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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-06-19 · 25 (19.6.1925) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
25 (19.6.1925)
Date
1925-06-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Nachtgesichl E9 verschlug mich in die Einsamkeit der Großstadt. Nachts. In einem Riesenlokal unter tausend Menschen. Und als ich dort saß, im Gewirr, Geschwirr, Unter frivoler Musik, — Sah ich nur tierische Fratzen um mich. Geld, leibliche Lust, Politik — Das war ihr Geschwätz, Kleinliche Menschheitsdinge, Die sie für groß erachteten. Und ich sehnte mich fort. — Da erschien mir der Unbegreifliche, Er faßte meine Hand — Und wir wandelten weit Über dem Menschengetriebe, Weit, weit, umgeben vom gestirnten Himmel. Und es sprach zu mir der Unbegreifliche: „Die Menschen wissen nicht, was sie tun, Denn ihre Sorgen und Freuden sind nur leiblich. Ob sie in Kirchen singen Oder in Nachtlokalen prassen und schwatzen, Es ist das gleiche. Es ist nur der Leib, an den sie denken. Und haben doch alle eine Seele. Doch sie achten es nicht, Und ihre Seelen sind nur Seelchen, Sind nur Teile der großen Menschheitsseele. Und diese große Menschheitsseele ist ein Teil dessen, Was sie in dunkler Ahnung „Gott“ nennen. Wenn sie nach Sinnenreizen haschen, So suchen sie unbewußt das Göttliche. 0 daß ihre Schale tot wäre Und ihr Kern lebendig! Siehe, die Menschen haben nur teil an Gott, So groß oder klein ihre Seelen sind. Gott ist die Weltseele! Und Gott liebt die Teile nach seinem Ratschluß Mehr oder weniger. Ob ihr Gott liebt, bedeutet nichts. — Ob Gott euch liebt, bedeutet alles. . . Das Leibliche ist nichtig und vergänglich, Doch die Seele, Und sei es nur das Fünkchen einer Seele, Ist ewig! Erkenne: »Gott widerruft nichts“. Als der Unbegreifliche so gesprochen, Da war er entschwunden — Und ich erwachte. . . Gewirr, Geschwirr, frivole Musik, Geschwätz. Nachtlokal. Menschen laufen zusammen. . . Man hebt einen Ohnmächtigen auf. . . Ich bin es... Doch ich erhob mich selbst, Zahlte meine Schuld Und ging hinaus in sternklare Nacht. Max Rosenfeld, Dresden Die gute Partie. Efee altfrankfurter HeiratsgeschfcKte von Otto Schwerin. (Fortsetzung.) Um nun wieder auf Herzfeld zurückzukommen, so war dieser, wie schon bemerkt, an einem Freitag abend im April von der Reise zurückgekehrt und bat seinen Chef, nach erfolgter Begrüßung, um eine kurze Unterredung unter vier Augen. Ein Blick auf den Kalender, der den 28. April zeigte, ließ in Heymann sogleich den Verdacht aufkommen, daß Herzfeld voraussichtlich wieder jenes unangenehme Thema anzuschneiden gedachte, das geeignet schien, ihm, Heymann, den Appettt auf das gute Freitagabendessen gründlich zu verderben. Dennoch öffnete er, äußerlich ganz ruhig, die Tür zu seinem Privatkontor und forderte seinen Reisenden auf, Platz zu nehmen. Herr Heymann war, wie schon bemerkt, Diplomat und Hellseher zu gleicher Zeit. Er glaubte nicht nur schon im Voraus zu wissen, daß Herzfeld wieder eine Attacke zu reiten gedachte, die seinen Kassenschrank ernstlich bedrohen mußte, er hatte sich im Zeitraum von nur wenigen Sekunden auch bereits eine kleine Rede zurecht