau. — Aus der Bewegung. — Berfammlungskalender. — Kalendarium. Ein verdienstvolles Werk. Der ReichÄmnL jüdischer Frontsoldaten wird die in der jüdifchen Abteilung der Kölner Ährtausenb-AussteUu ig enthaltenen KunstgegenstÜnde mit Antersttihung der Ausstellungsleitung sowie von Fachgelehrten und Künstlern in einem ausführlichen Sammelwerk in Bild und Wort zur Darstellung bringen. Der R. j. F. will auf diese Weise das für einige Wochen in Köln aus den ver ■ schiedensten Pr wa Häusern, Synagogen und Mufeen usw. zusammengestellte Material, das so recht die gewaltige Kulturarbeit der deutschen Juden im rhelntschen und deutschen Leben seit über tausend Jahren repräsentiert, für alle Zeit der Mit- und Nachwelt erhalten. Ein hebräisches Gebetbuch für Blinde. Jm Dudapester jüdischen Blindeninstitut, einer Stiftung der JndustrielleNlsamMe Wechselmann, fand vorige Woche die diesjährige Schlußfaier statt. Tiefen Eindruck erweckte es bei den zahlreichen, zum großen Teil aus Fachmännern bestehenden Gästen, daß die Zöglinge die hebräischen Gebete aus dem von der jüdischen Gemeinde he rausgegebenen hebräischen Gebetbuch für Blinde fließend ablefen konnten. Anstalts-dirsktor Simon Adler machte die interessante Mitteilung, /daß das im Budapests jüdischen Blindeninstitut gebrauchte hebräische Gebetbuch das erste hebräische Buch für Blinde in der ganzen Welt ist. Die ausgezeichneten Erfolge, die mit diesem Buch in Budapest erzielt wurden, haben nun auch die Leiter der jüdischen Blindenanstallen m an deren Ländern veranlaßt, an die Herausgabe heb.'üischer Lehrbücher für Blinde zu schreiten. Kemhaltung der Antizivnisten von Palästina? Die „Bossische Zeitung" bringt die folgende Meldung aus Jaffa, für die ihr natürlich die Berantwortung überlassen bleibt: „Die Regierung von Palästina hat dem jüdischen Einwanderungskommissar Erlaubnis gegeben, die Zureise solcher Personen nach Paiastina zu verweigern, deren Tätigkeit geeignet sein könnte, der Ziomstend-ewegung Widerstand zu leisten. Ausländische Staatsangehörige, die sich an der Agitation gegen den Zionismus beteiligen, sollen auf Grund dieser Tätigkeit aus Palästina ausgewiesen werden." I llebersehung -er Bibel in Esperanto. Aus London wird gemeldet: Rach mehrjähriger Arbeit wireine Esperanto-llebersetzung der Bibel im B-erlage der britischen Bibelgesellschaft erscheinen. Me Uebersehungsarbeiten wurden von einer Kommission durchgeführt, deren Borsih bis zu seinem Tode Dr. Zadenhos, der Verfasser der Esperantosprache, einnahm. Die Kosten der Aebersetzu-ng werden von einem anonymen Anhänger des Esperanto getragen. Seit dem l. Zuli 1925 befinden sich unsere Äüroraume in Serlin SK. 48, aBfl&efoiffr.i-ö1 Telephon: Lützow 9160—9161? ZüdisH.liberale Vereinigung für das A Zeitung liberale Judentum E. V. oooooooo$ooooooo<>ooooooooooooooooooooood lichen wohl, aber seinesgleichen ist nicht schehen unter allen Völkern der Erde — Eine solche Erscheinung darf in der bisherigen Weltgeschichte — einzig genannt werden." ' II. ' ■ V Die einzigartige Erscheinung des Sabbat ist viele Jahrhunderte hindurch, bis in die Gegenwart hinein, ein Ausdruck der tiefsten Gottverbundenheit für Israel gewesen. Ein sorgsam ausgedachtes System von Heiligungsvorschristen garantierte seine Feier; unendliche Weihe strahlte er