gelegt, welche die Zulage von fünf Gulden, die er, wenn es sich gar nicht umgehen ließe, freiwillig zu geben gedachte, als etwas ganz Grandioses hinzustellen versuchte. Aber die Gehaltsforderung, die Herzfeld vorbrachte, ohne, wie in früheren Zeiten, einen Vorschlag seines Chefs abzuwarten, war für Heymanns Begriffene ine derart hohe, daß er, ohne gleich eine Entgegnung finden zu können, seinen Reisenden nur sprachlos anstarrte. Langsam nahm er die Zigarre aus dem Mund. — Er glaubte sich verhört zu haben. Mit einer Forderung von zehn Gulden hatte Heymann immerhin gerechnet. Er war auch gewillt, in Anbetracht der nicht abzuleugnenden Tüchtigkeit des jungen Mannes, die Hälfte, das heißt fünf Gulden, zuerst zu bieten, und nach langem Feilschen, die Summe auf sechs Gulden, allerhöchstens sechs Gulden und dreißig Kreuzer zu erhöhen; aber, den Betrag, den Herzfeld als Mindestforderung (auch noch Mindestforderung!) aufgestellt batte, schien ihm so außergewöhnlich hoch, daß er seinen Reisenden mit zitternden Lippen bitten mußte, die Summe noch einmal langsam und recht deutlich zu wiederholen. Lächelnd kam dieser dem Verlangen nach", und genierte sich nicht, eine Zulage von dreihundert Gulden jährlich, das heißt fünfundzwanzig Gulden im Monat zu verlangen. Das ging Herrn Heymann nun doch über das Bohnenlied. Er suchte nach einer Entgegnung, — aber „Sie sind komplett meschugge — Herr Herzfeld — —!" war alles, was er hervorzubringen vermochte. Herzfeld hatte in sieben langen Jahren seinen Prinzipal genau kennen gelernt. Er war daher weit davon entfernt, es Herrn Heymann auch nur im geringsten zu verübeln, wenn er ihn für verrückt erklärte. Weit bedenklicher schien ihm die Tatsache, daß sein Chef „Herr" Herzfeld gesagt hatte. Dieses kleine Wörtchen „Herr" vor seinem Namen ließ in Herzfeld keinen Zweifel aufkommen, daß er dieses Mal einen ganz besonders schweren und harten Kampf auszufechten habe. Noch jedes Mal bei Behandlung der Gehaltsfrage hatte Heymann, genau wie heute, ähnliche Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit seines Angestellten laut werden lassen, aber „Herr" Herzfeld, mit besonderer Betonung des Wortes „Herr" hatte er doch noch nie gesagt. Diese Förmlichkeit war für Herzfeld ein bedenkliches Sympton und ließ in ihm berechtigte Zweifel an einer friedlichen Lösung der Gehaltsfrage auf!: om men. Er erklärte daher seinem Chef in klaren Worten, daß er sich ganz und gar nicht für verrückt halte, daß er im Gegenteil, nach reiflichem Ueberlegen, unbedingt auf der geforderten Summe von dreihundert Gulden pro Jahr bestehen müsse. Er motivierte seine Forderung mit der steigenden Teuerung in dem schon damals nicht gerade billigen Frankfurt a. M., und auch damit, daß er doch nach und nach in die Jahre kommen würde, wo ein Mann sich mit dem Gedanken trage, eine Familie zu gründen. „Bei meinem Eintritt vor sieben Jahren," fuhr er fort, „erklärten Sie mir, Herr Heymann, ich hätte eine Lebensstellung bei Ihnen —. Wie stellen Sie sich eine Lebensstellung eigentlich vor? — Mit meinem Gehalt von 1200 Gulden Fixum pro Jahr und 2% Umsatzprovision kann ich keine allzugroßen Sprünge machen, wenn ich mir noch ein paar Gulden ersparen will —. Leben und leben lassen, Herr Heymann —! Das ist mein Prinzip —. Ich arbeite für Sie von morgens früh bis abends spät' habe Interesse an Ihrem Geschäft, als ob es mein eigenes wäre, aber umsonst ist der Tod und auch der kostet das Leben. — —" Gegen die Richtigkeit der vorgebrachten Argumente konnte Herr Heymann nichts ein wenden. Aber —. Dreihundert Gulden Zulage im Jahr? — Fünfundzwanzig Gulden mehr im Monat als seither, sei ein Ding der Unmöglichkeit. — Das vertrüge sein Geschäft nie und nimmermehr. — Einhundertfünfzig Gulden —, also zwölf Gulden und dreißig Kreuzer monatliche Zulage, sei zwar schon reichlich viel, — viel zu viel. — Trotzdem, in Anbetracht der langjährigen, guten Beziehungen läge eine Einigung auf dieser Basis noch im Bereich der Möglichkeit. —■ Aber dreihundert Gulden—? Ausgeschlossen —! Unmöglich —! Ganz undiskutabel —! Doch Herzfeld blieb standhaft und ließ sich dieses Mal überhaupt auf gar keine Verhandlungen ein. „Ich muß auf der geforderten Zulage bestehen,“ sagte er entschieden, „entweder, — ich erhalte die dreihundert Gulden-oder — —?" „Oder — —?" fragte Heymann lauernd. „Sie wollen aus treten-?“ „Nicht gerne, Herr Heymann —" antwortete Herzfeld, „aber meinem eigenen Glück kann ich nicht im Wege stehen. — Die Konkurrenz," fuhr er fort, „zahlt mir die dreihundert Gulden nur zu gerne und noch mehr dazu. Mißverstehen Sie mich bitte nicht, Herr Heymann. — Ich will nicht kündigen. — Ich bin gerne in Ihrem Hause. Aber bei Stern jr. bekomme ich jederzeit ein Fixum von 1500 Gulden, und sogar 3% Umsatzprovision; und was die junge, erst knapp fünf Jahre bestehende Firma J. Stern jr. kann, das muß das alte, angesehene Geschäft von Max Heymann zehnmal können, und kann es auch, wenn es nur will." Wenn Herzfeld nun vielleicht geglaubt hatte, mit derartigen Lobpreisungen Herrn Heymann in der Beurteilung der Gehaltsfrage zu bestechen beziehungsweise für seine Absichten günstig beeinflussen zu können, so hatte er sich bitter getäuscht. Komplimente und schöne Redensarten, die ihn nachher sein gutes Geld kosteten, verfingen bei Herrn Heymann ganz und gar nicht. Weit mehr Eindruck machte die Drohung mit der Konkurrenz. Der Konkurrenz und noch dazu seinem Vetter Stern überließ Herr Heymann keinen eingeführten Reisenden, besonders keine so tüchtige Kraft, wie einen Jacob Herzfeld. Wenn die Sache so stand, mußte er schon ein Opfer bringen. — Eigentlich hatte er Respekt vor einem jungen Mann, der seine Interessen so nachdrücklich vertrat und seinem Chef in solch einer energischen Weise die Pistole auf die Brust setzte. Dumm — nein direkt gemein war es nur, daß der Chef ausgerechnet Max Heymann heißen mußte. Aergerlicb zog er art seiner erkalteten Zigarre. OOOOOOOOOOOOOOOOO0O0OOOOC WRcimsfelddCo. Teppiche / Linoleum / Läuferstoffe Berlin SW «». Kochstr. S2 Fernsprecher; Dfinhoff 7578*76*77 Filiale: ChauseeestraBe 86 SONDERANGEBOT DeafscliPcrser Teppiche ca. 200/300 42.- ca. 260/350 ca. 300/400 7B.- Axmlnslar-TaiiwUht 200/300 68.— 250/350 87.- la Velour-Teppiche 200/300 88 - Velour uni« 67 cm breit, per Meter 18.— Linoleum Teppich* 180/250 87.88 200/300 88.— 250/350 87. 300/400 78.