aus, und sie vergoldete das Leben auch der ärmsten Juden mit dem Schimmer der Göttlichkeit. Dichter haben die Poesie des Sabbat in ihren Liedern besungen, Künstler seinen Zauber in Form und Farbe gebannt. Die Sabbatfeier war der in sonst keiner Gemeinschaft je erreichte Gipfel höchster Gottinnigkeit, der vollendete Ausdruck religiösen Erlebnisses. Mochte auch starrer Formalismus den Sabbat in beengende Fesseln zwängen — unter der kalten Form loderte die Glut der Inbrunst. Tausend Opfer wurden fteudig gebracht, um „oneg sabbath", die innige Sabbattust, die Weihe gottergebener Herzensfröhlichkett künftigen Generationen als köstliches Erbe zu überliefern. So ward jedes jüdische Haus ein Tempel Gottes, jedes jüdische Herz eine heilige Lade, göttliDer Erlebnisse voll. ": Der sabbatliche Zauber entschwundener Tage ist längst verflogen wie ein Traum. Der eherne Schritt der Zeit zertrümmerte die Romantik gottseliger Feierstunden und ließ dem neuen Geschlecht nichts als eine verblaßte Erinnerung an fromme Kinderträume aus Großvätertagen! Rur eine kleine Gruppe unter den deutschen Juden der Gegenwart hält noch fest am alten Sabbat. In vorbildlicher Opferwilligkeit pflegt die Orthodoxie die liebgewordene Tradition. Aber sie ist eine hoffnungslose Minderheit. Für mehr als 95 Prozent deutscher Juden hat der Sabbat aufgehört zu existieren. Der „Zaun um die Lehre" hat ihn den jüdischen Massen nicht erhalten können. S i e h a b e n keinenSabbatundkeinenSonntag — ihr ganzes Leben ist ein einziger Alltag, dessen Oede hin und wieder durch fragwürdige Zerstreuungen jäh unterbrochen wird. Die Richtexisienz des Sabbat ist ein unbestreitbares Faktum bei uns geworden. Rur wett- und lebensferne Schwärmer oder starrsinnige Fanatiker können in beneidenswerter Raivität die Fiktion aufrecht erholten, als ob der Sabbat noch ein Faktor des jüdischen Lebens sei: er ist längst eine problematische Erscheinung geworden. Man spricht nicht gern davon; die Orthodoxie wird von diesem Zustand kaum berührt, und die vielen, die sich — meist sehr zu Unrecht — liberal nennen, glauben sich einer Situation schämen zu müssen, an der sie doch gewiß nicht Schuld tragen. III.; Was soll geschehen? — Der Sabbat als die zentrale Institution jüdischer Lebensheiligung ist nicht mehr. Er ist — nicht in seiner Idee, aber im Hinblick auf die Verwirklichung — für das Gros der deutschen Juden zur' vollkommenen Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Dieser Tatsache gilt es mit rücksichtsloser Ehrlichkeit ins Gesicht zu schauen. Die Gotteshäuser — nicht der Orthodoxie! — stehen am Sabbat leer. Der Ruf der liberalen Theologen, und sei er noch so eindringlich, wird nicht gehört. Sie Kämpfen auf verlorenem Posten. „Ihr habt Rabbinen in allen euren Gemeinden, Weiser der Lehre. Warum seid ihr so blind, nicht zu sehen, wie ohnmächtig sie unter euch sind? — Warum seht ihr nicht, daß jeder von ihnen einsam und zwecklos, wie eine vergessene Wache in der Rächt, dastehl?" (Rath. Birnbaum.) Sie wissen, warum die jüdischen Massen den Sabbat nicht mehr halten können, wMen, daß die g e ä n d e r t e n wirtschaftlichen Verhältnisse in Verbindung mit oer Einführung der gesetzlichen Sonntagsruhe dem Sabbat den Todesstoß versetzt

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