— Laurer 67 breit 8.88 90 breit 4.88 110 breit 8.88 133 breit 8 88 OOOGOOGGQGOOGGGGOOOOOOOOOOO: 50OOOOOOOO§ Zu der Erkenntnis, daß seine Kasse heute in einer noch nie dagewesenen Art und Weise geschröpft werden mußte, hatte er sich inzwischen schon durchgerungen. Zahlen mußte er, und zwar ganz gehörig, wenn er Herzfeld halten wollte; darüber war er sich in vollem Maße klar. Für ihn kam es nun nur darauf an, die Summe, die Herzfeld verlangt hatte, herabzudrücken, und zwar soweit wie möglich, — denn — dreihundert Gulden Zulage pro Jahr? — Fünfundzwanzig Gulden pro Monat-? Nein —! Daran war überhaupt nicht zu denken. „Herr Herzfeld —sagte er daher. „Sie ver. dienen bei mir 1200 Gulden und 2<>/o Provision. — Sie machen, unberufen, e ganz netten Umsatz, 20000 Gulden waren es im vergangenen Jahr, so daß se noch 400 Gulden an Provision bekommen haben Das ist doch unberufen e sehr schönes Einkommen für Ihr Alter—. Wissen se, was ich mit 25 Jahren verdient habe—? Nebbich! —Außerdem haben se bei mir noch täglich drei Gulden und vierzig Kreuzer Reisespesen — —. Unter uns gesagt, Herr Herzfeld, wieviel verdienen se allein an die Spesen —? Still! Reden se nicht —! Ich war doch früher auch emal Reisender. Ich kenn’ midi aus, — Herr Herzfeld, Sie sind das ganze Jahr auf Tour, und haben es garnet nötig, Ihren Gehalt anzubrechen — Sie leben nobel für mei Geld — und begaunern mich mit die Spesen, wo und wie se können — Pst —! Herr Herzfeld. Lassen se mich nur ruhig ausreden. — Sie schreiben mer dritter Klasse Bahnfahrt auf, un fahren schön vierter Klasse. — Meinen Se, das wüßt’ ich net —? Aber, das is mer egal — Schön — sollen 'se verdienen. — Ich sag Ihnen das alles nur, um Ihnen vorzurechnen; daß se mit Ihre 25 Jahr' e Einkommen hawwe, wie ichs mit 35 Jahr noch net gehabt hab’. — Ich hab’s riskiert, Sie als 18jähriges Jüngelche zun erste Mal auf die Reis—' zu schicke. Ich hab mich siebe Jahr’ von Ihnen mit Spesen beganfen lasse. — Hab ich Ihnen einmal was gesagt? Nein. — Niemals. — Max Heymann ist net kleinlich. — Ich hab' Ihnen im Gegenteil jedes Jahr e schöne Zulag’ gegebe. — Zu Neujahr hab ich Ihne e Gra« tifikation, von sage un schreibe, 50 Guide gut« geschriwwe; alles nur, weil ich trotz alledem mit Ihne zufriede war. — Un, was is nun der Dank, Herzfeld —? Weil ich Ihne mit 25 Jahr schon en Gehalt zahl’, den ich sonst em alte Reisende von 35 net gewwe dät, werfe se mer nun den Bettel vor die Füß und wolle zur Konkurrenz — Und zu was für e Konkurrenz auch noch?! Zum Stern —! Ausgerechnet zu dem Gauner, zu dem Lump, zu dem Verbrecher —! E annere Firma hätte se gar net finde könne, als ausgerechnet, so e Schmutzkonkurrenz, wie mein Vetter Stern —! (Fortsetzung folgt.) ßaienbariiim für die 3eii vom 20.6. vi§ 27.6.1925 Lu„1 1925 ©Iwan 5685 Sonnabend 20. 28. Neumondweitie: Wochen-Abschnitt: Sch'lach l'cho (4. Ä. M. Kap. 13—15» Hastarah: Ios. 2; 1—24 Sonntag 21. 29. Montag 22. 30. l.Tag Rosch chodesch Tammus 5685 Oienstaq 23. 1. Miltwcch 24. r. Oonneroiag 25. 3. ftrciJaa 26 4. Sonnabends 27. 5. Dochen.Ab'chnitl: Korach (4. 3. M. Kap. 16—18) Haftarah: 16am.li; (14—15) 12; 1—22

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